4075 Winken
[Vorbemerkung des Tippers: Jetzt ist der 1. Juni 2025, 17:32 Uhr, ich habe gerade im ehemaligen Atelier den Wäscheständer frei geräumt und die trockene Wäsche fürs Hinuntertragen später bereit gemacht und mich hier im Atelier soeben bei offenem Fenster für das Eintippen der handschriftlichen Texte der letzten Tage an den Computer gesetzt, als draußen ein Gewitter aufzieht. Der Wind biegt und rüttelt wild die Bäume im Hof, die sich aber immer noch gekonnt und elegant bewegen; Windböen kommen zum Fenster herein und bringen schon einzelne Regentropfen mit. Herrlich! Einfach herrlich! Die Wolkendramaturgie atemberaubend. Wunderschön und stark!]
Ungefähr 18 Uhr. Ich walke nordisch am linken Ufer des Donaukanals hinauf bis zur Friedensbrücke, überquere diese und marschiere auf der anderen Seite wieder hinunter bis zu diesem Steg, der irgendeinen Firmennamen trägt, den ich nicht nennen will. Als ich diesen überquere, um wieder aufs linke Ufer zu kommen, weil mir am rechten Ufer zu viele rücksichtslose, zum Teil motorisierte Radfahrer unterwegs sind, kommt gerade ein Ausflugsschiff diesen Seitenarm der Donau herunter. Ich kann nicht widerstehen und winke den Passagieren am Schiff vom Steg oben zu – obwohl ich es sehr kindisch finde – und wie eigentlich immer winken ein paar zurück. Ich freue mich so und mir schießen die Tränen in die Augen. Dann beginne ich nachzudenken: was löst diese Gefühle und Empfindungen aus? Und welche sind die? Weil die am Schiff unterwegs sind und ich am Abstellgleis? Weil mein Winken Resonanz gefunden hat, wenn auch nur aus einer unüberbrückbaren Distanz? Weil die Distanz unüberbrückbar ist? Ich weiß nicht, warum mir diese kleinen Gesten so nahe gehen. Dann walke ich weiter zur Rossauerbrücke und gehe dann heroben auf Straßenniveau zur Augartenbrücke vor und die Untere Augartenstraße hinauf nach Hause.
Ein anderes kleines, schönes Erlebnis hat sich ein paar Tage vorher abgespielt: ich komme – immer zu Fuß – vom Fitnessstudio und gehe nach Hause. Ich überquere die Leopoldsgasse bei der Schönen Perle – dort ißt man übrigens recht gut - und biege in die Schiffamtsgasse ein, als ich einen kleinen Buben – schätze so um die zwei – bemerke, der an der Hand seines Vaters – nehme ich an – dahinmarschiert und inbrünstig und ständig in seine Kinderpfeife bläst – das sind diese Kinderpfeifen, die an eine Schiedsrichterpfeife erinnern. Da fällt mir ein, dass ich auch eine solche bei mir trage. Ich habe schon einmal ein Tageskind damit erfreut und so mache ich es auch jetzt: ich nehme die Pfeife und blase wie zur Antwort fest hinein. Der Bub schaut erstaunt auf und schaut sich um, wo das herkommt – sein Vater bemerkt das nicht, denn sie gehen unverdrossen weiter – ich blase nochmals rein und als er herschaut, zeige ich ihm über die Straße hinweg, dass ich die selbe Kinderpfeife habe, indem ich sie hochhebe, und dass ich der Dazwischenpfeifer war. Jetzt lächeln wir beide – er grinst sogar über das ganze Gesicht - und dann gehe ich weiter die Schiffamtsgasse nach Hause, während er an der Hand seines Vaters die Leopoldsgasse hinaufgeht.
Bleibt noch die Frage, warum ich eine solche Pfeife bei mir trage. Nun, Kinderspielzeug gibt es in unserer Wohnung genug und wie diese Pfeife in meine Hand gekommen ist, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nur erinnern, dass ich einmal, nachdem ich des Nachts unterwegs war und – völlig grundlos – Angst verspürt hatte, diese herumliegende Pfeife in meine rechte Sakkoaußentasche gesteckt habe, sozusagen für den Notfall – so zweifelhaft ihre Wirksamkeit auch sein mag. Ich möchte nur betonen, dass diese meine Angst nur in mir ist, und mit der Umgebung nichts zu tun hat; ich bin hier in diesem Grätzel noch nie belästigt oder blöd angesprochen worden. Diese Sache steckt in mir.
[Inzwischen regnet es hier so schön und manchmal donnert es; der Wind hat sich gelegt und der Regen prasselt unverzerrt auf die zumeist versiegelten Böden nieder – der Tipper]
(31.5. und 1.6.2025)
Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]
<< Startseite