4094 Wild Side
11:15 a.m. Dieses Gesicht am Nebentisch in der fröhlichen weiblichen Dreierrunde kenne ich; ich weiß nur nicht woher. Kellnerin im Café Europa vor Jahrzehnten? Vielleicht. Sicher woher bin ich mir nicht, dass ich das Gesicht oft gesehen habe, schon. Mein Geh- und Schrittefanatismus ist wegen meiner Knieschmerzen eingebremst; ich erwäge nach einigen Wochen Beschwerden ernsthaft einen Arztbesuch, aber ich weiß nicht … dieser ganze Aufwand nur wegen einem lädierten Knie … (ich bin männerbildmäßig noch in den Fünfzigerjahren sozialisiert worden, und so, dass mir nichts zusteht). Die Stimme von Lou Reed aus den Boxen. Soeben habe ich mir den dritten Cappuccino bestellt. Die Kaffeeeuphorie scheint am Höhepunkt zu sein. Oder war die Dame nebenan Kellnerin oder Chefin im Donau? Oder gar im U4? Lassen wir das! Übrigens: heute sind mir hier schon bei Angie von den Rolling Stones Tränen gekommen, dabei war das gar kein soo persönlicher Hit (1973 erschienen, nach der Matura! Da war ich schon durch damit. Gehört hat man es trotzdem überall), sondern das hatte bloß trotz Verspätung zum Gesamtambiente der Zeit gehört, zum Background, vor dem sich mein jugendliches Unglück abgespielt hat.
Übrigens bin ich wieder dabei, mir – nachdem meine schönen Sandalen eingegangen sind – wieder das gleiche Modell zu kaufen, obwohl mir so genannte Vernunft und schlechtes Gewissen (des Luxus wegen) ständig abraten. Aber etwas in mir setzt genau die Schritte, die zu diesem Kauf führen werden; ich hoffe, dass ich damit dem richtigen Daimonion folge (er will es ja nicht darauf ankommen lassen, dass dieser Schuhkauf direkt Gottes Wille ist – der innere Spötter). Die Boxen spielen Walking on the Wild Side von Lou Reed (dafür ist die Musik eigentlich recht zurückhaltend, beherrscht und diszipliniert) (Du kannst nicht Englisch! Also räsonier nicht öffentlich über Songs, die du gar nicht verstehst! Du blamierst dich! - der innere Korrektor).
Jetzt beginnt die Unruhe. Ich betrachte die Passanten in der spiegelnden Glasscheibe der offenen Eingangstüre, und davon angeregt, riskiere ich auch einen Blick in den Spiegel an der Wand (wer ist der größte Narzisst im ganzen Land – der innere Spötter), in dem ich mich eh nicht sehen kann. Die dicke, fette, schon weit heruntergebrannte Kerze daneben bekommt wegen ihrer bizarren Gestalt - durch die unterschiedlich hoch und verschieden ausgeformt stehen gebliebenen Ränder des Wachses hervorgerufen – meine interessierte Aufmerksamkeit.
Ich trinke den letzten Schluck Kaffee und werde zum Schuhgeschäft, wo ich die ausgesuchten Sandalen hinterlegt habe, aufbrechen. Es ist nicht weit von hier. Die Sache ist entschieden. Nur kurz irritiert mich noch ein junger Gast an der Bar mit unglaublich lauter, den Raum durchdringenden Stimme, bevor ich mich dann doch neben ihn stelle, um an der Bar meine Konsumation zu bezahlen.
(17.6.2025)
Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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