Mittwoch, 2. Juli 2025

4111 Zurück nach Neubau

 



10:45 a.m.  Heute habe ich wieder das Wundertäter-Leiberl an und im Lokal extra meine ärmellose Jacke ausgezogen, auf dass man die Aufschrift gut lesen kann. Ich habe jedoch nicht feststellen können, dass jemand diese Aufschrift registriert hat. Was kein Wunder wäre, denn mein Wundertäter (nach Daniil Charms, Die alte Frau) vollbringt keine Wunder.


11:34 a.m.  Oh, habe ich lange in den Zeitungen gelesen (Standard, Kleine Zeitung, Falter – alter und neuer)! Jetzt hebe ich zum ersten Mal meinen Blick, schaue in den kleinen Garten hinaus und fange einen verlorenen (?) Blick auf (ist das „Verlorene“ im Sender oder im Empfänger?). Ich liebe dieses Ambiente: das herinnen fast leere Espresso Burggasse, draußen der luftige, schattige Gastgarten unter der Platane (den ich fast nie benutze und immer nur „betrachte“, der an diesem heißen Sommertag stärker frequentiert wird). Selbst die ständig vorbeifahrenden Autos lösen sich hinter dem Gebüsch des Gastgartens fast auf. Jetzt steigen mir die Tränen in die Augen und ich weiß überhaupt nicht wieso. Die durchaus angenehme, jazzige Musik wird es nicht sein, glaube ich, denn sie verbleibt am Rande meiner Seele. Oder dringt ihre Melancholie doch tiefer ein? Ist es der Wind, der die Zweige draußen schaukelt? Sind es Erinnerungen an die großen Ferienhoffnungen meiner Kindheit und Jugend, und wie sie vergeblich waren? Wie gesagt, ich weiß es nicht.

Der Ventilator am Plafond dreht sich im Uhrzeigersinn, aber viel, viel schneller, als hätte er bis jetzt getrödelt und hat nun nicht mehr viel Zeit, mit seiner Arbeit rechtzeitig fertig zu werden. Die Musik aus den Boxen hat sich geändert, ich weiß nicht, wie man dieses Genre nennt, sagen wir: sie ist songhafter und auf eine andere Art schwermütig und schön als die jazzige vorhin. Viel Piano.

Die zwei Kristallkugeln der Deckenbeleuchtung erschienen ein wenig wie zwei glitzernde Vollmonde. Meine Nase rinnt und will nicht aufhören. Tatsächlich: ich fühle mich so wie damals als Gymnasiast: das Leben und die Erfahrungen noch vor mir, voller Hoffnungen, Ängsten und Zweifeln; wobei die Hoffnungen in der Zuversicht, dass im Laufe der Zeit alles fehlende nachwachsen und ich einigermaßen ausheilen kann, einigermaßen stark sind, wenn vielleicht auch aus irrationaler und unrealistischer Anklammerung. Jetzt kann und darf ich diese Illusionen nicht mehr haben. Egal. Ich wende meine Aufmerksamkeit von meinen Gedanken weg auf die Betrachtung der Welt rundum, und was sie mit mir macht. Die leichte Brise, die bei der offenen Tür hereinkommt, streicht angenehm über meine nackten Unterschenkel und Arme. Plötzlich, wie aus dem Nichts, überkommen mich Gewaltphantasien, in denen ich einen faschistischen Rowdy, der in einem solchen Lokal Radau macht und es zu verwüsten beginnt (ich erinnere mich an den Fall eines solchen, der das Fett und Zucker von der Toilette aus verdreckt und verwüstet hat) niederschlage, natürlich brav erst, nachdem er mich attackiert hat. Natürlich ist diese Phantasie so weit, weit, weit weg von jeglicher Realität und meinen seelischen und körperlichen Möglichkeiten, dass das sehr, sehr peinlich ist. Ich phantasiere herbei, dass ich den Ort, an dem ich mich wohl fühle (da gehört die Melancholie dazu und dass sie nicht niedergebrüllt wird), verteidigen kann. Eher das Gegenteil war in meinem Leben der Fall. Wobei diese Orte immer nur fragile Asyle in einer als feindlich empfundenen Welt waren.

So, ich verordne mir jetzt wieder den Blick auf den kleinen Gastgarten unter seinem grünen Dach. Immer noch schaukelt ein lieber Wind sanft die Zweige. Ich denke, es ist Zeit aufzubrechen. Ich kann ja unterwegs irgendwo halt machen. Draußen im Gastgarten sucht ein älteres Paar – die älteren sind immer jünger als ich – mit – vermutlich – ihrer Tochter passende freie Sitzplätze. Die zwei Damen wählen den Tisch aus, der Mann trägt irgendwelche Taschen und zoggelt brav hinterher. Soll ich hinausgehen und ihn umarmen?


13:02. Ich sitze bei Maria, am Gestade (also die Maria sitzt oben über die Stiegen hinauf und von hier, unter den Linden, kann ich sie gar nicht sehen). Rechts von mir plätschert friedlich der Brunnen des betrügerischen Baders, und ein Anruf sagt mir, dass meine bestellten Notizbücher abholbereit sind. Wieder zurück nach Neubau? Warum nicht; ich habe Zeit. Zu Fuß oder per Öffis? Schaumamal. Vor mir ragt das polnische Institut im Schatten auf und daneben die schönen, frühneuzeitlichen Häuser; das direkt daneben duckt sich ein wenig. Vom Mistkübel-Aschenbecher links von meiner Sitzbank stinkt es unangenehm nach alter Zigarettenasche, die Lichtreflexe des Brunnenwassers wuseln auf den Brunnenfiguren herum. Na, es stinkt. Ich gehe zurück nach Neubau.


(2.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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