Freitag, 12. September 2025

4201 Österreichische Postsparkasse

 



8:31 a.m.  Jetzt sitze ich nach einem Arzttermin tatsächlich auf einer Bank gegenüber der österreichischen Postsparkasse am Georg-Coch-Platz 2 und betrachte mit äußerstem Mißtrauen das berühmte Gebäude. Martialische Modernität. Oben auf dem Dach die Skulpturen der sechs Kränze mit je zwei herabhängenden Würschteln erinnern mehr an Friedhof als an Ehrung; was hier begraben oder gebunkert wird – ist es das Leben für den Profit? Die – wie es von herunten ausschaut – einflügeligen Engel mit kleineren Kränzen in ihren pathetisch hochgehobenen Händen – auf einem sitzt gottseidank eine lebendige Krähe – ich weiß nicht. Ja, der eine ausladend heruntergezogene Flügel – soll der den Schutz der Sparer symbolisieren? Oder den des Kapitals? - man sieht aber die vertikalen und horizontalen Fugen des vermutlich industriell hergestellten Flügels. Eine zweite lebendige Krähe setzt sich der Engelsfigur ins Gnack. Ich könnte von den Krähen durchaus lernen, mich um Ästhetik und Aussage des Bauwerks nicht zu kümmern und es als Ding auf der Bühne meines Lebens in meinem Sinne zu benützen oder links liegen zu lassen. Also diese Engel – ich bekomme gerade einen Anruf von der Müllabfuhr. … Erledigt! - in ihrer starren Falten- und Hängekleidung – ich weiß nicht! - diese Walkürengesichter – ich weiß schon gar nicht! – mit diesem rassistisch-faschistisch anmutenden Funktionspathos – also ich möchte diesen Gestalten weder als Frauen, noch als Engel, noch als Verbündete begegnen.

Jetzt kommt die Sonne auf und im Licht- und Schattenspiel wird das Ganze etwas interessanter. Oh! Über dem Gebäude ist der zirka halbe Mond zu sehen! Vermutlich abnehmend (deutsche Schrift Großbuchstabe A). Vorm Eingangstor stehen einige Leute (8); warten die auch wie ich darauf, dass das Café drinnen aufsperrt? Sie stehen richtig andächtig da. Ich schaue mal auf die Uhr. Neun Minuten noch. Schaut eher wie eine Führung aus und die Führerin erklärt etwas. Das Bauwerk lasse ich jetzt. Dafür betrachte ich meine an die Sitzbank angelehnten Walkingstecken, was aufs Erste nicht so viel hergibt. Carbon/Fieberglas steht drauf. Das habe ich in den weit über zehn Jahren ihres Besitzes noch nie gelesen. Und darüber steht: High-Tech-Rohr. Darunter: B-117-48755-12/D (war das notwendig? - der innere Spötter – nagut, wenn’s der Wahrheitsfindung dient ...). Drei Minuten noch bis zu Kaffee und Klo (die umgekehrte Reihenfolge wäre realistischer – der innere Spötter).


9:11 a.m.  Also sitze ich wieder in der großen Halle beim Cappuccino. Die Uhr an der Wand zeigt fünf vor sechs; die Datumsanzeige 12. September 2025. Die sӱs-Sing- und Tanzkabine ist offen (ich bin noch nicht so weit). Hausarbeiter haben kurz am Minitischtennistisch gespielt. Zwei Frauen mit Kopftuch holen sich auch Kaffee (nehme ich an). Oh! Die Wanduhr holt auf! Jetzt zeigt sie schon sieben nach halb sieben. Zehn vor sieben. Gut, das reicht. Ich verfolge die Uhr nicht weiter (höchstens überprüfe ich, ob sie bei der Echtzeit ihr Tempo herunterfährt). Mein weißes T-Shirt (langärmelig, mit bin am Sprung beschriftet) ist auch nicht mehr ganz sauber. (Ich hatte die Datumsanzeige hergeschrieben, weil ich annahm, dass sie – wie bei meinem letzten Besuch – völlig falsch ist. Erst jetzt merke ich: sie ist völlig richtig!) (So viel zu Realismus und Beobachtungsverläßlichkeit unseres Autors – der innere Spötter.) Jetzt wird es spannend: die Uhr nähert sich der Echtzeit. Ich bin überhaupt nicht ausgeschlafen und muß gähnen, was ich mitten in der großen Halle laut und ohne die Hand vor den Mund zu halten vollziehe. Eine Minute hat die Uhr noch auf die Echtzeit. Nein, sie stoppt nicht. Sie tut mit ihrer Hüpferei einfach weiter. Jetzt ist es bei ihr schon dreiviertelzehn. Wahrscheinlich hätte jemand mit Knopfdruck die Uhr abbremsen müssen, und weil er das übersehen hat, muß er sie wieder die zwölf Stunden durchlaufen lassen. Halb elf. Die Uhr hüpft und wackelt weiter durch die Zeit.

Touristengruppen werden durchgeführt. Es ist jetzt fünf vor zwölf und meine Schritteapp zeigt 3333 Schritte (geschwindelt: zuerst hat sie 3330 Schritte angezeigt, dann ist er aufgestanden und wollte drei Schritte raufladen, aber die App hat verzögert reagiert und ist dann gleich auf 3336 gesprungen – der innere Korrektor). Aaaabenhendstihille üüberaall – die verrückte Uhr zeigt sechs. Lassen wir endgültig die blöde Uhr, gehen wir zu einem wichtigerem Thema: ich schaukle geradezu in den Wonnen der Droge Kaffee. Die Touristen machen immer die Tür zur Tanz- und Singloge nach ihren Kurzbesuchen zu, weil nicht verstanden wird – obwohl es dort angeschrieben steht – dass Tür geschlossen heißt: es ist jemand drinnen; bitte nicht stören! und Türe offen: die Kabine ist frei, treten Sie bitte ein! (Okay: es ist in Deutsch und Englisch angeschrieben; nicht in Französisch).

Glaubt Ihr, ich könnte mich von den zuständigen Behörden, Firmen dafür bezahlen lassen, dass ich hier den schreibenden Kaffeehausliteraten spiele? Was meint Ihr? Ich bin auf der Suche nach einfachen Einnahmequellen. Es gefällt mir hier sehr, von so vielen Leuten vor allem Stehenden umringt da zu sitzen und zu schreiben. So ein schönes Theater! (Naja, sie umringen nicht ihn, sondern stehen in der Halle herum und weil es viele sind und einige von ihnen auch an den Kaffeehaustischen sitzen, kommen sie ihm nahe und bilden eine Crowd. Mehr ist es nicht – der innere Spötter.)


10:14 a.m.  Schon wieder hat die Wanduhr die Echtzeit verpasst! Tanzen und Singen? Ich warte noch ein wenig (ich nehme den letzten Schluck Kaffee).


10:39 a.m.  Nach einem weiteren Toilettenbesuch und einem kurzen Intermezzo in der sӱs-Tanzkabine (hat mich nicht mehr angetörnt; die Musik wird fad) habe ich mich an den Schalter 7/8 gesetzt, so richtig mit Tischplatte (Budel), auf der ich mein Notizbuch in angenehmer Höhe zum Schreiben legen kann und beobachte von da aus die Halle. Gottseidank sehe ich die verrückte Uhr nicht. Außer wenn ich mich vorbeuge und – hört! hört! - die Uhr scheint jetzt ungefähr auf Echtzeit zu laufen. Zwar zeigt meine Handyuhr 10:44 a.m., während die Wanduhr 10:38 anzeigt, aber ihr Tempo scheint normalisiert und sie hält den Abstand. Jetzt kommt meine innere Unruhe. Wir nähern uns dem Aufbruch. Oder bleibe ich erst recht? Das Sitzen in diesem ehemaligen Sparkassenschalter bewirkt doch echt, dass ich mich in meiner Schreiberei professioneller fühle! Das gibt es doch nicht!?


11:04 a.m.  Wieder zurück in der Halle bei Mineralwasser. Mein Pulver ist verschossen. Nur eins noch: bei einigen Schaltern steht noch Privatfinanzierung. Da muß ich fast lachen, so weit ist das von meiner Welt weg.


11:23 a.m.  Es geht nichts weiter (aber aus den Boxen kommt Chicha-Musik!). Zwei Frauen tanzen in der sӱs-Box bei offener Tür (sei nicht so schlampig und ungenau! Eine Frau tanzt drinnen und eine schwingt ihre Hüften vor der Tür – der innere Korrektor). So, jetzt reicht’s! Austrinken! Heimgehen!


(12.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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