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11:21 a.m. Wie kann man nur so glücklich sein? Im Espresso Burggasse geht das. Nach einem reichlich üppigen Breakfast d’anglais, meinen geliebten Cappuccini, der üblichen Zeitungslektüre, dem Geplauder rundherum, von dem ich meistens nichts verstehe, fühle ich mich wie ein stiller König. Zwar ist mein Reich nicht von dieser Welt, aber in dieser Welt hier gewährt man mir Asyl (bis jetzt! - der innere Skeptiker und Misanthrop). Trotz eines Regentages sitzen draußen im Garten einige Leute unter dem Platanen- und Planendach. Ich bin dem Weinen nahe, aber derfange mich fast zwangsläufig, in einem fast automatischen Abbremsen. Dabei hätten ich und meine Eitelkeit überhaupt nichts dagegen, mitten im Lokal für alle sichtbar und wie auf offener Bühne zu heulen. Überhaupt nichts! Mein transzendentes Königtum sollte ich besser nicht gefährden, indem ich in der Alltagswelt und nach deren Kriterien auch etwas sein will oder sonstwie reüssieren, auch nicht als weinender Sensibel. Nein! Nein! Bleibe fremd! Bleibe Geisterfahrer! Und trinkt ruhig deinen dritten Cappuccino! Auch wenn du es letztlich auch nicht schaffst, wie alle andern, und nicht in den „Himmel“ auffährst. Das hier ist ja nicht nichts. Ich nehme mir vor, jetzt auch schreibend nicht mehr so dick aufzutragen und mich bescheidener und zurückhaltender zu geben. Meine Maske sollte nicht so viel verraten.
Ich sehe drei echte brennende Kerzen hier herinnen und das gefällt mir sehr. Die Boxen sind verstummt. Ich wünsche mir eine schöne Musik, die mir ans Herz geht. Die Boxen spielen wieder und der Wunsch ans Universum vorhin ist abgestürzt. Macht nichts. Soul geht schon. Das lokale Telephon läutet. (Die Boxen wäre auch ein lustiger Bandname – der schwächelnde innere Witzbold.) Hmmmaah! Der erste, frische Schluck vom dritten Cappuccino! Wie köstlich ist dieses leicht bittere Getränk, das offensichtlich den Denk-, Assoziations- und Gefühlsapparat zu stärkerer Produktion ankurbelt (über die Qualität dieser Produktion läßt sich schon oder nicht streiten). (Es ist so: die Floskel (1) über Geschmack läßt sich streiten wird manchmal auch mit (2) über Geschmack läßt sich nicht streiten wiedergegeben. Beides kann man argumentieren: die Auffassungen über Geschmack sind so verschieden, dass man (1) trefflich und endlos darüber streiten kann, weil es keine Einigung geben wird. Oder: (2) man kann nicht darüber sinnvoll streiten, weil es zu keinem Ergebnis kommt – je nachdem, ob man den Streit als solchen im Auge hat (1) oder sein Ergebnis (2) – der innere Besserwisser und Wichtigtuer.)
Ich habe den Verdacht, dass Kaffee weinerlich macht. Nun starre ich in eine der Kerzenflammen, absichtlich, und will dabei konzentriert bleiben. Sofort lenken mich die Gespräche an den Nebentischen ab, die ich bisher nicht beachtet hatte. Die Kerzenflamme zittert und beugt sich und flattert in der Zugluft, bevor sie sich wieder beruhigen und aufrichten kann. Leute mit Regenschirm gehen vorbei und lenken mich wieder ab, weil ich mich jetzt fragen muß, ob es regnet. Das wäre für die geplante Fußwanderung nach Hause wichtig. Ich kann keinen Regen erkennen. Ich mache zwei Photos und teile sie auf Facebook. Zurück zu den Kerzenflammen. Wie gefährdet die sind und trotzdem nicht gleich verlöschen. Es ist schon ein bisschen blöd, mitten im Lokal eine Kerzenflammenmeditation zu versuchen, wo dauernd wer hereinkommt, vorbeigeht, die Sicht verstellt, aber auch in den ungestörten Phasen halte ich Aufmerksamkeit und Konzentration nicht lange durch. Also keine Ausrede! Die Unruhe ist in mir. Ich werde losgehen.
Station Mumok: wieder in der Ausstellung von Barbara Kapusta. Ich machte mir Sorgen, dass mein Erlebnis vom letzten Mal nicht wiederholbar ist und mein zweiter Besuch enttäuschend. Nein, ich war immer noch berührt.
Station Albertina: ich sitze direkt vor Kokoschkas London (View of the Thames in the Evening, 1926) und unzählige vorbeigehende Besucher überschreiten sozusagen die Brücke von rechts nach links. (Alle meine anderen Lieblingsplätze waren besetzt.) Jetzt überqueren etliche die Brücke von links nach rechts. Heute sticht mir besonders das große, dunkle Gebäude rechts im Bild ins Auge und ich finde es so schön. Ich habe es bisher nie beachtet. Offensichtlich war ich so auf die „Verklärung“ der Stadt im Hellen, Leuchtenden, Aufsteigenden fokussiert. Was für ein imposantes, kräftiges Gebäude! So schön beginnt es gerade mit wenigen Farbtupfern von innen transparenter zu werden, die „Verklärung“ ist hier so sanft, so langsam, dass auch die zurückhaltenden Teile der Stadt letztlich doch mitkommen können und bei der „Himmelfahrt“ nicht zurückbleiben müssen („Himmelfahrt!“ - schon wieder! - der innere Spötter). Letztere hat vom leuchtenden Hintergrund her schon längst begonnen. Bewußt suche ich das Bild nach den von mir bis jetzt vernachlässigten, meist dunkleren Stellen ab, komme dabei jedoch auch auf die von irdischem Licht – vermutlich der Abendsonne – beleuchteten Uferpromenade zu stehen, wo viele Menschen unterwegs sind. Dann wieder zurück zum schönen, großen, dunklen Gebäude. Das ist alles so toll gemalt! Ein paar präzise, aber wie zufällig hingeworfene Pinselstriche erschaffen solch eine wunderschöne Welt! Ich meine, in echt sind es viele und nicht wenige Pinselstriche, aber die bleiben auf eine selbstbewußte Art so bescheiden. Und dieser Himmel! Berstend vor Licht und stiller Energie greift er schon auf die Stadt über und verwandelt sie. Auch die Themse. Wieder zurück zum Gebäude. Auch das dunkle Gebäude darf sein und gibt Schönheit ab. Ich halte es vor Sehnsucht nach Erlösung nicht mehr aus und will weitergehen. Ein wenig verweile ich noch. Auch die Häuser links strahlen im Schatten verhalten auf, zumindest die Fassaden, noch irdisch erklärbar als Abendlicht. Ich reiße mich jetzt los. (Warum? - der innere Kommentator.)
14:29. Jetzt muß ich rasten, und wie so oft beim Stiegenaufgang bei den Sphinxen, über die ich heute nicht spotte. Ich bin ganz erschöpft. Angeblich regnet es draußen. Ich will aber nach Hause zu Fuß gehen. Der alte Mann gegenüber wird von einer Sprosse des in zwanzig Teile gegliederten Spiegels zerschnitten. Er seufzt. Ich breche trotzdem auf. Ich hülle noch mein Notizbuch in ein Plastiksackerl, bevor ich es in meine Albertinatasche stecke, auf dass ihm ein Regen nichts anhaben kann.
Ich bin in die überdachte Vorhalle - den Vorhof zu was? - zurück, weil es draußen richtig regnet und ich nicht dafür ausgerüstet bin. So sitze ich nun auf einer dieser Steinbänke. Viele Leute gehen aus und ein, stellen sich bei den Kassen an, und es hallt in diesem hohen Saal. Ich bin zu müde um lange zu überlegen, ob ich hier im Gewusel überhaupt verweilen will. Gerade beobachte ich eine Diskussion zwischen Besuchern und einem Aufseher bei der Eingangskontrolle, als sich eine Gruppe direkt vor mich stellt und mir die Sicht nimmt. Als sie wieder weg ist, ist auch vom Problem am Eingang nichts mehr zu sehen. Aus Unruhe versuche ich, das Preispickerl am Pilotstift abzukletzeln, gebe es aber gleich wieder auf, weil ich dieses Etikett nicht recht zu fassen kriege (wie wäre es mit der Einsicht, dass drei Cappuccini zu viel sind? - der innere Spötter). Ich gehe nach draußen, um nachzusehen, ob es schüttet.
15:11. Am Heimweg flüchte ich vorm wieder stärker werdenden Regen in die Michaelerkirche und habe – wenn ich schon da bin – vier teelichtartige Kerzen für meine Intentionen – die ich mir aber gerade erst ausdenke – angezündet. Eigentlich mag ich den Geruch in den Kirchen nicht mehr und das barocke Kasperltheater vorne am Altar geht mir schon ziemlich auf den Zeiger. Traurig macht es mich, dass es sogenannte Opferkerzen in gasbefüllter, eine schlanke Kerze nachäffender Plastikform gibt (gottseidank habe ich noch die Paraffinteelichter gefunden). Wo bleibt das Niederbrennen und Kleinerwerden der Kerze? Eine echte Kerze ist doch ein Symbol für unsere Gefährdetheit und unsere Vergänglichkeit, und indem sie niederbrennt für das Geringerwerden unserer Lebenszeit. Ein Plastikding, das als nachgemachte Kerzenform aber unverändert bleibt und wenn das Gas verbrannt ist, wieder befüllt wird – was soll das bildlich darstellen und symbolisieren? So verliert die katholische Kirche endgültig ihre Daseinsberechtigung als religiöse Institution.
Na gut, ich nicht zuständig. Ich muß mich da nicht einmischen. Die Leute, die hereinkommen, schütteln ihre Schirme aus. Also werde ich noch ausharren. So schön die Gesänge auch sind: ist diese Berieselung von einem technischen Tonträger einer lebendigen Kirche angemessen? Aber ich bin ausgetreten und brauche mich nicht mehr melden. Ich gehe jetzt hinaus und wenn ich im Regen heimgehen muß.
9 266 Schritte.
(8.7.2025)
Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com
Ich habe den Verdacht, dass Kaffee weinerlich macht. Nun starre ich in eine der Kerzenflammen, absichtlich, und will dabei konzentriert bleiben. Sofort lenken mich die Gespräche an den Nebentischen ab, die ich bisher nicht beachtet hatte. Die Kerzenflamme zittert und beugt sich und flattert in der Zugluft, bevor sie sich wieder beruhigen und aufrichten kann. Leute mit Regenschirm gehen vorbei und lenken mich wieder ab, weil ich mich jetzt fragen muß, ob es regnet. Das wäre für die geplante Fußwanderung nach Hause wichtig. Ich kann keinen Regen erkennen. Ich mache zwei Photos und teile sie auf Facebook. Zurück zu den Kerzenflammen. Wie gefährdet die sind und trotzdem nicht gleich verlöschen. Es ist schon ein bisschen blöd, mitten im Lokal eine Kerzenflammenmeditation zu versuchen, wo dauernd wer hereinkommt, vorbeigeht, die Sicht verstellt, aber auch in den ungestörten Phasen halte ich Aufmerksamkeit und Konzentration nicht lange durch. Also keine Ausrede! Die Unruhe ist in mir. Ich werde losgehen.
Station Mumok: wieder in der Ausstellung von Barbara Kapusta. Ich machte mir Sorgen, dass mein Erlebnis vom letzten Mal nicht wiederholbar ist und mein zweiter Besuch enttäuschend. Nein, ich war immer noch berührt.
Station Albertina: ich sitze direkt vor Kokoschkas London (View of the Thames in the Evening, 1926) und unzählige vorbeigehende Besucher überschreiten sozusagen die Brücke von rechts nach links. (Alle meine anderen Lieblingsplätze waren besetzt.) Jetzt überqueren etliche die Brücke von links nach rechts. Heute sticht mir besonders das große, dunkle Gebäude rechts im Bild ins Auge und ich finde es so schön. Ich habe es bisher nie beachtet. Offensichtlich war ich so auf die „Verklärung“ der Stadt im Hellen, Leuchtenden, Aufsteigenden fokussiert. Was für ein imposantes, kräftiges Gebäude! So schön beginnt es gerade mit wenigen Farbtupfern von innen transparenter zu werden, die „Verklärung“ ist hier so sanft, so langsam, dass auch die zurückhaltenden Teile der Stadt letztlich doch mitkommen können und bei der „Himmelfahrt“ nicht zurückbleiben müssen („Himmelfahrt!“ - schon wieder! - der innere Spötter). Letztere hat vom leuchtenden Hintergrund her schon längst begonnen. Bewußt suche ich das Bild nach den von mir bis jetzt vernachlässigten, meist dunkleren Stellen ab, komme dabei jedoch auch auf die von irdischem Licht – vermutlich der Abendsonne – beleuchteten Uferpromenade zu stehen, wo viele Menschen unterwegs sind. Dann wieder zurück zum schönen, großen, dunklen Gebäude. Das ist alles so toll gemalt! Ein paar präzise, aber wie zufällig hingeworfene Pinselstriche erschaffen solch eine wunderschöne Welt! Ich meine, in echt sind es viele und nicht wenige Pinselstriche, aber die bleiben auf eine selbstbewußte Art so bescheiden. Und dieser Himmel! Berstend vor Licht und stiller Energie greift er schon auf die Stadt über und verwandelt sie. Auch die Themse. Wieder zurück zum Gebäude. Auch das dunkle Gebäude darf sein und gibt Schönheit ab. Ich halte es vor Sehnsucht nach Erlösung nicht mehr aus und will weitergehen. Ein wenig verweile ich noch. Auch die Häuser links strahlen im Schatten verhalten auf, zumindest die Fassaden, noch irdisch erklärbar als Abendlicht. Ich reiße mich jetzt los. (Warum? - der innere Kommentator.)
14:29. Jetzt muß ich rasten, und wie so oft beim Stiegenaufgang bei den Sphinxen, über die ich heute nicht spotte. Ich bin ganz erschöpft. Angeblich regnet es draußen. Ich will aber nach Hause zu Fuß gehen. Der alte Mann gegenüber wird von einer Sprosse des in zwanzig Teile gegliederten Spiegels zerschnitten. Er seufzt. Ich breche trotzdem auf. Ich hülle noch mein Notizbuch in ein Plastiksackerl, bevor ich es in meine Albertinatasche stecke, auf dass ihm ein Regen nichts anhaben kann.
Ich bin in die überdachte Vorhalle - den Vorhof zu was? - zurück, weil es draußen richtig regnet und ich nicht dafür ausgerüstet bin. So sitze ich nun auf einer dieser Steinbänke. Viele Leute gehen aus und ein, stellen sich bei den Kassen an, und es hallt in diesem hohen Saal. Ich bin zu müde um lange zu überlegen, ob ich hier im Gewusel überhaupt verweilen will. Gerade beobachte ich eine Diskussion zwischen Besuchern und einem Aufseher bei der Eingangskontrolle, als sich eine Gruppe direkt vor mich stellt und mir die Sicht nimmt. Als sie wieder weg ist, ist auch vom Problem am Eingang nichts mehr zu sehen. Aus Unruhe versuche ich, das Preispickerl am Pilotstift abzukletzeln, gebe es aber gleich wieder auf, weil ich dieses Etikett nicht recht zu fassen kriege (wie wäre es mit der Einsicht, dass drei Cappuccini zu viel sind? - der innere Spötter). Ich gehe nach draußen, um nachzusehen, ob es schüttet.
15:11. Am Heimweg flüchte ich vorm wieder stärker werdenden Regen in die Michaelerkirche und habe – wenn ich schon da bin – vier teelichtartige Kerzen für meine Intentionen – die ich mir aber gerade erst ausdenke – angezündet. Eigentlich mag ich den Geruch in den Kirchen nicht mehr und das barocke Kasperltheater vorne am Altar geht mir schon ziemlich auf den Zeiger. Traurig macht es mich, dass es sogenannte Opferkerzen in gasbefüllter, eine schlanke Kerze nachäffender Plastikform gibt (gottseidank habe ich noch die Paraffinteelichter gefunden). Wo bleibt das Niederbrennen und Kleinerwerden der Kerze? Eine echte Kerze ist doch ein Symbol für unsere Gefährdetheit und unsere Vergänglichkeit, und indem sie niederbrennt für das Geringerwerden unserer Lebenszeit. Ein Plastikding, das als nachgemachte Kerzenform aber unverändert bleibt und wenn das Gas verbrannt ist, wieder befüllt wird – was soll das bildlich darstellen und symbolisieren? So verliert die katholische Kirche endgültig ihre Daseinsberechtigung als religiöse Institution.
Na gut, ich nicht zuständig. Ich muß mich da nicht einmischen. Die Leute, die hereinkommen, schütteln ihre Schirme aus. Also werde ich noch ausharren. So schön die Gesänge auch sind: ist diese Berieselung von einem technischen Tonträger einer lebendigen Kirche angemessen? Aber ich bin ausgetreten und brauche mich nicht mehr melden. Ich gehe jetzt hinaus und wenn ich im Regen heimgehen muß.
9 266 Schritte.
(8.7.2025)
Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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