4202 Herumsitzen
13:25. Herumsitzen, das kann ich gut. Auch in fremden Wohnzimmern. Aus dem Fenster blickend – aber dazu muß ich mich vom Fauteuil erheben – sehe ich den verwundeten Platz der abgerissenen Flotow-Villa, schon seit Monaten brach liegend, und durch die Glastür die Hecke zu Nachbars Garten. Direkt vorm Fenster hängen ein paar Weintrauben in das Sichtfeld. Ich schaue die Möbel im Wohnzimmer an, die Teppiche, nicht mit großer Aufmerksamkeit, aber mit flanierender, verschlafener, changierender.
14:09. Nach dem Mittagessen und beim Kaffee verbleibe ich noch ein wenig allein am Esstisch. Die Sonne ist herausgekommen und schickt Lichtflecken auf den fensternahen Abschnitt des Wohnzimmerteppichs, der dort hell aufleuchtet. Alle ruhen und sind still, ich kann sogar den Pilotstift über das Papier fahren hören und das Umblättern der Zeitung drüben bei der Couchecke. Kaffeetrunken verschiebt sich der Verkehrslärm ins Elegische, eine Fliege kommt bei der offenen Tür herein und summt vom fast vergangenen Sommer. Draußen bewegen sich nah und ferner Blätter und Zweige, Gräser und Halme in schwankendem Rhythmus. Einige Blätter sind schon rot geworden, manche schon gelb und braun, sonst ist alles noch grün, das jedoch stellenweise schon schwächelt. Hinter dem Haus auf der anderen Straßenseite seht ein mächtiger Baum und ragt mit seiner halben Krone über das Ziegeldach. Die Fliege kommt wieder vorbei; wenn sie mir etwas gesagt hat, dann habe ich es nicht verstanden. Der unaufhörliche Lärm der Autos – jetzt schon lästig – brandet aus dem Graben herauf und ansatzweise kann ich den Dopplereffekt studieren und die unterschiedlichen akustischen Performances der verschiedenen Fahrzeuge. Erst jetzt merke ich, dass mir auf dem Esstisch ein Sonnenfleck immer näher rückt und bald meine Schreibhand erreicht haben wird. Der Kaffee ist schon kalt, aber das wird er bei mir immer. Die Yuccapalme - oder was das ist – über den Sommer raus in den Garten gestellt – winkt zum Fenster herein. Beim Vorbeifahren so manchen Autos geht ein wahrhaftes Dröhnen durch die Welt und in den Untergrund. Schön aber, wie sich der Klang dann ins Nichts verliert. Mir scheint, die großen Bäume hinter dem Weingut planen eine stille Verschwörung: sie wollen die Welt retten. Kurz erstarren sie, weil sie meine Kenntnisnahme bemerkt haben, aber ich werde sie nicht verraten. Die Sonne ist wieder hinter Wolken in Deckung gegangen; keine Sonnenflecken teilen die Welt in hell und dunkler. Nun kommt sie wieder, schwächelt zittrig und bleibt verhalten. Jetzt hat der schöne, mit Schattenstreifen verzierte Lichtfleck meine Schreibhand erreicht und zaubert auf der Notizbuchseite für kurze Zeit ein bewegtes, wirklich tolles Licht-Schatten-Streifen-Spiel. Ich stehe von meinem Platz auf und stelle den Schlagobers und die Milch in den Kühlschrank.
Um 17:11 bin ich von der Fußwanderung von Sievering, Haltestelle 39A, zu Hause angekommen. Zirka um 15:15 bin ich losgegangen. Auf dieser Wanderung habe ich im Kaffee Monarchie Wasser gelassen – die Leute dort waren überaus freundlich und wollten gar kein Trinkgeld für ihr Entgegenkommen annehmen – und bei der Strudlhofstiege habe ich mich kurz und andächtig verneigt. Wenn ihr die nackten Fakten wissen wollt: laut Schritteapp 13 016 Schritte, 9,65 Kilometer, 518 Kilokalorien, damit bin ich mit durchschnittlich 11 486 Schritten täglich unter den Top 7 Prozent meiner Altersgruppe, deren Durchschnitt bei 4 324 liegt, und der aller bei 4 895.
(13.9.2025)
Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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