Dienstag, 30. September 2025

4226 Besser

 



12:20.  Im Mumok beim Tobias Pils. Wieder sitze ich auf einer Bank. Die Farben – blau, braun, grau, grün – gefallen mir. Die Formen irgendwie auch. Aber darauf kommt es nicht an. Ich bekomme Lust, wieder zu zeichnen und zu malen. Aber ich weiß: es führt kein Weg zurück. Da ist alles versperrt und die Reste von früher sind verrottet.

Jetzt schwappt mein Kaffeerausch mit gebotener Verzögerung über, während ich vor den großen „geometrisch“-abstrakten Werken sitze (die Sitzbänke sind übrigens sehr schön). Ein ungemein dünner Museumsaufseher, der mit seiner Kollegin herumgeht und viel Erklärendes redet, hört und hört damit nicht auf, während sie hilflos “ja“, „mhm“, „aha“, „jo!“ und Ähnliches antwortet (vielleicht eine Einschulung). Ich suche lieber die figuralen Bereiche auf. Die Bilder dort gefallen mir besser.


(30.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4225 Nichts Pickertes

 



9:58 a.m.  Im Spiegel an der Wand entdecke ich einen fetten, goldenen, fünfzackigen Stern. Als ich sein Original suche, sehe ich, dass es ein Gasluftballon ist, der an einem Garderobenhaken festgemacht ist. Er dreht sich ein wenig in der unbemerkbaren Zugluft. Ah! Jetzt kommt schon das fette Breakfast d’anglais (Bohnen, Speck, Spiegelei, viel Blunzen, Pilze, Brot, reichlich Butter, Marmelade). Und Chichamusik aus den Boxen, die ich als Lokalmusik so mag. Herrlich ist das alles!

Nach dem Essen gehe ich aufs Klo, um mir die nicht ganz unbefleckt gebliebenen Hände zu waschen – ich mag nichts Pickertes auf den Fingern – aber auch – ich gestehe es – um die Brösel aus meinem herausnehmbaren Gebiss (hier schreib ich es mit zwei s) zu spülen, denn die stören mich wahnsinnig, wenn sie daruntergerutscht sind und weh tun. Immer in der Anspannung, ob wer in den Waschraum herein kommt und wie schnell ich mein Tun gegebenenfalls verbergen kann. Aber jetzt kommt wieder Kaffee und die Zeitungslektüre.


11:07 a.m.  Nach der Lektüre ist vor dem Schreiben. Das Durchblättern der Todesanzeigen in der Kleinen Zeitung hat – entschuldigen Sie bitte den Tonfall – den ersten „Treffer“ gebracht: die Frau O. ist gestorben, 94 jährig, mit unserer Familie einigermaßen vertraut und mütterlicherseits weitschichtig verwandt. Mir fallen ein paar Szenen mit ihr aus meiner Kindheit und Jugend ein, und eine recht unangenehme als junger Erwachsener, wo ich mich vor ihr ohne es verhindern zu können durch das Getue meiner Mutter und meiner unbeholfenen Reaktion darauf als hilfloses Muttersöhnchen unfreiwillig geoutet habe, wofür ich mich noch heute schäme. Dabei hatte ich mich gefreut, sie, die Frau O., zu sehen. Wenn ich es als Kind geschafft hätte, mich ihr an meiner Mutter vorbei anzuvertrauen – auf diese Idee bin ich damals gar nicht gekommen – hätte sie als gebildete Frau so etwas wie eine Beschützerin von mir und meinen Ambitionen werden können. Sie hätte meine geistigen Interessen sicherlich nicht abgewertet. Was gewesen wäre wenn wissen wir natürlich nicht wirklich. Ich registriere tatsächlich Trauer. Puh! Jetzt ploppt der große Kindheitsschmerz auf! Ich lege Schreibzeug und Brille weg und lasse alles sich setzen.

Sanfte Gitarrenmusik. Die noch ziemlich grüne Platane vorm Lokal. Sanfter Windhauch in den Blättern. Sanfte, schmerzliche Gefühle überschwemmen mich. Nun die pseudoreligiöse Schnittenzeremonie. Am Nebentisch wird auch ein Breakfast d’anglais verspeist. Das Einschaufeln der Eiswürfel klingt wie das Einschaufeln von Eierbriketts. Der goldene Luftballonstern dreht sich immer noch langsam hin und her; im Wandspiegel zeigt er gerade seine volle Gestalt. Zwischen mir und dem Spiegel stehen auf einem hohen Tischchen eine paraffinübergossene Flasche mit weißer Kerze, eine kleine Vase mit kleinen Blumen und ein Krug; darum ist meine Sicht in den Spiegel ein wenig verstellt. Aber meine Baskenmütze, die dann am Kopf vielleicht etwas weibisch aussieht, kann ich im Spiegel sehen; das Original an der Garderobe ist von einem Mantel, der auf der mir zugewandten Seite hängt, fast zur Gänze verdeckt. Mein Gott! Ist diese Musik schön! Jetzt fällt mir auf, dass heute der innere Spötter noch gar nicht aufgetreten ist. Soll mir recht sein; wenn’s hart auf hart geht, versteht er es schon. Vermutlich ist er eh sensibel.

Der goldene, fünfzackige Stern kann sich auch nur so lange in die eine Richtung (Uhrzeigersinn) eindrehen, bis seine flache, bandartige Plastikleine zu großen Widerstand gegen diese Drehung aufgebaut hat und der Stern muß sich dann in die andere Richtung wieder ausdrehen.

Ich beginne, die anderen Personen im Lokal eindringlicher wahrzunehmen und ihnen ein wenig zuzuhören; und wie immer staune ich über ihr Selbstbewußtsein und ihre Welt- und Lebenskompetenz und frage mich, woher sie die haben und wie sie sich in ihren gesellschaftlichen Positionen halten können (ich verzichte jetzt auf Einwände; sie liegen ja auf der Hand – der innere Spötter).

Die Sonne kommt durch und hellt alles direkt oder indirekt auf. Nun starre ich durch die elegant angeordneten Löcher der Sessellehne gegenüber auf den hellen, gesprenkelten Fußboden. Aber nicht lange, dann ziehen die strahlenden Sonnenlichtflecken herinnen und draußen meine Aufmerksamkeit ab. Jetzt beginnen mich die Nachbargespräche – sie können nichts dafür – nervös zu machen. Vermutlich verunsichert mich bloß ihre Nähe und ich beginne, meine Anwesenheit hier in Frage zu stellen. Keine Sorge: das bin ich gewohnt, damit kann ich umgehen und außerdem sitze ich schon lange hier (11:53 a.m.; also ungefähr zwei Stunden).


(30.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4224 Gelähmt vor Angst

 



8:31 a.m.  Gelähmt vor Angst liege ich gefühlte hundert Jahre am rechten Rand des Bettes an die Wand gedrückt und kann mich nicht bewegen. Dabei hatte ich vor, in mein Lieblingscafé zu fahren, worauf ich mich schon die ganze Woche freue, und kein unangenehmer Termin oder Ähnliches bedroht den Tag. Ist es die Angst um die Existenz? Oder vor dem Leben? Oder vor den kürzer werdenden Tagen, dem heranschleichenden Winter, der unvermeidlichen Finsternis und Kälte? Oder dem immer näher kommenden Tod? Ich weiß es nicht, auch mein Empfinden ist blockiert, weil die Angst alles stumm niederschreit. Endlich gelingt es mir, mich zu bewegen und schließlich mich im Bett aufzusetzen, immer noch warm zugedeckt, ich friere nicht. Und allmählich fließt diese horrende Angst ab. Ich verweile noch hockend im Bett, bis sich meine eingeschüchterte Seele ganz beruhigt haben wird, und fange an, die Stille hier, die Wärme unter der Bettdecke und mein Zimmer zu genießen. Ich bemerke ein leises Zittern in meinen Gliedern bis herauf in mein Unterkiefer, das sogar kurz sehr stark wird und mein Gebiß, mein Kinn zittern läßt. Der Eindruck taucht auf, dass diese Angst sehr alt ist und aus meiner ersten Zeit hier auf Erden stammt, aber mit Sicherheit spüre und weiß ich das nicht. Endlich löst ein unwillkürlicher, tiefer Atemzug den harten Ring um meine Brust; nicht zur Gänze, aber die Atmung wird lockerer und mehrere freie, unwillkürliche Atemzüge können folgen, die auch die Verspannungen im Bauch lockern. Ich werde bald bereit sein, hinaus zu gehen und mich der Welt und dem Leben – auf meine schüchterne Art – zu stellen.


(30.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 29. September 2025

4223 Der pinke Pilotstift

 



15:19.  (Im Aida zumindest mit pinkem Pilotstift schreiben!) Die Aula der Wissenschaften rollt der Kunst den roten Teppich aus; sagt sie; gegenüber. Diese Ecke da Wollzeile/Riemergasse scheint mir so ein energetischer Hotspot von Wien zu sein – wenn ich das mit meinen nicht einmal spärlichen geomantischen Fähigkeiten zu behaupten wagen darf (scheiß di net ã! Is eh nur Literatur – der innere Spötter). Mir kommt immer vor, hier spielt sich Entscheidendes ab (der Kaffee ist mir heute zu bitter, so sehr, dass ich seit Jahrzehnten zum ersten Mal wieder ein Viertel Kaffeelöffel Zucker reingegeben habe). (Besser! Aber das mache ich nie wieder! Damit fange ich nicht wieder an!) (Aber immerhin ist an diesem Hotspot eines deiner Jahrzehnte anhaltenden, lebenshorizontalen, ernährungsrelevanten und ideologischen Grenzzäune zusammengebrochen – der innere Spötter.) Es herrscht reger Verkehr auf der Gassn. Viele energetische, ideologische und sonstige Konglomerate und Sinnhorizonte streifen hier aneinander vorbei, überschneiden sich möglicherweise, möglicherweise wirken sie auch – meist unbemerkt – aufeinander ein und verändern sich dabei und ihr Umfeld. Menschen küssen sich, grüßen sich, ignorieren einander, gehen in unerklärlichen Bögen um einander herum, stehen herum; Tauben durchfliegen die Szenerie und setzen sich auf Mauervorsprünge. Was Menschen betrifft, muß man noch das Starren auf Handys erwähnen. Manche warten offensichtlich. (Ich wurde bei meiner Beobachterei durchs Fenster ertappt. Von einer Frau natürlich.)

27A. Eine Hausnummer; auch eine magische Zahl? (kann man aber nicht im Lotto spielen! - der innere Spötter). Wenn man das A als verrutsche 4 liest? (Nur zu! - der innere Spötter). 3A Stubentor steht vorne am Bus. In diesem technoiden Design der punktgenerierten, elektrischen Busanzeige schaut das A eher wie eine unten aufgesprengte 8 aus (weil oben rundlich). Aber was heißt das auf Lotterisch? Hätt’ ich besser die Tauben zählen sollen? 27.September bis 5.Oktober ist sehr kurz für eine Ausstellung (Aulala). Dieser Fensterplatz im Café ist einfach großartig! Wie für mich geschaffen. Danke Universum, Götter, Geister, Wesen, Elfen, Genii loci und wer oder was auch immer aus der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Ich wußte ja immer schon: der Herbst ist meine beste Zeit; auch für mich Geist- und Stadtwanderer (dabei sitzt er meistens nur herum – der innere Spötter). Ich würd' sagen: wir gehen. Ich zögere noch; vielleicht passiert hier noch etwas Wichtiges; das will ich nicht verpassen. Mein Knie schmerzt wieder stärker.


(29.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4222 Kreuzung

 



13:28.  Ich habe mich in den Schatten gesetzt und schaue von da aus auf die sonnige Welt. Die aber soeben in Wolken versinkt. Und wieder hervorkommt. Die gegitterten Kaffeehaussessel werfen so schöne Schatten auf den gelb angestrahlten Asphalt des Gehsteigs, aber im Moment beginnen sie sich zu entziehen und: sind schon weg! Wieder war es eine Wolke, die sich eingemischt hat. In dem Ausschnitt ganz hinten, den die Häuserschlucht freigibt, ist der Himmel noch satt vom Blau. Zögerlich kommt nun die Sonne hervor und mit ihr die schönen, interessanten und in Wirklichkeit geheimnisvollen Schatten, und beinah hat das Sonnenlicht meinen Sitzplatz erreicht und aus dem Schatten geholt, da kommt wieder die Wolke dazwischen. Aber jetzt! Jetzt scheint die Sonne auf meine Hände und wärmt sie, und blendet mich doch noch nicht ins Gesicht. Jetzt kommt sie hinter der Rundung des Hauses an der Kreuzung Schwarzspanierstraße - Ferstelgasse heraus und scheint mir fast schon zur Gänze aufs Angesicht. So vergeht die Zeit und mein Leben. Aber schon zum Termin um zwei wird mir die Zeit knapp. Ich muß den Cappuccino schneller trinken. Das rote Lesezeichenbändchen macht sich gut auf dem grauen Kaffeehaustisch.


(29.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4221 Offenes Fenster?

 



8:37 a.m.  Im Traum geht es um den Verlust der Wohnung. Sehr düster alles. Die Wohnung war auch eine ganz andere als die wirkliche (mir kommt aber vor, ich kenne sie aus den Träumen).

23:13.  Ich huste ein wenig. Ist die Luft zu kalt für offenes Fenster?


(28.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4220 Klack



23:38.  Ich höre Regentropfen. [19:05.  … aktiviert … Zehen sehen … atme aus … Oberschenkel …] Und jetzt irgendein Gerät. [… genau … wunderbar … Hand zum Boden … offen … geschlossen … rechte Hand auf den Boden … stop …] Ich kann nicht sagen, ob nah oder fern (also: ob es ein lautes Gerät ist aber weit weg, oder ein kleines, leiseres zum Beispiel aus einer anderen Wohnung). [… auf die Kante … Abstand dann gleich … genau … ausatmen … rechten Fuß nach vorne …] Je länger es andauert, desto stärker tippe ich auf laut und fern (Straßenbaustelle?). [… ankommen … jaaa … genau … super… jajaja …] Es bleiben die Regentropfen im Lichtschacht und ein ganz fernes Brummen, nur undeutlich wahrnehmbar (für meine Ohren). [… einfach mit dem Arm … ohne Stress … hältst den Atem … ohne Ehrgeiz … ja, ganz locker …] Und als ich, weil ich nochmals aufs Klo muß, im Vorzimmer das Licht aufdrehe, hallt das Klack des Schalters wegen des offenen Fensters laut im Lichtschacht.


(25. [30.] 9. 2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 26. September 2025

4219 Hochschule für abgewandte Kunst

 



9:37 a.m.  Nach der Spritze ein paar Gassen weiter wieder in der großen Halle, wo sich die Uhr um diese Zeit schnell dreht, obwohl es hier im Moment sehr ruhig ist, kaum Gäste, und so wirkt, als wäre die Zeit stehen geblieben; wo, das weiß ich nicht (das kommt davon, wenn man fragwürdige Vergleiche anstellt – der innere Spötter). Ein Fin de Cercle ist jetzt nicht abzusehen, kommt aber später sicher. Ich stelle eine gewisse körperliche Unbeweglichkeit fest und vermute auch eine seelische. Diese „Teufelsmaske“ (eine Tischdekoration aus getrockneten Pflanzen, bei der zwei Ähren hörnerartig abstehen) schaut mich immer noch aus der Ferne des Schalter 19 an wie vorige und vorvorige Woche. Draußen regnet es und mir kommt vor, auch die Lichtverhältnisse in der Halle haben sich über die gewölbte Glasdecke, deren Verstrebungen nach oben ich jetzt gut durchs gerippelte Glas schimmern sehen kann, verändert. Die soeben aufgestoßene Schwingtür raunzt laut, stark und beinah musikalisch. Apropos: die Musik aus den Boxen ist schwarze Musik aus Amerika, vermutlich USA (ich weiß ja nicht, ob der eine oder andere Jazzmusiker aus Kanada kommt). Die sŸs-Kabine arbeitet auch im Kreis und momentan ins Leere (so wie du mit deiner Schreiberei – der innere Spötter). Ich werde eine Hochschule für abgewandte Kunst gründen. Jetzt ist die schwarze Musik rock & rolliger. Gehobener Rock natürlich. Jetzt wiederum soulig. Die Blinkerei aus der absichtlich offenen sŸs-Kabine hat wirklich etwas Vergebliches (ich will nicht so grausam sein und anfügen: wie du mit deiner Schreiberei – der innere Spötter). Das rote Bändchen des Notizbuches, das man einlegt, um die Stelle wiederzufinden, habe ich mit dem losen Ende fast lasziv auf den runden, verspiegelten Kaffeehaustisch geworfen; vielleicht ist sie auch nicht mehr als eine energetisch-literarische Nabelschnur, die versucht, irgendetwas Verwertbares aus der gespiegelten Welt ins Notizbuch zu saugen. Auch die Kaffeetasse hat sich an der Untertasse festgesaugt und nimmt sie mit dem Löffelchen, das auf letzterer liegt, mit in die Höhe, als ich die Kaffeetasse hochhebe, um einen Schluck zu nehmen.

Der kreisende große Zeiger an der Wanduhr hüpft nicht in regelmäßigen Sprüngen, manchmal hüpft er nur eine ganz kleine Distanz, dann wieder eine große und das ebenfalls nicht in regelmäßiger Reihenfolge und es hat – scheint es - auch nichts damit zu tun, ob es aufwärts oder abwärts geht. Die zeitlichen Intervalle scheinen ebenfalls unregelmäßig. Auch die einzelnen Hüpfer sind interessant: der Zeiger hüpft eine Distanz und rutscht dann wieder schätzometrisch den halben Weg zurück. Bei den ganz kleinen Sprüngen kann es sein, dass er die ganze Distanz zurückrutscht. Ein chronologischer sŸsiphos. Mir schlafen meine übereinander geschlagenen Beine ein. Es sind auch bei den großen Sprüngen manchmal mehr als fünfzig Prozent, die der Zeiger zurückrutscht. (Ich wage, in die Gänge zu kommen und mich dort zu verirren, weil ich pinkeln gehen muß. Das nur nebenbei erzählt; es gehört nicht zum literarischen Content!) (Er wollte zunächst brunzen schreiben, hat sich dann instinktiv für pinkeln entschieden, obwohl er das Wort brunzen – Telemax sei gedankt und R.I.P. - so liebt, weil es eine Intensivform zu dem ausgestorbenen Verbum brunnen ist – wie schnitzen zu schneiden und flitzen zu fliehen etc. Und zu recht hat er pinkeln gewählt, denn von einem intensiven Strahl kann keine Rede gewesen sein! - der innere Spötter.) Also erleichtert bin ich doch und – wie immer um diese Zeit – geht jetzt die Wanduhr normal und zeigt stabil. Jetzt zeigt sie zwar 10:17, während meine Handyuhr 10:25 anzeigt, aber auch dieser Abstand zur Echtzeit ist immer der selbe. Es gibt schon eigenartige Gesetzmäßigkeiten im Universum! Und außerdem ist jetzt die Musik verstummt. Doch: jetzt kommt sie leise wieder. Jetzt ist sie wieder da.

Ein Touristenpaar kommt herein; man erkennt sie an ihrer Fortbewegungsart und ihrem Herumschauen sofort als solche (das ist keine Kritik!). Ich gönne Wien die Touristen und umgekehrt. Auch wenn ich jetzt nicht verstehe, warum sie den Kaffeekiosk auf Schalter21/22 fotografieren. Aber auch diesem vergönne ich die Verbreitung seines Abbildes in der weiten Welt.

(Gerade wollte er sich innerlich belustigt echauffieren, weil die soeben hereingekommene Touristengruppe so lange und andächtig auf so ein Pflanzenkonglomerat gafft, von dem nicht einmal sicher ist, ob die Pflanzen echt sind oder aus Plastik. Was der arrogante Schnösel jedoch nicht bemerkt hat: dort steht eine Orientierungs- und Anzeigetafel der Direktion des Hauses und des Kaffeekiosks - ebenfalls auf Spiegel. - der innere Spötter.) Jetzt wird es voller. Ein junger Mann mit einem Plastikbehälter mit einem Kilo Weintrauben in der linken Hand versucht, mit seiner rechten Minitischtennis zu spielen, was nicht gelingt, der Ball rollt durch die halbe Halle. Was dem Universum vermutlich auch relativ egal ist. Ich spiele wieder Hausmeister und öffne die von Touristen brav, aber von den VeranstalterInnen nicht erwünscht geschlossene sŸs-Kabinentür. Das Café ist nun recht voll. Ich würde gern noch ein wenig bleiben, aber das Sitzen wird mir schon unangenehm. Ich denke nämlich, es könnte hier noch etwas Schönes passieren. Ein bisschen was Schönes passiert eh gerade, indem ich ein wenig mit einem Touristenpaar plaudere und anbringen kann, dass man die Türe der sŸs-Kabine nach dem Verlassen offen lassen soll, obwohl sie es eh schon mitbekommen haben! (Er schwindelt wieder! Hauptsächlich hat er mit ihr geplaudert. Ob er das mit der sŸs-Tür auch gewußt hat, weiß er gar nicht! - der innere Spötter.) (Da wäre eigentlich ich dran! Richtigstellungen sind mein Part – der innere Korrektor.) Spieglein, Spieglein auf dem Tisch, wer ist hier der größte Fisch? Jetzt lache ich mit ihm, weil er in ihr Fotografieren reinfeixt.


(26.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 25. September 2025

4218 Engelsflügel

 



12:14.  Beim Kaffee. Der eine trägt den Qualtinger am Bauch, ich den Geisterfahrer auf der Brust. Heute ist hier herinnen viel los und die Laube draußen leer. Es regnet immer wieder und es ist kalt. Die burgunderrotähnliche Farbe meines Pilotstiftes und die ähnliche meines Notizbuchdeckels schlagen sich mit dem helleren, ins Pinke changierende Rot des Kaffeehaustisches.

Pause.

Aus einem überraschenden, kurzen, intensiven Gespräch fällt es mir schwer, ins Schreiben zurückzufinden. Dabei stößt mir mein Eifer im Gespräch auf, dem etwas Übertriebenes anhaftet; das Zukurzgekommene läßt mich kindlich drauflosquasseln (kannst dich noch an den Quasselkasper aus Wasserburg erinnern? - der innere Spötter). Mein Blick aber fixiert sich nun an den Licht-Engelsflügeln, die die Lampen dort in der Fensternische an die Wand werfen; und dieser Anblick ist tatsächlich beruhigend und heilsam. Ein kurzer Moment der Stille hier, jemand klatscht ein Mal, jemand klopft, dann kommt die Musik wieder. Es ist alles gut. Der Lichtengel erfreut und beschützt mich wirklich. Mein innerer Spötter möchte deswegen gleich loslegen, aber er beherrscht sich, weil er doch spürt, dass das jetzt lebensnotwendig ist und keinen Spott verträgt. Später vielleicht.

Ach du himmlischer Lampenengel! Danke dass sie jetzt Aldous Harding spielen! Danke für diese Intervention (ich höre sie hier zum ersten Mal). Regnet es? Ich frage wegen meiner Weiterwanderung. Die Lichtkugeln der zwei Kristallglasdeckenlampen stehen im Raum unter dem Plafond wie angehaltene außerirdische Flugobjekte. Sicher transportieren auch sie eine Botschaft. Ich vertraue darauf, dass sie eine gute, lebensfördernde ist und dass sie langsam – so wie es unsere verdummten Bewußtseine nötig haben – einsickert. Ich starre länger auf sie, vielleicht etwas zu gierig nach existentieller Erkenntnis. Der Ventilator dreht sich heute nicht; ist auch nicht notwendig. Ich sehne mich so nach Erlösung! (Vorsicht! Bald fange ich wieder zu spotten an! - der innere Spötter.) Ich traue mir nicht zu, es selbst zu schaffen. Ich denke, es ist Zeit auszutrinken, zu zahlen und zu gehen. Gehen!


(25.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4217 Große Lust

 



0:34 a.m.  Mit geht’s hald (sic!) öfters so, dass ich große Lust habe, etwas zu schreiben, aber keine Idee da ist. So wie jetzt: ich lege mich nach all den notwendigen Abenderledigungen voll Vorfreude ins Bett, decke mich warm zu (ich habe nämlich das Fenster offen, obwohl es recht frisch ist), habe schon das große Licht abgedreht und drehe jetzt die Leselampe neben dem Bett auf, ziehe meine Beine an, lege das Notizbuch auf die Oberschenkel, notiere Datum und Uhrzeit (die ich zuerst am Handy nachschauen muß) und warte auf eine Eingebung. Dabei schaue ich mich schon im Zimmer um, ob mich irgendetwas anspringt, und fühle und horche in mich hinein, ob sich irgendetwas bemerkbar macht, achte so gut es geht auf meinen Gedankenstrom, die daherkommenden Bilder und auf meinen inneren Monolog, ob sich da etwas aufdrängt oder zeigt.

Das erste, was mir meistens auffällt, wenn keine Idee kommt, ist, wie laut diese Stille hier ist. Es ist eine schrille Stille. Erschwerend kommt hinzu, dass ich schon eine Art Zensur ausübe; nicht alles, was mir so in den Sinn kommt oder durch den Kopf geht, bin ich bereit, aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Manchmal traue ich mich nicht, manchmal halte ich es für zu blöd, manchmal für inakzeptabel, manchmal für viel zu uninteressant (dabei hast du, was Letzteres betrifft, eine sehr große Toleranz – der innere Spötter).


(25.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4216 Dringend

 



14:28.  Das war jetzt dringend. Bin schon rastlos auf- und abgegangen. Wollte noch dies und das erledigen. Aber nein: ab ins Café; ich hatte schon Kaffeeentzugserscheinungen. Die ersten zwei Schlucke brachten schon Linderung. Der Kaffee ist recht gut hier. Ich war schon jahrelang nicht mehr da. Lange habe ich nicht Zeit. Außerdem spielt heute Sturm (und hat verloren – der Tipper). Hier wird Finnisch gesprochen. Laut irgendeiner Statistik sind die Finnen die größten Kaffeetrinker in Europa (meinst du die Körpergröße? - der innere Spötter). (Die stärksten Kaffeetrinker wäre auch missverständlich.)

So! Jetzt geht’s wieder. Ich trinke noch aus, dann erledige ich den Einkauf und zu Hause Wäsche und Geschirr.


(24.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4215 Ungeduld

 



23:30.  Lichtnebel verhindert eine klare Sicht in der Dämmerung des Zimmers. Das Flugzeug, das über unseren Bezirk fliegt, kracht so komisch. Jetzt ist es jedoch schon in den Wolken verklungen und es hat sich dann normal angehört. Müdigkeit und Aufregung ist das, was mich bestimmt, und eine Pattsituation der verschiedenen Kräfte. Vor Ungeduld, weil nichts weiter geht, spreize ich unter der Decke die Zehen in die Höhe. Der schwarze Fensterrabe wirkt so, als schwebte er in echt, und hat eine schwache Aura. Vielleicht bin ich es, der schwach sieht. Auch um meine Schreibhand bildet sich zeitweise eine blasse Abstrahlung. Nachdem ich das notiert habe, hat sie sich wieder verflüchtigt. Dafür kommt jetzt ins Bücherregal Bewegung. Meine Augen machen aber bei diesen optischen Spielereien nicht mehr mit und fallen zu.


(Mit Erstaunen nehme ich zur Kenntnis, dass ich beim Post 4212 Oh! Calcutta! eine Warnung vorgeschaltet bekommen habe. Passt’s also auf! - der Tipper)


(23.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 23. September 2025

4214 Realitätsverlegenheit

 



8:42 a.m.  Es ist Herbst. Die Kälte rüttelt einen zusammen und das ist nach den verschwommenen, verschwitzten Sommerträumen ein Gefühl eines anständigen Neubeginns, eines genehmigten zweiten Anlaufs.

9:56 a.m.  Das da oben habe ich in der U-Bahn geschrieben (teilweise! Auch auf dem Bahnsteig vorm Einsteigen – der innere Korrektor). Jetzt bin ich wieder im Lieblingscafé. Warum frühstücke ich ein Mal in der Woche hier im Café, wenn es für mein Budget und im Hinblick auf meine Familie eine unverantwortliche Ausgabe ist? Weil ich so das Gefühl oder die Illusion haben kann, ein normaler, souveräner Bürger zu sein, der in selbstverständlichem Austausch mit Welt und Gesellschaft steht und sich ohne Schuldgefühle (Illusion! - der innere Spötter) Sachen gönnen und leisten kann, die er mag. Ein bißchen scheine ich da meinen Dämonen auszukommen (oder? - der innere Spötter). So schöne Gitarrenzupfmusik! (Nabelschnurvibrations? - der innere Spötter). Wer einschränkt meinen inneren Spötter? Ich liebe doppelbödige Assoziationen, wie man an Oh! Calcutta! sehen kann (hör mit diesen ständigen, kindischen, blöden Hinweisen auf! - der innere Korrektor). Wer einschränkt meinen inneren Korrektor? [Ich kann mich noch genau an den Zeitungsartikel mit Foto im Kurier erinnern, als 1969 das Musical Oh! Calcutta! herausgekommen ist. Das hat mich damals als Fünfzehnjährigen sehr beeindruckt, weil die DarstellerInnen meist nackt auf der Bühne agierten. Und Oh! Calcutta! hat nichts mit der indischen Stadt zu tun, sondern ist eine Verballhornung des französischen O quel cul t'as (Was für einen Hintern du hast!). Jetzt ist das Geheimnis gelüftet.]

Ich liebe diesen Zustand einer gewissen satten Leere mit stiller Aufgeregtheit. Ist das Warten auf Godot? Oder auf Bruder Hein? Jetzt fällt mir wieder dieser Witz ein, den Hermann Hesse als Kind gehört hat und wo er nicht verstanden hat, was daran lustig sein soll, weil er die geschilderte Szene – zu recht! - ernst genommen hat: Ein Schriftsteller wird gefragt, was er am Vormittag gemacht habe. Er antwortet: Ich habe einen Satz geschrieben. Und am Nachmittag? Da habe ich den Satz wieder durchgestrichen. Vielleicht fehlt mir zum großen Schriftsteller das Durchstreichen! (klingt plausibel – der innere Spötter).

Aus aktuellem Anlass: mir sind die Typen (männlich) mit in die Frisur oder Glatze hochgeschobenen Brillen fast automatisch unsympathisch (fast ein Reim! - der innere Spötter). Meine Aufmerksamkeit auf die Umgebung ist völlig lückenhaft. Ich merke oft nicht, wenn Gäste das Lokal verlassen. Plötzlich stelle ich fest, diese Person ist nicht mehr da und hat keine für mich sichtbaren Spuren hinterlassen.

Ich starre in meiner Realitätsverlegenheit auf das Kaffeehaustischchen vor mir mit dem schon fast leeren Kaffeehäferl mit Untertasse, dem unberührten Schnittenstückchen und dem halb vollen – halb leeren Wasserglas im Tablett und dem aufgeschlagenen Notizbuch mit darauf gelegtem Pilotstift und der abgenommenen Lesebrille.

Ich glaub, das war’s für heute. Die Musik hält mich noch ein wenig hier. Vorm Aufbruch noch ein erbetener Sitzplatzwechsel an einen Tisch (die Sitzfläche ist noch kühl), an den ich mich – wegen seiner besonderen Eckposition – aus Bescheidenheit (oder was auch immer das ist – der innere Spötter) niemals von selbst hingesetzt hätte, obwohl mir dieser Platz immer attraktiv erschienen ist. Aber jetzt gehe ich.


(23.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4213 Steckenpferd

 



0:38 a.m.  Ich führte soeben einen lebhaften inneren Dialog mit einem imaginierten Kulturjournalisten, der mich als gerade durchgestarteten und gehighpten (sic!) Literaten interviewt und erkläre ihm – weil er dafür viel zu jung ist – was es mit diesem Oh! Calcutta! auf sich hat. So oder ähnlich gehen meine Tage dahin und jetzt ist es schon Abend, respektive Nacht und ich habe berufsmäßig noch nichts weitergebracht. Man kann natürlich sagen, eine Tätigkeit, von der man nicht leben kann, ist kein Beruf. Aber es - wie Armin Wolf – definitiv als Hobby zu bezeichnen, ist falsch. Es kann auch eine Berufung sein. Außerdem mag ich das Wort Hobby nicht, das hat mich schon immer gestört. Steckenpferd erst recht! Dieses Wort hasse ich. Darin liegt etwas Abwertendes, und was etwas wert ist, kann man nicht so einfach wissen, schon gar nicht als Zeitgenosse. Es ist falsch, dass von vornherein nur das, was Einkommen bringt, etwas wert ist.

So. Zurück zu meinem stillen Abend. Die Sicht ist in meinem Zimmer trüb, als wäre Nebel herinnen. Oh! Für ein paar Sekunden habe ich ein Bild, das gleich bei meinem Bettende hängt, völlig anders zusammengesetzt und mich nicht ausgekannt. Ein wenig war ich sogar erschrocken. Ich befürchtete schon, ich hätte die normale Weltsicht verloren. Leitln! Ich bin schon zu müde; das wird für meine Augen und meine Psyche zu gefährlich. Schlafts gut!


(23.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 22. September 2025

4212 Oh! Calcutta!

 



14:47.  Terrass’ Weltcafe (den accent aigu führen sie meist nicht im Namen, manchmal schon: Weltcafé). (Jetzt gibt er schon wieder an, dabei hat der den Namen des Akzentes zum ersten Mal in seinem Leben schwarz auf weiß gelesen und freut sich wie ein Schaukelpferd, dass er den Namen immer richtig ausgesprochen hat – der innere Spötter.) Ein wunderschöner, vermutlich der letzte Spätsommertag. Wehmut durchzieht das Ambiente. Ferienende sozusagen (die Hoffnungen hatten sich nicht erfüllt; jetzt muß man sich wieder ins neue Schuljahr einfügen). Eine Frau in einem pinken Hosenanzug stakst vorbei; auffällig, aber uninteressant. Der am Nebentisch liest in einer Zeitung die Seite mit der Überschrift Mein Geld. Was will mir das Universum damit sagen? Ich finde das nicht lustig! Die Zeitung am Nebentisch ist DiePresse (sic!). Das habe ich schon vermutet.
Am Sonntag habe ich beim Weggehen zu meiner Walkingtour auf der Straße einen blauen, durchaus schön geschliffenen Glasschmuckanhänger mit drei Blechmedaillen religiösen Inhalts an seinem Ring gefunden und eingesteckt. (Ich vergesse immer, dass auf den Terrassen die Raucher sitzen; mir wird vom Rauch schummrig). Also das größte der drei Blechmedaillen zeigt auf der einen Seite den Jesus mit einem strahlenden Herzen in der Hand. Die Inschrift lautet: Praebe fili mi cor tuum mihi. (Übersetzung im Internet: gibt mir dein Herz, mein Sohn.) Auf der anderen Seite: Madonna mit Kind. Inschrift: Regina sacri scapularis o.p.n. (Übersetzung laut Internet: Königin des heiligen Skapuliers bete für uns). Die zweitgrößte, ebenfalls ovale Blechmedaille zeigt die sogenannte Mutter Teresa und die Inschrift lautet: M. Teresa of unleserlich. Oh! Calcutta! Die Rückseite eine Blume und die Inschrift Pray for Us. Die kleinste: kann ich nicht derlesen; vermutlich Madonna ohne Kind.
An einem anderen Nebentisch reden zwei junge Frauen laut und in britischem Englisch, verdrücken einen Riesenburger mit pommes frites und eine leckt sich die Lippen. Gusto Giusto steht auf der Kaffeetasse und der Kaffee ist recht gut. Der sanfte, aber stete Wind hebt manchmal die Stoffbahnen der Markise, so dass ein Spalt aufgeht und die Sonne kurz und intensiv hereinsticht und mich blendet (um das Wort Markise zu finden habe ich mindestens fünf Minuten in meinem Gedächtnis suchen müssen). Eine junge Frau mit recht durchsichtigem Kleid geht vorbei und man kann ihren fast ganz nackten Hintern sehen. Ich denke aber an ein Buch um € 22.- in einem Antiquariat in der Nähe – das jedoch heute geschlossen hat – über die Punks in der Spalowskygasse (Gassergasse, mein Freund! Gassergasse! - der Tipper); vielleicht finde ich da endlich Fotos von der Frauenpunkband Potschemu. Aber € 22 am Monatsende? Schaumamal.
Immer wieder blitzt die Spalte in der Markise auf, aber die Sonne steht nicht mehr direkt über dem Spalt. Ein Taxi fährt vorbei, das Schild am Dach noch extra auf einer kleinen vertikalen Stange über das Dach gehoben, schwebt über die geparkten Karosserien Richtung Sonnenuntergang. Der Wind wird stärker. Ich habe schon bezahlt.


(22.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4211 Shortcomings

 



9:25 a.m.  In der großen Halle. Und wieder hüpft die Wanduhr sinnlos und viel zu schnell im Kreis (die Niki Lauda unter den Uhren). Ich ärgere mich, dass ich, weil ich mich bei der Kartenzahlung ungeschickt angestellt habe, dem Kellner gleich erzählen mußte, dass ich ohne Telefon und ohne Fernseher aufgewachsen bin. Ich mein, das ist ihm doch wurscht und warum muß ich mich immer erklären und für meine Shortcomings entschuldigen? (Und für seine schlechten Englischkenntnisse. Da ist er ganz stolz, wenn er dann so ein englisches Schlagwort aus seiner Sicht einigermaßen richtig hinbekommt – der innere Spötter.) Und soo ungeschickt habe ich mich gar nicht angestellt! Aber gut, bei der Toilettensuche irrte ich immer noch in den Gängen des kafkaesken Gebäudes herum. Bleiben wir objektiv: so wie ich sitze, schaue ich Richtung 327° NW. Eine Schar Touristen kommt herein und sie fotografieren die schnell drehende Uhr (jetzt fabuliert er wieder: die fällt denen doch gar nicht auf – der innere Korrektor). Aber nicht wenige werden sie unbeabsichtigt auf ihren Fotos und Videos haben. Objektiv fotografieren sie sie. Die zahlreichen Pflanzen hier, sind die echt oder Plastik? Ich habe Hemmungen, das zu überprüfen. Jetzt spielen einige Minitischtennis. Ein paar tanzen ein paar Schritte oder lassen ihre Hintern wackeln. Zwei Frauen sind in der sŸs-Kabine und haben wirklich die Tür zu gemacht. Man sieht sie wegen der Verspiegelung nicht, aber hört sie kichern. Nach zwei, drei Minuten kommen sie wieder heraus und laufen eilig ihrer bereits abgegangenen Gruppe nach. Mögen sie sie nicht verloren haben! Das nächste Paar, das aus der Kabine kommt (anscheinend hat er ihr Hineingehen vergessen zu erwähnen – der innere Spötter) – keine Mitglieder der Touristengruppe – schließen brav, aber von der Regie nicht erwünscht die Tür. Ich stehe doch glatt auf, gehe hin und öffne sie wieder (bist du jetzt Hausmeister? Portier? informeller Mitarbeiter? - der innere Spötter). Ich zähle jetzt – abgesehen vom Kaffeesieder – fünf Personen in der Halle verstreut, mich am Kaffeetisch mitgerechnet. Jetzt sind es sechs. Ein Typ trägt einen Claude Monet am Rücken (er weiß es nur, weil es neben dem Bild am T-Shirt steht – der innere Spötter). Die Musik geht Richtung Endorphinmusik der Sechzigerjahre. Für mich an der Kippe. Genaugenommen jenseits meiner roten Linien. Aber ich bleibe sitzen und gehe nicht (Bleibma no a wengerl sitzn, bleibma no a wengerl do, san ma no a wengerl lustig … - der innere Spötter). Meine Walkingstecken habe ich in ein reguläres Loch im Plastiksessel gesteckt, damit sie nicht umfallen und niemand darüber stolpert. Die Musik hat sich schon geändert. In die sŸs-Kabine gehe ich heute nicht, weil ich mitbekommen habe, dass man heraußen alles hört (alles nicht. Nicht das, was aus den Kopfhörern kommt – der innere Korrektor). Musikalisch sind wir jetzt in Afrika; sehr sensible Musik. Und jetzt frankophon chanconierend; auch schön (damit rutscht meine Seele ins Pubertäre ab; diese ganzen “existentialistischen“ Lebenshoffnungen als Teenager sind wieder da). Die Menschen haben es heute auch nicht leicht; ich sehe es den jungen Künstlern hier an. Die Wanduhr geht jetzt tempomäßig normal und zeigt 10:19 an, während meine Handyuhr 10:26 zeigt. Der Teufel steckt im Detail und im richtigen Timing des Abstellens des schnellen Uhrendurchlaufs, aber immerhin.

Und jetzt? Aufbruch? Umbruch? Abbruch? (Au weh!) Zusammenbruch? Auseinanderbruch? (Biiittte! Geh schwimmen oder ins Fitnesscenter! - der innere Spötter.) Das Aufschlagen des Tischtennisballs auf dem Tisch und an den Schlägern hallt nur so durch den riesigen hohen Saal. In der sŸs-Kabine habe ich übrigens bei meinem letzten Besuch die Aufhängung eines Kopfhörers repariert (lieber Freund, Hausmeister und informeller Mitarbeiter! Es ist höchste Zeit, dass du gehst oder zumindest zu schreiben aufhörst! – der innere Spötter). Die Pflanzen könnten doch echt sein.


(19.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 18. September 2025

4210 Station Mumok

 



13:33.  Wieder bei der Barbara Kapusta im Mumok. (Um zu zeigen, wie man in negativen Prophezeiungen verstrickt sein kann, schildere ich meine Phantasie beim Anmarsch auf das Mumok: da ich mit Walkingstecken unterwegs bin und die in der Garderobe abgeben will/muß und da ich die Garderobe schon öfters unbesetzt vorgefunden habe, phantasierte ich mir folgendem Sketch zusammen: die Garderobe ist unbesetzt, ich gehe hinter die Budel – beim Eindringen in diesen Bereich immer mit Herzklopfen! - und hänge meine Stecken auf und gehe dann in die Ausstellungen. Als ich zurückkomme, ist die Garderobe besetzt und der Typ dort verlangt die dafür vorgegebene Gebühr. Ich verweigere die Bezahlung, weil mein abgegebenes Gut (die Stöcke) gar nicht bewacht waren. Der Typ besteht darauf, ich schreie wutentbrannt zurück: „ich zahle nicht für eine Dienstleistung, die gar nicht erbracht wurde!“ etc. In Wirklichkeit ist es so abgelaufen: die Garderobe war mit einer netten Dame besetzt, die Hinterlegung der Stöcke war gratis, meine Befürchtungen haben sich in Wohlgefallen aufgelöst und beim Abholen haben wir einander einen schönen Tag gewünscht.) Also bei Barbara Kapusta. Der weiße Ring biegt sich, zittert, nimmt Anlauf und zerschlägt die menschliche Faust in Stücke. Die Trümmer liegen herum. (Den Englisch gesprochenen, musikalisch intonierten Begleittext verstehe ich auf Grund meiner mangelnden Englischkenntnisse nicht – ich interpretiere so ins Blaue, Willkürliche hinein.) Mir kommt vor, manche der dünnen, silbrigen menschenähnlichen Figuren haben etwas Trauriges; ich meine die, die stehen; bei denen, die liegen, bin ich mir nicht sicher. Und die schwarze, verfremdete Schrift an der Wand: als würden die Buchstaben - zu Flügeln oder Flammen mutiert – auffliegen, oder doch als schwarzes Feuer verbrennen wollen. Die ganze lange Wand ist voll von diesen unleserlichen Schriftzeichen und „lecken“ sogar um die Ecken. Das sind Menetekels! Ihre Aussage schon zu Asche verbrannt? Doch jetzt, da der silbrige „Mensch“ da vor mir liegt, wirkt er doch eher wie niedergeschlagen, durch einen Hieb zu Boden gestreckt, richtet aber den Oberkörper wieder auf, mit den Armen nach hinten abgestützt. Auch die zweite silbrige Figur am Boden wirkt nicht entspannt, sondern zu Boden geworfen. Es gibt schon – wenn auch wegen der kaum von der Farbe der Wand unterscheidbaren Farbe der lateinischen Buchstaben schwer lesbaren Schrift – einen Text an der Wand, aber wieder kann ich sie wegen meiner mangelnder Englischkenntnisse nicht verstehen (8% of our bodies regenerates resting next to our body …) [Laut Ausstellungstext an der Wand heißen die geschlechtsneutralen Skulpturen aus Aluminium Giants und die flammenden Buchstaben schreiben This Is The Space We Inhabit As Neighbors über die lange Wand.]


Kurzandacht vor Giacomettis aufrecht stehender Frau einen Stock höher (abgelenkt durch das Video rechts). Ich bin immer wieder fasziniert von der Schönheit und Eleganz dieser Gestalt. Die Trauer mag ich hineininterpretieren. Ein bißchen wirkt sie wie ein Fremdkörper in dieser Ausstellung, aber weil sie eine psychologische, soziologische, historische, spirituelle Tiefe hat, die rundherum fehlt – so kommt es mir vor (auf seine Analysen, Deutungen und Interpretationen ist kein Verlass! - der innere Spötter). Ich versuche, alles andere hier auszublenden (was eindeutig gegen die Intentionen der AusstellungsmacherInnen ist). Ein Mann mit beschrifteten Pullover geht zur und hinter die femme debout, und mir kommt jetzt das Beschriften von Kleidungsstücken ziemlich blöd vor (auf meinem T-Shirt steht Bin im Fernunterricht). Vielleicht stimmt die Aussage sogar und ich habe mich von Giacometti belehren lassen. Giacometti, ich rufe dich an! Rede zu mir und lehre mich! (ich glaub’, das reicht jetzt! - der innere Spötter). Ich bleibe dabei: diese Skulptur hat etwas, was alle anderen Objekte hier im Raum nicht haben. An ihr sehe ich nichts Beliebiges (magst du das auch auf deine Schreiberei anwenden? - der innere Spötter). Wie gesagt: ich bin sehr abgelenkt, kehre jedoch mit meiner Aufmerksamkeit immer wieder zu dieser wunderbaren Skulptur zurück.


Um mir noch eins draufzugeben war ich noch im tiefsten Keller bei Yoko Onos cut piece von 1965 und wie immer könnte ich über diesen Lümmel heulen, der der Yoko Ono blöd grinsend und zu seinen Haberern im Publikum feixend die Bluse und den BH aufgeschnitten hat (dass sich jemand verletzlich macht, heißt ja nicht, dass man diese Person verletzen muß! Darin zeigt sich ja die Integrität!). Am liebsten würde ich den Flegel niederschlagen und verprügeln (was immer das heißt! Möglicherweise triggert er mit seinem Verhalten etwas, was du auch in dir trägst? Ich meine eine solche Aggressivität und Rücksichtslosigkeit.) Jetzt aber habe ich genug und werde nach Hause wandern [7 741 Schritte, Top 8%].


(18.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4209 Uhuuhuuu

 



12:11.  Eine Zeitlang sitze ich so da, Notizbuch, Stift und Brille am Kaffeehaustisch abgelegt und warte auf Inspiration (oder was auch immer das dann gewesen sein wird! - der innere Spötter). Aber das Anwerfen des Schreibmotors gelingt anscheinend nur, wenn ich den Schreibgriffel in die Hand nehme (ob das, was dann herauskommt, wirklich inspiriert ist – denn Spiritus ist Geist – sei dahingestellt – der innere Spötter). Anders bei dem zeitlich vorgezogenem „Schnittenritus“; bei dem verwandle ich wirklich ein Stück Schnitte und Kaffee in Fleisch und Blut; in mein Fleisch und mein Blut nämlich – durch meist andächtigem Verzehr – und das ganz ohne Zaubersprüche! (Ja, ich weiß schon, in diesem schlaksigen Vergleich ist ein Sprung, er funktioniert nicht wirklich, aber mein spöttelnder, komödiantischer Geist freut sich; auch wenn ich solche echten Verwandlungen (Transsubstantiationen) im Prinzip für möglich halte. Ja, wirklich!)

Bleiben wir lieber beim Ventilator (dreht sich heute nicht), bei der Platane draußen in der Laube (nur wenig Wind, nur ein Hauch) – lustig! Kaum schreibe ich das hin – übrigens in pinker Schrift – wird der Windhauch stärker und die Zweige winken zu mir durchs Fenster herein! Hey, Platane! Hey, Wind! … Und wieder winken sie nach meinem Gruß! Die Welt ist voller Wunder! Ich bin nahe am Weinen! (das ist eine Folge der Droge Kaffee! - der innere Spötter). Also zurück zu …

… gut, schauen wir uns die Spiegel an, was sie uns spiegeln. Der eine vorne an der Wand spiegelt die offene Glastüre mit ihren Aufklebern, die ich so von hinten – also ihre Klebeflächen – sehe. Die Rückwandspiegel in den Gläserregalen sind so von Gläsern verstellt, dass ich keine deutlichen Spiegelungen beschreiben kann; nur an einer Stelle kann ich manchmal die Rückseite des T-Shirts eines Kellners vorbeihuschen sehen, auf der Let me be what wanna be steht – was ich aber nur direkt, ohne Spiegeln ablesen kann. Auf der des anderen Kellners übrigens steht disco – wegen Zierschrift unleserliches Wort – vielleicht es? ers? em? - oder sowieso nur ein ornamentaler Schnörksel? – dann: cultura. Und an der Kreidetafel an der Wand steht heute: Saufen statt Taufen! (sic! mit großem T). ich kontere: Saufen statt Kaufen!/Raufen!/Laufen! Da erhebt sich die Frage (Weigel schau oba!): ist eine Reinigungs-Tauf-Religion angenehmer als eine Kauf-Konsum-Religion, als eine Rauf-Kampf-Religion, als eine Lauf-Sport-Religion, oder umgekehrt? Kommt wahrscheinlich darauf an, wie sehr und wie und mit welchem Ziel und mit welchem Erfolg die jeweilige Religion auf Leben und Lebensprinzip übergreift und einwirkt.

Kommen wir wieder herunter. Die Musik singt, bläst und schlagzeugt so dahin; jetzt mit Hintergrund-uhuuhuuu-Chor. Schon vorbei; wieder was anderes (c’est la vie und πάντα ῥεῖ) (so ein g’schissener Angeber! - der innere Spötter). Die Platane hat einen kerzengeraden Stamm. Nun versuche ich, die Bewegungen der Platanenzweige, die sich in der offenen Glastür spiegeln, am originalen Baum wiederzufinden, was mir nicht gelingt; ich kann den Perspektivenwechsel nicht nachvollziehen und es sind jeweils andere Ausschnitte des herrlichen Baumes an den zwei Orten sichtbar. Schönes Vibraphon jetzt, begleitet von singenden Gläsern und zarter E-Gitarre. Manche sind mutig, ich nicht (weil ich ein Gespräch über Reisen in den fernen Osten zufällig mitgehört habe).


(18.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4208 Boah!

 



15:11.  Boah! Bin ich erschöpft! Ich raste auf meinem Bett, aber gott-oder-wem-oder-was-auch-immer-sei-Dank ist es schon zum Habitus geworden, dass ich dann schreiben muß (du bist diesbezüglich aber sehr optimistisch; nämlich dass deine Schreiberei gottgewollt ist – der innere Spötter). In Mali Lošinj (Bild) wellt und wölbt sich die Hafenpromenade, als wäre sie das Meer. Was hat sich der Künstler dabei gedacht? (Gar nichts! - der innere Spötter). Es ist besser, ich schlafe ein wenig; die Augen fallen mir sowieso schon ständig zu.


23:48. Schritte am Gang, die Stiegen herauf. Dann wird eine Tür zugemacht und zugesperrt (das Aufsperren habe ich nicht gehört). Ich werde noch lesen.

Ich habe gelesen, aber nicht lange. Bloß fünf Minuten.


(17.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4207 Tour d’horizon

 



0:00 a.m.  Ich bin sehr müde, habe aber eine solche Lust zu schreiben. Eine solche Lust! (dabei verwendet er den gold schreibenden Pilotstift, sodass er im gleißenden Licht der Leselampe seine Schrift kaum sehen kann – der innere Spötter). Dafür aber gefällt mir heute mein Kratzelbild, das da am Fußende des Bettes am Kastl hängt, eine abstrakte Kritzelei mit Kreiden, das in einer dunklen, runden, kranzartigen Form einen geheimnisvollen, nicht unverstellten Durchblick in ein helles, freies Dahinter bietet/gibt/zeigt (meine Ohren dröhnen noch vom Anhören von The Getaway). Leicht wird es nicht sein, da zum Hellen durchzukraxeln.
Meine Augen sind nun zugefallen und was ich dort sehe, ist ein ebenfalls goldener Raum (wichtig: von ganz dunklem Gold). „Weiß er, was das heißt?“ werde ich dort gefragt. Gemeint ist das Wort „Salvator“.


7:43 a.m.  Mein Tour d’horizon durch die inneren Zustände und Gedanken ergibt nichts Brauchbares. Schließlich lande ich wieder bei meiner Unzulänglichkeit. Aber darauf lasse ich mich jetzt nicht ein. Ich höre ein Kind im Stiegenhaus weinen. Was hat es denn mit dieser Angst auf sich, die immer erst auftaucht, wenn das (Alltags)Bewußtsein hochgefahren wird?


(17.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 16. September 2025

4206 Der Kranich

 



11:52 a.m.  Der Ventilator dreht sich nicht. Ist heute auch nicht nötig. Es schaut nach Regen aus. Vor sechs Sekunden habe ich mir gedacht „Super! Ich habe bei meinem zweiten Cappuccino noch was in der Tasse!“ und jetzt ist sie leer. Also ist doch der dritte unvermeidlich, weil ich nach der Zeitungslektüre erst jetzt zum Schreiben und Zuhören komme und mich erst jetzt dem akustischen Gesamtkunstwerk aus Boxenmusik, Kaffeemühlenreiben, Kaffeemaschinenzischen und Geschirrgeklapper, Gesprächsfetzen und sonstigen Kaffeehausgeräuschen so richtig öffnen kann. Und Kaffee verändert als Droge die akustische Wahrnehmung: die Räumlichkeit des Hörens wird verstärkt; man erlebt sich tiefer in der Klangwelt. Ich lege Schreibstift und Brille weg, um mir auch die optischen Auswirkungen anzuschauen. Nebenbei gesagt: seit gestern weiß ich: ich habe große Sehnsucht, meine Tante in der Schweiz zu besuchen. Aber vorerst: die Optik. Es schiebt sich jedoch die schöne Musik vor. Lange bleibe ich aber nicht aufmerksam beim Zuhören. Meine Aufmerksamkeit flottiert (lange suche ich nach dem Wort, bin mir nicht sicher, ob ich das richtige habe und es nicht mit einem anderen verwechsle – warum habe ich auf einmal hier kein Internet? Wenn ich mich besser auskennᵗen würde!). (An solchen editorisch-schriftbildlichen Spielereien kann er lange herumtüfteln; das ist ihm nicht zu blöd. Außerdem ist unsicher, ob das vom Computer in die Schubladenschrift übernommen werden wird – der innere Spötter.) (Die Übertragung der durchgestrichenen Buchstaben n würde hat nicht geklappt - der Tipper)

Heute ist es herinnen voll und draußen ziemlich leer. Diese Dichte erzeugt auch einen gesamtkunstwerklichen Flash; einen unbewußten Flashmob sozusagen, denn sie wissen alle nicht, dass sie an dieser Aufführung zusammen arbeiten. Ich habe es hier mit all den Menschen und mir recht lustig. Jazzige Blasmusik (das ist mißverständlich! Es geht nämlich nicht um Blasmusik mit leichtem jazzigen Touch, sondern um echten Jazz mit dominierenden Blasinstrumenten – der innere Korrektor). Jetzt der Wechsel zu Gitarrenmusik während meiner liturgisch anmutenden Schnittenzeremonie (kein Brösel soll verloren gehen). Nein, die Saxophone kommen wieder und spielen sehr schön und elegisch mit der E-Gitarre (leichter Reggae-Touch). Wirklich sehr schön! Sehr sehr schönes Gitarrengeklimper. Ich bin den Tränen nahe. Und jetzt eine wunderbar traurige, einzelne Trompete! Verweile Augenblick, du bist so schön! (er arbeitet mit seinem Kaffeekonsum eh tapfer darauf zu – der innere Spötter). Whow! Diese leicht scheppernde E-Gitarre nun als Dominante - mir fehlen die musikalischen Fachbegriffe, was mir aber völlig wurscht ist (sagen wir: einigermaßen wurscht – der innere Spötter). Regnet es? Ich denke langsam an die Stadtwanderung nach Hause. Ich kann es nicht deutlich sehen. Ehe ich hier zerflossen wäre, mußte ich lange an der in einer Gürtelschlaufe verhängten Schnalle der Bauchtasche herumzupfen und ziehen, bevor ich die wieder auseinander bekommen habe (Diesseitiges hilft gegen Jenseitssucht). Aber keine Sorge, die schöne Musik zieht mich schon wieder; diesmal mit schöner Frauenstimme und klarer, kompakter Rhythmik (jetzt weiß er nicht, ob man Rhythmik mit k oder g schreibt! - der innere Spötter). (Das sind vermutlich nicht schlechte Sprachkenntnisse, sondern – möglicherweise – die ersten Anzeichen von Demenz; oder eines drohenden Schlaganfalls? - der innere Korrektor.) (Nein, letzteres nach kurzer Recherche im Internet eher nicht – der Tipper.) Aufmunternde Musik; ich könnte losgehen. Ich muß, will und darf jedoch noch austrinken. He! Jetzt dreht sich der Ventilator! Im Uhrzeigersinn (Aphroditeweg! - W.D.). Seit wann? Warum habe ich es nicht bemerkt? (so viel zu seiner Beobachtungsfähigkeit und Aufmerksamkeitskunst! - der innere Spötter). Chicha ähnliche Musik mit wiederum wunderschön elegischer E-Gitarre – ich kann nicht gehen!


13:44.  Am Gestade raste ich, auf der Bank, die dem Brunnen am nächsten ist, darum kann ich das Wasser gut plätschern hören. Die Kirchturmuhr schlägt dreiviertel. Weiler-Andacht war keine mehr möglich, weil beim Wieneroither & Kohlbacher von außen kein Weilerbild mehr zu sehen ist. Was dort im Ausstellungsumbau aufgehängt zu werden scheint ist scheußlich, nichtssagend und ohne Niveau. Keine Ahnung von wem. Schade! Für mich heißt das zehn Prozent weniger Lebensqualität. Aber ich werde es verkraften (vielleicht kommt woanders wieder etwas dazu). Ein Mann setzt sich auf die Bank, auf der ich sitze, und da merke ich, wie wackelig die ist und wundere mich, dass der sein ständiges Geruckel und Gezuckel und deren Auswirkungen aufs Universum nicht merkt (oder merke ich meines auch nicht?). Ich schiebe meine Kappe nach hinten, damit mir ihr Schirm nicht die halbe Sicht verdeckt. Direkte Sonne ist keine, aber die Bodenplatten auf dem Platz scheinen trotzdem unter unterschiedlich intensivem Lichteinfluß zu sein. Diese Bodenfläche scheint sich von unten zu wölben, als würde eine unterirdische Kraft auf sie einwirken. Der Mann nebenan, dessen Parfum mir unangenehm war, ist aufgestanden und von der Bühne meines Lebens sang- und klanglos abgegangen. Wie oft habe ich schon hergeschrieben, dass diese frühneuzeitlichen Häuser schön sind? (Und dass der Aschenbecher des Mistkübels links richtig stinkt? - der innere Spötter). Ist das gegenüber ein Galerie? Oder eine polnische Ausstellung? Ich werde nachschauen. Nein, es ist die Bibliothek des polnischen Instituts, das sich da über die Erdgeschoße von drei Häusern zieht.


Beim Überqueren der Augartenbrücke dann ist ein wunderschöner Kranich langsam direkt über mir hinweggeflogen. Und dann ist ein Boot den Fluß herauf gekommen; ich habe von der Brücke aus keinen einzigen Passagier gesehen. Aber auch leer hat das Boot seine Wellen geschlagen.


(16.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4205 Handschrift

 



1:11 a.m.  Meine Handschrift gefällt mir immer besser, manchmal sogar sehr, obwohl ich sie nicht immer lesen kann. Heute kommt mir mein Auferstehungs-Himmelfahrtsjesus auch aus der Distanz kindisch vor.


8:50 a.m.  Ich starre in so eine „Höhle“ im Bücherregal, die dadurch entsteht, dass die kleinen, meist gelben Deutsch-Spanisch, Deutsch-Slowenisch etc Wörterbücher kleiner und zudem weiter nach hinten gegen die Wand geschoben sind als die anderen Bücher daneben. Ich starre also da hinein und nichts passiert. Ich habe mein Frühstücksmüsli schon gegessen, hocke wieder im Bett und warte, bis ich mich auf den Weg in mein Lieblingscafé machen werde. Ich überlege, welche Kleidung wettermäßig angemessen wäre und schaue deswegen auf meinem Smartphone auf die Wetterseite. Eigentlich sind es zwei Wetterseiten. Am Rand besagter „Höhle“ glitzert ein Métallisé-Buchstabe vom weißen Deutsch-Tschechisch-Wörterbuch rot her. Métallisé auf Büchern mag ich gar nicht – ich finde, Bücher sollten nicht auf diese Art um Aufmerksamkeit kämpfen und optisch so aus dem Bücherregal herausschreien. Die Augen fallen mir beim Starren zu und es versucht sich ein Schleier über meine Aufmerksamkeit zu ziehen. Ich lande kurz in einem sehr dunklen, mit dünnen roten Linien durchzogenem Universum. Beim nächsten Mal bin ich an einer riesigen, schalldichten Glaswand, hinter der wieder eine eigene Welt ist. Dort ist jemand und ich klopfe heftig an die Glaswand und deute dem, er soll mich hinein lassen. Nach einigem Gefuchtel steht der wirklich auf – auch nur so eine dunkle, undeutliches Gestalt – und geht aber wie in Verwirrung in die falsche Richtung und ich komme nicht hinein.


(16.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 15. September 2025

4204 Zwei Bäume

 



13:22.  Im Weltcafé (gestern: im Weltmuseum Hosen anschauen). Was werde ich hier anschauen? Die Passantinnen und Passanten? (die maskuline Form wäre nicht wirklich nötig gewesen – der innere Spötter). Die anderen Gäste? Die Umgebung? Den Baum in der Fröschelgasse dort vorne? Ja. Das Mobiliar? Die Fliege, die vorbeisaust? (ganz sicher kann er sich nicht sein, dass es eine Fliege war, weil alles zu schnell. Insekt wäre richtig gewesen – der innere Korrektor). Jetzt kommen mehrere neue Gäste; die lächeln. Das dort drüben ist nicht die Fröschelgasse, die ist in Sievering. Das beim Baum ist die Franklgasse. Genau kann ich es nicht lesen. Hier auf der Terrasse sitzen auch die Raucher. Ich darf die Uhrzeit nicht übersehen. 13:33. Ein Gelächter vom Nebentisch ist übertrieben. Die Sonne scheint und es ist angenehm warm. Der Kellner ist durchtrainiert (oder ist er der Chef?). Muss ich schon gehen? Bald. Ich muß nachschauen, wie die Gasse wirklich heißt. So, jetzt hammas: Ferstlgasse. Und es stehen zwei Bäume hier. (Die Bäume sind laut Wiener Baumkataster: Sophora japonica, Schnurbaum – der Tipper.)


(15.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4203 Die nackte Glühbirne

 



21:24.  Wenn der leise Verdacht entstanden ist, dass sich eine leichte Depri heranschleicht – aber noch ist nichts entschieden – und ich greife zum Notizbuch, dann kann es für meine treuen Leserinnen und Leser … nun ja … nicht unbedingt gefährlich werden, aber etwas ungut. Darum habe ich in meinem Zimmer – obwohl schon im Bett hockend – die Deckenlampe an gelassen. Mehr Licht, weniger Düsternis. Die Leselampe, die ich dennoch zum Schreiben brauche, habe ich so positioniert, dass ihr Lampenschirm die nackte Glühbirne der Deckenlampe verdeckt, auf dass jene mich nicht blende und ich die Bilder in meinem Zimmer besser anschauen kann. Freilich funktioniert das nicht hundertprozentig, denn wenn ich meinen Kopf nur leicht drehe – was beim Herumschauen unvermeidlich ist – kommt die grelle Glühbirne hinter der Abdeckung hervor; aber damit kann ich leben. Also: die Bilder: die frankophone Schweizerin (Valoton, irgendwas mit Hut) kommt sehr schön zur Geltung, die Katz’sche Jessica scheint auch her zu blinzeln. Daneben die töchterlich produzierte Büste aus Ton, die bei dieser Lichtkonstellation unter ihrer Nase einen gefährlichen Schatten bekommt. Jedenfalls trägt der den Kopf hoch, aber die Augen schauen – zumindest von hier aus – doch müde aus. Daneben das kleine Schaf aus Holz, eine kleine Skulptur, ein selbstgemachtes Geschenk meines Bruders, als er noch in die Volksschule ging (ist auch schon recht lange her!). Ach, und die Kopie meines Himmelfahrtsbildchens (im Original wäre es eigentlich ein Auferstehungsbild – der innere Korrektor) dort in der dunklen Ecke, so und aus dieser Entfernung wirkt es interessanter als es ist; es schaut von hier wirklich wie ein kleines Meisterwerk aus – aber ich kenne es aus der Nähe. Nun vertiefe ich mich in den Schatten des hölzernen Fensterraben auf dem gelben Rollo; wirkt so als wäre der Schatten ein Sprungturm und der Rabe springt mit Hingabe ab. Und das Bildchen vom Dings … immer muß ich Namen so lange suchen! - die Nackte im Garten mit dem schönen Hintern … zu weit weg, um mehr als abstrakte Farbflächen zu sehen. (Ich bin gespannt, wie lange er braucht, bis er vom Bett aufsteht, zum Regal geht, die Karte in die Hand nimmt und umdreht und den Namen abliest. Da kann er auch gleich nachschauen, ob er die Schreibweise von Valoton – das ist der mit der frankophonen Schweizerin – richtig im Kopf hatte - der innere Spötter.) (Félix Vallotton, letzteres gehört mit zwei l und zwei t geschrieben, das Bild heißt Le chapeau violet, und der andere mit der Nackerten heißt Henri Manguin – wie konnte ich das vergessen! - ich habe bei B gesucht, und das Bild heißt: Rückenakt unter Bäumen, Villa Dermière (Studie).) Ich habe die Gelegenheit gleich genutzt und die Kunstkarten angeschaut, die ich vom Bett aus nicht sehen kann; da sind sehr schöne dabei, aber bei den meisten weiß ich nicht mehr, wer sie gemalt hat. Und meinen Auferstehungs – Himmelfahrtsjesus habe ich gleich aus der Nähe betrachtet und wirklich: mein Werk ist eine kindische Lächerlichkeit – aber jetzt wieder im Bett, aus dieser Distanz wirkt es voll interessant und kunstvoll (zweimal voll geht nicht – der innere Korrektor). (Fällt euch auf, dass er die Kopien und Fotos so nimmt, als wären sie Originale? Mit dem Mehrwert eines wirklichen Originals kann er nichts anfangen. Er kann als ein Schriftenmensch nur mit Abbildungen umgehen – der innere Spötter) (Einspruch! Ganz so ist es nicht!) Vielleicht war es ein Fehler, dass ich die Sturmnacht der Werefkin, das mit dem nächtlichen Café, gleich neben dem Bett an die Wand getackert habe, vielleicht verführt es mich mit seiner Ausstrahlung und Wirkung auf meine Seele, wieder zum trinkenden Nachtschwärmer zurückzufallen? Das hell erleuchtete Café im Finstern hat etwas Anziehendes. Drehen wir das große Licht ab? Wir drehen das große Licht ab. (Die Künstlerin heißt Marianne von Werefkin und das Bild Sturmwind – der Tipper.)


(14.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4202 Herumsitzen

 



13:25.  Herumsitzen, das kann ich gut. Auch in fremden Wohnzimmern. Aus dem Fenster blickend – aber dazu muß ich mich vom Fauteuil erheben – sehe ich den verwundeten Platz der abgerissenen Flotow-Villa, schon seit Monaten brach liegend, und durch die Glastür die Hecke zu Nachbars Garten. Direkt vorm Fenster hängen ein paar Weintrauben in das Sichtfeld. Ich schaue die Möbel im Wohnzimmer an, die Teppiche, nicht mit großer Aufmerksamkeit, aber mit flanierender, verschlafener, changierender.


14:09.  Nach dem Mittagessen und beim Kaffee verbleibe ich noch ein wenig allein am Esstisch. Die Sonne ist herausgekommen und schickt Lichtflecken auf den fensternahen Abschnitt des Wohnzimmerteppichs, der dort hell aufleuchtet. Alle ruhen und sind still, ich kann sogar den Pilotstift über das Papier fahren hören und das Umblättern der Zeitung drüben bei der Couchecke. Kaffeetrunken verschiebt sich der Verkehrslärm ins Elegische, eine Fliege kommt bei der offenen Tür herein und summt vom fast vergangenen Sommer. Draußen bewegen sich nah und ferner Blätter und Zweige, Gräser und Halme in schwankendem Rhythmus. Einige Blätter sind schon rot geworden, manche schon gelb und braun, sonst ist alles noch grün, das jedoch stellenweise schon schwächelt. Hinter dem Haus auf der anderen Straßenseite seht ein mächtiger Baum und ragt mit seiner halben Krone über das Ziegeldach. Die Fliege kommt wieder vorbei; wenn sie mir etwas gesagt hat, dann habe ich es nicht verstanden. Der unaufhörliche Lärm der Autos – jetzt schon lästig – brandet aus dem Graben herauf und ansatzweise kann ich den Dopplereffekt studieren und die unterschiedlichen akustischen Performances der verschiedenen Fahrzeuge. Erst jetzt merke ich, dass mir auf dem Esstisch ein Sonnenfleck immer näher rückt und bald meine Schreibhand erreicht haben wird. Der Kaffee ist schon kalt, aber das wird er bei mir immer. Die Yuccapalme - oder was das ist – über den Sommer raus in den Garten gestellt – winkt zum Fenster herein. Beim Vorbeifahren so manchen Autos geht ein wahrhaftes Dröhnen durch die Welt und in den Untergrund. Schön aber, wie sich der Klang dann ins Nichts verliert. Mir scheint, die großen Bäume hinter dem Weingut planen eine stille Verschwörung: sie wollen die Welt retten. Kurz erstarren sie, weil sie meine Kenntnisnahme bemerkt haben, aber ich werde sie nicht verraten. Die Sonne ist wieder hinter Wolken in Deckung gegangen; keine Sonnenflecken teilen die Welt in hell und dunkler. Nun kommt sie wieder, schwächelt zittrig und bleibt verhalten. Jetzt hat der schöne, mit Schattenstreifen verzierte Lichtfleck meine Schreibhand erreicht und zaubert auf der Notizbuchseite für kurze Zeit ein bewegtes, wirklich tolles Licht-Schatten-Streifen-Spiel. Ich stehe von meinem Platz auf und stelle den Schlagobers und die Milch in den Kühlschrank.

Um 17:11 bin ich von der Fußwanderung von Sievering, Haltestelle 39A, zu Hause angekommen. Zirka um 15:15 bin ich losgegangen. Auf dieser Wanderung habe ich im Kaffee Monarchie Wasser gelassen – die Leute dort waren überaus freundlich und wollten gar kein Trinkgeld für ihr Entgegenkommen annehmen – und bei der Strudlhofstiege habe ich mich kurz und andächtig verneigt. Wenn ihr die nackten Fakten wissen wollt: laut Schritteapp 13 016 Schritte, 9,65 Kilometer, 518 Kilokalorien, damit bin ich mit durchschnittlich 11 486 Schritten täglich unter den Top 7 Prozent meiner Altersgruppe, deren Durchschnitt bei 4 324 liegt, und der aller bei 4 895.


(13.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 12. September 2025

4201 Österreichische Postsparkasse

 



8:31 a.m.  Jetzt sitze ich nach einem Arzttermin tatsächlich auf einer Bank gegenüber der österreichischen Postsparkasse am Georg-Coch-Platz 2 und betrachte mit äußerstem Mißtrauen das berühmte Gebäude. Martialische Modernität. Oben auf dem Dach die Skulpturen der sechs Kränze mit je zwei herabhängenden Würschteln erinnern mehr an Friedhof als an Ehrung; was hier begraben oder gebunkert wird – ist es das Leben für den Profit? Die – wie es von herunten ausschaut – einflügeligen Engel mit kleineren Kränzen in ihren pathetisch hochgehobenen Händen – auf einem sitzt gottseidank eine lebendige Krähe – ich weiß nicht. Ja, der eine ausladend heruntergezogene Flügel – soll der den Schutz der Sparer symbolisieren? Oder den des Kapitals? - man sieht aber die vertikalen und horizontalen Fugen des vermutlich industriell hergestellten Flügels. Eine zweite lebendige Krähe setzt sich der Engelsfigur ins Gnack. Ich könnte von den Krähen durchaus lernen, mich um Ästhetik und Aussage des Bauwerks nicht zu kümmern und es als Ding auf der Bühne meines Lebens in meinem Sinne zu benützen oder links liegen zu lassen. Also diese Engel – ich bekomme gerade einen Anruf von der Müllabfuhr. … Erledigt! - in ihrer starren Falten- und Hängekleidung – ich weiß nicht! - diese Walkürengesichter – ich weiß schon gar nicht! – mit diesem rassistisch-faschistisch anmutenden Funktionspathos – also ich möchte diesen Gestalten weder als Frauen, noch als Engel, noch als Verbündete begegnen.

Jetzt kommt die Sonne auf und im Licht- und Schattenspiel wird das Ganze etwas interessanter. Oh! Über dem Gebäude ist der zirka halbe Mond zu sehen! Vermutlich abnehmend (deutsche Schrift Großbuchstabe A). Vorm Eingangstor stehen einige Leute (8); warten die auch wie ich darauf, dass das Café drinnen aufsperrt? Sie stehen richtig andächtig da. Ich schaue mal auf die Uhr. Neun Minuten noch. Schaut eher wie eine Führung aus und die Führerin erklärt etwas. Das Bauwerk lasse ich jetzt. Dafür betrachte ich meine an die Sitzbank angelehnten Walkingstecken, was aufs Erste nicht so viel hergibt. Carbon/Fieberglas steht drauf. Das habe ich in den weit über zehn Jahren ihres Besitzes noch nie gelesen. Und darüber steht: High-Tech-Rohr. Darunter: B-117-48755-12/D (war das notwendig? - der innere Spötter – nagut, wenn’s der Wahrheitsfindung dient ...). Drei Minuten noch bis zu Kaffee und Klo (die umgekehrte Reihenfolge wäre realistischer – der innere Spötter).


9:11 a.m.  Also sitze ich wieder in der großen Halle beim Cappuccino. Die Uhr an der Wand zeigt fünf vor sechs; die Datumsanzeige 12. September 2025. Die sӱs-Sing- und Tanzkabine ist offen (ich bin noch nicht so weit). Hausarbeiter haben kurz am Minitischtennistisch gespielt. Zwei Frauen mit Kopftuch holen sich auch Kaffee (nehme ich an). Oh! Die Wanduhr holt auf! Jetzt zeigt sie schon sieben nach halb sieben. Zehn vor sieben. Gut, das reicht. Ich verfolge die Uhr nicht weiter (höchstens überprüfe ich, ob sie bei der Echtzeit ihr Tempo herunterfährt). Mein weißes T-Shirt (langärmelig, mit bin am Sprung beschriftet) ist auch nicht mehr ganz sauber. (Ich hatte die Datumsanzeige hergeschrieben, weil ich annahm, dass sie – wie bei meinem letzten Besuch – völlig falsch ist. Erst jetzt merke ich: sie ist völlig richtig!) (So viel zu Realismus und Beobachtungsverläßlichkeit unseres Autors – der innere Spötter.) Jetzt wird es spannend: die Uhr nähert sich der Echtzeit. Ich bin überhaupt nicht ausgeschlafen und muß gähnen, was ich mitten in der großen Halle laut und ohne die Hand vor den Mund zu halten vollziehe. Eine Minute hat die Uhr noch auf die Echtzeit. Nein, sie stoppt nicht. Sie tut mit ihrer Hüpferei einfach weiter. Jetzt ist es bei ihr schon dreiviertelzehn. Wahrscheinlich hätte jemand mit Knopfdruck die Uhr abbremsen müssen, und weil er das übersehen hat, muß er sie wieder die zwölf Stunden durchlaufen lassen. Halb elf. Die Uhr hüpft und wackelt weiter durch die Zeit.

Touristengruppen werden durchgeführt. Es ist jetzt fünf vor zwölf und meine Schritteapp zeigt 3333 Schritte (geschwindelt: zuerst hat sie 3330 Schritte angezeigt, dann ist er aufgestanden und wollte drei Schritte raufladen, aber die App hat verzögert reagiert und ist dann gleich auf 3336 gesprungen – der innere Korrektor). Aaaabenhendstihille üüberaall – die verrückte Uhr zeigt sechs. Lassen wir endgültig die blöde Uhr, gehen wir zu einem wichtigerem Thema: ich schaukle geradezu in den Wonnen der Droge Kaffee. Die Touristen machen immer die Tür zur Tanz- und Singloge nach ihren Kurzbesuchen zu, weil nicht verstanden wird – obwohl es dort angeschrieben steht – dass Tür geschlossen heißt: es ist jemand drinnen; bitte nicht stören! und Türe offen: die Kabine ist frei, treten Sie bitte ein! (Okay: es ist in Deutsch und Englisch angeschrieben; nicht in Französisch).

Glaubt Ihr, ich könnte mich von den zuständigen Behörden, Firmen dafür bezahlen lassen, dass ich hier den schreibenden Kaffeehausliteraten spiele? Was meint Ihr? Ich bin auf der Suche nach einfachen Einnahmequellen. Es gefällt mir hier sehr, von so vielen Leuten vor allem Stehenden umringt da zu sitzen und zu schreiben. So ein schönes Theater! (Naja, sie umringen nicht ihn, sondern stehen in der Halle herum und weil es viele sind und einige von ihnen auch an den Kaffeehaustischen sitzen, kommen sie ihm nahe und bilden eine Crowd. Mehr ist es nicht – der innere Spötter.)


10:14 a.m.  Schon wieder hat die Wanduhr die Echtzeit verpasst! Tanzen und Singen? Ich warte noch ein wenig (ich nehme den letzten Schluck Kaffee).


10:39 a.m.  Nach einem weiteren Toilettenbesuch und einem kurzen Intermezzo in der sӱs-Tanzkabine (hat mich nicht mehr angetörnt; die Musik wird fad) habe ich mich an den Schalter 7/8 gesetzt, so richtig mit Tischplatte (Budel), auf der ich mein Notizbuch in angenehmer Höhe zum Schreiben legen kann und beobachte von da aus die Halle. Gottseidank sehe ich die verrückte Uhr nicht. Außer wenn ich mich vorbeuge und – hört! hört! - die Uhr scheint jetzt ungefähr auf Echtzeit zu laufen. Zwar zeigt meine Handyuhr 10:44 a.m., während die Wanduhr 10:38 anzeigt, aber ihr Tempo scheint normalisiert und sie hält den Abstand. Jetzt kommt meine innere Unruhe. Wir nähern uns dem Aufbruch. Oder bleibe ich erst recht? Das Sitzen in diesem ehemaligen Sparkassenschalter bewirkt doch echt, dass ich mich in meiner Schreiberei professioneller fühle! Das gibt es doch nicht!?


11:04 a.m.  Wieder zurück in der Halle bei Mineralwasser. Mein Pulver ist verschossen. Nur eins noch: bei einigen Schaltern steht noch Privatfinanzierung. Da muß ich fast lachen, so weit ist das von meiner Welt weg.


11:23 a.m.  Es geht nichts weiter (aber aus den Boxen kommt Chicha-Musik!). Zwei Frauen tanzen in der sӱs-Box bei offener Tür (sei nicht so schlampig und ungenau! Eine Frau tanzt drinnen und eine schwingt ihre Hüften vor der Tür – der innere Korrektor). So, jetzt reicht’s! Austrinken! Heimgehen!


(12.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 11. September 2025

4200 Stadtwanderung IV

 



13:54.  Ein Beispiel für das in 4199 erwähnte fragile Gleichgewicht: auf dem Heimweg vom Lieblingscafé durch die Stadt denke ich mir, ich könnte wieder ins Mumok gehen und mir die Arbeiten von Barbara Kapusta und die Giacomettiskulptur, auf die ich momentan so abfahre, anschauen. Ich stapfe zuversichtlich und guter Dinge auf mein Ziel zu, gehe dort in die Garderobe, um meine Walkingstecken wegzugeben, aber hatte völlig vergessen, dass ich heute ausnahmsweise nicht mit meinem Albertinatäschchen, sondern mit einem Rucksack unterwegs bin, den ich natürlich – darauf macht mich der Garderobier aufmerksam – ebenfalls abgeben muß. Ich will mein Notizbuch aber nicht in der Hand herumtragen und breche sofort mein Vorhaben ab. Und das ist jetzt wichtig: an der Reaktion des Garderobiers war alles richtig und die Spielregeln für Ausstellungsbesuche waren auch mir klar, dennoch reagiert meine Seele (oder wer oder was auch immer) beleidigt. Ich breche mein Vorhaben nicht aus rationalen Gründen ab, sondern aus emotionalen. Mein fragiles Gleichgewicht ist beim leisesten Gegenwind eingestürzt. Und daran zeigt sich, dass hinter dem Sensibilitätsgetue ein gewaltiger Größenwahn steckt (der natürlich auch seine Genese hat). Was erwarte ich? Dass die die Spielregeln für mich ändern? Dass der Garderobier auf Grund meines Gesichtes meine (angebliche!) Arglosigkeit erkennt und mich gegen seine Vorgaben mit Rucksack hineinläßt? Oida! Darum sitze ich jetzt im Schatten des Mumokbunkers (was auch kein schlechter Platz ist) und reflektiere die Geschichte (statt zu lachen und seinen Geist vom überflüssigen Eigendünkel zu befreien – der innere Spötter). Nun gut, wandern wir hald (sic!) weiter. Auf meinem Leiberl steht fluchtbereit.


14:30.  Ich sitze hinter der Minoritenkirche und übe meine Selbstbehauptung im bedrohlich dröhnenden Lärm der nahen Baustelle. Der Blick in das kleine Gärtchen im Grundriss der erst 1903 abgerissenen Ludwigskapelle erleichtert es mir. Kann der Baum vor mir ein Ölbaum sein? Ist das möglich? Ich kenn mich in der Botanik nicht aus, aber der sich gedreht wirkende Stamm und die silbrigen, schmalen Blätter könnten passen (Nein, es ist laut Wiener Baumkataster eine Ölweide, Elaeagnus angustifolia – der Tipper). Der Baustellenlärm ist eine besondere Herausforderung. Der Mann auf der Bank bei den Baustellencontainern rülpst laut in Anzug und Krawatte. Ich tippe auf Mittagspause eines mittleren Beamten. Auf der Bank ein kleines Stück links in der Sonne mit der Rückenlehne in meine Richtung hat sich eine blonde Frau ausgebreitet, was ich nur von hinten sehe.

Es ist ein schöner Platz hier, der mir auf meinen vielen Wanderungen auf dieser Route noch nie wirklich aufgefallen ist. Soll ich die Minoritenkirche besuchen? Franziskanerkirchen sind meistens ästhetisch enttäuschend. Hinter mir ist an der Mauer der Kirchenapsis eine leere Bierflasche abgestellt. Ich war’s nicht!

Nein! Die Kirche ist schön! Ich zünde drei (echte!) Lichter an und verrichte soetwas wie ein Gebet. Ein Spanisch sprechender Touristenführer redet in meine Aufmerksamkeit und ich lasse mich ablenken. Das Altarbild zeigt ein von Engeln hochgehobenes Marienbild (mir fällt Der K-Effekt von Ulrich K. Freund ein). Der Christus am Kreuz hebt seine Arme wie ein großer Vogel seine Flügel. Ich will nicht spotten! So im Halbdunkel seines steinernen Baldachin wirkt es so, als würde der Jesus auffliegen – was ja auch kein schlechtes Bild für Auferstehung und Himmelfahrt wäre. Genug! Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Genug! Ich gehe weiter zur Max-Weiler-Andacht.


15:17. Am Gestade. Meine Max-Weiler-Andacht war um zwei Drittel reduziert, weil beim Wienerroither & Kohlbacher nur mehr ein Weilerbild in der Auslage ist und in den Ausstellungsräumen drinnen offensichtlich wegen einer neuen Hängung alles leer geräumt. Sind meine Wanderungen durch diese Stadt eigentlich Pilgerwanderungen? Könnte sein, wenn ich auch nicht weiß, was ich anpilgere. Das Am-Gestade hier ist auch ein guter Platz. Er strahlt Ruhe und Nachdenklichkeit aus, lädt zum Rasten ein. Ein kleines Mädchen mit Roller und Oma ruft zu einem der frühneuzeitlichen Häuser „Mama!“ hinauf. Sie kommt noch nicht, wie auch die Oma bestätigt, aber bald. Das Kind merkt, dass ich es beobachte und fährt mit ihrem Roller ganz schnell, sodass sich das Windrad am Roller schnell dreht und es überzeugt sich davon, dass ich hinschaue. Jetzt spielen Oma und Enkel ein Rollenspiel mit Kuscheltier (Einhorn) und Handpuppe (Jack). Der Wind treibt einige trockene Lindenblätter über die stellenweise von fenstergespiegeltem Sonnenlicht glänzenden Bodenplatten. Ich spüre mein von Kaffee aufgeregtes Herz überdeutlich schlagen. Ein sonniger Spätsommertag mit strahlend blauem Himmel und intensivem Sonnenlicht auf den Fassaden der Häuser. Manche Blätter fliegen auch durch die Luft. Ein Folgetonhorn heult nicht allzu weit entfernt auf. Der Brunnen tut seine Pflicht und plätschert.


(11.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4199 Auftrieb!

 



12:01.  Good Vibrations aus den Boxen: das bringt emotionalen und „historischen“ Auftrieb! Ach, ich bin ja noch so ein Kind! Schau ich mich bei den anderen Gästen hier um, merke ich: ich bin nicht auf Augenhöhe. Aber das macht mir jetzt nichts aus. Ich lebe in meiner Welt und stehe zu meinem magischen Weltbild und zu meiner unreifen Zurückgebliebenheit. Was hätte ich anders machen sollen? Wurscht! Ich will mich das nicht fragen. Nur eine kleine Brise streichelt die leise bewegten Blätter der Platane und des Gebüschs draußen in der Laube. Jetzt habe ich es verschrien und der Wind legt zu; er zeigt mir, dass er weht, wo und wie er will (wie der Geist). Eine liebe, schöne Melancholie durchrieselt mich, gestärkt von dem Song nun aus den Boxen, den ich nicht kenne. Hinter diesen traurigen Liebesliedern und Liebesgeschichten steckt doch, meist unerkannt, die Trauer um den Verlust der Fülle des Lebens unseres magischen Erbes; und dass wir uns in einer leergeräumten Welt der Funktionalität und Langeweile zurechtfinden müssen. Mit „magisches Erbe“ meine ich nicht einfach herumhüpfende Schamanen und einschüchternde Tempel; und dass die Welt leergeräumt ist, ist vielleicht ein notwendiges Durchgangsstadium zur Bereinigung unseres magischen Erbes von Obsession und Morbidität (jetzt dreht er wieder auf, als wäre er ein Wissender, dabei weiß er nichts, weil er nicht gesehen hat und damit nichts bezeugen kann [laut Mackensen, Ursprung der Wörter: wissen … „zur idg Wurzel *ṷoida – ich habe gesehen = ich weiß“]. Geh wieder zurück zu Wind und dem Ventilator am Plafond! – der innere Spötter). Der Ventilator am Plafond dreht sich gegen den Uhrzeigersinn (also auf dem Phänomensweg (W.D.)). Ich suche ein Zeitung. Nachdem ich keine Kleine Zeitung finde, nehme ich ausnahmsweise die Salzburger Nachrichten. Die Todesnachrichten aus dem Bezirk Liezen gehen mir ab. Was ist so eine Herkunft eigentlich wert? Wie viel von der (energetischen) Abstrahlung seiner Herkunftsregion hat eines im Aufwachsen aufgenommen? (Heut will er so „philosophisch“ sein!- der innere Spötter.) Lassen wir das! Der Wind hat sich längst wieder zu einer leichten Brise zurückgenommen. Die Musik aus den Boxen tröpfelt und klopft so angenehm in Blues-Gestimmtheit dahin mit einer wunderbaren, aber nur passagenweise aufjammernden E-Gitarre.

Ich schaue durch die Auslagenfenster auf die Gäste in der Laube hinaus und stelle wiederum fest: ich habe keine Augenhöhe. Darum bin ich hier glücklich: weil ich hier trotzdem so freundlich geduldet werde. Vielleicht mehr als das. Das jedoch ist ein sehr fragiles Gleichgewicht (das natürlich auch seine Genese hat), das schon durch einen kleinen Hauch von Gegenwind oder vermeintlichem Gegenwind zum Einsturz gebracht werden kann.

Zum ersten Mal fasse ich die Lampe links von mir an der Wand ins Auge: zwei Glühbirnen leuchten, eine nicht. Die Form der Lampe ist schwer zu beschreiben: drei im Halbkreis angeordnete offene halbrunde „Nischen“ aus löchrigen Metallflächen – im Querschnitt wie drei an ihren Rückseiten in einem Halbkreis angeordnete C – die sich von unten nach oben ausweiten. Vor den Glühbirnen ist noch eine löchrige Metallblende montiert, die das Licht streut und auf besagtem Gitter ein Lichtkreuz erzeugt. (Lieber Freund! Hier mußt du das Scheitern deiner Beschreibungskunst eingestehen! - der innere Spötter.)

Wie nennt man das, wenn man im Herumsitzen überständig wird? Ist ja auch egal! Ich breche auf.


(11.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4198 Ohne gescheiten Titel

 



1:16 a.m.  Warum rege ich mich so auf? Die österreichische Fußballnationalmannschaft hat in der WM-Qualifikation das Spiel heute gewonnen. Was gibt es noch, dass ich mich so aufrege und mich in eine Phantasie hineinsteigere, wo ich mit dem Lektor eines Verlages über meine Texte in Streit gerate und ihn dann die Stiegen hinunter schmeiße? Dabei bin ich von einem Lektor so weit entfernt wie … wie … was weiß ich! Vorm Fenster tröpfelt es noch nach dem kleinen Regen und normalerweise beruhigt mich das. Ich sollte müde sein, bin es auch, aber fliehe den Schlaf. Was ist noch so offen, dass ich den Tag nicht abschließen kann? Ich ahne die Antwort und sie ist unerträglich, und hat nicht mit dem heutigen Tag zu tun.


(10.9.2025)


9:15 a.m.  Die (sic!) Rollo ist hochgezogen und ich habe mich nach dem Frühstück wieder ins Bett gehockt und weil mir da die Bilder und Kunstkarten hier an den Wänden in die Augen stechen (das klingt furchtbar!), habe ich mir auszudenken begonnen, wie ich die Galerie leiten werde, welche Künstlerinnen und Künstler ich einladen werde und wie ich das mit der Öffentlichkeitsarbeit anlegen werde (komisch! Heute kommen mir einige Wörter und Redewendungen falsch vor: über Öffentlichkeitsarbeit zum Beispiel mußte ich einige Sekunden nachdenken, ob es das Wort überhaupt gibt). Es geht um die Galerie nämlich, die ich gründen werde, wenn ich dann groß und reich bin. Jetzt allerdings, bevor es soweit ist, kann ich nur abwarten, mir beim Verdauen sozusagen zuschauen und beim Schreiben vor Aufregung ob der tollen Pläne meine Zehen anheben und hochspreitzen. Damit ist mein morgendliches literarisches Pulver verschossen. Immerhin bin ich jetzt grundsätzlich aufstehbereit, wiewohl ich noch fünf Minuten dranhänge.


(11.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 9. September 2025

4197 Können Ameisen hüpfen?

 



13:22.  Ich bin Richtung Nach-Hause gewandert und raste wie fast immer Am Gestade im Halbschatten unter den Linden mit Blick auf die schönen frühneuzeitlichen Häuser. Auf meiner Wanderung habe ich diesmal keinen Halt im Mumok gemacht, aber – wie immer, wenn ich diese Route gehe – meine kurze, dreifache Max-Weiler-Andacht beim Wienerroither & Kohlbacher – ich kann von außen in den Auslagen und durch die Auslagenscheiben weiter hinten drei Weiler-Bilder erkennen. Ansonsten war bei dieser Wanderung mein Geist nicht bereit, sich beim ständigen inneren Monolog auf meine bevorzugten Mantras zu konzentrieren – im Rhythmus des Gehens läßt sich an und für sich leichter litaneiisieren – koffeinüberschwemmt war er jedoch nicht zu bändigen. Melancholie ist das Verspüren des Verlustes unseres magischen Erbes – habe ich mir (nicht sehr originell – der innere Spötter) beim Wandern gedacht; meistens entsteht aber daraus kein nennenswerter Impuls, diesen Zustand zu ändern. Lange hält sich mein Geist hier Am Gestade bei der Geschichte des betrügerischen Baders auf, dem der Brunnen da – das Geplätscher kann ich hören – gedenkt (also: es geht um eine Phantasie, einen Tagtraum, wie ich als hilfsbereiter und eifriger „Lehrer“ diese Geschichte einer Touristengruppe erzähle und erläutere, aber auf Englisch! (oida! - der innere Spötter)). Ich amüsiere mich über meinen kindischen Eifer und die implizite Selbstüberschätzung (habt Erbarmen mit ihm! Er ist ein verhinderter Verkünder – der innere Spötter). Schöner wäre es, wenn in den offenen Fischmäulern der kleinen wasserspeienden Brunnenfiguren die Wasserrohre nicht sichtbar wären und das Wasser in echt aus den Mäulern flöße. So wirkt das wie inkonsequent aus Trägheit, Sparsamkeit oder Feigheit. Der Hund auf der Sitzbank vorm polnischen Institut bellt. Mich dürstet. Ich habe eine trockene, ausgedörrte Mundhöhle. Die Kirchturmuhr schlägt dreiviertel. Ein telefonierender junger Mann mit Rucksack schiebt einen Stuhl auf Rollen (keinen Rollstuhl!) im Tiefen Graben vorbei. Eine kleine Ameise krabbelt auf meiner Schreibhand herum und als ich sie mental ins Visier nehme, hüpft sie plötzlich weg. So etwas habe ich noch nie gesehen! Ameisen können hüpfen?! („Ja, bestimmte Ameisenarten können „springen“, allerdings nicht mit ihren Beinen, sondern durch den schnellen Einsatz ihrer Mundwerkzeuge (Mandibeln)“ Googleauskunft)


13:59. Und schon sitze ich wieder, jetzt im Rudolfspark. Es ist zu früh, um nach Hause zu gehen. Ich muß noch Zeit totschlagen und will sie dabei optimal nutzen. Ein Schippel Tauben versucht, mich zum Füttern zu verführen; dabei liegt auf der menschenleeren Nebenbank ein offenes Sackerl irgendeines Knabbergebäcks. Ich spüre ein Ziehen in der Herzgegend. Drei Cappuccini sind zu viel. Was wäre die Alternative? Fruchtsäfte sind es nicht. Rechts von mir lebt eine Linde, deren Blätter zum Teil vom Sonnenlicht durchleuchtet werden (die Sonne steht aus meiner Warte hinter dem Baum). Der unvermeidliche Baustellenlärm in den Parks. Links drüben schläft ein Mann unter einem Baum, beziehungsweise versucht es; er wälzt sich oft hin und her. Irgendwer hustet ganz schrecklich, keuchend und schleimig – ich weiß nicht, ob es ein Mensch oder Hund war. Mir wird hier fad. Was soll’s, ich gehe heim. Dort kann ich wenigstens die Texte eintippen. Hier kommt eh nicht mehr viel Gescheites dazu (höchstens Gescheitertes – der innere Spötter).


Was macht dieser blaue Himmel mit den paar weißen Wolken über den roten Ziegeldächern immer mit mir, dass er solche alten, tief versunkenen Gefühle auslöst?

14:51.  Von der Burggasse über das Regierungsviertel zum Am Gestade und Rudolfplatz und zum Im Werd und nun sitze ich auf der Bank am kleinen, feinen Platz an der Kreuzung Schreygasse, Malzgasse, Miesbachgasse – die Säulengleditschien spenden nur leichten, löchrigen Schatten – und warte das Ende der Tageskinder-Abholzeit ab (weil: wenn ich da Auftauche, störe ich im Gedränge). Eine extrem dünne Dame geht vorbei; ich sehe sie nur von hinten. Gut, das war überflüssig. In der Unteren Augartenstraße sehe ich ein Fenster offen. (Vermutlich auch überflüssig, aber weniger anzüglich.) Auch hier ist der Baustellenlärm offensichtlich unvermeidlich. Manche Felgen der Autoräder sind wirklich martialisch im Design! Hääãã? Die beanstandenden Felgen finde ich in der Reihe der geparkten Autos nicht mehr. In der kurzen Zeit kann das eine Auto nicht weggefahren sein und sich ein anderes hingestellt haben – das müßte ich bemerkt haben. Ist meine Wahrnehmung umgekippt? Ich lasse das.


(9.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4196 Nicht wegen der Musik

 



11:41 a.m.  Zugige Leere im Lokal (drinnen. Draußen ist viel Betrieb). Ihr wißt schon, dass mir die innere Leere recht ist. Der Luftzug kommt wahrscheinlich vom drehenden Ventilator, der heute als Luftbeweger nicht notwendig wäre, kommt mir vor (wenden – Kausativ zu winden und eigentlich winden machen – auf Googlenachfrage). Die Sprünge im Verputz des Plafonds passen ganz gut zu den absichtlich beim Abscheren freigelegten und absichtlich so belassenen Farbflecken (ihr seht, vor lauter Einfallslosigkeit hebt er seinen Blick zur Decke – der innere Spötter). Der zweilampige Leuchter in der westlichsten Fensternische erzeugt wegen der löchrig gestalteten Lampenschirme ein sehr schönes Lichtstrahlenmuster an der hellblauen Wand, das als Licht-Schatten-Struktur wie zwei halbesoterische Engelsflügel ausschaut. Mir läuft ein Schauder über den Rücken (nehme jedoch nicht an, dass jetzt im Raum ein echter Engel anwesend ist – der innere Spötter). Ich verfolge in der Spiegelung innen an der offenen Eingangsglastür, wie die gespiegelten Autos hinter den Zweigen der Laubenbegrünung in die falsche Richtung sausen. Drink wine, feel fine steht auf der Tafel an der Wand und auf einer anderen: Nachschenken, nicht nachdenken. Schade, dass ich nicht mehr trinke! Nicht nachzudenken wäre schon was! (Das meint er nicht ernst! Niemals! - der besorgte innere Spötter.) In der Spiegelrückwand der Gläserstellage (das Wort Stellage habe ich eine halbe Minute lang in meinem Gedächtnis suchen müssen, obwohl es davor schon schreibbereit war, aber ich mit dem Schreiben hintennach und noch nicht dort) spiegelt sich einer der kugelförmigen Kristalluster so schön hinter den vertikalen Fugen der Spiegelfläche (was sagt ihr? Soll ich ihn bei seinen ausufernden Satzkonstruktionen einbremsen? - der innere Spötter). Es riecht nach gebrutzeltem Speck. Meine Nase rinnt. Die Musik ist kaum zu hören; so leise ist sie heute eingestellt (das ist keine Kritik!), vorhin war ein Stück, das undeutlich an (ost?-)asiatische Musik erinnert hat; jetzt kommt jazziges Klaviergeklimper (keine Kritik!) kaum wahrnehmbar durch. Wie gesagt, meine Nase rinnt, ich muß mich schneuzen. (Was sagt ihr eigentlich dazu, wie er sich seine Texte regelrecht von den Wänden kratzen muß? Geht das oder ist es ein Armutszeugnis? - der innere Spötter.) Aus irgendeiner verzwickten, komplizierten Verlegenheit, die zu erläutern mir viel zu blöd ist, hatte ich den Kopf gesenkt und auf den verfliesten Fußboden gegafft. Aber nicht lange, dann habe ich meinen Kopf in Blickhöhe Notizbuch und von dort wieder auf normale Raum- und sitzende Augenhöhe gehoben. Soll ich das Handy aus meiner Bauchtasche holen und auf die Uhr schauen? Es ist sicher zu früh zum Heimgehen (er hofft, dass das auch im übertragenen Sinn gilt, you know? - der innere Spötter). Ein Schluck Wasser. Der dritte Cappuccino ist schon ausgetrunken; eine vierte Melange kommt nicht in Frage. Melancholische Musik mit lautenartigem Geklimper und Geigenbegleitung (Geklimper ist bei mir nicht abwertend! - es ist ja oft ein Indiz für Melancholie). Meine Nase rinnt und ich muß ständig schniefen, weil schneuzen auch nicht hilft. Auf Grund eines Kopfes im Garten, von dem ich nur die prachtvolle, blonde geschneckerlte Frisur sehe, fällt mir wegen eben dieser Frisur ein Typ aus meiner Grazer Zeit ein, ohne ihn einordnen zu können. Ich sehe ihn undeutlich, aber eindeutig vor mir, weiß aber nichts mehr von ihm und nicht, ober der bei der GRM (Gruppe revolutionärer Marxisten) war oder doch nicht. Ist auch egal. Doch eher Aufbruch und Stadtwanderung, würd’ ich sagen. Die Musik ist jetzt lauter und – ich weiß nicht, wie diese Musikrichtung heißt. Reggaeartig rhythmisiert. Jetzt gehe ich, aber nicht wegen der Musik.


(9.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4195 Die Stunde der Dämmerung

 



19:38.  (Eine scheußliche Jahreszahl!) Die Stunde, da die Dämmerung schon weit fortgeschritten ward. Und da ich versuchte, einen Text zu erschaffen (hahaha, aber in Wirklichkeit gar nicht lustig – der innere Spötter). Die Fensterscheiben geben noch etwas Blau ab (das schreibt er mit grüner Tinte! - der innere Spötter), in dem noch ein wenig Leuchten ist. Ich hatte mich aufs Bett begeben, weil ich ein verspätetes Mittagsschläfchen halten wollte, aber jetzt bin ich gar nicht mehr müde. Knapp unter meinem Nabel stelle ich leichtes Vibrieren fest (er trägt auch zu Hause in einem Bauchtäschchen sein Handy herum, weil er keine seiner Schritte für die Schrittzählung verlieren will – der innere Spötter). Jetzt ist für meine normale Wahrnehmung der Augen am Fenster kein Leuchten mehr feststellbar. Ach, mein Geist! Der wandert umher, kommt vom Hundertsten ins Tausendste, an mitschreiben ist nicht zu denken, er bleibt ja auch nirgends. Ich komme einfach nicht nach (und ich würde sagen: es sind sowieso eher dumme, unreife Gedanken und Phantasien. Ihr versäumt nichts – der innere Spötter).


(8.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 8. September 2025

4194 Zwischenstadium

 



12:23.  Im Weltcafe auf der Terrasse (sprich: terrạß). Im Fitnesstudio (wenn sich wer wundert, warum ich nie drei Konsonanten hintereinander schreibe: ich verweigere diese Verschlimmbesserung durch die Rechtschreibreform. Vorher haben sie uns für intelligent genug gehalten, dass wir bei Schwimmeister schon wissen, dass das aus Schwimm und meister zusammengesetzt ist, und wir uns einfach einen Konsonanten sparen können, weil es eh klar ist und wir uns deswegen nicht verwirren lassen. Noch schlimmer, als uns für so dumm zu halten, wäre, wenn sie das aus rein „logischen Gründen“ geändert haben. Dann sind das wahrhaft arme Geister!) war ich schon. Ich spüre meine Muskeln. Der Cappuccino ist schon lau, weil ich so lange Zeitung gelesen habe [das habe ich nicht erwartet, dass sie hier keinen Standard haben, aber Krone und Kurier! Die Krone rühre ich nicht an (naja, am Wochenende liest er die Senger, schaut sich die Karikatur an und manchmal macht er auch das Kreuzworträtsel. Ganz, ganz selten, wenn etwas Wichtiges war, den Sport - der innere Spötter). Und im Kurier, den ich normalerweise auch nicht mehr lese – das war früher anders – ist der Pammesberger freilich ein Hit)]. Langsam nähert sich die Stunde der Therapie (Psycho-), darum bin ich schon in einer Art Zwischenstadium: wie immer vor Terminen werde ich nervös und kann mich immer weniger auf das Hier und Jetzt einlassen. Übrigens wird rundherum Bundesdeutsch gesprochen. Das Copy-Studio auf der anderen Straßenseite fällt mir wieder auf. Viel geht jetzt bei mir nicht mehr. (Kalender, Bindungen, Dissertationen, Diplomarbeiten steht dort.) Am Himmel zieht eine schöne, hauptsächlich weiße Wolke daher (ihr wißt schon, Wolken können innen dichter und damit grauer sein, die äußeren Zonen jedoch dünner und weißer).


(8.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4193 Das obszöne Werk

 



0:49 a.m.  Das obszöne Werk ist der Titel des Buches, das auf meinem Lesestapel unten am Boden neben dem Bett obenauf liegt, aber so richtig obszön wird mein Werk nicht mehr werden; dafür bin ich zu schüchtern und zu schreckhaft. Das macht aber nichts. Verdammt! Jetzt tut mir wieder das Knie weh, weil ich auch das linke Bein aufgestellt hatte, um mein Notizbuch zum Schreiben im Bett auf den Oberschenkeln – meinen Oberschenkeln! - auflegen zu können. Das hab’ ich davon! Ich will morgen früh raus und ins Fitnesstudio, aber mach’ jetzt so lange herum, dass ich wahrscheinlich verschlafen werde oder zu müde zum Aufstehen. Ich habe mit dem Anhören von Thick as a Brick nicht aufhören können. Und wollen. Passagenweise wird – wo? im Kopf? in meiner Seele? - das wunderbare Musikstück innen immer noch nachgespielt.


(8.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Samstag, 6. September 2025

4192 Über den Kaffeehaustisch beugen

 



10:56 a.m.  Nun sitze ich in der Halle des ehemaligen Postsparkassenhauptgebäudes; als Datum wird neben der Uhr, die stimmt, der 18. August 2025 angezeigt (muß man das noch händisch umstellen?), und wenn ich mich über den runden Kaffeehaustisch beuge, kann ich mein Gesicht sehen, denn die Tische sind Spiegel. Ich habe mir einen Cappuccino geholt (Selbstbedienung) und bereits den ersten Schluck genossen. Ich nehme gleich den zweiten, bevor mir vor lauter Schreiberei der Kaffee kalt wird. Die Musik ist angenehm trotz hallender Halle – übrigens gibt’s den Kaffee an den Schaltern 21/22. Eigentlich ist diese Postsparkasse ein fürchterliches Gebäude, von starrer Aggressivität, aber teilweise gelingt es der neuen Nutzung (die Angewandte), die dunklen Mächte hintan zu halten. Die Halle - füllt sich wäre zu viel gesagt, aber es kommen immer mehr Leute herein – von draußen und von drinnen, hätte ich gesagt. Die Musik wird schlechter. Ich würde mich gerne über die Künstler, wie sie alt werden, lustig machen, aber ich weiß nicht, wer die zwei sind. Die Mayröcker ist sie nicht, aber mit Mayröckerfrisur – interessant wie sehr ich da intellektualisierte Kunst assoziiere. Dabei darf man ja nicht vom Äußeren aufs Innere schließen, oder? Ich habe mein Zeug auf zwei Sesseln aufgeteilt abgelegt; das korrigiere ich jetzt, denn das ist zu viel Raumbeanspruchung und zu größenwahnsinnig. Dabei ist reichlich Platz. Ich hebe meinen Kopf vom Notizbuch und erblicke zufällig diagonal durch den großen Raum eine Teufelsmaske, die mich anstarrt. Ach, das ist bloß Gebäck in einem Behälter und zwei etwas heraus ragende und abstehende Salzstangerl bilden die Hörner. Auch falsch! Ich bin hingegangen: es ist ein Gesteck, wo zwei längliche, ährenartige Pflanzenteile herausragen und schräg nach oben abstehen. Das ist übrigens bei Schalter 19/20. Und die Frage erhebt sich, wo das Teuflische war? Im Hintergrundrauschen der Halle oder in mir?

Manchmal verbessert der hallende Raum die Musik, macht sie durch die Verfremdung interessanter und geheimnisvoller, manchmal macht er sie unangenehm. Einen Minitischtennistisch gibt es auch und soeben hat ein Paar zu spielen begonnen, er mit dem Rucksack auf dem Rücken. Der letzte Schluck vom Kaffee. Es gibt an der Stirnwand unter der Uhr und dem Datumsanzeiger eine beichtstuhlartige Kabine, aus der es blinkt, vermutlich eine Kunstinsallation. Vielleicht gehe ich noch hin. So eine Discokugel kann ich erkennen und da weiß ich nicht so recht. Weil an der Tür dieser Kabine, die offen steht, innen viele Zettel am Glas angebracht sind – so weit ich erkennen kann mit Texten – kommt mir plötzlich die Idee, mich als Zettelliterat zu betätigen, wie weiland Helmut Seethaler, und hat nicht auch Christian Ide Hintze Zettel verteilt? Also Texte von mir auf Zettel drucken, zurechtschneiden auf ein handliches Format und überall ankleben. Dafür bin ich schon zu alt, eigentlich (auf meinem T-Shirt steht heute jedoch Ich bin freiwillig hier). Würde ich das psychisch schaffen? Oder die Texte einfach verteilen? Vor lauter Aufregung wegen dieser Zettelidee zupfe ich das Preispickerl vom Pilotstift und lege es zusammengeknüllt auf die Untertasse der leeren Kaffeetasse. Würde ich das schaffen? An Jahren bin ich zu alt dafür – da schaut man auf ein großes Lebenswerk zurück, hat es geschafft und es gibt viele Bücher und auch Festschriften oder Ähnliches und Preise und Ehrungen – aber als Literat bin ich noch recht jung und pubertär (vom Entwicklungsstadium her), noch vorm Durchbruch - da würde die Zettelei passen. Ich fürchte, das schaffe ich nicht. Die Scham ist zu groß. In der Kabine übrigens wird man/frau interaktiv aufgefordert, seine/ihre Meinung zu sÿs kundzutun – ich habe aber keine Ahnung, was das ist. Die Musik in den Kopfhörern hat recht flott geklungen. Ich bin nochmals hin und habe den Aushang gelesen: man/frau könnte die Tür schließen und drinnen im zettelbehangenen Glaskasten tanzen und laut singen. Schaffe ich auch nicht. Und um einen Duft, der verströmt wird, geht es auch. Oder schaffe ich es doch? Tür zu und los!? Ach! Mein Knie! Außerdem muß ich aufs Klo (aus den Hallenboxen kommt Barbara Ann).
In diesen Gängen kann man sich wirklich verirren; dieses Gebäude ist feindselig und wahrhaft kafkaesk! Nun sitze ich im Schalter 7/8, also dahinter, und blicke von dort über die Budel in die Halle. Nun warte ich, dass jemand daherkommt und zum Beispiel einen Text als Kostprobe verlangt (ließe sich so eine Aktion arrangieren?). Oder könnte ich hier Texte verteilen? Ich sollte nach Hause Gemüse schnipseln für das Familienessen morgen, aber die Tanz-Geruchs-Kabine läßt mich nicht gehen. Ich muß wohl vorher rein, die Tür schließen, einen Kopfhörer aufsetzen, tanzen und singen, bevor sie mich frei gibt. Zwölf Uhr. Jetzt geht ein junger Mann in die Kabine, aber läßt die Tür offen, also wird er wohl bald wieder herauskommen. Soll ich mich schon bereit machen? Er ist immer noch drinnen. Wahrscheinlich liest er alles. Ich mache mich für die Kabine bereit.

Ich bin wirklich hinein, habe die Tür zugemacht, einen Kopfhörer aufgesetzt und habe in der Kabine, deren Glaswände mit Zettel verpickt sind und somit von draußen kaum einsehbar, getanzt und gesungen. Der Duft ist für mich an der Grenze: interessant, aber fast schon unangenehm. Zu süß (ah! sÿs!) vielleicht. Da ich meine Kappe auf einem Sessel am Tisch vergessen habe, gehe ich dorthin zurück und als ich mich über den Tisch beuge, um meine Kappe zu erreichen, kann ich mich und besonders meinen Kopf von schräg unten sehen. Amen.


(5.9.2025)


Peter Alois Rumpf September 2025 peteraloisrumpf@gmail.com