Mittwoch, 30. Juli 2025

4143 Coleus venteri

 



12:45.  Ich wische mit der bloßen rechten Hand ratlos am verstaubten Schreibtisch im Musikzimmer, an dem ich jetzt sitze, herum und ärgere mich dann über den Schmutz auf meiner Handfläche. Ich stehe auf und gehe mir die Hände waschen. Ich habe mich schon mit Blumengießen und Blättern in Kunstkatalogen vom Schreibbeginn abhalten und meiner Ratlosigkeit entkommen wollen. Aber mir fällt nichts Besseres ein als doch zu schreiben. Am Handy surfen könnte ich noch versuchen. Das hat auch nichts gebracht. Diesen Schreibtisch habe ich sicherlich viele Monate nicht mehr geputzt (den in deinem Zimmer auch nicht – der innere Spötter). Der Wolkenhimmel ist sehr interessant (von hier aus kann ich ihn sehen): sowohl Schleierwolken als auch kompaktere schieben sich aneinander vorbei. Ich habe vor meiner Ratlosigkeit und dem Nicht-mehr-wissen-wofür-ich-da-bin – die „Schriftstellerei“ zerbröselt mir auch unter der Hand – schon Angst. Ich spiele mit dem Druckstück meines Pilotstiftes indem ich es – den Stift verkehrt haltend – leer nach unten rutschen lasse und wieder leer hinaufschiebe – also ohne den Mechanismus auszulösen - und hebe dann mein Köpflein hoch, senke es wieder, drehe es hin und her und schmiege es in meine linke aufgestützte Hand. (Gottseidank gibt es das Internet, damit er nachschauen kann, wie die Teile eines Kugelschreibers heißen und er sich so über die Schwachstellen und Abgründe hanteln kann – der innere Spötter.) Ich korrigiere die Handhaltung, damit ich meinen Kinnbart, der sowieso schon einen Rechtsdrall hat, mit der angeschmiegten Hand nicht noch stärker nach rechts drücke. Dann lege ich meinen Blick auf das Titelblatt des oben auf dem kleinen Stapel am Schreibtisch abgelegten Katalogs Das Aquarell in Niederösterreich, dessen Titelbild mir recht gefällt (Oskar Matulla, Das Joch, 1970). Dieser Anblick beruhigt meine Seele etwas. Der Himmel wird blauer (er kann seine Beschreibungen des immer Gleichen fast nicht mehr ertragen – der innere Spötter) und der Anblick heller; leichtes Sonnenlicht hat sich an die Hausfassaden und auf die Dächer gelegt. Ich überlege, ob der Rosenweihrauchstock (Coleus venteri) vor mir am Fensterbrett genug Wasser hat, komme jedoch zu keinem Ergebnis. Den Finger auf die Erde legen, um die Feuchtigkeit zu prüfen, unterlasse ich; ich weiß ja nicht, wie viel er braucht. Ich bin von lauter Dingen, Geschehnissen, Sachverhalten, Vorgängen und Lebewesen umgeben, mit denen ich nicht umgehen kann. Jetzt habe ich mich doch vom Sessel erhoben, nach vor gebeugt und den linken Zeigefinger in den Blumentopf gesteckt: die Erde fühlt sich feucht an. Gegenüber raucht einer aus seinem Fenster.


(30.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 29. Juli 2025

4142 Adieu

 



8:21 a.m.  Mein geliebtes Zimmer in fast bernsteinfarbenem Licht (nur etwas blasser, flacher, bräunlicher). Gut ausgeschlafen, aber die rechte Fußsohle juckt, dass es kaum auszuhalten ist. Okay, das ist alles nicht so wichtig. Rettenschoess an der Wand ist wieder völlig anders im rolloverdunkelten Raum. Der dicke Knausgårdband ganz oben am Regal, auf anderen Bücher quergelegt, wirkt – schief wie er ist – wie ein havarierter Tanker bei starkem Wellengang. Ach ja, und Rettenschoess gibt in diesem Dämmerlicht ein feines, zartes Landschaftsbild ab. Und jetzt ist es auch ganz still (Jausenzeit auf der Baustelle? - der innere Spötter).


11:31 a.m.  Aaaaaah! Endlich wieder im Espresso Burggasse! Aber ein wenig fremdle ich, muß ich feststellen. Wieso eigentlich? Nur wegen zwei Wochen Pause? Die Bedingungen jetzt sind bestens: der fast leere Gastraum, weil alle draußen im Garten sitzen. Ah! Die Musik! Jetzt klickt's! Roxy Music. Love is the drug. Kaffee und Musik passen nun meine Stimmung besser ein. Jetzt ist das Lied vorbei und ich bin wieder etwas unrund. In dem Moment beginnt es draußen zu regnen – übrigens auf die Stunde exakt im Wetterbericht angekündigt – und viele kommen herein. Das hebt die Stimmung und ich pfeife auf meine übliche Melancholie der leeren Räume. Es stinkt auf einmal nach Zigarettenrauch, aber ich sehe niemanden rauchen. Vermutlich kommt das von draußen. Ja, stimmt, jetzt sehe ich die Übeltäterin durchs Fenster; die Tusse raucht direkt vor der offenen Eingangstür. Vielleicht vertrage ich keinen Kaffee mehr. Dennoch schlürfe ich gierig den frischen ersten Schluck der zweiten Melange und greife zum beigelegten Schnittchen und konterkariere die Übersüße mit bitterem Kaffee. Wieder kommt ein kleines High auf. Danach greife ich aus Ratlosigkeit wieder zu einer Zeitung.

12:54. War’s das? Das war’s für hier und heute.


13:33.  Auf meiner Schrittewanderung nach Hause (sechs- bis siebentausend sollten es täglich sein) raste ich – wie so oft – übrigens: nachdem ich beim Wienerroither und Kohlbacher ein schönes Weilerbild gesehen, betrachtet und photographiert habe – am Gestade und sitze auf einer Bank gegenüber den schönen frühneuzeitlichen Häusern (in dieser Sache folge ich Wolfgang Döbereiner, der den Beginn der Neuzeit mit 1367 ansetzt und deren Ende mit 1967). Der Platz wird gerade von der MA 48 in Gestalt einer jungen Frau gekehrt; das Geräusch des über den Boden kratzenden Besen – übrigens verwenden die die besten Besen für diese Bedingungen; ich weiß das von meinem Zivildienst bei den Straßenkehrern – hat mich auf den Vorgang aufmerksam gemacht. Und freilich plätschert auch der Brunnen des betrügerischen Baders (weil ich heute im Falter eine Kritik an Füllwörtern gelesen habe, verstärke ich meine Faible für diese Wörter, die einer Aussage oder Beschreibung eine spezielle Note oder eine Verzögerung, gar ein Stolpern verpassen können – und darauf lege ich wert. Außerdem habe ich das Bedürfnis, meinen Sätzen nicht mehr Erkenntnissicherheit mitzugeben, als ich selbst habe).

Ein asiatischer (?) Tourist (?) breitet unten an der Stiege zur Maria-am-Gestade-Kirche hinauf und sie anblickend seine Arme weit aus und verharrt längere Zeit in dieser Haltung. Ich tippe auf Ehrfurcht, kann mich jedoch leicht irren. Ich sehe auch niemanden, der ihn photographiert, aber mein Blickfeld ist eingeschränkt. (Langsam kommt ihm die Schreibweise photographieren doch blöd vor, aber noch weigert er sich – wahrscheinlich aus Bildungsdünkel – der ja meistens deren Mangel anzeigt – die einfachere neue Rechtschreibung anzunehmen – der innere Spötter.) Ein Marienkäfer krabbelt an der Seitenkante der Sitzbank entlang nach oben. Jetzt ist er oben und krabbelt wieder hinunter. Dreht nochmals um und wieder hinauf, stockt aber in der Mitte der Seitenkante der Rückenlehne und verharrt reglos. Eine viel kleinere Spinne kommt heran und als sie ihn anschubst, klettert er wieder hinauf. Oben wieder herunter. Oder war das keine Spinne? Ein zweites dieser Tiere taucht oben auf. Ich sehe zu schlecht, um die Beine zu zählen. Kleine Ameisen sind auch auf der Bank unterwegs. Wieder stinkt es nach Zigarettenrauch und -asche. Der Marienkäfer - innen am ┌ - Eisen der Rückenlehnenstütze – rührt sich nicht. Schon seit Minuten. Aha! Jetzt läuft er wieder hinunter. Bleibt wieder stehen. Geht in Schlangenlinie wieder hinauf. Aber nur ein kleines Stück, dann steht er wieder. Inzwischen hat es zugezogen und es ist kühler geworden. Mir soll es recht sein. Ich werde weiterwandern. Adieu, Marienkäfer! Erhol’ dich gut! (Er rührt sich immer noch nicht.)


(29.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4141 Endorphin

 



17:49.  Whow! Ein Endorphinschub stört nachhaltig meinen Wirklichkeitssinn. Erinnerungen und Szenen schieben sich in mein Bewußtsein, von denen ich nicht weiß, ob ich sie wirklich erlebt habe, und wenn doch: wann? Und in welcher Realität? Gerade vor drei Sekunden war doch was, aber was?

Ich kenne solche Verschiebungen zur Genüge, manchmal finde ich sie interessant, aber heute nerven sie mich: ich weiß nicht mehr, was ich wirklich erlebt habe. Außer Atorvastatin habe ich heute kein Medikament genommen. Und Drogen: nur eine Tasse Cappuccino. Ich liege unschlüssig im Bett (mein linkes Knie schmerzt) und finde mich mehr schlecht als recht in dieser simplen Wirklichkeit zurecht (vielleicht retten mich Wortspiele und Wortwiederholungen). Die „Wirklichkeit“ ist nur ein verschlissenes Kleid über etwas Unvorstellbarem. Ich will meine Ruhe haben. Ich will nicht abrutschen. Ich blicke mich in meinem Zimmer um, ob die Dinge halten oder nachgeben und zu rutschen beginnen. Ich weiß, dass die Dinge nur schlechte Skizzen über dem Abgrund sind, aber heute kann ich mir diese Erkenntnis nicht leisten. Ich muß die Illusion dieser „realen“ Welt stabilisieren, sonst bin ich weg und ich bin nicht lauter und stark genug, eine solche Reise zu überstehen. Kühle Abendluft kommt vom offenen Fenster im Vorzimmer herein. Ich atme tief und stockend durch. Ein Flugzeug lärmt sich durch die relative Stille; nur in meinen Ohren surrt es wie verrückt. Soll ich es mit Weihwasser probieren? Ich bin zu faul zum Aufstehen; und ich habe auch keine Lust, mich mit den Weihwasserimplikationen herumzuschlagen und all die dortigen Weihwasserimplikationen .. jetzt habe ich mich verirrt und vergessen, was ich Wichtiges sagen wollte; von einer Sekunde auf die andere ist mein Satz weg. Nur so viel: am Weihwasser mag ja auch alles Mögliche Zeugs hängen, mit dem ich nichts zu tun haben will. Einsam bist du! Geistig sehr einsam! Die kühle Luft vom offenen Fenster tut mir gut. Wenn ich nur einigermaßen im Gleichgewicht bin, werde ich versuchen zu schlafen.


18:56.  Ich war ein wenig eingeschlafen und bin eines Telefonats einen Stock tiefer wegen aufgewacht. Ich fühle mich besser, aber dann habe ich mich gefragt – warum auch immer – wie alt ich bin und habe mir die Frage nicht beantworten können. Ich wußte ja auch nicht mehr, welches Jahr wir haben. Mein Geburtsjahr kannte ich noch, aber die Herumrechnerei hat zu nichts geführt. Geduldig habe ich nachzurechnen versucht: von 1954 bis 2000 – das sind wie viele Jahre? 46. Okay. Und weiter? Dann habe ich es mit Alter und Geburtsjahren meiner Töchter probiert – aber ich weiß ja nicht, welches Jahr wir jetzt haben! Bin ich wirklich über siebzig? Das gibt es nicht! Allmählich … ich blättere im Notizbuch, denn ich hatte die Idee, bei den Datumsangaben nachzuschauen. 2025! Tatsächlich! Ich bin über 71 und mein nächster runder ist 80. Ich bin schockiert! Das soll es gewesen sein? Wo ist mein Leben? Ich habe von meinen Träumen und Hoffnungen doch kaum etwas verwirklicht! Wo ist meine „große Tat“? Ich denke an meine Töchter und beruhige mich wieder. Ich sollte runtergehen und nachschauen, ob die zweite Wäsche schon fertig ist.


(28.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4140 Von betörender Schönheit

 



15:05.  Aaaaah! In meinem Zimmer scheint die Sonne herein und bringt jeweils eine Kante und ein Stück der Unterseite vieler CDs im Zedeturm zum gelblichen Aufleuchten. Auch der Holzrabe am Fenster strahlt ein wenig auf, soweit es seine schwarze Farbe zuläßt, aber besonders sein fälschlich gelber Schnabel leuchtet. Ein paar Sonnenflecken sind noch am Schreibtisch verteilt und am momentan leeren Schreibtischstuhl. Die Baustelle draußen rasselt und pressluftklopft vom Fenster im Musikzimmer über das ehemalige Atelier, am Stiegenaufgang vorbei, in mein Vorzimmer und von dort bis zu mir, der ich mich nach langer Zeit wieder in meinem Zimmer auf meinem vertrauten Bett – vom Koffer und den Reiserückständen befreit - ausgestreckt habe. Mein Blick fällt auf Rettenschoess unter dem Plafond und das bewegt sich, pulsiert und zoomt. Mein Gott! Habe ich die Berge links hinten schön gemalt! Der blaue Block, der wie ein fetter, brütender Vogel in der Bildmitte sitzt, sticht stärker hervor denn je. Dabei sollte das auch ein Berg sein, ist jedoch irgendwie unmöglich geblieben. Aber – nochmals – die Berge links im Hintergrund sind von betörender Schönheit.


(28.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4139 Drei Anfänge

 



9:21 a.m.  Drei Anfänge – schon im Kopf formuliert – sind bereits verloren, weil ich es aus dem Halbschlaf heraus nicht geschafft habe, sie aufzuschreiben. Nun hocke ich etwas verloren im Bett und drohe wieder einzunicken. Der Wasserkocher in der Küche sprudelt und zischt, die Baustelle draußen scheppert und kratzt und heult und sägt und ich starre in die Wohnzimmerpflanzen, die ineinander verwachsen bis zur Decke reichen. Der Wind weht immer wieder den wunderschönen, kunstvoll bedruckten, aber schon zerschlissenen Vorhang von rechts in mein Gesichtsfeld, und so kann ich für Sekunden meine tollen Zeichnungen (und auch die meiner Frau) bewundern. Und das ist wirklich so: ich wundere mich jedesmal, wenn ich den Vorhang betrachte, dass ich diese Graphik gemacht habe, weil ich mir heute eine solche Arbeit gar nicht mehr zutraue. Die Graphiken meiner Frau, die auch auf diesem Stoff gedruckt sind, wundern mich weniger, denn ihr traue ich diese Kunstfertigkeit immer noch zu. Aber jetzt ist Frühstück.


(28.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4138 And His Magic Band

 



16:45.  Links Captain Beefheart & His Magic Band, auf drei Seiten der Verkehrslärm, durch den rechten Oleander der kleine Durchblick auf die flach hügelige Landschaft im Nordosten, über mir der hellgrau unterlegte Himmel mit den umherirrenden dunkleren Wolken. Ich stelle den Beefheart leiser. Zu leise vielleicht – warten wir es ab. Geht. Nachdem mein Gehirn die Songs kennt, kann es sie mitkonstruieren, wenn die Autos zu laut sind. Die Spatzen drehen dafür akustisch ordentlich auf. Oder waren das die Mauersegler? Ich sehe nur Mauersegler umhersausen. Nach dem Regen ist es wieder einigermaßen aufgetrocknet. Das Flugzeug, das jetzt alles überrauscht, kann ich sehen und hat eine Länge wie die Breite meines Zeigefingernagels. Ja, das ist der Tag. Der Spezialtag wofür weiß ich nicht. Der Beefheartsong geht zu Ende und eine Krähe ruft. Dann kommt der nächste Song, das nächste Auto und so weiter. In welchen Verhältnissen bin ich verheddert? frage ich mich. Ganz leichtes Nieseln jetzt. Und wieder die Krähe. Beefheart schnauft sich durch seinen Blues. Das scheinen ausgearbeitetere Versionen seiner Lieder zu sein. Oder täusche ich mich? Das Nieseln hat wieder aufgehört. Die Krähe schimpft richtig. Keine Icecream for Crow? Spielen sie gerade nicht. Es wird etwas kühl; mir rinnt die Nase.


(26.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 25. Juli 2025

4137 Vorm Haus

 



15:35.  Vorm Haus. Rechts und links vor mir die blühenden Oleander. Die Straßen sehe ich nicht, aber ich höre sie; nur der oberste Teil eines vorbeifahrenden Betonmischers ragt über den Geländeabbruch zur Straße. Mopeds. Die Wolken haben sich großteils verzogen. Ich blicke 26° NO. Die anderen sind im Schwimmbad. Ein bißchen stinkt es nach Benzin. Ich lausche den Motorengeräuschen nach und in ihre abstrakten Strukturen hinein. Die Kirchturmuhr von Frauenberg schlägt dreiviertel. Das Singen der Autoreifen auf dem Asphalt. Jaulen könnte man es auch nennen, aber es ist interessanter, es abstrakt zu lassen. Immer wieder höre ich menschliche Stimmen, die ich nicht zuordnen kann. Der Platz hier dürfte eine spezielle Akustik haben und die Schallwellen eigenartige Wege gehen. Der Wind will in meinem Notizbuch blättern, während ich im Internet surfe und das Büchlein fast achtlos auf dem Tisch abgelegt habe. Ich blicke in den zuckenden Schatten des linken Oleander direkt vor mir auf dem Asphalt. Es sind immer wieder die menschlichen Stimmen, die von irgendwoher kommen, mich verunsichern und aufscheuchen, und aus der Betrachtung reißen. Aber es ist doch niemand in der Nähe. Von Westnordwest nähert sich neue Bewölkung. Ein kleiner Vogel ruft nachhaltig und ausdauernd sein Zizibee (?). Ist es wirklich eine Blaumeise (danke Internet!)? Ich sehe sie nicht. Vom Schattengaffen bin ich längst wieder abgelenkt. Ich nehme einen Schluck vom kalten Kräutertee. Die Bewölkung im Westen wird dichter und grauer. Eine Katze kommt um die Ecke und legt sich hin. Der Schatten des Oleander rührt sich nicht mehr. Er wird auch schwächer und schwächer und ist schon fast verschwunden. Meine Beine sind eingeschlafen; ich muß ein paar Schritte machen (mein Schrittesoll habe ich heute schon erfüllt).
Der Oleanderschatten kommt wieder zum Vorschein. Lange wird er sich nicht halten, wenn ich die Aktivitäten der Wolken richtig deute. Ich stehe nochmals auf und gehe ein paar Schritte herum, setze mich aber sogleich wieder hin, als könnte ich mit dem Herumgehen nichts anfangen. Erst als ich wieder sitze wird mir bewußt, dass ich mich gegen meine offizielle Absicht hingesetzt habe. Nun donnert es und der Schatten ist weg. Ich gehe an den westlichen Rand des Grundstücks und schaue in einen Wald, nichts anderes als Wald, aber höre rundherum den Autoverkehr. Die dunklen Wolken ziehen bedrohlich schnell heran, aber ich sitze ja direkt vorm Haus. Die ersten Tropfen; ich packe zusammen. Ein T-Shirt sollte ich mir auch anziehen.


(24.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4136 Vergeblich

 



11:15 a.m.  Ich muß nichts schreiben. Ich kann auch einfach auf dem alten Tempelberg sitzen und aufnehmen, was immer es da gibt und abstrahlt. Inneres Schweigen und Abstellen des Gedankenflußes wäre hilfreich. Stattdessen surfe ich via Smartphone im Internet. Kann mich schon an kaum etwas erinnern, was ich da gelesen habe. Heute ist es bewölkt, nicht unangenehm. Tröpfelt es jetzt? Die steirische Fahne beim Museum hängt fast reglos. Noch sehe ich keine Tropfen auf dem Papier. Ich vermeine doch eine stille Intensität zu verspüren (wenn es denn nicht Einbildung ist – der innere Spötter). Eine ganz leichte Brise. Der steirische Panther spuckt sein Feuer und wird dabei durchwellt (die Fahne ist sowohl an einer ihrer Längsseiten, als auch oben an der Schmalseite fixiert). Spatzen zucken mit ihren Schwänzen – abgesehen davon, dass sie auch fliegen und hüpfen und aufmerksam die Gegend absuchen. Was ist mit der Stille? Der Blick in die Landschaft ist betörend. Ganz fern kräht ein Hahn (wenn ich richtig gezählt habe, nur zweimal). Und wieder im Internet. Nocheinmal versuche ich, in die innere Stille zu kommen. Dafür lege ich jetzt Notizbuch und Schreibzeug weg. Dann gehe ich herum und versuche, mir die Landschaft mit ihren Silhouetten einzuprägen. Vergeblich.


(24.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4135 Sommerzeitlicher Abend

 



18:30.  345°N ist die Richtung, in die ich schaue (wobei das am Tisch abgelegte und nicht berührte Handy ständig zwischen 43, 44, 45 hin und her springt – kann mir das wer erklären? Jetzt auch 46). Direkt vor mir kommt die Straße von Seggauberg herunter und teilt sich dort, wo das Grundstück, auf dem ich sitze, in einem Geländeabbruch zu den Straßen aufhört (oder anfängt), wie das Wasser vorm Bug eines Schiffes. Der von mir aus gesehen linke Straßenstrang teilt sich wieder, links unter mir. Es herrscht reger Verkehr, aber der Blick in die Landschaft entschädigt einen dafür. Immerhin kann man manchmal die Kirchturmuhr von Frauenberg schlagen hören. Ich sitze unter einem Sonnenschirm, nur auf meinen linken Unterarm und meinen linken Unterschenkel brennen die Sonnenstrahlen. Der Blick auf die herabkommende Straße vor mir ist von zwei Büschen eingegrenzt; dahinter ist die zweisitzige Kinderschaukel einige Meter vorm Grundstücksende, deren Gestell entfernt an ein japanisches, an ein japanisches Tempeltor erinnert (sehr entfernt! - der innere Spötter - außerdem scheint er jetzt auch schriftlich zu stottern), was diesem Arrangement eine besondere Note gibt: irgendwas mit Tor zu einer anderen Welt und dahinter die Straße ins Nirgendwo. Auf der Terrasse vom Restaurant, drüben hinter dem „Tor“ gibt es viel Gewusel – sind die noch von dieser Welt oder schon hinüber? Oder im Zwischenreich? Mir kommt das Restaurant da drüben an der herabkommenden Straße recht fremd vor. Ich hebe den Kopf und sehe den Himmel; zarte, weiße Wolken ziehen langsam über ihn hinweg. Jetzt läuten die Abendglocken von mehreren Kirchen. Die Sonne steht schon noch recht hoch. Mopeds heulen aus der Ferne dazu. Ach, das Abendgebet (der Tag hat sihich geneieiget)! Ein tiefer fliegendes, lautes Flugzeug mischt auch noch mit.


(23.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 22. Juli 2025

4134 Ein Sommertag

 



10:17 a.m.  8° Nord mit Blick direkt aufs Museum mit seiner steirischen Fahne (nicht schon wieder! – der innere Spötter). Die Bewölkung zieht ab. Ich sitze auf meiner Lieblingsbank unter dem Apfelbaum und blicke in die Ferne. Die „Gärtner“ vom letzten Besuch (Text Nr. 4130 Zuerst am Frauenberg) stellen sich als Archäologen heraus, die hier Grabungen durchführen. Darum war ihre Arbeit so ganz ohne Lärm! Am nächsten Tisch wird auf Südsteirisch über Rasenroboter palavert. Diametral gegenüber auf der anderen Seite läuft eine Museumsführung durch das Gelände. Die Steirer gehen jetzt, die Ruhe, die ich hier so liebe, kehrt ein (wobei ich heute auch schon mit der Museumskustodin, die jetzt die Pflanzen in den Töpfen gießt, geplaudert habe). Die Führungspartie kommt näher; ich horche auf die Ausführungen, vielleicht kann ich etwas lernen. Aber die Schmetterlinge flattern schaukelnd über die Wiese, wie es meine Gedanken über dem weiten Feld des Bewußtseins tun. Elegie der fernen Flugzeuggeräusche. Eines kommt nach dem andern. Der Gartenschlauch wird eingekurbelt; der Rosenstrauch gegossen. Ganz weit weg in der Ebene draußen glitzert ein Auto als ein Lichtpunkt. Die Kirchturmuhr schlägt dreiviertel. Ein paar Krähen fliegen auf. Eine Taube ruft ihren typischen Ruf (Langform). Eine Autotür – vermutlich beim Friedhof unten – schlägt zu. Wenn die Flugzeuge verklingen, kommen die Straßengeräusche unten deutlicher herauf. Der leichte Wind bringt die Luft in sanfte Bewegung. Die Kirchturmuhr schlägt elf. Ein Vogel ruft; ich erkenne ihn nicht. Klingt wie ein Warnruf. Jetzt ist es vermutlich ein Specht, der kurz schreit. Ein Sommertag. Ich muß loslassen. Viel loslassen.


(22.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4133 Fragwürdige Idylle

 



11:36 a.m.  Bei der Steinernen Wehr. Hergegangen bin ich den längeren Weg die obere Sulm entlang. Dieser Weg ist in seinem ersten Drittel so schön! Rechts der steile, bewaldete Berghang, links die Sulm mit ihren Schotterbänken und Sanduferstellen, den Steinen und den hineingestürzten Ästen und Bäumen, den kleinen Geländestufen im Fluß, die alle das Fließen des braunen Wassers so abwechslungsreich und dennoch elegisch machen. Schade ist nur, dass dieser Weg im Laufe der Jahre zu einer Radrennstrecke zu verkommen droht. Es gibt auch keine Sitzbänke mehr und dauernd muß man als Fußgänger aufpassen, nicht niedergefahren zu werden. Sobald die „Natur“, die Umgebung nur mehr als Sportgerät gebraucht wird, ist es mit der Ruhe vorbei. Natürlich ist die „Idylle“, der ich nachweine, fragwürdig und war es – begleitet vom Verkehrslärm vom anderen Ufer – ich will ja auch, dass alle Waren rechtzeitig angeliefert werden – immer schon. Was soll ich also sagen?


15:18. Diese wunderbare nachmittägliche Trägheit des Sommers im Schwimmbad! Das Wasser blinkt grün und dann dunkelgrün in seinen ständigen Wellen, wenn nicht das momentan wolkengefilterte Sonnenlicht so auf die Wasseroberfläche auftrifft, dass die Stelle kurz in weißlichem Licht aufleuchtet, bevor sie den Glanz an ein Nachbarwellchen abgeben muß. Das Geplauder der Badegäste gehört auch dazu, wie auch das Rufen und fröhliche Schreien der Kinder. Ein warmer Wind kommt auf, nicht zu heiß, nicht zu kalt, prickelt angenehm auf der sonnenbrandnahen Haut. Das Bewußtsein kippt weg. Das Gepritschel an der Brause. Nicht wenige Menschen schlafen oder dösen zumindest auf ihren Liegen und Decken.


(21.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4132 Viel Sonne

 



21:10.  Die ungewöhnlich viel Sonne heute hat mir mein Gehirn ausgebrannt: ich kann nichts lesen, nichts schreiben. Darum schaue ich jetzt, ob es im Fernsehen ein Fußballmatch gibt.

Nein, gibt es nicht. Zumindest nicht bei den für mich erreichbaren Sendern. Also muß ich weiterschreiben versuchen. Eine Dusche nehmen könnt ich auch. Ich probiere das.

Ja, das hat geklappt. Die Dusche hier hat einen ordentlichen Wasserdruck.

Jetzt düdelt das Handy. Soll ich nachschauen? Ich warte noch ein wenig, laß die Spannung sich steigern.

Der neue, neu designte Pilotstift klebt ein wenig am Finger, respektive umgekehrt. Daran muß ich mich erst gewöhnen.

Lesen? Ach was! Ich lege mich schlafen.


(20.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4131 Koordinaten

 



14:13.  27° C im Schatten; 116° SO - das sind die Koordinaten der „Langeweile“. Am Steinernen Wehr ist mir nicht wirklich fad und ich genieße das Verweilen im Schatten und das erfrischende Schwimmen in der kalten Sulm. Unser Liegeplatz wird gerade von eifrigen Decken auslegenden Eltern auf zwei Seiten umstellt. Der Lacher vom Gasthaustisch kommt mir bekannt vor. Ah! Sie spielen Karten. Das war wohl das Siegeslachen. Die Hitzeträgheit hat schon was (ist diese Zeit zu Mittag nicht Pans heilige Zeit? (Sommerzeit beachten!)). Die Pappeln und Weiden und die alten Holzkabinen, die vielen Sonnenschirme, und natürlich die vielen Leute in Badekleidung. Dem Enkelkind meiner Frau gelingt es, sich anzuschleichen und mich zu erschrecken. Das fremde Baby ein, zwei Meter von mir zappelt aufgeregt. Eine angenehme Brise geht über uns alle hinweg. Ich versuche, die Menschen unauffällig zu beobachten, aber einige merken es. Außerdem kommt mir vor, auch ich werde beobachtet (keine Sorge! Er fühlt sich geehrt - der innere Spötter). Unten Wasser und Wiese, nächste Schicht Tische, Bänke, Sonnenschirme und menschliche Leiber; darüber die grünen Kronen der vielen Bäume vorm wolkenlosen blauen Himmel – so baut sich mein Gesichtsfeld auf. Meine Luftmatratze ist jetzt im Schatten, ich könnte dort hin wechseln; das Sitzen auf der harten Holzbank ist mir schon unangenehm.


(19.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 18. Juli 2025

4130 Zuerst am Frauenberg

 



10:17 a.m.  Am Frauenberg habe ich in alle Richtungen geblickt: auf die markanten Hügel und Weinberge in der einen, auf die weiten flachen Ebenen in der anderen. Wie gern ich hier auf diesem Berg sitze. Wie gern ich das Geläut der Frauenkirche höre. Wie gern ich der Brise zuschaue, wie sie kaum die Blätter und Zweige der Bäume, aber deutlich die steirische Fahne beim Museum bewegt (das ist kein Landespatriotismus; es ist einfach die Landesfahne, die dort hängt). (Wer weiß! - der innere Spötter.) Wenn ich wüßte, was das für ein Baum ist, unter dem ich sitze, würde ich es herschreiben. Kurz habe ich Apfelbaum oder sonst einen Obstbaum erwogen, aber ich sehe kein Anzeichen von Früchten oder verblühten Blütenständen; also keine Ahnung (soweit zum Thema Heimat- und Naturkunde – der innere Spötter).

Das da drüben ist eindeutig ein Feigenbaum, und dass er es hier aushält, zeigt, wie südlich wir hier schon sind. Ab Graz sollen ja auch schon die Edelkastanien gedeihen. Ich habe schlampig herumgegoogelt – Apfelbaum könnte schon passen (für den Baum hinter und über mir). Ich schaue wieder in die südlichen und östlichen Ebenen, und dieser Anblick löst unglaubliches Fernweh aus (auch wenn mir das reale Reisen zu mühsam wäre), ein Fernweh, das wohl auch ganz andere Gefilde und Reisen meint. Egal, ich habe es wirklich schön hier an diesem Sommertag im Schatten des (vielleicht) Apfelbaumes. Ein Specht ist bei seiner Arbeit zu hören und die unaufdringlichen Arbeitsgeräusche der Gärtner und Gärtnerinnen (Handarbeit!). Ich habe mich bei der Museumskustodin erkundigt; es ist ein Apfelbaum!

Jetzt läuten wieder die Glocken (Begräbnis?). Ich werde ein wenig herumgehen. Die Kustodin schenkt mir sieben Feigen vom Feigenbaum.


13:13. Weggelaufen – Platzverkaufen! Mit diesem hatscherten Spruch aus meiner Kindheit erobere ich die Halbsitzluftmatratze, nicht ohne mir beim Niedersitzen mit einer falschen Bewegung einen Schmerzflash vom lädierten Knie ausgehend eingehandelt zu haben. Das ist die Strafe Gottes (oder wessen? Eines Dämons?) für meinen Egoismus. Ein hohes Flugzeug mit kurzem Kondensstreifen rast in oder hinter eine kompakte weiße Wolke. Die Sulm rauscht bei der Gefällestufe hinter mir und vor mir eher rechts die Schwimmbecken des städtischen Schwimmbades mit Vogelgezwitscher und Kindergeschrei und die Laute der Erziehung versuchenden Eltern. Jetzt gehe ich Mittagessen. Auf Einladung.


(18.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 16. Juli 2025

4129 ZiSiSuSu

 



0:41 a.m.  Zischen, Sirren, Surren und Summen changieren als meine Ohrengeräusche und erzeugen so einen – wenn eines darauf achtet – wahrlich interessanten und in der Tiefe abwechslungsreichen Strom – abwechslungsreicher jedenfalls als es die anfänglich wahrgenommene Monotonie vermuten läßt. Noch dazu, wo dieser Strom nicht nur aus Variationen von höheren und tieferen Tönen besteht, sondern auch aus Variationen von schrill, dumpf, breit, schmal, laut, leise und anderem, das ich nicht beschreiben kann, auch mit einem Pulsieren, das diesem akustischen Strom eigen ist und ihn moduliert. Und auch eine rotiationsartige Komponente fehlt nicht. Manchmal scheren einzelne Tonlinien aus, werden stärker, drängen sich in den Vordergrund oder vertschüssen sich zur Seite oder werden dünner und leiser und verschwinden im Hintergrund. Manchmal tauchen dünne, aber breite Klangflächen auf und huschen quer über den Tonstrom und lösen dabei manchmal etwas wie Stufen im Fluß aus. Oder eine Art Interferenz, die das Klangbild schnell und meistens kurz stark verändert. Vom Lauschen auf diesen Klang wird der Druck auf die Ohren stärker. Manchmal gibt es auch eine Tonlinie, die wie undeutliches Reden klingt, ohne jedoch Sprache zu sein. Zumindest verstehe ich nichts davon.


(16.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 15. Juli 2025

4128 Am Gestade blättere ich

 



16:57.  Die Musik aus den Boxen gefällt mir sehr. Ich bin zu einer ungewöhnlichen Zeit hier. Ganz andere Stimmung als am Vormittag. Fünf neue große Kerzen ragen über die Gläser, in die sie gestellt sind, hinaus und brennen langsam wirklich hinunter und das mit zitternden Flammen. Draußen im Straßengarten ist viel los. Herinnen ist es ruhiger. Der Wind … die Platane … ihr wißt schon. Die Stimmung ist um diese Zeit zu aufgekratzt für eine saubere Melancholie, aber ich rette 80 Prozent. Wäre das schon die Zeit, mit dem Trinken zu beginnen? „Wäre“ – Konjunktiv, weil es möglich, aber nicht wirklich ist und nicht werden wird. Ich starre abwesend auf den Steinfußboden und auf das weitgehend leere, rote Gestühl (und Gebänk müßtest du auch schreiben – der innere Spötter). Zwanghaftes Gähnen in meinem Gesicht. 5 Uhr. Für „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden!“ ist es noch zu früh. Obwohl in Scherz und Ironie hingeschrieben treibt mir dieses Gebet die Tränen in die Augen. Ich fürchte, würde ich in eine Messe gehen, ich würde die ganze Zeit heulen (wenn nicht irgendein Trottel meine Andacht? meine Sentimentalität? stört). In meinem Leben ist es schon Abend und der Tag hat sich geneiget (fragt sich nur, ob du Sommer- oder Normalzeit hast – der innere Spötter). Ach ja, die Kerzen! Dass man in ein Lokal gehen muß, um richtigen Kerzen, die es in den Kirchen immer weniger gibt, beim Niederbrennen zuschauen zu können!

Die Musik kommt bei mir gut an. Keine Ahnung, wer da spielt, jedenfalls jaulen die Gitarren so schön, breit und ausführlich. Ich verbessere den Text in der Umgebung des Abendgebetszitates und dabei lese ich es nochmals und wieder schießen mir die Tränen in die Augen. Das wundert mich dann doch! Oder eigentlich gar nicht, wenn ich ein wenig nachdenke. Jetzt zu einer Stadtwanderung aufbrechen? Ich will die schöne Musik nicht verlassen. Jetzt kommt eine andere, die mich nicht so berührt, und ich breche auf.


17:56.  Am Gestade blättere ich die zwei Kunstkataloge durch, die ich vor der Eingangstür zur freien Entnahme beim Wienerroither & Kohlbacher mitgenommen habe, nicht ohne vorher den Herren drinnen durch die Glastüre – reingehen trau ich mich schon seit Jahren nicht mehr – zugewunken und mich in Dankbarkeit verneigt zu haben (wahrscheinlich hast du sie damit belästigt – der innere Spötter). Die zwei Kataloge sind: Aquarell in Niederösterreich und Alfred Klinkan zum fünfzigsten Geburtstag (dass ich mir einen Klinkankatalog mitgenommen habe, hätte ich eine Sekunde vorher noch als unvorstellbar ausgeschlossen). Die Glocken von Maria am Gestade läuten den Abend ein (Herr, bleibe bei uns …) und ich blicke wieder ein Mal auf die frühneuzeitlichen Häuser gegenüber. Aus der Kirche oben kommt Orgelmusik die Stiegen herab. Es riecht nach Zigarettenstummel und kalter Zigarettenasche; der Wind aus dem Norden weht mir diesen Gestank vom Mistkübel bei der Nachbarbank her. Über dem Haustor Hausnummer 7 ist ein schönes Fenster mit einem schönen, alten Gitter aus Schmiedeeisen und die sind ja nicht perfekt, sondern von leichter, angenehmer Unregelmäßigkeit, was das Herz so erfreut.

Wenn ich jünger wäre und wir in einer anderen Zeit lebeten, könnte ich noch zu einem Flaneur mutieren. Blaulichtpolizei fährt unten im Tiefen Graben vorbei. Nochmal Polizei, diesmal auch mit Tatü. Ameisen krabbeln auf mir und meinem Notizbuch herum. Ich wische sie weg. Nun höre ich wieder die Orgel, aber nur bis zum nächsten Auto im Tiefen Graben. Der Wind streichelt mich und die Lindenbäume neben mir. Weiter reicht meine Windwahrnehmung nicht. Doch: die polnischen Fahnen am polnischen Institut werden auch bewegt. Waren das Regentropfen? Die Kirchturmuhr schlägt viertel. Ich muß mein Notizbuch vorm Wasser schützen und einpacken. Finita la commedia.


(15.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4127 Herumsitzen

 



7:49 a.m.  Von unten kommt ganz leise das Radio, durchs offene Fenster der ferne, kaum hörbare Stadtlärm. Manchmal die zuschlagende Haustür. Meine Nerven sind angespannt; ich spüre im Bauch die Angst vor den Herausforderungen dieses und der nächsten Tage. Meiner ängstlichen, mutlosen, verzagten Psyche scheint alles zu viel zu werden: was alles zerfällt und kaputt geht und dass ich nicht mehr nachkomme und langsam im Chaos versinke. Wie gelähmt hocke ich da. Dabei wäre jetzt die beste Zeit, zum Frühstücken hinunter zu gehen und mit guter Nahrung den Tag zu beginnen. Naja, Arzttermine liegen mir immer im Magen und Reisevorbereitungen erst recht.


10:07 a.m.  Ich sitze vorm Archiv der Universität Wien und dem Institut für Byzantinistik und – kann ich von hier nicht lesen – und vor der ukrainischen, griechisch-katholischen Sankt-Barbara-Kirche und warte auf den Arzttermin in der Nähe. Ein wenig raste ich hier, bevor ich mich in die Ordination begebe. Ordinationen hasse ich. Postgasse heißt es hier. Fünf Bäumchen sind neu gepflanzt und der Platz fußgängerfreundlich umgestaltet. Im Hintergrund wird ein Lieferwagen entladen. Ein Photograph fotografiert mit zu einem Grinsen verzogenen Gesicht. Ich darf die Zeit nicht übersehen. Ich sollte losgehen. Es stinkt nach kaltem Rauch.

Nun sitze ich im Wartezimmer. Vor mir eine Glasscheibe in einer weiß gestrichenen Holzverschalung eingebaut, wo man ein wenig eher seitlich in den Anmeldeschalter hineinsieht. Dort hängt zum Beispiel ein Diplom. Auf der Holzverschalung ist eine Blechblende angeschraubt; darunter zwei aneinander gerückte Tischchen als Ablage. Links daneben ein Getränkeautomat und eine verkitschte Kinderecke. Jetzt wird mein Name aufgerufen, aber der gehört einer Frau. Vielleicht die Frau eines Cousins zweiten Grades. Ich kann aber von hier aus nicht hinsehen, außerdem würde ich sie nicht kennen, ich weiß nur, dass es sie gibt. Ich bin davon so irritiert, dass ich zu schreiben aufhöre.


13:25.  Im Hof 5 sitze ich nun auf einer Bank unter einem Kastanienbaum, das Notizbuch auf dem Tisch, der Wind umsäuselt lau meine nackten Beine, und ich harre der Dinge, die da kommen. Allzuviel Zeit zum Harren habe ich nicht, denn in einer halben Stunde sollte ich bei der Psychotherapie sein. Was als erstes kommt ist eine große Müdigkeit; kaum habe ich mich hingesetzt, implodiere ich wie eine Luftpuppe, der die Luft ausgeht. Die fast leeren Fahrradständer haben schöne, elegante Schatten. Eine normale Fliege läuft am Tisch vor mir hin und her, eine junge Amsel tut das auf der nach der langen Trockenheit erstaunlich grünen Wiese. Eine Taube gurrt irgendwo und dann höre ich ihr Flügelschlagen im Baum hinter mir. Eigentlich ein erstaunliches Geräusch, als würden die Scharniere der Flügel quietschen. An den Gebäuden rundherum – die Höfe hier sind ja wirklich schön eingefaßt – sieht man geöffnete Fenster und so manchen Fensterflügel – in durchaus verschiedenen Größen und Formaten – elegisch in den Hof ragen. Vor allem die zwei über dem Durchgang in den Hof haben es mir angetan. Man könnte da von eine „Unterlichte“ eines riesigen Fensters sprechen, die ihre Flügel wie zwei Arme in den Hof ausbreitet. An einem anderen offenen Fenster mit Wiener Fensterstock (die Außenflügel gehen nach außen auf) rüttelt der Wind ein wenig an der Arretierung. Weil ein junges Paar mit Nahrung in den Händen in den Hof kommt und zum einzigen Tisch hier, an dem ich schreibe, schielt, schaue ich gleich nach, wie spät es ist und denke, ich könnte zur Therapie aufbrechen. Ich gehe über den Hof 3 durchs Tietze-Tor und komme vor den Narrenturm, aber biege gleich rechts ab.


23:52.  Für meine verzagte Seele war das ein dichter Tag. Herumgelaufen bin ich auch viel, immerhin 13 012 Schritte. Entspannung ist die nächsten Tage nicht in Sicht.


(14.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4126 Die Salbe

 



23:47.  Den kleinen, quadratischen, dünnen, gebatikten Polster, den mir vor vielen Jahren eines meiner Kinder gemacht und geschenkt hat, mißbrauche ich zusammengewutzelt zum Schonen meines schmerzenden Knies, indem ich ihn darunter lege, um mein Bein daran zu hindern, in eine völlig aus- oder gar durchgestreckte Lage zu geraten, die recht schmerzhaft ist, sondern es in einer leicht angewinkelten Position zu halten, die innerhalb des Schmerzspektrums die angenehmste ist. Anders kann ich im Bett weder liegen noch hocken, denn ganz abbiegen, heranziehen und angewinkelt aufstellen kann ich das linke Bein auch nicht.

Das Fenster ist offen, die Nacht ganz still. Der vertraute Blick in mein Zimmer Richtung großes Bücherregal. Das Bett ist frisch überzogen und ich habe mich noch nicht zugedeckt, weil ich erst das Auftrocknen und Einziehen der Salbe, die ich auf mein lädiertes Knie aufgetragen habe, abwarten will, denn ich mag nicht gleich wieder das frische Bettzeug beschmieren. Die Stille schrillt in meinen Ohren, die sich ohne großen Input von außen ganz auf mein Surren konzentrieren können. Von dieser Salbe und ihren Ausdünstungen werde ich ein wenig benommen; ich vermute, das ist der in der Creme enthaltene Alkohol, den ich überhaupt nicht vertrage, aber nachdem mir die chemischen Namen der Aufzählung der Inhaltsstoffe nichts sagen, weiß ich nicht wirklich, welche der Stoffe, die ich mit der Nase und der Haut aufnehme, mir so zusetzen.


(13.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Samstag, 12. Juli 2025

4125 Kopf nach links

 



8:00 a.m.  Der Regen weiß nicht recht, ob er wirklich anfangen will, so zögerlich tröpfelt er vor sich hin. Mir sitzt die Angst vom Traum noch im Gedärm. Genaugenommen hat mir der Traum erst nach dem Aufwachen solches Unbehagen bereitet, dass mir übel ist. Vom Inhalt her kann ich diese Heftigkeit nur schwer nachvollziehen, denn es ging dabei bloß um eine Arbeitssituation. Anscheinend unterschätze ich, wie sehr mir im Leben meine mich überfordernden Arbeitssituationen zugesetzt haben. Ich mußte mir nach dem Aufwachen mehrmals vorsagen, dass das endgültig vorbei ist, dennoch weicht die Angst nur langsam.

Als ich die Augen wieder öffne, merke ich, dass mein Bild vom hier und jetzt nicht mehr gestimmt hatte. Die Vibrationen der Baumaschine bringen mein Bett zum Knarren. Vor meinen neuerlich aufgeschlagenen Augen dreht sich im Zentrum des Blickfeldes ein violetter Kreisel. Wieder sind mir die Augen zugefallen und jetzt auch mein Kopf nach links.


(11.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4124 Gestalten

 



1:01 a.m.  Der Sturmwind der Marianne von Werefkin schaut mich von der Wand her an, das beleuchtete Café strahlt aus der Nacht auf mich. Die Gestalten – freilich männlich – die einkehren, kann ich kaum finden, so klein ist das Café auf dieser Karte. Nun schaue ich geradeaus auf die frankophone Schweizerin im Regal, Jessica gleich daneben. Ihre Gestalten sind so verschwommen im Dunkel hinter dem Lichtkegel der Leselampe, dass ich sie eigentlich aus der Erinnerung rekonstruieren muß. Die schöne Nackte von Henri Manguin darunter sehe ich überhaupt nicht, nur den Garten, in dem sie liegt, kann ich erahnen.


(11.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 10. Juli 2025

4123 Der Barjazz lullt mich ein

 



11:52 a.m.  Auf meinen notgedrungenen und schmerzhaften (Knie!) Wanderungen raste ich in der schönen Lucy-Bar, die ich so mag. Der Kaffee beginnt zu wirken und ich beobachte einen alten (vermutlich jünger als ich), etablierten (unterstelle ich) Mann mit einer jungen Frau in angeregtem (vor allem sie) Gespräch (beruflich?). Er weiß schon, dass er wichtig ist und was er in der Welt darstellt; das kann man sehen (wer er ist, weiß ich nicht). Ob ich ihn beneide? Ich schwanke. Er schaut schon etwas angestrengt aus. Seine Blicke und seine Gestik sind sehr beherrscht. Er weiß, was geht und was nicht. Der Barjazz lullt mich ein. Diese Musik ist ja nicht wirklich meins, aber ich kann sie hier und jetzt gut annehmen. Wie ich schon öfters geschrieben habe: diese Art Jazz ist der Versuch, sich in der Welt der Funktionalität und Langeweile irgendwie doch angenehm einzurichten, während die anschließende Poprevolte (nicht der Rock’n Roll!) sich damit nicht abfinden will und versucht, mehr einzufordern, was freilich meistens so nicht gelingen kann. Der Rock’n Roll mag auch mehr einfordern, kommt aber bis heute über das Herumteufeln in der Welt der Funktionalität und Langeweile nicht hinaus, weil er sie nicht wirklich in Frage zu stellen in der Lage ist, sondern möglichst viel für sich herausreißen will (Sex & Drugs & Rock’n Roll). In dem, was ich – im Sinne der Sechzigerjahre – Popmusik nenne, ist mehr Poesie, und schafft es vereinzelt, ein wenig über den Rahmen des Funktionellen und der Langeweile hinauszuweisen. Gut, das ist jetzt plakativ und in Wirklichkeit war alles nicht so sauber voneinander getrennt. Ich höre jetzt mit meinen fragwürdigen und verspäteten Welterklärungsversuchen auf und wende mich – wie so oft, wenn ich nicht weiter weiß – den Bäumen draußen - auf der Straße und im Schweizergarten - zu – ich kann von hier aus in beide Richtungen blicken – und beobachte, wie sie vom Wind geschüttelt und gebeugt werden. Allmählich beginnt mich die Endorphinmusik doch etwas zu nerven, aber es geht noch. Ich mache Photos (passt auch zur Welt der Funktionalität und Langeweile).

Ich habe es schön. Ein junger Mann auf der Straße trägt einen kleinen Hund im Arm. Ich vermute, er ist auf dem Weg in den Schweizergarten. Ich jedoch werde mich vom Belvedere 21 hier zum Oberen Belvedere aufmachen, auch dort durch die Ausstellungen wandern und dann weiter ins Untere Belvedere hinuntergehen und mir die Ausstellung radikal anschauen.

Bis jetzt sind es 9 267 Schritte (der Tipper).


(10.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4122 Eingeknickt

 



0:42 a.m.  Leise heult der Wind um das Haus und bei den gekippten Fenstern herein und bei denen mit den eingeklemmten Flügeln. Schon wieder bin ich so müde. Und durstig. Mein Gesicht fühlt sich von innen eingeknickt an. Die Namen geraten mir durcheinander. Olga wie? (Potschemu?). Eine unsympathische, männliche Traumfigur will mir etwas einreden. Irgendwo drüben, drüben in der anderen Welt läutet kurz ein Telephon. Ich hebe nicht ab.


(10.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 9. Juli 2025

4121 Unrealistisch

 



8:46 a.m.  Ein kühler Morgen von 16° Celsius. Nach der langen Hitze durchaus erholsam und gut, was das Ausschlafen betrifft. Aber leider lassen es mich meine Knieschmerzen nicht lange im Bett aushalten. (So! Jetzt reicht’s! Hast du keine ernsthafteren Themen als deine Wehwehchen? Irgendwas zur Weltlage oder zur conditio humana, psychologisch, soziologisch oder was weiß ich? Reiß dich endlich zusammen! Suche dir ein echtes Thema und bearbeite es ordentlich! Wirklich! Dein Geschreibsel geht auf keine Kuhhaut! - der innere Kritiker.)

Gleich fallen mir wieder die Augen zu; vielleicht kann ich doch noch schlafen. Ahja! In der Nacht hatte ich geträumt, dass ich Antony Kiedis und John Frusciante getroffen habe und sie wirklich mit mir geredet haben. Dem John habe ich sogar meine Plattensammlung gezeigt. Leider waren meine besten Stücke nicht da, beziehungsweise konnte ich mich gar nicht mehr erinnern, was das für LPs waren. Lustlos hat Mr. Frusciante die Sammlung ein wenig durchgeblättert und blieb recht wortkarg und ich hatte den Eindruck, er ist ziemlich genervt. Mr. Kiedis war offener und gesprächiger und hat mir sogar die Hand gereicht.

Von draußen heult der Wind herein und eine Stelle im Bücherregal kann ich mir erst nach längerem Hinschauen und konzentriertem Nachdenken einigermaßen erklären; sie wirkt nämlich so unrealistisch.


(9.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4120 Die Rollo

 



1:18 a.m.  Ich bin so erschöpft, meine Beine schmerzen und meine Bettbezüge zerreißen immer mehr. Die Rollo (sic!) schlägt in der Zugluft immer wieder an den Fensterflügel, was wie ein akustisches Menetekel klingt. Ich vermeine auch einige wenige vereinzelte Regentropfen zu hören. Ich riskiere einen klaren Blick in mein Zimmer, indem ich meine Lesebrille über die Stirn hinaufschiebe. Wenn ich nicht aufpasse, beginnen sich die Dinge am Rande meines Gesichtsfeldes zu bewegen. Kommt noch irgendeine wichtige Erkenntnis? Außer der Einsicht, dass ich im Moment von einer nervösen, müden Unruhe erfasst bin? Die Dinge im Zimmer, die glänzen können, glänzen im spärlichen Licht der Leselampe recht stark. Es kommt nichts mehr. Ich gebe für heute auf und werde mich zum Schlafen flach legen.


(9.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4119 9 266 Schritte

 



11:21 a.m.  Wie kann man nur so glücklich sein? Im Espresso Burggasse geht das. Nach einem reichlich üppigen Breakfast d’anglais, meinen geliebten Cappuccini, der üblichen Zeitungslektüre, dem Geplauder rundherum, von dem ich meistens nichts verstehe, fühle ich mich wie ein stiller König. Zwar ist mein Reich nicht von dieser Welt, aber in dieser Welt hier gewährt man mir Asyl (bis jetzt! - der innere Skeptiker und Misanthrop). Trotz eines Regentages sitzen draußen im Garten einige Leute unter dem Platanen- und Planendach. Ich bin dem Weinen nahe, aber derfange mich fast zwangsläufig, in einem fast automatischen Abbremsen. Dabei hätten ich und meine Eitelkeit überhaupt nichts dagegen, mitten im Lokal für alle sichtbar und wie auf offener Bühne zu heulen. Überhaupt nichts! Mein transzendentes Königtum sollte ich besser nicht gefährden, indem ich in der Alltagswelt und nach deren Kriterien auch etwas sein will oder sonstwie reüssieren, auch nicht als weinender Sensibel. Nein! Nein! Bleibe fremd! Bleibe Geisterfahrer! Und trinkt ruhig deinen dritten Cappuccino! Auch wenn du es letztlich auch nicht schaffst, wie alle andern, und nicht in den „Himmel“ auffährst. Das hier ist ja nicht nichts. Ich nehme mir vor, jetzt auch schreibend nicht mehr so dick aufzutragen und mich bescheidener und zurückhaltender zu geben. Meine Maske sollte nicht so viel verraten.
Ich sehe drei echte brennende Kerzen hier herinnen und das gefällt mir sehr. Die Boxen sind verstummt. Ich wünsche mir eine schöne Musik, die mir ans Herz geht. Die Boxen spielen wieder und der Wunsch ans Universum vorhin ist abgestürzt. Macht nichts. Soul geht schon. Das lokale Telephon läutet. (Die Boxen wäre auch ein lustiger Bandname – der schwächelnde innere Witzbold.) Hmmmaah! Der erste, frische Schluck vom dritten Cappuccino! Wie köstlich ist dieses leicht bittere Getränk, das offensichtlich den Denk-, Assoziations- und Gefühlsapparat zu stärkerer Produktion ankurbelt (über die Qualität dieser Produktion läßt sich schon oder nicht streiten). (Es ist so: die Floskel (1) über Geschmack läßt sich streiten wird manchmal auch mit (2) über Geschmack läßt sich nicht streiten wiedergegeben. Beides kann man argumentieren: die Auffassungen über Geschmack sind so verschieden, dass man (1) trefflich und endlos darüber streiten kann, weil es keine Einigung geben wird. Oder: (2) man kann nicht darüber sinnvoll streiten, weil es zu keinem Ergebnis kommt – je nachdem, ob man den Streit als solchen im Auge hat (1) oder sein Ergebnis (2) – der innere Besserwisser und Wichtigtuer.)

Ich habe den Verdacht, dass Kaffee weinerlich macht. Nun starre ich in eine der Kerzenflammen, absichtlich, und will dabei konzentriert bleiben. Sofort lenken mich die Gespräche an den Nebentischen ab, die ich bisher nicht beachtet hatte. Die Kerzenflamme zittert und beugt sich und flattert in der Zugluft, bevor sie sich wieder beruhigen und aufrichten kann. Leute mit Regenschirm gehen vorbei und lenken mich wieder ab, weil ich mich jetzt fragen muß, ob es regnet. Das wäre für die geplante Fußwanderung nach Hause wichtig. Ich kann keinen Regen erkennen. Ich mache zwei Photos und teile sie auf Facebook. Zurück zu den Kerzenflammen. Wie gefährdet die sind und trotzdem nicht gleich verlöschen. Es ist schon ein bisschen blöd, mitten im Lokal eine Kerzenflammenmeditation zu versuchen, wo dauernd wer hereinkommt, vorbeigeht, die Sicht verstellt, aber auch in den ungestörten Phasen halte ich Aufmerksamkeit und Konzentration nicht lange durch. Also keine Ausrede! Die Unruhe ist in mir. Ich werde losgehen.

Station Mumok: wieder in der Ausstellung von Barbara Kapusta. Ich machte mir Sorgen, dass mein Erlebnis vom letzten Mal nicht wiederholbar ist und mein zweiter Besuch enttäuschend. Nein, ich war immer noch berührt.

Station Albertina: ich sitze direkt vor Kokoschkas London (View of the Thames in the Evening, 1926) und unzählige vorbeigehende Besucher überschreiten sozusagen die Brücke von rechts nach links. (Alle meine anderen Lieblingsplätze waren besetzt.) Jetzt überqueren etliche die Brücke von links nach rechts. Heute sticht mir besonders das große, dunkle Gebäude rechts im Bild ins Auge und ich finde es so schön. Ich habe es bisher nie beachtet. Offensichtlich war ich so auf die „Verklärung“ der Stadt im Hellen, Leuchtenden, Aufsteigenden fokussiert. Was für ein imposantes, kräftiges Gebäude! So schön beginnt es gerade mit wenigen Farbtupfern von innen transparenter zu werden, die „Verklärung“ ist hier so sanft, so langsam, dass auch die zurückhaltenden Teile der Stadt letztlich doch mitkommen können und bei der „Himmelfahrt“ nicht zurückbleiben müssen („Himmelfahrt!“ - schon wieder! - der innere Spötter). Letztere hat vom leuchtenden Hintergrund her schon längst begonnen. Bewußt suche ich das Bild nach den von mir bis jetzt vernachlässigten, meist dunkleren Stellen ab, komme dabei jedoch auch auf die von irdischem Licht – vermutlich der Abendsonne – beleuchteten Uferpromenade zu stehen, wo viele Menschen unterwegs sind. Dann wieder zurück zum schönen, großen, dunklen Gebäude. Das ist alles so toll gemalt! Ein paar präzise, aber wie zufällig hingeworfene Pinselstriche erschaffen solch eine wunderschöne Welt! Ich meine, in echt sind es viele und nicht wenige Pinselstriche, aber die bleiben auf eine selbstbewußte Art so bescheiden. Und dieser Himmel! Berstend vor Licht und stiller Energie greift er schon auf die Stadt über und verwandelt sie. Auch die Themse. Wieder zurück zum Gebäude. Auch das dunkle Gebäude darf sein und gibt Schönheit ab. Ich halte es vor Sehnsucht nach Erlösung nicht mehr aus und will weitergehen. Ein wenig verweile ich noch. Auch die Häuser links strahlen im Schatten verhalten auf, zumindest die Fassaden, noch irdisch erklärbar als Abendlicht. Ich reiße mich jetzt los. (Warum? - der innere Kommentator.)

14:29.  Jetzt muß ich rasten, und wie so oft beim Stiegenaufgang bei den Sphinxen, über die ich heute nicht spotte. Ich bin ganz erschöpft. Angeblich regnet es draußen. Ich will aber nach Hause zu Fuß gehen. Der alte Mann gegenüber wird von einer Sprosse des in zwanzig Teile gegliederten Spiegels zerschnitten. Er seufzt. Ich breche trotzdem auf. Ich hülle noch mein Notizbuch in ein Plastiksackerl, bevor ich es in meine Albertinatasche stecke, auf dass ihm ein Regen nichts anhaben kann.

Ich bin in die überdachte Vorhalle - den Vorhof zu was? - zurück, weil es draußen richtig regnet und ich nicht dafür ausgerüstet bin. So sitze ich nun auf einer dieser Steinbänke. Viele Leute gehen aus und ein, stellen sich bei den Kassen an, und es hallt in diesem hohen Saal. Ich bin zu müde um lange zu überlegen, ob ich hier im Gewusel überhaupt verweilen will. Gerade beobachte ich eine Diskussion zwischen Besuchern und einem Aufseher bei der Eingangskontrolle, als sich eine Gruppe direkt vor mich stellt und mir die Sicht nimmt. Als sie wieder weg ist, ist auch vom Problem am Eingang nichts mehr zu sehen. Aus Unruhe versuche ich, das Preispickerl am Pilotstift abzukletzeln, gebe es aber gleich wieder auf, weil ich dieses Etikett nicht recht zu fassen kriege (wie wäre es mit der Einsicht, dass drei Cappuccini zu viel sind? - der innere Spötter). Ich gehe nach draußen, um nachzusehen, ob es schüttet.

15:11.  Am Heimweg flüchte ich vorm wieder stärker werdenden Regen in die Michaelerkirche und habe – wenn ich schon da bin – vier teelichtartige Kerzen für meine Intentionen – die ich mir aber gerade erst ausdenke – angezündet. Eigentlich mag ich den Geruch in den Kirchen nicht mehr und das barocke Kasperltheater vorne am Altar geht mir schon ziemlich auf den Zeiger. Traurig macht es mich, dass es sogenannte Opferkerzen in gasbefüllter, eine schlanke Kerze nachäffender Plastikform gibt (gottseidank habe ich noch die Paraffinteelichter gefunden). Wo bleibt das Niederbrennen und Kleinerwerden der Kerze? Eine echte Kerze ist doch ein Symbol für unsere Gefährdetheit und unsere Vergänglichkeit, und indem sie niederbrennt für das Geringerwerden unserer Lebenszeit. Ein Plastikding, das als nachgemachte Kerzenform aber unverändert bleibt und wenn das Gas verbrannt ist, wieder befüllt wird – was soll das bildlich darstellen und symbolisieren? So verliert die katholische Kirche endgültig ihre Daseinsberechtigung als religiöse Institution.

Na gut, ich nicht zuständig. Ich muß mich da nicht einmischen. Die Leute, die hereinkommen, schütteln ihre Schirme aus. Also werde ich noch ausharren. So schön die Gesänge auch sind: ist diese Berieselung von einem technischen Tonträger einer lebendigen Kirche angemessen? Aber ich bin ausgetreten und brauche mich nicht mehr melden. Ich gehe jetzt hinaus und wenn ich im Regen heimgehen muß.

9 266 Schritte.


(8.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 8. Juli 2025

4118 Typisch

 



23:35.  18 231 Schritte hat meine App heute gezählt. Ich bin völlig müde. Ich kann kaum noch etwas wahrnehmen. Gut, ich putze meine Brille notdürftig. Jetzt sehe ich etwas besser. Ah doch! Irgendein unidentifizierbares Ding im Bücherregal fängt zu hüpfen an. Auf solche Wahrnehmungsverschiebungen habe ich gewartet. Ein dünner Lichtnebel schiebt sich vor meine Augen. Alles ganz typisch bei übergroßer Müdigkeit. Und ausschlafen? Jaaa, wäre wohl besser.


(7.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 7. Juli 2025

4117 Endlich Regen

 



23:54.  Es regnet. Endlich. Beim offenen Fenster kommt die abgekühlte, frische Luft nur zögerlich herein, aber dafür das immer schöne Rauschen, Prasseln, Tröpfeln des niederfallenden Wassers. Und fernes Donnern, wirklich sehr weit weg. Der Regen wird stärker. Plötzlich hört er fast auf und es sind die einzelnen Wassertropfen vom Dach, deren Aufschlage aufs Fensterblech das Geräusch dominieren. Aber nicht lange, dann legt der Regen wieder zu und es ist sein Prasseln, das nun den Ton angibt. Ich werde das Licht abdrehen und dem Regen zuhören.


(6.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4116 Fade

 



14:12.  Ach! Das ist dieser hellblaue, Metalliséstift, der so schlecht schreibt. Drei Wörter schafft er, dann hört er auf. Ich mußte auf Türkis wechseln (ausgerechnet!). Langsam beginnt es zuzuziehen. Wetterumsturz ist angesagt. Aber jetzt ist es noch ganz angenehm unter der Birke im schönen Siemensbad, ein laues lebhaftes Lüftchen weht, wiewohl im Hintergrund Spannung und Unruhe steigen. Ich verlasse mich auf meinen Sprachinstinkt (Steven Pinker) (er kann’s nicht lassen, blöde, fade und unnötige Scherze anzubringen und es mit unsinnigen, unangebrachten Wortspielen zu versuchen!- der innere Spötter).

10 797 Schritte.


(6.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4115 Sommernachmittag

 



13:49.  Vor mir die schöne, hohe Birke und um meine Waden ein leichter Windhauch. Ein weißer Schmetterling kommt in den kleinen Garten herein, schaut sich um und flattert wieder über den Zaun davon. Dann kommt er wieder auf dem selben Weg über die Hecke und dreht nach ein paar Hinundhers wieder ab. Die Rosenblüten wirken schon ein wenig trocken. Die Birke schwankt mit all ihrem Efeu elegant im Wind, der auch ihre Blätter zum Vibrieren bringt. Der Nussbaum im Hintergrund wirkt ebenfalls trocken, die riesige Föhre links ist unbeeindruckt und beschattet die Eibe an ihrem Fuß. Der Himmel ist blau, nur ein kleines, leichtes Wölkchen segelt über ihr auf die Birke zu, bis sie dahinter verschwindet. Hinter dem Gartentürl steht ein Himbeerstrauch. Eine Nebelkrähe umfliegt die vielen Bäume hier, als würde sie nicht wissen, wohin sie kann, will oder muß. Die Grillen zirpen laut und kommen fast gegen den Verkehrslärm an. Ja, es gibt sogar ein Waldesrauschen aus den Gärten rundherum. Die große Zypresse hat eine offene, braune Flanke. Im Nachbargarten tauchen zwei Frauen auf und pflücken Himbeeren. Der Wind mischt immer wieder das Ambiente hier auf, ohne die Ruhe wirklich zu stören. Im Gegenteil, er bringt Linderung.

Ich aber schaue herum als wäre ich selbst unsichtbar, fast ein schwebender körperloser Geist. Fast.


(5.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 4. Juli 2025

4114 Die Welt von morgen

 



0:18 a.m.

11:20 a.m.  Ich lasse mich mich von der Sphärenmusik und dem Skulpturenvideo einlullen (mumok) und das ist angenehm. Lebende Metallobjekte, die auch ausrinnen können oder überhaupt sich verflüssigen. Irgendwas reden sie von end of the world. Aluminiumfäuste ballen sich. Metallringe erzittern und verkrümmen sich. Oder zersplittern. Oder die Kamera läuft einfach über die Oberflächen. Draußen im Saal stehen, sitzen und liegen die giants aus Alu (Barbara Kapusta dangerous bodies). The end of the world is so easy to picture, easier than its continuance lese ich im beigelegten Textheft.


12:08.  Cafe Charly im Mumuk (sic!) heißt es hier laut Beleg und tatsächlich Café ohne accent aigu. Selbstbedienung; nur mit Karte. Aber eine Trinkgeldbox für Münzen. Wofür? Naja, keine Sorge! Ich zahle eh immer mein Schutzgeld, damit ich geduldet werde und - wenn es geht - gut behandelt. Die Ausstellung Die Welt von morgen wird eine weitere Gegenwart gewesen sein hat mich doch recht beeindruckt. Außerdem war ich das erste Mal in einer Lounge und weiß immer noch nicht, was das ist. Allerdings war ich nur sehr kurz auf Besuch: ich habe die piepende Tür geöffnet, bin rein, habe mich ein paar Sekunden im völlig menschenleeren Raum in der Ausstellung dort umgeschaut – aus Unsicherheit nur zwei oder drei Meter vom Eingang entfernt – und bin dann wieder hinaus. Ich muß eine große Angst haben, etwas kaputt zu machen oder mich zu blamieren. Wenn mir mein Image wurscht wäre, würde ich vermutlich besser leben (das vermutlich hatte er irrtümlich vor das ich eingefügt. Vermutlich ich wäre auch eine gute Überschrift über sein Leben – der innere Spötter).

Ich trinke aus dem Wasserglas und lese auf der Rechnung Thank you for your visit. Okay, Okay! Ist schon gut! Es ist das auch eine von Lüftungs- vel Kühlgeräten unterstützte Ruhe, vom abstrakten, maschinellen und monotonen Singsang. Ich blicke von der Galerie heroben auf die untere Hälfte der Eingangsdrehtüre und prompt beginnt sie sich zu drehen und es kommen drei Paar Beine herein: eines kurz berockt, eines lang berockt, eines in Hosen.

Die Wandmalerei hier gefällt mir nicht so ganz. Nicht schlimm, aber das Malerische ist etwas zu wenig ausgeführt (oder zu wenig zugelassen); nur links das Gelb über Rot spricht mich etwas an (er bildet sich ein, er könne das auch – der innere Spötter). (Jederzeit kann er das! - der Tipper.)

Unangenehm ist es nicht, hier herumzusitzen. Ich gähne und stelle fest, dass ich sehr müde bin. Fast elegisch, wie sich die Drehtür dreht (keine Automatik! Vielleicht ist es der körperliche Einsatz der Ein- und Austretenden, der die Elegie herbeiwinkt?) (Oida! - der innere Spötter). Ich nehme in bedeutungsgeladener Schriftstellergeste meine Lesebrille ab und lege sie aufs Notizbuch. Aber gleich nehme ich sie wieder und setze sie auf, weil ich den Vorgang unbedingt beschreiben will, wenn er schon so bedeutungsgeladen ist. Sollma lieber gehen, bevors zu deppert wird? Das zum Kaffee gereichte Lavazza bisotto – biscuit hätte ich beinahe vergessen. Gerade habe ich noch einen kleinen Schluck übrig, um dem verspeisten Keks nachzuspülen. In meinem Eifer löffle ich auch den Schaum aus der Tasse.

In der U-Bahn auf dem Weg nach Hause – es hat zu tröpfeln begonnen, deshalb gehe ich nicht zu Fuß – starre ich auf den leeren roten Sitzplatz vor mir und die angestarrte Fläche beginnt zu zoomen und sich scheinbar auf mich zuzubewegen. Da plötzlich überfällt mich – ich will nicht sagen: aus dem Nichts, aber doch ganz unerwartet – eine solch intensive Traurigkeit, dass ich sie weder benennen noch zuordnen kann. Als komme sie aus dem Zentrum des Universums und hat genau auf mich gezielt. Bald jedoch ist dieser Anfall wieder vorbei. Solche Dinge beunruhigen mich nicht wirklich. Ich nehme sie hin, auch wenn ich denke, da könnte man mehr daraus machen, als fromm so zu tun, als wäre nichts.


(4.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4113 Die kleine Libelle

 




6:32 a.m.  Schon jetzt ist es zu heiß. Ich muß noch irgendwie schlafen; die Augen fallen mir ständig zu.


12:35.  Im Gänsehäufel ist es ein wenig windig, nur ganz leicht, aber gleich angenehm. Hier ist die Hitze erträglich. Ich habe mich auf die runde „Halbinsel“ gelagert; ein wirklich schöner Platz, von Bäumen eingesäumt und ein paar mächtige Pappel in ihrer Mitte spenden Schatten. Ein gelber Schmetterling flattert vorbei und eine Krähe kräht. Das Jauchzen, Kreischen und Quieken der Kinder aus dem entfernten Kinderbereich jenseits der Sichtschutzhecke. Ich habe einen freien Klappstuhl gefunden, aber trotzdem gehe ich jetzt Schritte zählen.


14:46.  Whow, ist es heiß! Über 36°C im Schatten. Der Wind säuselt durch die prächtigen Pappeln. Ich sitze unter einer großen auf dem Klappsessel und komme mir wie ein stiller, heimlicher König vor, meinetwegen auch einer ohne Land. Die Nackten und die Toten fällt mir ein: was war das denn für ein Film? Oder Roman? (Norman Mailer – der Tipper.) Szegetiner Krautfleisch habe ich gegessen. Und dann einen Eiskaffee. Klappstuhl – halt die Klappe fällt mir ein. Nun, hier bin ich ein schriftlicher Dampfplauderer. Und tatsächlich tauchen am Horizont im Süden und Westen Wolken auf; jetzt noch eher in Form von Dunst. Wie spät ist es jetzt? Kann ich meine Frau schon anrufen? Ob sie nachkommen will? Auch das ruhige Wasser ist bewegt; es flimmert an seiner Oberfläche (lieber Freund! Dass die Lichtreflexionen auf dem immer von kleinen Wellen bewegten Wasser sich ständig ändern und dennoch als flimmerndes Gesamtbild gleich bleiben, ist wirklich nichts neues! Das mußt du deinen LeserInnen wahrlich nicht zumuten. Oida! - der innere Spötter). Jetzt erst fällt mir auf, dass ich genau in Richtung Rettungshütterl ausgerichtet bin, mit Defibrillator, wie es ein grün-weißes Täfelchen bezeugt. Soll ich daraus etwas ableiten? Ich versuche nochmal, meine Frau zu erreichen. Hebt nicht ab. Ich gehe ins Wasser (das nebenbei gesagt mit über 27°C nicht mehr sehr erfrischend ist, aber ein wenig doch). Gerade wird mir bewußt, wie wenig ich die (Menschen)Welt verstehe. Woher das jetzt angeflogen gekommen ist, weiß ich nicht. Ah, gerade vorhin ist eine kleine Libelle vorbeigeflogen. Hat sie das ausgestreut?


13814 Schritte


(3.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4112 Meine spärlichen Versuche

 



0:58 a.m.  Ich kann nicht genug von Bildern bekommen. Und immer, wenn ich Ausstellungen anschaue oder Kataloge durchblättere, bekomme ich Lust, wieder zu zeichnen und zu malen. Aber ich mache es nicht. Es ist wie verhext. Alle meine – spärlichen – Versuche in den letzten Jahren sind gescheitert. Es ist nichts herausgekommen dabei. Ich hatte auch keine Geduld mehr (früher hatte ich sie), es oft und lange zu probieren, bis sich die Hand gelockert hat, und auch kein Selbstbewußtsein dafür. Ganz schnell bin ich verzagt und lege Griffel oder Pinsel weg. Und natürlich bekomme ich auch die döbranitischen Definitionen nicht aus dem Kopf; sie stehen sofort parat und schlagen auf mich ein. Die sitzen so fest, auch wenn ich sie schon zig-mal bezüglich ihrer absoluten Gültigkeit umgestoßen habe. Und dass ich die nicht los werde, hat nichts mit einem angeblichen allgemeingültigen Wahrheitsgehalt zu tun, sondern mit ihrer Aggressivität und damit, wie übergriffig und verbal gewalttätig sie in mir verankert wurden. Ich komme dagegen einfach nicht auf. So lausche ich in die Nacht hinaus, ob sich denn irgendetwas zeige oder sonstwie bemerkbar macht. Dann ein schwermütiger Anfall von Trauer.


(3.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 2. Juli 2025

4111 Zurück nach Neubau

 



10:45 a.m.  Heute habe ich wieder das Wundertäter-Leiberl an und im Lokal extra meine ärmellose Jacke ausgezogen, auf dass man die Aufschrift gut lesen kann. Ich habe jedoch nicht feststellen können, dass jemand diese Aufschrift registriert hat. Was kein Wunder wäre, denn mein Wundertäter (nach Daniil Charms, Die alte Frau) vollbringt keine Wunder.


11:34 a.m.  Oh, habe ich lange in den Zeitungen gelesen (Standard, Kleine Zeitung, Falter – alter und neuer)! Jetzt hebe ich zum ersten Mal meinen Blick, schaue in den kleinen Garten hinaus und fange einen verlorenen (?) Blick auf (ist das „Verlorene“ im Sender oder im Empfänger?). Ich liebe dieses Ambiente: das herinnen fast leere Espresso Burggasse, draußen der luftige, schattige Gastgarten unter der Platane (den ich fast nie benutze und immer nur „betrachte“, der an diesem heißen Sommertag stärker frequentiert wird). Selbst die ständig vorbeifahrenden Autos lösen sich hinter dem Gebüsch des Gastgartens fast auf. Jetzt steigen mir die Tränen in die Augen und ich weiß überhaupt nicht wieso. Die durchaus angenehme, jazzige Musik wird es nicht sein, glaube ich, denn sie verbleibt am Rande meiner Seele. Oder dringt ihre Melancholie doch tiefer ein? Ist es der Wind, der die Zweige draußen schaukelt? Sind es Erinnerungen an die großen Ferienhoffnungen meiner Kindheit und Jugend, und wie sie vergeblich waren? Wie gesagt, ich weiß es nicht.

Der Ventilator am Plafond dreht sich im Uhrzeigersinn, aber viel, viel schneller, als hätte er bis jetzt getrödelt und hat nun nicht mehr viel Zeit, mit seiner Arbeit rechtzeitig fertig zu werden. Die Musik aus den Boxen hat sich geändert, ich weiß nicht, wie man dieses Genre nennt, sagen wir: sie ist songhafter und auf eine andere Art schwermütig und schön als die jazzige vorhin. Viel Piano.

Die zwei Kristallkugeln der Deckenbeleuchtung erschienen ein wenig wie zwei glitzernde Vollmonde. Meine Nase rinnt und will nicht aufhören. Tatsächlich: ich fühle mich so wie damals als Gymnasiast: das Leben und die Erfahrungen noch vor mir, voller Hoffnungen, Ängsten und Zweifeln; wobei die Hoffnungen in der Zuversicht, dass im Laufe der Zeit alles fehlende nachwachsen und ich einigermaßen ausheilen kann, einigermaßen stark sind, wenn vielleicht auch aus irrationaler und unrealistischer Anklammerung. Jetzt kann und darf ich diese Illusionen nicht mehr haben. Egal. Ich wende meine Aufmerksamkeit von meinen Gedanken weg auf die Betrachtung der Welt rundum, und was sie mit mir macht. Die leichte Brise, die bei der offenen Tür hereinkommt, streicht angenehm über meine nackten Unterschenkel und Arme. Plötzlich, wie aus dem Nichts, überkommen mich Gewaltphantasien, in denen ich einen faschistischen Rowdy, der in einem solchen Lokal Radau macht und es zu verwüsten beginnt (ich erinnere mich an den Fall eines solchen, der das Fett und Zucker von der Toilette aus verdreckt und verwüstet hat) niederschlage, natürlich brav erst, nachdem er mich attackiert hat. Natürlich ist diese Phantasie so weit, weit, weit weg von jeglicher Realität und meinen seelischen und körperlichen Möglichkeiten, dass das sehr, sehr peinlich ist. Ich phantasiere herbei, dass ich den Ort, an dem ich mich wohl fühle (da gehört die Melancholie dazu und dass sie nicht niedergebrüllt wird), verteidigen kann. Eher das Gegenteil war in meinem Leben der Fall. Wobei diese Orte immer nur fragile Asyle in einer als feindlich empfundenen Welt waren.

So, ich verordne mir jetzt wieder den Blick auf den kleinen Gastgarten unter seinem grünen Dach. Immer noch schaukelt ein lieber Wind sanft die Zweige. Ich denke, es ist Zeit aufzubrechen. Ich kann ja unterwegs irgendwo halt machen. Draußen im Gastgarten sucht ein älteres Paar – die älteren sind immer jünger als ich – mit – vermutlich – ihrer Tochter passende freie Sitzplätze. Die zwei Damen wählen den Tisch aus, der Mann trägt irgendwelche Taschen und zoggelt brav hinterher. Soll ich hinausgehen und ihn umarmen?


13:02. Ich sitze bei Maria, am Gestade (also die Maria sitzt oben über die Stiegen hinauf und von hier, unter den Linden, kann ich sie gar nicht sehen). Rechts von mir plätschert friedlich der Brunnen des betrügerischen Baders, und ein Anruf sagt mir, dass meine bestellten Notizbücher abholbereit sind. Wieder zurück nach Neubau? Warum nicht; ich habe Zeit. Zu Fuß oder per Öffis? Schaumamal. Vor mir ragt das polnische Institut im Schatten auf und daneben die schönen, frühneuzeitlichen Häuser; das direkt daneben duckt sich ein wenig. Vom Mistkübel-Aschenbecher links von meiner Sitzbank stinkt es unangenehm nach alter Zigarettenasche, die Lichtreflexe des Brunnenwassers wuseln auf den Brunnenfiguren herum. Na, es stinkt. Ich gehe zurück nach Neubau.


(2.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4110 Das ist alles

 



0:28 a.m.  Ich bin neutralisiert. Ich meine innerpsychisch: alle Impulse heben einander auf. Gar kein so schlechter Zustand, so jetzt auf dem Bett. Irgendwann wird dann die Müdigkeit zu groß sein. Ich schmunzle über mich und mein Leben, weil mir hald (sic!) ein paar entsprechende Episoden einfallen. Nichts großartiges (ich kehre da wieder zur Kleinschreibung zurück). Nichts, das interessant genug ist, um es zu erzählen, und zu umständlich wäre das auch: Szenen, wo ich mich heillos in der Alltagswirklichkeit verheddert habe. Das ist alles.


(2.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com