4190 Meine Aufgabe
11:06 a.m. Ich sitze vorm goldenen Acker von Asta Gröting in der Albertina modern. Das ist schon was für mein Auge! Diese Furchen, Schrunden, die großen Brocken und die fetten Batzen und Bröckerln, die Spuren des Traktors (nehme ich an) und die Stücke mit den glatten Oberflächen vom Schnitt des Pflugs - das aufgewühlte Stück Erde, aber vergoldet. Ein Bild der Verwundung, der Gewalt auch. Ein Bild der Preisgabe (des Inneren, das nach außen gedreht und geworfen wird). Mein Auge kann darauf lange umherwandern, die Höhen und Tiefen des Reliefs abgehen, die schattigen und die beleuchteten Stellen, die Spalten, die klaffenden Stellen, die kompakten, zusammengepressten Stücke, die zerbröselnden Teilchen, das Lehmige, Klebende, die Schwere, das dichte Material – und alles in vergoldetem Glanz.
Es ist freilich nur ein Abguß einer Ackerscholle aus Epoxidharz, das vergoldet wurde, aber dennoch ist es ein Abbild einer Ackerscholle, deren Form und Konsistenz trotz Verfremdung – wie sage ich? - rüberkommt und deren ideelle und ideologische Aura auslöst, und befragt.
11:57 a.m. Nun sitze ich am Karlsplatz im Resselpark in der Nähe der Technischen Universität (die Technik sollte nicht Universität heißen, finden Sie nicht?). (Jetzt macht er wieder auf Universalhumanist, der er überhaupt nicht ist! - der innere Spötter.) Viele Leute sind im Park, ein belebter Ort, und ein angenehmer. Die Karlskirche schlägt zwölf und jetzt läutet sie Mittag. Ich wundere mich schon, das nicht mehr passiert, bei der Dichte. Aber die Bäume und anderen Pflanzen fangen vieles ab. Noch deutlicher: ich wundere mich, dass ich hier unbehelligt auf einer Bank sitzen kann und mir keiner in die Goschen haut; das war nicht zu erwarten. Ich befürchte immer Angriffe auf mich. Grundsätzlich. Hinter dem Baum vor mir wehen einige, an je einer Längs- und Breitseite festgehaltene Fahnen; die Wellen, die durch die Fahnen laufen, haben auch etwas. Es ist schon ein toller Platz. Die Bäume sind stark und mächtig genug, dass eines sich ein wenig beschützt vorkommen kann (warum sollten die Bäume dich beschützen? - der innere Spötter). Naja, und das Licht- und Schattenspiel der Blätter am Asphalt liebe ich sowieso. Viele Passanten gehen, laufen, schlendern vorbei, und ich frage mich wieder: wo nehme die ihr Selbstbewußtsein und ihre Selbstverständlichkeit her? Oder lasse ich mich täuschen? Mit der Orchestermusik, die jetzt aus irgendeiner Veranstaltungsbox erklingt, wird es anstrengend; typische Kurparkmusik. Nichts für mich! - mir kommt das so verlogen vor. Aber wer bin ich schon, dass ich das behaupten kann? Ich mag die Musik nicht (vielleicht Strauß? Jedenfalls aus der Ecke). Alles in mir sträubt und wehrt sich gegen diese Beschallung. Ich kann dem nichts, absolut nichts abgewinnen, auch wenn ich versuche, diese Musik ohne meine Vorurteile anzuhören, den Lauf der Instrumente zu folgen, den Rhythmus anzunehmen, die Melodien zu genießen; nein, meine Vorurteile werden mir bestätigt und meine Aversion spüre ich körperlich. Jetzt hat die Musik aufgehört. Trotzdem werde ich gehen.
13:19. Wien ist eine tolle Stadt! Ich bin vom Karlsplatz und seiner Kunsthalle an der Sezession vorbei über Elisabethstraße und Getreidemarkt zum Mumok gewandert: alles belebt, viele Bänke zum Rasten, sogar die stark befahrenen Straßen haben mich nicht gestört. Ich stärke mich jetzt ein wenig, bevor ich zu Barbara Kapusta und Giacometti gehe.
Ich bin nun gestärkt und gehe zu Barbara Kapusta und Alberto Giacometti.
Ich schaue das Video von Frau Kapusta an und wie immer rührt es mich fast zu Tränen. Ich weiß nicht wirklich warum. Es ist eine leblose Welt, die beinah zu leben beginnt. Es passiert schon einiges. Die englischen Texte, die mit geshatterter Stimme gelesen werden, verstehe ich natürlich nicht, die „kosmische“ Musik als begleitender Hintergrund geht mir voll rein. Das könnte sozusagen meine „Schwachstelle“ sein. Die „Dinge“, die sich zuerst bewegen und erzittern, dann erstarren oder zerrinnen oder zersplittern. Auch diese Hand. Die „Dinge“ berühren sich auch zart und kollidieren, gehen sogar aufeinander los und es wirkt so, als würden sie es spüren. Die „Dinge“: wie aus Metall und eventuell Plastik. Irgendwie wie bei der Entstehung der Welt. Oder bei deren Ende. Dass ich nicht Englisch kann ist auch ein Grund für meine Erfolgslosigkeit, Unsicherheit und mein mangelndes Selbstbewußtsein. Eine Familie mit Kindern kommt in den Ausstellungsraum, lärmt, haut irgendetwas um und stört unglaublich, aber als sie weg sind, ist gleich wieder der weite, leere, arme Kosmos da, der mir so gefällt. So schön!
Ich gehe, bevor ich zu schwermütig werde. Im Hauptraum vor der Videonische sind diese „Dinge“ aus dem Video, die wie Aluschlangen wirken, als menschenähnliche, überlebensgroße Figuren ausgestellt, wie „Verbündete“ vielleicht. Auch sie berühren mich sehr, schlagen in mir etwas an, was eine ungeheure Sehnsucht hervorruft. Genaueres weiß ich nicht (ahnt er vielleicht doch, will es jedoch nicht preisgeben – der innere Spötter). Diese Figuren schaue ich mir noch ein wenig an, indem ich zwischen ihnen, die Händen in den Hosentaschen, umher schlendere.
Und jetzt wieder bei Giacomettis Femme debout. Es ist natürlich das Ausstellungskonzept, verschiedene Kunstwerke aufeinander loszulassen, aber ich würde dieser Skulptur mehr Raum zur Verfügung stellen. Überhaupt würde mich eine reine Giacometti-Ausstellung - viele seiner Skulpturen in einem großen Saal, meinetwegen verstreut wie eine Menschenmenge - interessieren. Aber ich bin froh, dass ich diese Skulptur anschauen kann und dass der einzige Hocker, von dem man sie optimal betrachten kann, frei war. Jetzt ist es 14:16. Ich werde versuchen, die Skulptur zu fotografieren. Könnte gelungen sein. Die Ausstellungsstücke rundherum stören mich schon. Heute schaue ich der Femme auch ins Gesicht, das sich aus der Nähe aber weitgehend entzieht. Und – weil ich beim letzten Besuch gesehen habe, wie den ein Mann gezielt fotografiert hat – auch auf ihren Hintern. Der wirkt recht hübsch, der entzieht sich ebenfalls bei nähergetretener Betrachtung und verwandelt sich in eine Oberfläche nicht viel anders als der Acker vorhin. Ich finde das genial! Mein Knie schmerzt (an alle Kritiker: meine Aufgabe sehe ich darin, zu beschreiben, wie die Welt draußen und die innen auf das Bewußtsein einwirken. Manchmal bin ich mehr draußen, manchmal bin ich mehr drinnen im Körper, der für das alltägliche Bewußtsein ja auch „draußen“ ist und manchmal dort, wo sich mein Bewußtsein zeigt. Ich beschreibe keine völlig objektive Welt und ich beschreibe keine völlig subjektive Welt, was nicht ausschließt, dass manche Elemente der Beschreibung doch etwas über die objektive oder subjektive Welt aussagen (klar: „objektive Welt“ – „subjektive Welt“ – ganz fragwürdig!).
15:05. Am Gestade. Diesmal jedoch schreibe ich nichts, sondern rufe meine Frau an wegen des eventuellen Familienessens am Wochenende. Ich würde gemischte faschierte und reine Gemüselaberl machen. Dann schau ich, dass ich weiterkomme.
(4.9.2025)
Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]
<< Startseite