4268 In der Fensternische zum Hof
11:12 a.m. Ich sitze ganz hinten in der Fensternische zum Hof im zweiten Raum. Durch den Durchgang und den ersten Raum sehe ich direkt auf die Eingangstür, und durch das Glas auf Gehsteig und Laube und durch die Zweige und Blätter ein wenig auf die stark befahrene Burggasse. Hinter mir höre ich, wie Holz geschlichtet wird, vielleicht kommt das aber in Wirklichkeit vom Keller, dessen Tür sich zwei Meter links vor mir befindet. Ich täusche mich oft bei den Bewegungen der Schallwellen. Doch, es wird so sein, denn einer der Kellner öffnet diese Tür und stapft die Stiegen zum Holz hinab und somit ist klar: das schöne, heimelige, sympathische Geräusch der aneinander stoßenden Holzklötze aus dem Bereich hinter meinem Rücken zu hören, war eine akustische Täuschung, wenn nicht der Keller bis an die Wand hinter mir reicht. Heimelig ist auch der Holzofen, in dem die Holzscheite lodernd brennen und glühen, was man wegen der durchsichtigen Ofentüren (ich habe vergessen, wie diese feuerfeste, durchsichtige Material heißt) sehen kann. Von meinem Sitzplatz aus ist der schöne, alte Ofen durch den Aufbau zur Kellerstiege verstellt, aber ich kann das Bild des angeheizten Ofens jederzeit in mir abrufen. Ah! Jetzt habe ich es verstanden – ich bin nämlich aufgestanden, habe mich umgedreht und aus dem Fenster höher oben in den Hof geschaut: das Holz ist genau vorm Fenster im Hof gelagert und wird von dort – vermutlich über ein Kellerfenster – in den Keller geworfen. Also: meine erster Eindruck war richtig.
Ich sehe den 48A vorbeifahren. Auch meine Vermutung, dass das Holz durch ein Kellerfenster geworfen wird, hat sich bestätigt – diesmal bin ich nicht extra vom Sitz aufgestanden, sondern von der Zeitungsstellage zurückgekommen, wo ich die Kleine Zeitung gesucht und nicht gefunden habe. Hab ich schon den Wind erwähnt, der heute stark ist und die Zweige der Platane draußen über der Laube und der anderen Gewächse fest schüttelt?
Auch hier im Hinterzimmer sind die Wände blau, aber die Decke mit Holz verschallt. Ich habe hier tatsächlich einen Tunnelblick und registriere die Passanten und Autos jedesmal überrascht und mit verzögerter Reaktion, wenn sie plötzlich das Tunnelende queren und von der einen Seite her auftauchen und, bevor ich sie erfassen könnte, auf der anderen Seite verschwinden. Die Musik aus den Boxen kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich erkenne sie nicht, wie Coverversionen der B-Hits meiner Jugend, oder durch Remix entfremdet. So zwischen Rock und Soul. Eh nicht unangenehm, diese rauen, jammernden Stimmen und bettelnden Akkorde. Jetzt träume ich lächelnd von gesellschaftlicher Anerkennung und Erfolg als Schriftsteller – lediglich in kleinem Rahmen (die gesellschaftliche Anerkennung). Nun bin ich etwas traurig. Soll ich am Heimweg bei der Abramović weinen gehen? Jetzt geht die Musik Richtung Nashville, und das geht an meine Schmerzgrenze. Ich ziehe das Tablett mit dem Kaffee zur besseren Erreichbarkeit näher an mich heran, weil ich das Notizbuch nicht mehr am Tisch liegen, sondern auf dem linken, überschlagenen Oberschenkel aufgelegt habe. Ich gebe zu, die beanstandete Musik ist in ihrer Branche von der feineren, edleren Sorte. In ihrer Branche! Mich würde interessieren: stellt jemand die Boxenmusik bewußt zusammen, oder lassen sie nach einer grundlegenden Richtungsangabe die Maschine weitertun und weiterassoziieren? Mir rinnt die Nase. Manche Blätter sind schon braun oder gelb. Es wird wohl langsam Zeit für mich. Jetzt kommt mir die Musik wieder banaler vor, wie die bessere Berieselungsmusik meiner Jugend (wann war diese Sendung? 10 oder 11 Uhr vormittags?). Dennoch punktet diese Banalität mit ihrer wirklichen oder vermeintlichen Vertrautheit. Ich gehe jetzt. Obwohl mir der Aufbruch aus dieser langweiligen, heimeligen Melancholie doch schwer fällt und das Bedürfnis, darin zu versinken, stark wird, verstärkt nun durch eine weibliche Sängerin mit ihrem schwermütigen Gesang aus den Boxen.
(28.10.2025)
Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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