Freitag, 20. Juni 2025

4098 Fronleichnam

 



Der Name kommt vom mittelhochdeutschem vrône lîcham – des Herren Leib – und ich vermute – übrigens angeregt durch ein Facebookposting, auf das ich reagiert habe, denn mein Denk- und Assoziationsapparat braucht ein Minimum an Input und Resonanz, damit er angeworfen wird, und das habe ich am Abstellgleis selten – wobei nicht klar ist, ob sich mein angesprungener Apparat verständlich ausdrücken konnte - also: ich vermute, das Aufkommen dieses Festes im 13. Jahrhundert hat untergründig mit einer Reaktion gegen das Aufkommen der naturwissenschaftlichen Rationalität damals zu tun, die Dasein und Wesen (oder sollte ich nach C. Castaneda Tonal und Nagual schreiben?) weiter auseinander reißt, so, dass die „Natur“ nicht mehr Schöpfung („Bildträger des Himmels“ - W. Döbereiner) ist, sondern bloßes Material, das dem technischen Zugriff ohne Bedenken und Skrupel ausgeliefert werden kann. Ich weiß nicht recht, wie ich „Bildträger des Himmels“ verständlich machen oder verbessern könnte: Bildträger oder Ausdruck des universalen Bewußtseins? Oder Emanation des Universums als Bewußtsein? Das Ding als Teil des Universums, das sich seines Anteils am Ganzen und seines größeren Parts, der nicht in die Beschreibung der Welt – C. Castaneda - eingegangen und somit unbeschrieben und unbeschreibbar, aber mit dem Universum verbunden bleibt, bewußt ist? (zu Ding: diese Wort leitet sich von Thing ab, das ursprünglich „Versammlung oder Gerichtsverhandlung“ bedeutet – Wikipedia. Wir sind damit mitten in der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit – Berger/Luckman)? Als Kürzel für das über die Beschreibung hinausgehende Ganze, das nicht nur die Summe der Einzelteile (Nominalistenstreit! Oder?) ist, sondern auch eine lebendige, bewußte Ganzheit, die der wahre Urgrund allen Daseins ist? Da will vielleicht das Fest, indem es den „Leib Christi“ (im Mythos = Gott, respektive sein Bildträger) durch die Felder trägt, das Bilderträgerpotential der „Natur“ nochmals stärken. Ob das eine geeignete Antwort auf die Problematik der Zeit war, weiß ich nicht. Immerhin war ja der päpstliche Legat Bonifatius ein paar Jahrhunderte vorher ein Initiator dieser destruktiven Richtung, indem der die „heilige Eiche“ (also noch in Bildträgerfunktion) gefällt hat, um den heidnischen Stämmen dort zu beweisen, dass der Himmel deswegen nicht herabstürzt, wie es diese Stämme befürchtet hatten, und der Baum einfach nur verwertbares Holz ist. Ich kann mich noch erinnern, wie dieser Bonifatius in den Siebzigerjahren der vorigen Jahrhunderts als Aufklärer und Entmythologisierer gefeiert wurde. Man könnte natürlich sagen, dass diese Heiden letztlich doch recht hatten, denn heutzutage fällt uns diese vom Mythos bereinigte Denkweise und die aus ihr abgeleiteten Handlungen als Klimawandel, Umweltprobleme etc doch auf den Kopf. Diese Verspätung um ein paar Jahrhunderte ist geschichtlich und naturgeschichtlich bloß ein Klacks.

Von jetzt aus auf das Fronleichnamsfest gesehen, nehmen wir sowohl heutzutage bereits „überwundene“ Elemente des mythischen Denkens wahr, aber auch solche der Entmystifizierung: nicht mehr der Baum, die „Natur“ ist heilig, sondern man muß ihm und ihr das „Heilige“ nachtragen, vorzeigen; noch dazu durch die Überhöhung eines religionsbehördlich verwandeltes, allerdings wichtiges Menschenprodukt, dem Brot, das passenderweise viel mit der Seßhaftwerdung der Menschheit zu tun hat. Vielleicht ist dieses Fest viel zu spät gekommen. Oder ist schon im Kern falsch angelegt. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass das Denken dem Handeln vorausgeht und letzteres als Sinnhorizont in seinen Möglichkeiten definiert.
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(19./20.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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