Dienstag, 9. September 2025

4197 Können Ameisen hüpfen?

 



13:22.  Ich bin Richtung Nach-Hause gewandert und raste wie fast immer Am Gestade im Halbschatten unter den Linden mit Blick auf die schönen frühneuzeitlichen Häuser. Auf meiner Wanderung habe ich diesmal keinen Halt im Mumok gemacht, aber – wie immer, wenn ich diese Route gehe – meine kurze, dreifache Max-Weiler-Andacht beim Wienerroither & Kohlbacher – ich kann von außen in den Auslagen und durch die Auslagenscheiben weiter hinten drei Weiler-Bilder erkennen. Ansonsten war bei dieser Wanderung mein Geist nicht bereit, sich beim ständigen inneren Monolog auf meine bevorzugten Mantras zu konzentrieren – im Rhythmus des Gehens läßt sich an und für sich leichter litaneiisieren – koffeinüberschwemmt war er jedoch nicht zu bändigen. Melancholie ist das Verspüren des Verlustes unseres magischen Erbes – habe ich mir (nicht sehr originell – der innere Spötter) beim Wandern gedacht; meistens entsteht aber daraus kein nennenswerter Impuls, diesen Zustand zu ändern. Lange hält sich mein Geist hier Am Gestade bei der Geschichte des betrügerischen Baders auf, dem der Brunnen da – das Geplätscher kann ich hören – gedenkt (also: es geht um eine Phantasie, einen Tagtraum, wie ich als hilfsbereiter und eifriger „Lehrer“ diese Geschichte einer Touristengruppe erzähle und erläutere, aber auf Englisch! (oida! - der innere Spötter)). Ich amüsiere mich über meinen kindischen Eifer und die implizite Selbstüberschätzung (habt Erbarmen mit ihm! Er ist ein verhinderter Verkünder – der innere Spötter). Schöner wäre es, wenn in den offenen Fischmäulern der kleinen wasserspeienden Brunnenfiguren die Wasserrohre nicht sichtbar wären und das Wasser in echt aus den Mäulern flöße. So wirkt das wie inkonsequent aus Trägheit, Sparsamkeit oder Feigheit. Der Hund auf der Sitzbank vorm polnischen Institut bellt. Mich dürstet. Ich habe eine trockene, ausgedörrte Mundhöhle. Die Kirchturmuhr schlägt dreiviertel. Ein telefonierender junger Mann mit Rucksack schiebt einen Stuhl auf Rollen (keinen Rollstuhl!) im Tiefen Graben vorbei. Eine kleine Ameise krabbelt auf meiner Schreibhand herum und als ich sie mental ins Visier nehme, hüpft sie plötzlich weg. So etwas habe ich noch nie gesehen! Ameisen können hüpfen?! („Ja, bestimmte Ameisenarten können „springen“, allerdings nicht mit ihren Beinen, sondern durch den schnellen Einsatz ihrer Mundwerkzeuge (Mandibeln)“ Googleauskunft)


13:59. Und schon sitze ich wieder, jetzt im Rudolfspark. Es ist zu früh, um nach Hause zu gehen. Ich muß noch Zeit totschlagen und will sie dabei optimal nutzen. Ein Schippel Tauben versucht, mich zum Füttern zu verführen; dabei liegt auf der menschenleeren Nebenbank ein offenes Sackerl irgendeines Knabbergebäcks. Ich spüre ein Ziehen in der Herzgegend. Drei Cappuccini sind zu viel. Was wäre die Alternative? Fruchtsäfte sind es nicht. Rechts von mir lebt eine Linde, deren Blätter zum Teil vom Sonnenlicht durchleuchtet werden (die Sonne steht aus meiner Warte hinter dem Baum). Der unvermeidliche Baustellenlärm in den Parks. Links drüben schläft ein Mann unter einem Baum, beziehungsweise versucht es; er wälzt sich oft hin und her. Irgendwer hustet ganz schrecklich, keuchend und schleimig – ich weiß nicht, ob es ein Mensch oder Hund war. Mir wird hier fad. Was soll’s, ich gehe heim. Dort kann ich wenigstens die Texte eintippen. Hier kommt eh nicht mehr viel Gescheites dazu (höchstens Gescheitertes – der innere Spötter).


Was macht dieser blaue Himmel mit den paar weißen Wolken über den roten Ziegeldächern immer mit mir, dass er solche alten, tief versunkenen Gefühle auslöst?

14:51.  Von der Burggasse über das Regierungsviertel zum Am Gestade und Rudolfplatz und zum Im Werd und nun sitze ich auf der Bank am kleinen, feinen Platz an der Kreuzung Schreygasse, Malzgasse, Miesbachgasse – die Säulengleditschien spenden nur leichten, löchrigen Schatten – und warte das Ende der Tageskinder-Abholzeit ab (weil: wenn ich da Auftauche, störe ich im Gedränge). Eine extrem dünne Dame geht vorbei; ich sehe sie nur von hinten. Gut, das war überflüssig. In der Unteren Augartenstraße sehe ich ein Fenster offen. (Vermutlich auch überflüssig, aber weniger anzüglich.) Auch hier ist der Baustellenlärm offensichtlich unvermeidlich. Manche Felgen der Autoräder sind wirklich martialisch im Design! Hääãã? Die beanstandenden Felgen finde ich in der Reihe der geparkten Autos nicht mehr. In der kurzen Zeit kann das eine Auto nicht weggefahren sein und sich ein anderes hingestellt haben – das müßte ich bemerkt haben. Ist meine Wahrnehmung umgekippt? Ich lasse das.


(9.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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