4269 Weinen bei Abramović
12:55. Schon auf der Fußwanderung zur Abramović, dort, wo ich mich entschieden habe, die Abzweigung zur Albertina modern zu nehmen, kommen mir bereits die Tränen in die Augen. In der Ausstellung selbst, in der Videopassage, will es mit dem Weinen nicht funktionieren. Wahrscheinlich ist es inzwischen schon Programm und zu gewollt und ein zu ausgedachter Zugang. Abgesehen davon, dass es fragwürdig ist, wenn man, um den inneren Schmerz wahrnehmen und spüren zu können, einen äußeren Auslöser braucht. Nur als ich das Video mit der Frau mit dem Brautschleier sehe – am Hochzeitstag zu The Artist Is Present? - und mich umdrehe, um das entsprechende Video vom Gesicht der Frau Abramović zu betrachten, und es mir vorkommt, als würde die Künstlerin bald losheulen, wassern meine Augen ein wenig. Ja, solche Erlebnisse wie hier beim ersten Besuch sind nicht wiederholbar, weil schon intellektuell zurechtgelegt und verklammert. Die innere Abwehr kennt sich schon aus und läßt sich nicht mehr überraschen. Aber gut, es ist, wie es ist. Ich werde noch ein wenig herumgehen und zum ersten Mal den Sitz und die Liege ausprobieren.
Sitz und Liege sind aus Metall – ich tippe auf Kupfer mit Grünspan. Der Sitz ist äußerst unbequem, weil ich die Füße nicht abstützen kann und die harte Kante der harten Sitzfläche in die Oberschenkel schneidet (vielleicht sitze ich auch falsch). Aber die Liege geht, und die Kopf/Nackenstütze – obwohl ebenfalls aus Metall – ist bequem. Hier halte ich es länger aus (wenn auch nicht sehr lange – der innere Spötter). Gleich am Anfang, als ich meine Muskeln, auch die des Gesichtes, zu entspannen versuche, beginnt mein Kinn zu vibrieren und zu zittern. Ich schließe die Augen, weil das Deckenlicht blendet. Dann stehe ich – nicht wirklich mühelos – wieder auf. Dieses Geheule, die Selbstverletzungen und das Knochenschaben gehen mir heute gehörig auf die Nerven (was immer das bedeutet). Ich entwickle eine ekelbesetzte innere Abwehr. Ich wechsle den Standort und gehe wieder zum Gang zwischen den zwei Videowalls von The Artist Is Present. Aber vorher noch will den White Dragon ausprobieren, auf dem man stehen kann – Green Dragon ist die Liege, Red Dragon der Sitz – aber in meiner Aufregung und Verunsicherung schaffe ich es nicht, das nur einen halben Meter über dem Boden befindliche, aber schmale und kleine Podest, das an der Wand montiert ist, zu besteigen. So eine Art Höhenangst; auch meinem lädierten Knie und meiner kreuzmäßig eingeschränkten Bewegungsfreiheit geschuldet, aber wohl doch zu neunzig Prozent einer unbestimmten Angst.
Ich hoffe, dass an den Videowalls die gegenüber gezeigten Sequenzen Publikum – Künstlerin exakt übereinstimmen; dass man also die Frau Abramović genau in der Sitzung sieht, wo sie der gegenüber gezeigten Person in die Augen schaut. Sicher ist das allerdings nicht. Ich weiß es nicht, gehe aber beim Betrachten davon aus. Mein Geist jedoch will sich beim Betrachten der Videos sofort ablenken und sucht den Mann, der mehrfach vorkommt, manchmal doppelt und dreimal gleichzeitig, aber in unterschiedlicher Bekleidung. Ich habe schon fünf Variationen mit und von ihm gezählt. Außerdem habe ich den kaum bezähmbaren Impuls, die anderen Betrachter auf diesen zwei oder drei Mal gleichzeitig anwesenden Mann aufmerksam zu machen, indem ich zum Beispiel auf seine dritte Anwesenheit zeigen möchte, wenn sie seine zweifache entdeckt haben. Mein nicht zur Entfaltung gekommener Lehrer bricht durch (und der hätte seinen Schülern und Studenten vermutlich oft die Freude am eigenen Entdecken aus Übereifer genommen). Alles nur, um den hochkommenden Schmerz abzudämpfen und im vergeblichen Versuch, sich beliebt zu machen.
(28.10.2025)
Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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