Dienstag, 15. Juli 2025

4127 Herumsitzen

 



7:49 a.m.  Von unten kommt ganz leise das Radio, durchs offene Fenster der ferne, kaum hörbare Stadtlärm. Manchmal die zuschlagende Haustür. Meine Nerven sind angespannt; ich spüre im Bauch die Angst vor den Herausforderungen dieses und der nächsten Tage. Meiner ängstlichen, mutlosen, verzagten Psyche scheint alles zu viel zu werden: was alles zerfällt und kaputt geht und dass ich nicht mehr nachkomme und langsam im Chaos versinke. Wie gelähmt hocke ich da. Dabei wäre jetzt die beste Zeit, zum Frühstücken hinunter zu gehen und mit guter Nahrung den Tag zu beginnen. Naja, Arzttermine liegen mir immer im Magen und Reisevorbereitungen erst recht.


10:07 a.m.  Ich sitze vorm Archiv der Universität Wien und dem Institut für Byzantinistik und – kann ich von hier nicht lesen – und vor der ukrainischen, griechisch-katholischen Sankt-Barbara-Kirche und warte auf den Arzttermin in der Nähe. Ein wenig raste ich hier, bevor ich mich in die Ordination begebe. Ordinationen hasse ich. Postgasse heißt es hier. Fünf Bäumchen sind neu gepflanzt und der Platz fußgängerfreundlich umgestaltet. Im Hintergrund wird ein Lieferwagen entladen. Ein Photograph fotografiert mit zu einem Grinsen verzogenen Gesicht. Ich darf die Zeit nicht übersehen. Ich sollte losgehen. Es stinkt nach kaltem Rauch.

Nun sitze ich im Wartezimmer. Vor mir eine Glasscheibe in einer weiß gestrichenen Holzverschalung eingebaut, wo man ein wenig eher seitlich in den Anmeldeschalter hineinsieht. Dort hängt zum Beispiel ein Diplom. Auf der Holzverschalung ist eine Blechblende angeschraubt; darunter zwei aneinander gerückte Tischchen als Ablage. Links daneben ein Getränkeautomat und eine verkitschte Kinderecke. Jetzt wird mein Name aufgerufen, aber der gehört einer Frau. Vielleicht die Frau eines Cousins zweiten Grades. Ich kann aber von hier aus nicht hinsehen, außerdem würde ich sie nicht kennen, ich weiß nur, dass es sie gibt. Ich bin davon so irritiert, dass ich zu schreiben aufhöre.


13:25.  Im Hof 5 sitze ich nun auf einer Bank unter einem Kastanienbaum, das Notizbuch auf dem Tisch, der Wind umsäuselt lau meine nackten Beine, und ich harre der Dinge, die da kommen. Allzuviel Zeit zum Harren habe ich nicht, denn in einer halben Stunde sollte ich bei der Psychotherapie sein. Was als erstes kommt ist eine große Müdigkeit; kaum habe ich mich hingesetzt, implodiere ich wie eine Luftpuppe, der die Luft ausgeht. Die fast leeren Fahrradständer haben schöne, elegante Schatten. Eine normale Fliege läuft am Tisch vor mir hin und her, eine junge Amsel tut das auf der nach der langen Trockenheit erstaunlich grünen Wiese. Eine Taube gurrt irgendwo und dann höre ich ihr Flügelschlagen im Baum hinter mir. Eigentlich ein erstaunliches Geräusch, als würden die Scharniere der Flügel quietschen. An den Gebäuden rundherum – die Höfe hier sind ja wirklich schön eingefaßt – sieht man geöffnete Fenster und so manchen Fensterflügel – in durchaus verschiedenen Größen und Formaten – elegisch in den Hof ragen. Vor allem die zwei über dem Durchgang in den Hof haben es mir angetan. Man könnte da von eine „Unterlichte“ eines riesigen Fensters sprechen, die ihre Flügel wie zwei Arme in den Hof ausbreitet. An einem anderen offenen Fenster mit Wiener Fensterstock (die Außenflügel gehen nach außen auf) rüttelt der Wind ein wenig an der Arretierung. Weil ein junges Paar mit Nahrung in den Händen in den Hof kommt und zum einzigen Tisch hier, an dem ich schreibe, schielt, schaue ich gleich nach, wie spät es ist und denke, ich könnte zur Therapie aufbrechen. Ich gehe über den Hof 3 durchs Tietze-Tor und komme vor den Narrenturm, aber biege gleich rechts ab.


23:52.  Für meine verzagte Seele war das ein dichter Tag. Herumgelaufen bin ich auch viel, immerhin 13 012 Schritte. Entspannung ist die nächsten Tage nicht in Sicht.


(14.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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