4100 Baum
12:29. Die Pappelsamen schweben noch als weiße Punkte vor schwarzem Hintergrund vor meinen zugefallenen Augen. Die Sonne bearbeitet meinen nackten Körper, nur eine Kappe habe ich mir aufgesetzt und ein wenig ins Gesicht geschoben. Ich liege unter einer großen Pappel; und wenn ich meine Augen öffne, ragt im Abstand von – sagen wir – zehn Metern eine zweite, mächtige vor mir auf. Diese betrachte ich lange und die Pappelsamen, die manchmal sanft vor, über und durch das Geäst fliegen, manchmal in großen Mengen und wild umhergetrieben. Das abdriftende Bewußtsein nimmt noch die so typischen Geräusche der Badeanstalt auf und zu meiner Frau sage ich: „Das ist mein Auftrag: wenn ich schnarche, wecke mich unbedingt auf!“ Das Sommerlicht flimmert noch ein wenig durch die Wimpern, dann bin ich weg. Aber nicht weit und nur kurz, denn es ist kein anderes Jahrhundert, in dem ich aufwache und so wie es ausschaut auch keine andere Welt. Zumindest auf den ersten Blick. Mich dürstet und so beschließe ich, zur Wasserstelle mit dem Trinkbrunnen zu gehen, dabei könnte ich mich auch gleich der Stabilität dieser Welt versichern.
14:14. Es stimmt, das Rufen, Schreinen, Quietschen, Kreischen vor allem der Kinder in den Bädern ist immer gleich; und ich gehe davon aus, dass es mehr aus Lust, als aus Schmerz kommt. Während ich darüber nachdenke (beim Nachdenken ist man immer hinten nach) verfängt sich ein Büschel Pappelsamen in den Haaren meines Oberschenkels (links) und ich betrachte die riesige Pappel vor mir, wie sie in den Himmel ragt (ich muß den Kopf weit nach hinten legen, um in ihre höchste Krone zu schauen), wie schon gesagt: gute zehn Meter direkt vor mir und - das klingt jetzt recht blöd – weil ich von meinem Gemächt direkt eine gerade Linie zu diesen Baum ziehen kann, ohne dass ich mich dabei irgendwie verdrehen muß, verfalle ich auf den Gedanken, oder besser auf die Einbildung (und ich distanziere mich sofort und lehne solche Assoziationen entschieden ab!), dass dessen (des Baumes) mächtige Aufrichtung etwas mit meiner Lendenkraft zu tun hat. Oder umgekehrt. Oder der Baum meine Lendenkraft stärkt, wenn ich ihn nur lange genug meditiere (etwas weniger geschraubt ausgedrückt: er betrachtet den mächtigen Baum und phantasiert sich dessen Bild über eine imaginierte Erektion. Noch einfacher gesagt: er spinnt ein bisserl und will sich sein Bäumchen mit Hilfe des prächtigen Baumes so richtig aufgebäumt vorstellen – der innere Spötter).
15:00. (früher Musicboxzeit). Ich distanziere mich nochmals und ganz, ganz entschieden von diesen Phantasien da oben im Text! Ich will das betonen und unbedingt fest-halten! Der Wind hat sich gelegt. Kaum ein Pappelblättchen zittert. Meine Lesebrillen sind verschmiert, aber jetzt kommt eine Brise auf und die Pappelblätter blinken aufgeregt ihren Betrachtern zu. Nun habe ich die Brillen mit dem leicht rotzigen Taschentuch geputzt (ein anderes war nicht in Griffnähe) und dafür sind sie nun erstaunlich blank. Somit kann ich das bereits angekleidete, turtelnde Paar sehen. Eigentlich sind es drei, aber eine ist extra und packt das Zeug ein und räumt den Platz auf. Ein Motorflugzeug propellert hoch über und hinter meinem Rücken vorbei. So hoch kann es auch wieder nicht sein. Das Trio geht jetzt ab und ich bin mir über die paarweise Zuordnung nicht mehr sicher. Vielleicht gibt es keine. Geht mich nichts an. Jedenfalls scheinen sie es lustig zu haben. Auf dem Wasser sind viele Stehpaddler unterwegs und immer noch gefällt mir diese Sportart und finde ich Haltung und Bewegung schön.
(22.6.2025)
Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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