Donnerstag, 2. Oktober 2025

4227 Letzter Blick

 



8:10 a.m.  Eine geraume Zeit schon hocke ich im Bett und schaue auf mein Bücherregal. Ich will es nicht wahrhaben und schiebe den Gedanken weg, dass ich mich in absehbarer Zeit von meinen Büchern, Schallplatten, Zedes, Bildern, Sieben werde trennen müssen, nämlich dann, wenn wir in eine kleinere, billigere Wohnung übersiedeln werden müssen. Ich halte diesen Gedanken kaum aus; meine Bücher, Zeichnungen, Bilder (eigene und andere), die Siebe und bedruckten Stoffe und Papiere, meine Musik: das alles hält meine wackelige Identität zusammen. Das gibt mir die Illusion, ein gebildeter Mann zu sein, ein Künstler vielleicht, und nicht bloß eine gescheiterte Existenz. Es geht hier nicht um wertvolle Erstausgaben oder so, auch ist meine Bibliothek nicht irgendwie sinnvoll geordnet, sondern ein chaotischer Sauhaufen. Es ist auch nicht so, dass ich ständig in den Büchern herumblättere, auch nicht in den Kunstbänden, ich lese kaum darin; von vielen Büchern habe ich vergessen, dass ich sie habe, und an den Inhalt der meisten kann ich mich gar nicht erinnern. Aber es sind einige gute Bücher darunter, und sie spiegeln wohl meine nie ganz zerstörte Liebe zum Wissen. Dabei hatte ich nach der Konfrontation mit Döbereiner schon viele Bücher, Schallplatten weggeschmissen und alle meine Bilder und Zeichnungen, die noch bei mir waren, zerstört. Und diese Aktion hat meinem Leben eine nie mehr verheilte Wunde, eine endgültige Versehrung zugefügt, und ich habe sie bitter bereut. Jetzt klammere ich mich – so schaut es aus – an das, was als Bestand noch da ist, und die Vorstellung, das alles weggeben zu müssen, bereitet mir Grauen. Ich möchte doch von meinen Büchern und Bildern umgeben sterben; mit dem letzten Blick auf das, was ich erreicht und wohl auch geliebt habe. Selbst an den wertlosen an die Wand getackerten Kunstkarten würde ich gerne im Abschied meine Augen weiden.


(1.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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