Dienstag, 21. Oktober 2025

4256 Abramović

 



12:01.  Bei Marina Abramović in der Albertina modern auf einer Sitzbank zwischen zwei Salzblöcken (meine Nase beginnt schon zu rinnen); vor mir das Video, wo sie nackt mit einem Skelett auf ihr am Boden liegt. Das Skelett – mit der Rückseite auf ihr – hebt und senkt sich mit ihren heftig anmutenden Atemzügen. Hinter mir wird geschrien und klappern die Knochen. Letzteres und die Selbstverletzungen im anderen Raum sind mir unangenehm. Was mich am meisten berührt sind die Gesichter derer, die sie bei The Artist Is Present (2010) anschaut, und die sie anschauen. Da kommen mir ständig die Tränen. Die Doppeldeutigkeit von anwesend und Geschenk! Ich verlasse den knöchrigen Raum, aber hier war die einzige Sitzbank.

Ich kehre wieder zu den Gesichtern zurück und nun weine ich wirklich. Ich gehe wieder zur Sitzbank, um zu schreiben und mir zittert immer noch das Kinn. Länger schaue ich The Kitchen – Levitation of Saint Teresa (2009) an.

Nun wandere ich in der Ausstellung herum, um dann wieder zu den Gesichtern zu gehen. Sehe ich auf den Videos jemanden, dem oder der die Tränen kommen, oder jemanden weinen, geht es mir genau so. Jedesmal wenn ich den Gang mit diesen Videos betrete. Auch die Künstlerin weint in manchen Begegnungen.

Nun aber sitze ich beim Tisch der Reiszähler, zähle aber keinen Reis und habe den Kopf“hörer“ auf, der die Geräusche abblockt. Nur wie von Ferne und gedämpft kommt manchmal ein Geräusch von Schritten zum Beispiel durch, aber völlig seinem Drumherum entkleidet. Eine interessante Erfahrung! Es kommen übrigens nicht alle Schritte durch, vor allem die von Stöckelschuhen oder sonstigen hohen Absätzen, die so aufknallen, aber wie gesagt: völlig gedämpft, reduziert, nackt bis auf den Kern. Ich blicke mich um nach Menschen, und sie gefallen mir in ihrer fast gänzlichen Lautlosigkeit. Ich will noch versuchen, das mit den Geräuschen genauer zu beschreiben, weil es für mich eine so ungewöhnliche Erfahrung ist: sie kommen als einzelne, unabhängige, isolierte Phänomene daher, sozusagen als seltene, einzelne Wesen für sich, abgelöst von ihrem Enstehungszusammenhang.
Eine Linse, die am Rande des Reis-Linsen-Rings außerhalb am Tisch liegt, schiebe ich in den vertieften, in den Tisch versenkten ringförmigen Behälter zurück. Jetzt erst entdecke ich zwei Reiskörner in Griffnähe am Tisch und schiebe sie schlußendlich ebenfalls zurück, wobei ich auf dem einen, zuerst entdeckten Reiskorn lange meinen linken Zeigefinger gelegt halte, während ich das schreibe. Ein drittes Reiskorn kann ich auch noch erreichen und verfahre mit ihm ebenso. Diese Lärmschutzkopf“hörer“ sind großartig! Dieser reduzierte akustische Wahrnehmungsinput – das ist wirklich ein toller Zustand. Nun blicke ich auf den stillstehenden, runden Strom aus Reis und Linsen und werde hungrig. Reis und Linsen waren einmal mein Hauptgericht, weil ich arm und Reis und Linsen billig waren. Ich habe sie mehrmals die Woche gegessen. Ich spiele etwas verlegen mit dem roten Bändchen meines Notizbuches, weil ich hier der einzige in der Runde am runden Tisch bin, der weder Reis noch Linsen zählt. Der Hunger beginnt mich zum Aufbruch nach Hause zu treiben. Als ich den Pilotstift ausklicke, höre ich das Geräusch gar nicht. Schaffe ich es, diese Schallschutzkopf“hörer“ abzulegen? Ohne Brille, die ich für den Aufbruch schon abgelegt und eingesteckt habe, wird es noch stiller, weil deren Bügel den Kopf“hörer“ nicht mehr am vollständigen Aufliegen hindern. Ich möchte noch jemanden in die Augen schauen, aber das geht nicht und ich traue mich auch nicht. Schweren Herzens stehe ich auf.

Dann gehe ich ins Freie hinaus und gerate in den Verkehrslärm und die Nase nimmt eine nahe Raucherwolke auf, die ich aber nicht sehe. Aber es ist sonnig und ich werde zu Fuß durch die Stadt nach Hause wandern.


(21.10.2025)


Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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