4243 Beinahe
13:43. Wieder vorm Giacometti (femme debout III). Andächtig und amüsiert sitze ich kleiner Wicht sieben Meter vor der großen, schlanken, vollbusigen Frau und lasse mich vom Drumherum nicht ablenken (aber vom dunkelblauen Pilotstift, der soeben seinen Geist aufgegeben hat. Wechsel auf Dunkelrot – der innere Spötter) (Und er läßt sich doch auch vom Drumherum ablenken! Vom Video rechts unten zum Beispiel – der innere Spötter). Ich sammle meine Aufmerksamkeit wieder und konzentriere mich auch die große, schöne Frau. Wie sie dasteht! Ist sie aus der Erde gewachsen? Dieses Kunstwerk wird Bestand haben, in alle Ewigkeit. Aber was berührt und bewegt mich so? Das geht ganz tief. Was wird da bei mir angeschlagen? Ich komme nicht drauf. Irgendwas mit den „Verbündeten“? Wer weiß.
Aus der Nähe hat sie etwas Erschreckendes. Vor allem das Gesicht. Wirklich Erschreckendes. Entsetzen und Verwüstung. Schönheit und Élégance sind abgesunken. Wie eine geschändete Landschaft nach einem Krieg. Wie eine geschändete Frau. Die femme verliert jedoch ihre Würde nicht. Und letztlich auch nicht die Schönheit und die Élégance.
Nun bin ich wieder zu Frau Kapusta gepilgert. Weil die Sitzplätze vorm Video im Nebenraum besetzt sind, stehe ich im Hauptraum unter den Giants herum und vor der großen, verfremdeten Schrift. Können wir nicht mehr verstehen, was wir sagen wollen? Aus dem Nebenraum tönen die Begleitmusik und die geshatterte Stimme herein und wie immer gehen sie mir in ihrer Monotonie und ihrem „kosmischen“ Touch sehr nahe. Die Sitzplätze vorm Video sind frei geworden und ich habe mich hingesetzt und schaue der zersplitternden Faust zu.
Eigentlich lebe ich im Luxus. Ich kann hier in Wien jederzeit die unglaublichsten Kunstwerke besuchen und mit meiner Jahreskarte auch preisgünstig. Auch hier, vor diesen Kunstwerken, kann ich es nicht wirklich artikulieren, was mir so tief hinein geht, dass mir beinah zum Weinen ist. Der gesprochene Text ist es nicht, denn ich verstehe kein Englisch. Ich halte es fast nicht mehr aus und will gehen. Aber ich gehe nicht. Jetzt gehe ich.
Ich gebe mir noch im vierten Untergeschoß die schöne Yoko Ono (cut piece), wie sie sich diesen Rüpeln ausliefert, aber doch souverän bleibt. Sie verliert ihre Würde nicht, obwohl sie beinahe weint.
(9.10.2025)
Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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