4225 Nichts Pickertes
9:58 a.m. Im Spiegel an der Wand entdecke ich einen fetten, goldenen, fünfzackigen Stern. Als ich sein Original suche, sehe ich, dass es ein Gasluftballon ist, der an einem Garderobenhaken festgemacht ist. Er dreht sich ein wenig in der unbemerkbaren Zugluft. Ah! Jetzt kommt schon das fette Breakfast d’anglais (Bohnen, Speck, Spiegelei, viel Blunzen, Pilze, Brot, reichlich Butter, Marmelade). Und Chichamusik aus den Boxen, die ich als Lokalmusik so mag. Herrlich ist das alles!
Nach dem Essen gehe ich aufs Klo, um mir die nicht ganz unbefleckt gebliebenen Hände zu waschen – ich mag nichts Pickertes auf den Fingern – aber auch – ich gestehe es – um die Brösel aus meinem herausnehmbaren Gebiss (hier schreib ich es mit zwei s) zu spülen, denn die stören mich wahnsinnig, wenn sie daruntergerutscht sind und weh tun. Immer in der Anspannung, ob wer in den Waschraum herein kommt und wie schnell ich mein Tun gegebenenfalls verbergen kann. Aber jetzt kommt wieder Kaffee und die Zeitungslektüre.
11:07 a.m. Nach der Lektüre ist vor dem Schreiben. Das Durchblättern der Todesanzeigen in der Kleinen Zeitung hat – entschuldigen Sie bitte den Tonfall – den ersten „Treffer“ gebracht: die Frau O. ist gestorben, 94 jährig, mit unserer Familie einigermaßen vertraut und mütterlicherseits weitschichtig verwandt. Mir fallen ein paar Szenen mit ihr aus meiner Kindheit und Jugend ein, und eine recht unangenehme als junger Erwachsener, wo ich mich vor ihr ohne es verhindern zu können durch das Getue meiner Mutter und meiner unbeholfenen Reaktion darauf als hilfloses Muttersöhnchen unfreiwillig geoutet habe, wofür ich mich noch heute schäme. Dabei hatte ich mich gefreut, sie, die Frau O., zu sehen. Wenn ich es als Kind geschafft hätte, mich ihr an meiner Mutter vorbei anzuvertrauen – auf diese Idee bin ich damals gar nicht gekommen – hätte sie als gebildete Frau so etwas wie eine Beschützerin von mir und meinen Ambitionen werden können. Sie hätte meine geistigen Interessen sicherlich nicht abgewertet. Was gewesen wäre wenn wissen wir natürlich nicht wirklich. Ich registriere tatsächlich Trauer. Puh! Jetzt ploppt der große Kindheitsschmerz auf! Ich lege Schreibzeug und Brille weg und lasse alles sich setzen.
Sanfte Gitarrenmusik. Die noch ziemlich grüne Platane vorm Lokal. Sanfter Windhauch in den Blättern. Sanfte, schmerzliche Gefühle überschwemmen mich. Nun die pseudoreligiöse Schnittenzeremonie. Am Nebentisch wird auch ein Breakfast d’anglais verspeist. Das Einschaufeln der Eiswürfel klingt wie das Einschaufeln von Eierbriketts. Der goldene Luftballonstern dreht sich immer noch langsam hin und her; im Wandspiegel zeigt er gerade seine volle Gestalt. Zwischen mir und dem Spiegel stehen auf einem hohen Tischchen eine paraffinübergossene Flasche mit weißer Kerze, eine kleine Vase mit kleinen Blumen und ein Krug; darum ist meine Sicht in den Spiegel ein wenig verstellt. Aber meine Baskenmütze, die dann am Kopf vielleicht etwas weibisch aussieht, kann ich im Spiegel sehen; das Original an der Garderobe ist von einem Mantel, der auf der mir zugewandten Seite hängt, fast zur Gänze verdeckt. Mein Gott! Ist diese Musik schön! Jetzt fällt mir auf, dass heute der innere Spötter noch gar nicht aufgetreten ist. Soll mir recht sein; wenn’s hart auf hart geht, versteht er es schon. Vermutlich ist er eh sensibel.
Der goldene, fünfzackige Stern kann sich auch nur so lange in die eine Richtung (Uhrzeigersinn) eindrehen, bis seine flache, bandartige Plastikleine zu großen Widerstand gegen diese Drehung aufgebaut hat und der Stern muß sich dann in die andere Richtung wieder ausdrehen.
Ich beginne, die anderen Personen im Lokal eindringlicher wahrzunehmen und ihnen ein wenig zuzuhören; und wie immer staune ich über ihr Selbstbewußtsein und ihre Welt- und Lebenskompetenz und frage mich, woher sie die haben und wie sie sich in ihren gesellschaftlichen Positionen halten können (ich verzichte jetzt auf Einwände; sie liegen ja auf der Hand – der innere Spötter).
Die Sonne kommt durch und hellt alles direkt oder indirekt auf. Nun starre ich durch die elegant angeordneten Löcher der Sessellehne gegenüber auf den hellen, gesprenkelten Fußboden. Aber nicht lange, dann ziehen die strahlenden Sonnenlichtflecken herinnen und draußen meine Aufmerksamkeit ab. Jetzt beginnen mich die Nachbargespräche – sie können nichts dafür – nervös zu machen. Vermutlich verunsichert mich bloß ihre Nähe und ich beginne, meine Anwesenheit hier in Frage zu stellen. Keine Sorge: das bin ich gewohnt, damit kann ich umgehen und außerdem sitze ich schon lange hier (11:53 a.m.; also ungefähr zwei Stunden).
(30.9.2025)
Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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