In der Albertina: bei den zwei Sphinxen (zwei! Ist das nicht
eine Übertreibung?). Dort habe ich mich gleich hingesetzt, bevor ich auch nur
ein Bild angeschaut habe. Ich muß darauf achten, dass ich nicht in Atemnot
komme. Erstens. Und zweitens: die Xenia Hausner schaue ich mir nicht mehr an.
Sie hat beim ersten Anblick ihrer großen Arbeiten bei mir zwar einen Eindruck,
wenn auch einen zwiespältigen hinterlassen, aber was ich Naivling und
Informationsignorant nicht überrissen hatte, dass die Photos schon auf die
Leinwand gedruckt sind, bevor sie einen Pinselstrich macht. In der
Kulissenmalerei wird das erlaubt sein, verboten ist es hier auch nicht, aber wenn
jemand sich den Körper, den er oder Sie malt, nicht selbständig aufbauen traut,
sondern des realistoiden Effekts willen solche blöden Tricks anwendet: Nein!
Das wäre doch interessanter und ergiebiger, wie der Körper aus dem eigenen
Malen heraus ausschauen würde. Und ich Narr habe mich doch beeindrucken lassen
und mir gedacht: „aber die Körper baut sie schon gekonnt auf!“ Welch ein
Illtum! Dabei ist das nur Anmalen wie beim Malen nach Zahlen. Darum mag ich
auch so Blender wie den Dings (21, 22, 23, 24, 25 Sekunden: Helnwein) nicht.
Nein. Ich gehe zum Gasteiger, der lügt nicht.
Der lügt – hoffe ich – nicht und seine Effekte sind offene
und ehrliche Effekte und beruhigen die Seele. Was ja auch nicht schlecht ist.
Ich hatte mit vorgenommen, dass mein Albertinabesuch heute mehr eine Sitztour
wird, aber jetzt muß ich doch herumrennen. Meine fünf Lieblingsgasteigers ohne
Titel 2021 gehe ich mehrmals ab, vor und zurück, um den wirklich schönen,
schlichten Kippeffekt zu genießen. In diesen abstrakten, sich dekorativ
gebenden Pinselstrichen kommt mehr Schmerz, Leid, Innigkeit, Hingabe,
Glückseligkeit und Liebe zum Ausdruck als in dem gewalttätigen Geschmiere nach
Zahlen. Ich gehe, schleiche, bewege mich andächtig auf diesem Leidensweg des
Herrn (puh! Heut dreht er wieder auf!) an den fünf Stationen vorbei, manchmal
möglichst knapp, um den tollen Kippeffekt möglichst nah und deutlich zu sehen
und das Relief in seiner Wirkung auszukosten. So knapp es geht, ohne die
Aufmerksamkeit der Aufseher auf mich zu ziehen - wie passend dazu John
Frusciantes „What We Have“ aus dem MP3-Player, ein Werk von vergleichbarer
Schönheit, Schlichtheit und Meisterlichkeit. Ich gehe nochmals den obigen,
nicht Kreuz- aber Weg der hochgestellten Rechtecke, die haben auch Vertikale
und Horizontale und dabei das Vertikale stärker betont.
Auf dem Weg zu den Batliners raste ich – um nicht außer Atem
und unter der Maske in Atemnot zu kommen – im letzten Saal der
Landschaftsausstellung, der einzige Raum dieser Ausstellung, der mir mit vielen
seiner Bildern ans Herz geht. Ansonsten habe ich hier nur, aber das heftig, die
Rembrandt'sche Skizze auf meinem Radarschirm.
Die berührende Wintersonne von Nolde; das Wärmende in
unerreichbarer Ferne, kann leuchten,
aber den Wintermenschen nicht erreichen. Und gar nicht zu reden – ich
weiß, ein unmöglicher Sprung – die bescheidenen, dem Geist und dem Leben
gegenüber demütigen Bilder von Klee; so eine meisterhafte Bescheidenheit.
Wahre Meister geben nicht an. Jetzt das letzte Stockwerk hinauf zu den
Batliners (Das Omar-Rodriguez-Lopez- Group spielt gerade so passend das Stück,
das ich immer meine Andachtsmusik nenne: Live Los Angeles (WIP) II).
Den ersten Raum (wegen erhöhter Atemfrequenz durchs
Stiegensteigen beschlägt sich meine Brille) mit all seinen Meisterwerken
durchschreite ich bezopfter Huzule mit schier unglaublicher Arroganz, nur
Gauguins Bretonin werfe ich einen kurzen, liebkosenden Blick zu, um endlich in
meine Lieblingsecke des zweiten Saales zu gelangen. Winkerlstehen bei Vuillard
und Mangiuns Arsch – Gottseidank nicht seiner, sondern der der schönen,
prächtigen Frau, die er gemalt hat. Die anderen Werke in diesem zweiten Saal
ignoriere ich genauso wie die vom ersten. Modiglianis Prostituierte geht mir in
ihrer Verlogenheit und Flachheit sowas am Arsch vorbei, wobei ich die
Verlogenheit nicht der Dame vorwerfe – was ist ihr sonst übrig geblieben? -
sondern dem Maler. Ich muß mich wieder setzen. Weiter zur Werefkin!
Hier sitze ich vor der geliebten Werefkin, ihrem
Nachtschwärmer und ihrem Sturmwind und genieße die Bilder. Ich kann gar nichts
neues dazu sagen, aber hier sitze ich und kann nicht anders. Nur dem
Oberstdorfer Berg von Jawlensky werfe ich ein paar verdrehte Blicke zu (im
Rücken). Aus meinen Augenwinkeln sehe ich, dass links von mir eine Gestalt
steht – es ist aber „nur“ Barlachs überkandidelter Rächer. So wird das nichts!
So wird ihm die Rache nie gelingen! Da verhaspelt er sich hundertemal in seinem
sinnlos ausholenden Getue; Rache muß konzentriert, schlank und effizient sein.
Ein paar Blicke noch auf die Werefkins und auf den Jawlonsky, dann gehe ich
weiter. Der Aufseher wird schon nervös. Mich amüsiert es köstlich, wenn mich die
Leute so falsch einschätzen. Und ich glaube nicht, dass sich der Rächer an dem,
was er und sein Tanz auslösen, amüsiert – dazu hat er viel zu viel vor.
Ja, ja, der Jawlensky-Berg ist wirklich toll und ich bin im
Abgang zu recht dort ein wenig stehen geblieben. Jetzt raste ich, bevor ich
meinen Lieblingssaal betrete vor einem Egger-Lienz'schen Holzhacker. Seine Hacke
(Beil) liegt unrealistisch auf. Wenn man idealrealistisch malen will, muß man
das hinkriegen, ohne Phototapeten, ansonsten soll man proaktiv auf sein
Nicht-Gelingen vertrauen, aus dem möglicherweise eine höhere Stimme und größere
Weisheit spricht, als aus den eigenen Vorstellungen – meine ich. Auf zu
Kokoschka und Boeckl!
Ja! Ja! Jaaa! Passt! Schööön! Die zwei Städte sind ein wenig
weit weg, aber gut, so schau ich mir halt die Boeckel'sche Ehefrau Maria an.
Maria durch ein Dornwald ging. Jetzt geht mir allmählich die Luft aus: ich
werde mich bald auf den Nachhauseweg machen. Dabei lasse ich sogar meinen
Ruheplatz beim depperten Kardinal aus. Ganz kurzes Innehalten beim
freundlichen, sitzenden Arbeiter von Frau Motesiczky, ihr Kröpfelweg fehlt mir.
Einen Blick noch zu Chagalls Papierdrachen, an den Giacomettis vorbei streifend
– Giacomettis Landschaft gefällt mir tausendmal mehr als Delvoux's Landschaft –
das idealrealistische brauche ich nicht! - und nichts wie raus!
(9.6.2021)
©Peter Alois Rumpf Juni 2021
peteraloisrumpf@gmail.com