4103 Aus den Boxen
9:54 a.m. Die Kellnerin singt und summt mit der Neil-Young-artigen Musik (oder ist er es eh?) aus den Boxen mit (ich hatte damals nur Radio, keinen Plattenspieler, keinen Kassettenrecorder; mein Wissen und Kennen der Musik von damals ist deswegen sehr beschränkt). Die Stimmung hier ist sommerlich fröhlich; ich will mit meinem T-Shirtspruch dafür bin ich schon zu alt punkten, weiß jedoch nicht, ob er registriert worden ist. Es gibt hier jetzt auch Kappen zu kaufen. Ich bin hinaus vors Schaufenster, um zu sehen, was darauf steht. Wenn sie für das Espresso Burggasse werbeten, hätte ich heute in meiner Euphorie eine gekauft; mit naturale wine – so berechtigt das ist – kann ich als Nichtalkoholtrinker leider nichts anfangen. Jetzt klingt’s aus den Boxen nach Polizei (Police). Aber Wine ist wie Kaffee doch eine legale Droge! Ich wende mich besser den Zeitungen zu. Ach, wie fühle ich mich selbstverständlich! Zumindest viel mehr als sonst.
Die Kellnerin agiert an der Bar – sprich am Kaffeemaschinenpult – wie ein strenge und souveräne Indianerhäuptlingin. Und jetzt wieder Police: I can’t stand losing, I can’t stand losing, I can’t stand losing (jetzt läßt er aus leicht durchschaubaren Selbstmitleidsgründen das you weg – der innere Spötter). (Ich habe es schon einmal gesagt: mach keine Anspielungen auf und mit englischen Texten, die du sowieso nicht verstehst! - der Tipper.)
Die E-Gitarre wimmert gekonnt in höchsten Tönen – keine Ahnung, wer da jetzt aus den Boxen spielt. Bei dafür bin ich schon zu alt fällt mir viel ein. Eigentlich wäre ich mit dem Aufenthalt hier fertig, aber ich muß noch warten, weil ein Geschäft, wo ich meine Notizbücher und Pilotstifte kaufe, erst um 12 Uhr Mittag öffnet. Wie werde ich die Zeit herumbringen? (als hättest du genug um sie totzuschlagen – der innere Spötter). Also schaue ich mich wieder um und spitze meine Ohren, ob sich etwas zeigt oder etwas zu mir spricht (mene mene tekel upharsin zum Beispiel). Na gut, für das, was aus meinen inneren Ablagerungen kommt, muß ich nicht hinhorchen. Jessas! Wird das beim Sterben eine anstrengende Arbeit sein, all diesen Dreck abzubauen, um zum Eigentlichen vorzustoßen! Jetzt gehöre ich auch schon zu denen, die alle drei Minuten ihr Smartphone herausziehen, um irgendetwas nachzuschauen. Man hat dazugelernt. Ich werde einfach gehen müssen, oder bringt es etwas, diese Unruhe gegen alle Impulse und ohne neuerlichem Euphorieschub hier durchzustehen? Soll ich mir eine vorübergehende stabilitas loci verordnen? Noch eine Stunde wäre nötig. Meine Unruhe ist fast nicht niederzuhalten. Ich mach wieder mein Bauchtäschchen auf, um das Smartphone herauszuholen, vielleicht ist mein Rötgenbefund da, oder sonst eine Botschaft. Universum! Sprich mit mir! Ein Kitsch aus meiner Jugendzeit dröhnt aus den Boxen, should I stay or should I go (das ist nicht der alte Hit, der gerade gespielt wird, das sind meine Gedanken. Der Hit ist: All I need ist the air …/Hollies) (nur damit ihr über seine Englischkenntnisse Bescheid wißt: er hat den Text aus den Boxen mitgeschrieben und statt is the air that I breathe tatsächlich breeze geschrieben! Manchmal fragt man sich, ob sich so nicht eine höhere Wahrheit durchsetzen will – der innere Spötter).
11:11 a.m. Wenn ich zuerst in das andere Geschäft gehe? Dorthin, wo es den Wilden Lattich gibt? Wird mir trotzdem Zeit überbleiben. Egal! Ich breche auf: die Endorphinmusik meiner Jugend vertreibt mich (oder muß ich mich noch mit meinem Kitsch und meiner Sentimentalität konfrontieren?). Nein, ich gehe.
(25.6.2025)
Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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