4080 Die beste Lösung
18:24. Der Himmel ist ganz grau hinter dem starken Grün der Götterbäume, die Luft steht schwül, nur ein ganz leichter Windhauch. Das ist vor einem Gewitter. Ein Flugzeug röhrt näher und deutlicher als sonst durch die Luft, Geplauder dringt bis hier herauf in den dritten Stock, bleibt aber unverständlich. Im unteren Bereich der Wohnung setzt Meditationsmusik ein, vom Hof kommen die unglaublich schnellen Akkorde einer Balkanziehharmonika, vermutlich live und nicht von einem Tonträger. Ich setze mich von der gepolsterten Bank auf den harten Stuhl hinten an der Wand des Ateliers, aber auch so kann ich nicht bequem schreiben und ist mein Ausblick nicht optimal. Ich überlege einen weiteren Platzwechsel. Es fühlt sich so an, als könnte das Gewitter jeden Moment losbrechen, oder zumindest ein Platzregen. Ich wechsle in das Musikzimmer und habe so meine Blickrichtung um 180° gedreht. Hier im Nordosten ist der Himmel noch heller und die dunklen Wolken schieben sich erst über meinem Kopf hinweg von hinten herein. Auf dieser Seite hört man auch den Autoverkehr. Der schwache Wind bewegt manchmal die Vorhänge und die Tauben fliegen unruhig weg, als würden sie sich in Sicherheit bringen wollen. Aber noch ist nichts passiert. Noch regnet es nicht. Nun scheint der Wind zuzulegen. Der Mann am Balkon gegenüber steht auf und geht hinein, ich bemerke ihn erst jetzt. Die dunklere Wolkenschicht hat schon fast den ganzen Himmel überzogen. Irgendwo wird etwas abgeladen, ich sehe es nicht, ich höre es nur. Ein Motorrad schleppt sich müde und mühsam vorbei (ich sehe es nicht), auch ein paar Autos rollen um die Kurve (von meinem Standort aus sehe ich nicht auf die Straße). Die dunklere Wolkenschicht reißt über meinem Kopf auf und bringt die hellere darüber wieder zum Vorschein – zieht das Gewitter vorüber? Die ersten Donnerschläge, die ich hören kann, müssen weit entfernt sein. Es ist ein majestätisch langsamer, wunderbarer Reigen aus Wasserdampf, der sich da am Himmel abspielt. Aber die Anspannung läßt nach, vielleicht ist das Gewitter vorbeigezogen und geht woanders nieder. Auf der anderen Seite, im Südwesten, flirren die Blätter der Bäume immer noch nervös.
19:15. Jetzt regnet es ganz normal; das Unwetter scheint woanders ausgebrochen zu sein. Es geht in einen Landregen über, für alle Beteiligten hier vermutlich die beste Lösung.
(2.6.2025)
Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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