Donnerstag, 12. Juni 2025

4087 Wenn doch

 



11:41 a.m.  Eigentlich bin ich über meinen Höhepunkt schon hinweg: der dritte Cappuccino wirkt schon leicht zersetzend, meine Seele tendiert schon ins Raunzige und Lustlose und den Gipfel der Kaffeeeuphorie muß ich beim Lesen verpasst haben. Ich schaue, ob ich jetzt in schreibender Weise mich in eine wenigstens ansatzweise, minimale Glückseligkeit versetzen kann. Nachdem ich - wie fast immer – die Schreiberei ohne jede Idee gestartet und doch bis jetzt 66 Wörter hingeschrieben und mich dabei hoffentlich nicht verzählt habe (zählen scheint sein neuer, fragwürdiger Ausweg aus der literarischen Einfallslosigkeit zu sein – der innere Spötter), muß ich gar nicht unzufrieden sein. Eine Welle von Schwermut überkommt mich jetzt angesichts der sanft vom Wind bewegten Äste und Zweige der Bäume und Sträucher draußen – also bin ich am besten Weg zu meiner eingeforderten Glückseligkeit. An der Decke zwischen den Kristallkugellustern dreht sich der Ventilator flott und still gegen den Uhrzeigersinn. Ja, ja, mir kommen wirklich Tränen in die Augen, einfach so [ich glaube nicht, dass das mit den aktuellen Ereignissen in Graz zu tun hat, aber wenn doch - und ich bitte, das nicht mißzuverstehen – dann empfinde ich ein starkes Mitgefühl mit der Einsamkeit und Verzweiflung des Attentäters – empfinden heißt in sich finden, egal ob einem das Gefundene angemessen vorkommt oder nicht. Aber das kann ich so nachempfinden: dieses Übriggebliebensein, alle habe es geschafft, nur ich nicht, ich bin am Abstellgleis, alle anderen finden sich einigermaßen in der Welt zurecht, nur ich nicht, ich verstehe ihre Spielregeln einfach nicht (ich schildere nur meine Empfindungen und Assoziationen; wieweit diese Annahmen und Unterstellungen mit dem realen Attentäter zu tun haben, ist eine ganz andere Frage). Einmal zeige ich es ihnen! Einmal werden sie mich ernst nehmen und respektieren müssen! Wenn ich schon untergehe, reiße ich ein paar mit in den Untergang.

Auch ich bin voller solcher Phantasien; die vielen Abwertungen, Bloßstellungen, Beschimpfungen in meinem Leben, nicht nur, aber auch die in der Schule, tun immer noch weh. Oft ertappe ich mich, wie ich bei meinen inneren Monologen mir Dialoge etwa mit ehemaligen LehrerInnen ausdenke, wo ich offensichtlich die wirklich stattgefundenen zu „verbessern“ versuche, wo ich endlich nicht wie gelähmt bin und mir angemessene und richtige Antworten einfallen, wo ich wahrgenommen und angehört werde und ich die passenden Reaktionen zum Selbstschutz parat habe. Wo mir die Pfeile nicht so tief in Seele und Fleisch eindringen und ich mich vor Verletzungen schützen kann. Wo ich nicht angegriffen werde. Ich war doch auch einfach ein Kind, dass es gut machen wollte! Oh ich könnte heulen. Ich werde heute Abend für den Attentäter beten.

Ich bin dem Leben und der katholischen Kirche meiner Kindheit wirklich dankbar, dass ich damals auch andere Inhalte kennengelernt habe, dass es auch andere Kriterien gibt als die der Welt der Dualität, der Siege und Niederlagen und der egoistischen Rücksichtslosigkeit und so weiter und so weiter. Zum Beispiel Aussagen wie: mit jedem Menschen hat Gott etwas vor, keiner ist sinnlos in der Welt! Würde ich nur die Welt des sicherlich falsch verstandenen und faschistoid interpretierten Survival of the fittest und der propagierten Ausmerzung unwerten Lebens kennen (Nazierbe!), dann erschiene mir vielleicht auch in der eigenen Wehrlosigkeit und im eigenen Untergang endlich um sich zu schießen als ein Ausweg, um wenigstens in den letzten Minuten kurz als Überlebender aufzuleuchten, bevor man endgültig untergeht.]


(11.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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