Samstag, 6. September 2025

4192 Über den Kaffeehaustisch beugen

 



10:56 a.m.  Nun sitze ich in der Halle des ehemaligen Postsparkassenhauptgebäudes; als Datum wird neben der Uhr, die stimmt, der 18. August 2025 angezeigt (muß man das noch händisch umstellen?), und wenn ich mich über den runden Kaffeehaustisch beuge, kann ich mein Gesicht sehen, denn die Tische sind Spiegel. Ich habe mir einen Cappuccino geholt (Selbstbedienung) und bereits den ersten Schluck genossen. Ich nehme gleich den zweiten, bevor mir vor lauter Schreiberei der Kaffee kalt wird. Die Musik ist angenehm trotz hallender Halle – übrigens gibt’s den Kaffee an den Schaltern 21/22. Eigentlich ist diese Postsparkasse ein fürchterliches Gebäude, von starrer Aggressivität, aber teilweise gelingt es der neuen Nutzung (die Angewandte), die dunklen Mächte hintan zu halten. Die Halle - füllt sich wäre zu viel gesagt, aber es kommen immer mehr Leute herein – von draußen und von drinnen, hätte ich gesagt. Die Musik wird schlechter. Ich würde mich gerne über die Künstler, wie sie alt werden, lustig machen, aber ich weiß nicht, wer die zwei sind. Die Mayröcker ist sie nicht, aber mit Mayröckerfrisur – interessant wie sehr ich da intellektualisierte Kunst assoziiere. Dabei darf man ja nicht vom Äußeren aufs Innere schließen, oder? Ich habe mein Zeug auf zwei Sesseln aufgeteilt abgelegt; das korrigiere ich jetzt, denn das ist zu viel Raumbeanspruchung und zu größenwahnsinnig. Dabei ist reichlich Platz. Ich hebe meinen Kopf vom Notizbuch und erblicke zufällig diagonal durch den großen Raum eine Teufelsmaske, die mich anstarrt. Ach, das ist bloß Gebäck in einem Behälter und zwei etwas heraus ragende und abstehende Salzstangerl bilden die Hörner. Auch falsch! Ich bin hingegangen: es ist ein Gesteck, wo zwei längliche, ährenartige Pflanzenteile herausragen und schräg nach oben abstehen. Das ist übrigens bei Schalter 19/20. Und die Frage erhebt sich, wo das Teuflische war? Im Hintergrundrauschen der Halle oder in mir?

Manchmal verbessert der hallende Raum die Musik, macht sie durch die Verfremdung interessanter und geheimnisvoller, manchmal macht er sie unangenehm. Einen Minitischtennistisch gibt es auch und soeben hat ein Paar zu spielen begonnen, er mit dem Rucksack auf dem Rücken. Der letzte Schluck vom Kaffee. Es gibt an der Stirnwand unter der Uhr und dem Datumsanzeiger eine beichtstuhlartige Kabine, aus der es blinkt, vermutlich eine Kunstinsallation. Vielleicht gehe ich noch hin. So eine Discokugel kann ich erkennen und da weiß ich nicht so recht. Weil an der Tür dieser Kabine, die offen steht, innen viele Zettel am Glas angebracht sind – so weit ich erkennen kann mit Texten – kommt mir plötzlich die Idee, mich als Zettelliterat zu betätigen, wie weiland Helmut Seethaler, und hat nicht auch Christian Ide Hintze Zettel verteilt? Also Texte von mir auf Zettel drucken, zurechtschneiden auf ein handliches Format und überall ankleben. Dafür bin ich schon zu alt, eigentlich (auf meinem T-Shirt steht heute jedoch Ich bin freiwillig hier). Würde ich das psychisch schaffen? Oder die Texte einfach verteilen? Vor lauter Aufregung wegen dieser Zettelidee zupfe ich das Preispickerl vom Pilotstift und lege es zusammengeknüllt auf die Untertasse der leeren Kaffeetasse. Würde ich das schaffen? An Jahren bin ich zu alt dafür – da schaut man auf ein großes Lebenswerk zurück, hat es geschafft und es gibt viele Bücher und auch Festschriften oder Ähnliches und Preise und Ehrungen – aber als Literat bin ich noch recht jung und pubertär (vom Entwicklungsstadium her), noch vorm Durchbruch - da würde die Zettelei passen. Ich fürchte, das schaffe ich nicht. Die Scham ist zu groß. In der Kabine übrigens wird man/frau interaktiv aufgefordert, seine/ihre Meinung zu sÿs kundzutun – ich habe aber keine Ahnung, was das ist. Die Musik in den Kopfhörern hat recht flott geklungen. Ich bin nochmals hin und habe den Aushang gelesen: man/frau könnte die Tür schließen und drinnen im zettelbehangenen Glaskasten tanzen und laut singen. Schaffe ich auch nicht. Und um einen Duft, der verströmt wird, geht es auch. Oder schaffe ich es doch? Tür zu und los!? Ach! Mein Knie! Außerdem muß ich aufs Klo (aus den Hallenboxen kommt Barbara Ann).
In diesen Gängen kann man sich wirklich verirren; dieses Gebäude ist feindselig und wahrhaft kafkaesk! Nun sitze ich im Schalter 7/8, also dahinter, und blicke von dort über die Budel in die Halle. Nun warte ich, dass jemand daherkommt und zum Beispiel einen Text als Kostprobe verlangt (ließe sich so eine Aktion arrangieren?). Oder könnte ich hier Texte verteilen? Ich sollte nach Hause Gemüse schnipseln für das Familienessen morgen, aber die Tanz-Geruchs-Kabine läßt mich nicht gehen. Ich muß wohl vorher rein, die Tür schließen, einen Kopfhörer aufsetzen, tanzen und singen, bevor sie mich frei gibt. Zwölf Uhr. Jetzt geht ein junger Mann in die Kabine, aber läßt die Tür offen, also wird er wohl bald wieder herauskommen. Soll ich mich schon bereit machen? Er ist immer noch drinnen. Wahrscheinlich liest er alles. Ich mache mich für die Kabine bereit.

Ich bin wirklich hinein, habe die Tür zugemacht, einen Kopfhörer aufgesetzt und habe in der Kabine, deren Glaswände mit Zettel verpickt sind und somit von draußen kaum einsehbar, getanzt und gesungen. Der Duft ist für mich an der Grenze: interessant, aber fast schon unangenehm. Zu süß (ah! sÿs!) vielleicht. Da ich meine Kappe auf einem Sessel am Tisch vergessen habe, gehe ich dorthin zurück und als ich mich über den Tisch beuge, um meine Kappe zu erreichen, kann ich mich und besonders meinen Kopf von schräg unten sehen. Amen.


(5.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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