4231 Winken
13:21. Ich habe so lange in den Zeitungen gelesen, dass es beinah zu spät zum Schreiben ist (na und?! Die Kratzer Autorinnen Autorenversammlung lehnt dich als Schriftsteller eh ab! - der innere Spötter). (Wäre es nicht schon längst Zeit, diese Anspielungen auf die Ablehnung bleiben zu lassen? - der innere Zensor.) Meine Gurgel ist vom Kaffee schon etwas verbittert. Ich darf dieses Thema nicht anschneiden, schon kommt eine Welle von Trauer daher (na und?! Schau ihr hald (sic!) zu, wie sie sich ausbreitet, irgendwo anbrandet, zurückläuft und mit Gott und der Welt interferiert – der innere Spötter). Meine Nase rinnt. Das macht sie sehr gerne hier. Kommt das vom Kaffee oder von der kalten Luft, die durch die offene Tür hereinkommt? (das weiß nur Gott allein! - der innere Spötter). Ich ziehe den Rotz, der durch schneuzen (Schnauze!!! Ich habe keine Schnauze!) nicht wegzubringen war – und das sind 99 Prozent – möglichst unauffällig hoch. Ja, ich habe eindeutig zu spät zu schreiben begonnen; ich sitze schon zu lange hier und werde sitztechnisch unruhig. Vielleicht hilft der Weg aufs Klo.
Nun ja. Ein wenig. Ich blicke mich erst jetzt genauer um: der goldene Gasballonstern schwebt immer noch über der Garderobe (Respekt vor der Abdichtung des Verschlusses – normalerweise entweicht das Gas viel schneller). Die Kreideansagen auf den zwei Schiefertafeln sind noch die selben wie bei meinem letzten Besuch vor vier Tagen. Ach, der Lampenlichtengel ist auch noch da, interessiert mich heute aber nicht so; eher rücken die fünf Fotos in der Ecke dort in meine Aufmerksamkeit, obwohl ich sie von hier aus wegen Entfernung und Spiegelungen nur schlecht erkennen kann. Gleich heule ich los, aber nicht wegen der Fotos (er heult nicht! - der innere Korrektor). Warum dann, weiß ich nicht und will es jetzt nicht wissen. Ich beobachte ein Kleinkind am Schoß seiner Mutter und winke ihm zu. Vielleicht ist das schon eine unangebrachte Einmischung in Leben und Integrität fremder Menschen. Es winkt zurück, aber vielleicht war mein Winken schon eine Nötigung, denn das Kind kann wohl nicht, oder fast nicht anders reagieren, wenn es angewunken wird. Und vor allem: mein Winken kommt aus meinem Bedürfnis nach – dann noch unschuldigem? - Kontakt. Oder kann ich dabei einfach ein zufällig anwesender Vertreter von Gesellschaft und Welt sein, der das Kind in deren Namen willkommen heißt (du als Vertreter von Gesellschaft und Welt!? Dass ich nicht lache! - der innere Spötter). (Gut, mag sein, dass mein Reich nicht von dieser Welt ist, aber dann kann ich vielleicht erst recht den Segen von denen drüben vermitteln und sichtbar machen?) Jetzt hat mir das Kind von sich aus zugewunken und ich winke zurück. Das Kind zeigt mit seinem rechten Zeigefinger auf die verschiedensten Gegenstände im Lokal, auch auf den goldenen Luftballonstern, und dieses Staunen in seinen Augen ist wahrlich ergreifend (als wir noch gesehen haben und die Welt ein einziges Wunder war!). Möge der „Lichtengel“ dort hinten das Kind beschützen! (Höre ich da einen falschen, sentimentalen Ton? - der innere Spötter). Und mit welchem Ernst das Kind die Gegenstände anschaut und studiert! Jetzt den schon einmal beschriebenen Krug auf dem hohen Tischchen neben der Garderobe.
Ich habe den Kaffee noch gar nicht ausgetrunken und mein innerer Impuls will, dass ich gehe. Vielleicht weil es hier voll wird und ich schon ewig beim kalt gewordenen Kaffee einen Sitzplatz versitze.
Am Heimweg sehe ich – zum ersten Mal fällt es mir auf – auf einem der oberen Stockwerke eines großen Ringstraßenprachtbaus ein Schild mit der Aufschrift easy life und einem stilisierten Schmetterling mit Flügeln, die in Herzerlform designt sind. Damit ist das Bild von einem „leichten Leben“ auf ewig desavouiert und kommt für mich nicht mehr in Frage. Ich scheiß auf ein „leichtes Leben“, wenn ich damit mit meinem Geist (!), mit meiner Imagination, mit meinen inneren Bildern in die Einflußsphäre eines kitschigen Abnehmzentrums gerate! Her mit dem schweren Leben!
(3.10.2025)
Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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