Dienstag, 15. Juli 2025

4128 Am Gestade blättere ich

 



16:57.  Die Musik aus den Boxen gefällt mir sehr. Ich bin zu einer ungewöhnlichen Zeit hier. Ganz andere Stimmung als am Vormittag. Fünf neue große Kerzen ragen über die Gläser, in die sie gestellt sind, hinaus und brennen langsam wirklich hinunter und das mit zitternden Flammen. Draußen im Straßengarten ist viel los. Herinnen ist es ruhiger. Der Wind … die Platane … ihr wißt schon. Die Stimmung ist um diese Zeit zu aufgekratzt für eine saubere Melancholie, aber ich rette 80 Prozent. Wäre das schon die Zeit, mit dem Trinken zu beginnen? „Wäre“ – Konjunktiv, weil es möglich, aber nicht wirklich ist und nicht werden wird. Ich starre abwesend auf den Steinfußboden und auf das weitgehend leere, rote Gestühl (und Gebänk müßtest du auch schreiben – der innere Spötter). Zwanghaftes Gähnen in meinem Gesicht. 5 Uhr. Für „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden!“ ist es noch zu früh. Obwohl in Scherz und Ironie hingeschrieben treibt mir dieses Gebet die Tränen in die Augen. Ich fürchte, würde ich in eine Messe gehen, ich würde die ganze Zeit heulen (wenn nicht irgendein Trottel meine Andacht? meine Sentimentalität? stört). In meinem Leben ist es schon Abend und der Tag hat sich geneiget (fragt sich nur, ob du Sommer- oder Normalzeit hast – der innere Spötter). Ach ja, die Kerzen! Dass man in ein Lokal gehen muß, um richtigen Kerzen, die es in den Kirchen immer weniger gibt, beim Niederbrennen zuschauen zu können!

Die Musik kommt bei mir gut an. Keine Ahnung, wer da spielt, jedenfalls jaulen die Gitarren so schön, breit und ausführlich. Ich verbessere den Text in der Umgebung des Abendgebetszitates und dabei lese ich es nochmals und wieder schießen mir die Tränen in die Augen. Das wundert mich dann doch! Oder eigentlich gar nicht, wenn ich ein wenig nachdenke. Jetzt zu einer Stadtwanderung aufbrechen? Ich will die schöne Musik nicht verlassen. Jetzt kommt eine andere, die mich nicht so berührt, und ich breche auf.


17:56.  Am Gestade blättere ich die zwei Kunstkataloge durch, die ich vor der Eingangstür zur freien Entnahme beim Wienerroither & Kohlbacher mitgenommen habe, nicht ohne vorher den Herren drinnen durch die Glastüre – reingehen trau ich mich schon seit Jahren nicht mehr – zugewunken und mich in Dankbarkeit verneigt zu haben (wahrscheinlich hast du sie damit belästigt – der innere Spötter). Die zwei Kataloge sind: Aquarell in Niederösterreich und Alfred Klinkan zum fünfzigsten Geburtstag (dass ich mir einen Klinkankatalog mitgenommen habe, hätte ich eine Sekunde vorher noch als unvorstellbar ausgeschlossen). Die Glocken von Maria am Gestade läuten den Abend ein (Herr, bleibe bei uns …) und ich blicke wieder ein Mal auf die frühneuzeitlichen Häuser gegenüber. Aus der Kirche oben kommt Orgelmusik die Stiegen herab. Es riecht nach Zigarettenstummel und kalter Zigarettenasche; der Wind aus dem Norden weht mir diesen Gestank vom Mistkübel bei der Nachbarbank her. Über dem Haustor Hausnummer 7 ist ein schönes Fenster mit einem schönen, alten Gitter aus Schmiedeeisen und die sind ja nicht perfekt, sondern von leichter, angenehmer Unregelmäßigkeit, was das Herz so erfreut.

Wenn ich jünger wäre und wir in einer anderen Zeit lebeten, könnte ich noch zu einem Flaneur mutieren. Blaulichtpolizei fährt unten im Tiefen Graben vorbei. Nochmal Polizei, diesmal auch mit Tatü. Ameisen krabbeln auf mir und meinem Notizbuch herum. Ich wische sie weg. Nun höre ich wieder die Orgel, aber nur bis zum nächsten Auto im Tiefen Graben. Der Wind streichelt mich und die Lindenbäume neben mir. Weiter reicht meine Windwahrnehmung nicht. Doch: die polnischen Fahnen am polnischen Institut werden auch bewegt. Waren das Regentropfen? Die Kirchturmuhr schlägt viertel. Ich muß mein Notizbuch vorm Wasser schützen und einpacken. Finita la commedia.


(15.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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