Mittwoch, 30. Juli 2025

4143 Coleus venteri

 



12:45.  Ich wische mit der bloßen rechten Hand ratlos am verstaubten Schreibtisch im Musikzimmer, an dem ich jetzt sitze, herum und ärgere mich dann über den Schmutz auf meiner Handfläche. Ich stehe auf und gehe mir die Hände waschen. Ich habe mich schon mit Blumengießen und Blättern in Kunstkatalogen vom Schreibbeginn abhalten und meiner Ratlosigkeit entkommen wollen. Aber mir fällt nichts Besseres ein als doch zu schreiben. Am Handy surfen könnte ich noch versuchen. Das hat auch nichts gebracht. Diesen Schreibtisch habe ich sicherlich viele Monate nicht mehr geputzt (den in deinem Zimmer auch nicht – der innere Spötter). Der Wolkenhimmel ist sehr interessant (von hier aus kann ich ihn sehen): sowohl Schleierwolken als auch kompaktere schieben sich aneinander vorbei. Ich habe vor meiner Ratlosigkeit und dem Nicht-mehr-wissen-wofür-ich-da-bin – die „Schriftstellerei“ zerbröselt mir auch unter der Hand – schon Angst. Ich spiele mit dem Druckstück meines Pilotstiftes indem ich es – den Stift verkehrt haltend – leer nach unten rutschen lasse und wieder leer hinaufschiebe – also ohne den Mechanismus auszulösen - und hebe dann mein Köpflein hoch, senke es wieder, drehe es hin und her und schmiege es in meine linke aufgestützte Hand. (Gottseidank gibt es das Internet, damit er nachschauen kann, wie die Teile eines Kugelschreibers heißen und er sich so über die Schwachstellen und Abgründe hanteln kann – der innere Spötter.) Ich korrigiere die Handhaltung, damit ich meinen Kinnbart, der sowieso schon einen Rechtsdrall hat, mit der angeschmiegten Hand nicht noch stärker nach rechts drücke. Dann lege ich meinen Blick auf das Titelblatt des oben auf dem kleinen Stapel am Schreibtisch abgelegten Katalogs Das Aquarell in Niederösterreich, dessen Titelbild mir recht gefällt (Oskar Matulla, Das Joch, 1970). Dieser Anblick beruhigt meine Seele etwas. Der Himmel wird blauer (er kann seine Beschreibungen des immer Gleichen fast nicht mehr ertragen – der innere Spötter) und der Anblick heller; leichtes Sonnenlicht hat sich an die Hausfassaden und auf die Dächer gelegt. Ich überlege, ob der Rosenweihrauchstock (Coleus venteri) vor mir am Fensterbrett genug Wasser hat, komme jedoch zu keinem Ergebnis. Den Finger auf die Erde legen, um die Feuchtigkeit zu prüfen, unterlasse ich; ich weiß ja nicht, wie viel er braucht. Ich bin von lauter Dingen, Geschehnissen, Sachverhalten, Vorgängen und Lebewesen umgeben, mit denen ich nicht umgehen kann. Jetzt habe ich mich doch vom Sessel erhoben, nach vor gebeugt und den linken Zeigefinger in den Blumentopf gesteckt: die Erde fühlt sich feucht an. Gegenüber raucht einer aus seinem Fenster.


(30.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]

<< Startseite