4142 Adieu
8:21 a.m. Mein geliebtes Zimmer in fast bernsteinfarbenem Licht (nur etwas blasser, flacher, bräunlicher). Gut ausgeschlafen, aber die rechte Fußsohle juckt, dass es kaum auszuhalten ist. Okay, das ist alles nicht so wichtig. Rettenschoess an der Wand ist wieder völlig anders im rolloverdunkelten Raum. Der dicke Knausgårdband ganz oben am Regal, auf anderen Bücher quergelegt, wirkt – schief wie er ist – wie ein havarierter Tanker bei starkem Wellengang. Ach ja, und Rettenschoess gibt in diesem Dämmerlicht ein feines, zartes Landschaftsbild ab. Und jetzt ist es auch ganz still (Jausenzeit auf der Baustelle? - der innere Spötter).
11:31 a.m. Aaaaaah! Endlich wieder im Espresso Burggasse! Aber ein wenig fremdle ich, muß ich feststellen. Wieso eigentlich? Nur wegen zwei Wochen Pause? Die Bedingungen jetzt sind bestens: der fast leere Gastraum, weil alle draußen im Garten sitzen. Ah! Die Musik! Jetzt klickt's! Roxy Music. Love is the drug. Kaffee und Musik passen nun meine Stimmung besser ein. Jetzt ist das Lied vorbei und ich bin wieder etwas unrund. In dem Moment beginnt es draußen zu regnen – übrigens auf die Stunde exakt im Wetterbericht angekündigt – und viele kommen herein. Das hebt die Stimmung und ich pfeife auf meine übliche Melancholie der leeren Räume. Es stinkt auf einmal nach Zigarettenrauch, aber ich sehe niemanden rauchen. Vermutlich kommt das von draußen. Ja, stimmt, jetzt sehe ich die Übeltäterin durchs Fenster; die Tusse raucht direkt vor der offenen Eingangstür. Vielleicht vertrage ich keinen Kaffee mehr. Dennoch schlürfe ich gierig den frischen ersten Schluck der zweiten Melange und greife zum beigelegten Schnittchen und konterkariere die Übersüße mit bitterem Kaffee. Wieder kommt ein kleines High auf. Danach greife ich aus Ratlosigkeit wieder zu einer Zeitung.
12:54. War’s das? Das war’s für hier und heute.
13:33. Auf meiner Schrittewanderung nach Hause (sechs- bis siebentausend sollten es täglich sein) raste ich – wie so oft – übrigens: nachdem ich beim Wienerroither und Kohlbacher ein schönes Weilerbild gesehen, betrachtet und photographiert habe – am Gestade und sitze auf einer Bank gegenüber den schönen frühneuzeitlichen Häusern (in dieser Sache folge ich Wolfgang Döbereiner, der den Beginn der Neuzeit mit 1367 ansetzt und deren Ende mit 1967). Der Platz wird gerade von der MA 48 in Gestalt einer jungen Frau gekehrt; das Geräusch des über den Boden kratzenden Besen – übrigens verwenden die die besten Besen für diese Bedingungen; ich weiß das von meinem Zivildienst bei den Straßenkehrern – hat mich auf den Vorgang aufmerksam gemacht. Und freilich plätschert auch der Brunnen des betrügerischen Baders (weil ich heute im Falter eine Kritik an Füllwörtern gelesen habe, verstärke ich meine Faible für diese Wörter, die einer Aussage oder Beschreibung eine spezielle Note oder eine Verzögerung, gar ein Stolpern verpassen können – und darauf lege ich wert. Außerdem habe ich das Bedürfnis, meinen Sätzen nicht mehr Erkenntnissicherheit mitzugeben, als ich selbst habe).
Ein asiatischer (?) Tourist (?) breitet unten an der Stiege zur Maria-am-Gestade-Kirche hinauf und sie anblickend seine Arme weit aus und verharrt längere Zeit in dieser Haltung. Ich tippe auf Ehrfurcht, kann mich jedoch leicht irren. Ich sehe auch niemanden, der ihn photographiert, aber mein Blickfeld ist eingeschränkt. (Langsam kommt ihm die Schreibweise photographieren doch blöd vor, aber noch weigert er sich – wahrscheinlich aus Bildungsdünkel – der ja meistens deren Mangel anzeigt – die einfachere neue Rechtschreibung anzunehmen – der innere Spötter.) Ein Marienkäfer krabbelt an der Seitenkante der Sitzbank entlang nach oben. Jetzt ist er oben und krabbelt wieder hinunter. Dreht nochmals um und wieder hinauf, stockt aber in der Mitte der Seitenkante der Rückenlehne und verharrt reglos. Eine viel kleinere Spinne kommt heran und als sie ihn anschubst, klettert er wieder hinauf. Oben wieder herunter. Oder war das keine Spinne? Ein zweites dieser Tiere taucht oben auf. Ich sehe zu schlecht, um die Beine zu zählen. Kleine Ameisen sind auch auf der Bank unterwegs. Wieder stinkt es nach Zigarettenrauch und -asche. Der Marienkäfer - innen am ┌ - Eisen der Rückenlehnenstütze – rührt sich nicht. Schon seit Minuten. Aha! Jetzt läuft er wieder hinunter. Bleibt wieder stehen. Geht in Schlangenlinie wieder hinauf. Aber nur ein kleines Stück, dann steht er wieder. Inzwischen hat es zugezogen und es ist kühler geworden. Mir soll es recht sein. Ich werde weiterwandern. Adieu, Marienkäfer! Erhol’ dich gut! (Er rührt sich immer noch nicht.)
(29.7.2025)
Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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