Donnerstag, 26. Juni 2025

4104 Fifty - Fifty

 



12:19.  Die Einkäufe sind abgeschlossen. Natürlich habe ich … wie kann ich das sagen? … . Mein derzeitiges Notizbuch hat 96 Seiten. Das ist ein wenig zu dick, um es – beim Schreiben meistens auf meinen Oberschenkeln abgelegt – bequem benutzen zu können. Und ich frage noch, ob es dünnere gibt, wie ich sie früher verwendet habe. Nein, sagt die Verkäuferin und die, die lagernd sind, sich noch dicker als 96 Seiten und noch unhandlicher. Also bestelle ich zwei von den Sechsundneuzigern. Als der Bestellvorgang – durchaus etwas kompliziert: Mappen aufschlagen, Produkt und Produktnummer suchen – am Laufen ist, sehe ich in einem anderen Regal genau die dünneren Notizbücher, die ich suche. Ich nehme zwei glatte heraus und lege sie auf den Ladentisch, weil ich sie kaufen will – die Bestellung der anderen läuft noch und ist noch nicht abgeschlossen – aber trotzdem cancel ich die Bestellung nicht. Warum? Ich habe eine solche Hemmung, die Verkäuferin bloßzustellen, weil sie ja auf meine Frage, ob es dünnere gibt, mit nein geantwortet hat. Lieber kaufe ich die zwei erwünschten Bücher und bestelle die zwei weniger erwünschten, leiste brav die Anzahlung und tue so, als würde ich das genauso wollen. So ist das.

Ich habe mich schon seit längerem dazu entschlossen, mich wegen solcher Ungeschicklichkeiten und tendenziell selbstdestruktiver Manöver nicht mehr zu hassen und mir keine Vorwürfe zu machen, dass mir die Wahrung des Gesichtes der Verkäuferin wichtiger ist, als die meines eigenen. Ich mache die Verkäuferin nicht darauf aufmerksam, dass sie mir eine falsche Auskunft gegeben hat – egal, ob sie es aus Berechnung oder aus mangelnder Kompetenz getan hat. Ich will sie nicht bloßstellen; so eine Bloßstellung zu machen oder auch nur mitzuerleben, halte ich schwer aus. Ich buche das ab unter: so geht es sensiblen Menschen in dieser dualen Welt des ständigen Kampfes um den eigenen Vorteil. Damit es kein Mißverständnis gibt: hätte ich es geschafft, die falsche Bestellung zu stornieren und sogar die Verkäuferin zu konfrontieren, wäre das für mich theoretisch völlig okay gewesen, aber meine Seele kann es nicht. Ich will mir jedoch wegen solcher Skrupel keine Vorwürfe mehr machen. Amen.

Als ich vorher gewartet hatte, bis das Papierwarengeschäft aufsperrt und ich dabei herumgewandert bin, bin ich schon zweimal an einem Stand vorbeigekommen, an dem für irgendwas geworben wird und die Versuche der zwei Typen, mich anzusprechen, habe ich einfach ignoriert. Jetzt, nach dem Einkauf, komme ich auf meinem Weg zum dritten Mal an dem Stand vorbei. Wieder werde ich angesprochen und diesmal lege ich es irgendwie darauf an - ich weiß nicht, was mich da geritten hat - und reagiere und frage, worum es geht. Irgendein Verein für Obdachlosenhilfe sucht Spender. Ich antworte, dass ich selber nur 489 Euro Pension habe. Darauf der Keiler: „Da haben Sie aber nicht viel gearbeitet!“ (ja mein Freund! Jetzt hat das Universum zu dir gesprochen! - der innere Spötter). Ich sage ihm, dass ich Maler und Schriftsteller war und hald (sic!) nicht viel verkauft habe und dass meine Arbeit wichtiger war als seine. Und gehe weiter. Ehrlich gesagt glaube ich mir meine Antwort selbst nicht wirklich. Und ich bin erschrocken, wie sehr mich seine pampige Replik verletzt hat und wie dumm ich ihm ins Messer gelaufen bin, obwohl ich die Konfrontation doch angezettelt habe. Im Weitergehen kommen mir die Tränen, und ich weiß nicht, ob aus Trauer über mein nicht gelebtes Potential oder aus Selbstmitleid. Oder fifty – fifty.

Anmerken möchte ich noch, dass gerade soziale Vereine und Initiativen das Geldauftreiben nicht solchen Keilertypen und Keilerfirmen überlassen sollten. Das zerstört ihr berechtigtes Anliegen. Auch wenn es schwer und zeitlich aufwendig ist: es sollten die Leute für diese Anliegen werben, die selbst im Metier arbeiten. Die wissen, worum es geht, haben die Kompetenz und sind hoffentlich nicht irgendwelche beschränkte Keilertrotteln.

(25.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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