Montag, 15. September 2025

4203 Die nackte Glühbirne

 



21:24.  Wenn der leise Verdacht entstanden ist, dass sich eine leichte Depri heranschleicht – aber noch ist nichts entschieden – und ich greife zum Notizbuch, dann kann es für meine treuen Leserinnen und Leser … nun ja … nicht unbedingt gefährlich werden, aber etwas ungut. Darum habe ich in meinem Zimmer – obwohl schon im Bett hockend – die Deckenlampe an gelassen. Mehr Licht, weniger Düsternis. Die Leselampe, die ich dennoch zum Schreiben brauche, habe ich so positioniert, dass ihr Lampenschirm die nackte Glühbirne der Deckenlampe verdeckt, auf dass jene mich nicht blende und ich die Bilder in meinem Zimmer besser anschauen kann. Freilich funktioniert das nicht hundertprozentig, denn wenn ich meinen Kopf nur leicht drehe – was beim Herumschauen unvermeidlich ist – kommt die grelle Glühbirne hinter der Abdeckung hervor; aber damit kann ich leben. Also: die Bilder: die frankophone Schweizerin (Valoton, irgendwas mit Hut) kommt sehr schön zur Geltung, die Katz’sche Jessica scheint auch her zu blinzeln. Daneben die töchterlich produzierte Büste aus Ton, die bei dieser Lichtkonstellation unter ihrer Nase einen gefährlichen Schatten bekommt. Jedenfalls trägt der den Kopf hoch, aber die Augen schauen – zumindest von hier aus – doch müde aus. Daneben das kleine Schaf aus Holz, eine kleine Skulptur, ein selbstgemachtes Geschenk meines Bruders, als er noch in die Volksschule ging (ist auch schon recht lange her!). Ach, und die Kopie meines Himmelfahrtsbildchens (im Original wäre es eigentlich ein Auferstehungsbild – der innere Korrektor) dort in der dunklen Ecke, so und aus dieser Entfernung wirkt es interessanter als es ist; es schaut von hier wirklich wie ein kleines Meisterwerk aus – aber ich kenne es aus der Nähe. Nun vertiefe ich mich in den Schatten des hölzernen Fensterraben auf dem gelben Rollo; wirkt so als wäre der Schatten ein Sprungturm und der Rabe springt mit Hingabe ab. Und das Bildchen vom Dings … immer muß ich Namen so lange suchen! - die Nackte im Garten mit dem schönen Hintern … zu weit weg, um mehr als abstrakte Farbflächen zu sehen. (Ich bin gespannt, wie lange er braucht, bis er vom Bett aufsteht, zum Regal geht, die Karte in die Hand nimmt und umdreht und den Namen abliest. Da kann er auch gleich nachschauen, ob er die Schreibweise von Valoton – das ist der mit der frankophonen Schweizerin – richtig im Kopf hatte - der innere Spötter.) (Félix Vallotton, letzteres gehört mit zwei l und zwei t geschrieben, das Bild heißt Le chapeau violet, und der andere mit der Nackerten heißt Henri Manguin – wie konnte ich das vergessen! - ich habe bei B gesucht, und das Bild heißt: Rückenakt unter Bäumen, Villa Dermière (Studie).) Ich habe die Gelegenheit gleich genutzt und die Kunstkarten angeschaut, die ich vom Bett aus nicht sehen kann; da sind sehr schöne dabei, aber bei den meisten weiß ich nicht mehr, wer sie gemalt hat. Und meinen Auferstehungs – Himmelfahrtsjesus habe ich gleich aus der Nähe betrachtet und wirklich: mein Werk ist eine kindische Lächerlichkeit – aber jetzt wieder im Bett, aus dieser Distanz wirkt es voll interessant und kunstvoll (zweimal voll geht nicht – der innere Korrektor). (Fällt euch auf, dass er die Kopien und Fotos so nimmt, als wären sie Originale? Mit dem Mehrwert eines wirklichen Originals kann er nichts anfangen. Er kann als ein Schriftenmensch nur mit Abbildungen umgehen – der innere Spötter) (Einspruch! Ganz so ist es nicht!) Vielleicht war es ein Fehler, dass ich die Sturmnacht der Werefkin, das mit dem nächtlichen Café, gleich neben dem Bett an die Wand getackert habe, vielleicht verführt es mich mit seiner Ausstrahlung und Wirkung auf meine Seele, wieder zum trinkenden Nachtschwärmer zurückzufallen? Das hell erleuchtete Café im Finstern hat etwas Anziehendes. Drehen wir das große Licht ab? Wir drehen das große Licht ab. (Die Künstlerin heißt Marianne von Werefkin und das Bild Sturmwind – der Tipper.)


(14.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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