4272 So schnell schreibe ich nicht
13:07. An der Wand gegenüber hinter der Reihe von vier Deckenlichtern mit schönen Lampenschirmen – ich mußte mich erst zur Seite beugen, um die Leuchten zählen zu können, denn auf der ganzen Wand gegenüber befindet sich über die gesamte Breite ein Spiegel, und erst indem ich mich zur Seite beugte, konnte ich die echten von den gespiegelten Lampen unterscheiden, also optisch ist es eine Reihe von acht leuchtenden Lampen, unter deren letzter an der Spiegelwand gegenüber mein Spiegelbild sitzt und dahinter an der Wand das Spiegelbild des schaukelnden Mädchens, das – das Bild nämlich - sich in Wirklichkeit hinter mir befindet. Aus den Boxen kommt forcierter und sophisticateter Soul. Vier mit kleinen, liebevoll mit kleinen Blümchen besteckten, rundlichen Vasen geschmückte Tische reihen sich hinter dem Tisch, an dem ich residiere, und dem frei gelassenen Durchgang ins Lokal vom Eingang links – die vier Tische spiegeln sich nicht gegenüber, weil die Spiegelfläche nur bis zur Lehne der Sitzbank herunter reicht. Die Musik aus den Boxen gefällt mir immer mehr, ein forciertes und sophisticatetes Cover eines alten Hits, den ich gut kenne, aber dennoch weder Titel noch Originalinterpret mir einfallen wollen. Jetzt startet ein Song, der mit einem schönen Gitarrengezupfe beginnt, das ich mit einem Wolf-Biermann-Lied assoziiere, aber das sich als Intro zu einem Leonard-Cohen-Song herausstellt. Wobei der Song auf mich durchaus etwas fremd wirkt, vermutlich neu gemischt und mit der modernen Wiedergabetechnik viel klarer und transparenter – man kann fast zwischen die Stimme und den einzelnen Instrumenten hineinhören – als damals auf meinem kleinen Transistorradio oder gar aus dem alten Radio am Wohnzimmerboard mit dem Zierdeckerl und links und rechts den zwei Photos der zwei gefallenen SS-Brüder meiner Mutter. Obwohl damals ein Cohen-Fan war ich inzwischen davon abgekommen; aber jetzt hat mir dieser Song gerade in seiner neuen Gestalt sehr gefallen und stärkere Gefühle (wenn nicht doch bloß Sentimentalität – der innere Spötter) ausgelöst. Bei meiner Schreiberei bin ich nun schon in den zweiten Song nach Cohen hineingeraten – so schnell schreibe ich nicht – und um auch den neuen, unbekannten zu beschreiben, fehlen mir jetzt Kraft und Energie. So lege ich das an der Tischkante gekippt aufgelegte Notizbuch flach auf den Tisch, nehme die Lesebrille ab und lege sie mit dem Schreibstift auf die Tischplatte und blicke einfach so herum – noch immer von einer schönen, leichten Trauer umspült, während ich durch die Fenster den vorbeifahrenden Autos und vorbeigehenden PassantInnen nachschaue und den Wind in den Sonnensegeln, die über den Schanigarten gespannt sind, und in den langen Haaren eines Gastes, der draußen mit dem Rücken zur Hauswand und damit auch zu mir sitzt, registriere und nachblicke. Jetzt kommt noch ein männlicher, älterer Gast mit langen Haaren und Dutt – wie der draußen – herein und schaut mich fragend bis kritisch an (wobei älterer bei mir immer noch jünger als ich heißt). Auch er beginnt in einem Notizbuch zu schreiben. Ich sollte aufhören und nach Hause gehen, sonst wird dieser Text wieder so lang und beim Eintippen dann erschöpfe ich mich und bekomme vom Sitzen Kreuzweh. Der andere Schreiber verwendet – wenn ich es von hier richtig sehe – nur einen billigen Kugelschreiber, keinen Pilotstift und weil er öfters herschaut, frage ich mich, ob er vielleicht mich beschreibt – wie ich ihn - oder ob der Blick nur neidisch ist, weil ich in einem durch dahinschreibe und gar nicht aufhören kann, während er nur ab und zu etwas notiert. Ein Cohenlied wieder, aber sicher bin ich mir nicht; es kommt mir die Stimme etwas, wenn auch ganz wenig anders vor, als ich die Stimme Cohens ins Erinnerung habe, aber wie gesagt: vielleicht habe ich sie früher nie so deutlich gehört. Mir fällt auf, wie jüdisch – was immer das hier genau bedeutet – seine Lieder sind. Jetzt singt übrigens Nina Simone und spielt grandios Klavier – auch eine Musikgröße meiner Jugend – aber trotzdem … - sie spielt jetzt geradezu klassisches Klavier, mit den sanften, schwingenden Jazzrhythmen der Begleitband unterlegt – und ich bin völlig hingerissen – aber trotzdem werde ich zahlen und gehen. (Und später hat er beim Augarten den zweiten Schreiber aus dem Katscheli mit dem Fahrrad vorbeifahren gesehen – der Tipper.)
(30.10.2025)
Peter Alois Rumpf Oktober 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]
<< Startseite