Montag, 30. Juni 2025

4109 Auf den letzten Schritten

 



12:54.  Auf den letzten Schritten zur Sitzbank habe ich noch ein Steinchen aus der rechten Sandale geschüttelt, jetzt sitze ich im Schatten im Hof 8 und habe den Springbrunnen vor mir. Den Springbrunnen, den ich schon einmal als lächerlich und schwächlich denunziert habe, aber jetzt tue ich das nicht: ich bin bei dieser Hitze dankbar für das Plätschern und dass der lebhafte Wind ab und zu ein Tröpfchen zu mir weht. Die Linden stehen fest in der Sonne und spenden Schatten, so gut sie es können. Eine Taube glaubt, ich wäre ein Fütterer und trippelt vor meinen Füßen hin und her. Dann läßt sie es bleiben und bettelt vier Bänke weiter. Es sind auch hier schon Ferien und nicht mehr so viele unterwegs. Ein ineinander verkeiltes, sich begattendes Insektenpaar krabbelt über mein schwarzes T-Shirt, auf dem steht, dass ich alles glaube. Der Wind wird stärker und schiebt mir ein paar vertrocknete Lindensamen zu; das sind die kleinen Kugeln mit dem Hochblatt, das als Flugorgan dient. Es ist sehr schön hier in diesem Hof, auf allen vier Seiten durch Gebäude eingefaßt, mit dem Brunnen und dem Quadrat aus blauem Himmel und weißen Wolken darüber, die so in etwas 142° Südost ziehen (das Meßgerät zeigt genau an, aber ob ich die genaue Flugrichtung erkannt habe, ist unsicher). Ich würde die meisten Kunstbrunnen erst schön finden, wenn sich das Wasser in Jahrtausenden eigene Rinnen und Abflüsse geschliffen und es sich die menschengemachte Form des Brunnens eventuell auch mit Ablagerungen den eigenen Bedürfnissen angepasst hat. Aus Verlegenheit schaue ich auf die metallenen, mit formschönen Lüftungsschlitzen versehenen Verkleidungen der offenen Kellerfenster, weil eine auffällige Dame vorbeigeht. Die zwei Emc-Arbeiter beachte ich ohne Anstrengung nicht. Ich will wissen, ob der Hof wirklich quadratisch ist, wie ich behauptet habe. Ich schreite zwei der Seiten ab. 75 zu 76 Schritte. Kommt einigermaßen hin. Ich hoffe, ich habe mit meiner Abschreiterei die Anglistik und Amerikanistik sowie die Romanistik nicht all zu sehr gestört.


(30.6.2027)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4108 Was frißt eine Mücke?

 



1:43 a.m.  Dieser neue Pilotstift verleitet mich zu schöner Schrift. Abgesehen von einem dreifachen Husten ist es ganz, ganz still. Die Stadt klingt nur wie fernes, kaum hörbares Hintergrundrauschen. Die Mücken kommen. Dieses Hintergrundrauschen hat etwas Lebendiges, Pulsierendes. Jetzt sehe ich es: nur eine Mücke, die mich durch ihr rasendes Herumschwirren verwirrt hat. Mein Zedeturm bewegt sich nach links und dreht sich dabei ein wenig im Uhrzeigersinn um seine Achse. Jetzt löst er sich in mehrere Teile auf, die nicht mehr miteinander verbunden zu sein scheinen. Die nackte Freundin vom Munch an der Wand bekommt eine halbe Mandorla, also einen halben Ganzkörperheiligenschein (der ganze schiene mir die ursprünglichere Form eines Heiligenscheins zu sein; die ringförmigen über dem Kopf später kommen mir wie Karikaturen und Blödheiten vor). Meine Arme sind schon einigermaßen braun. Ich mache beim Schreiben komische Fehler, füge zum Beispiel meinen Sätzen sinnlose und unmotivierte Wörter an, ohne es zu bemerken. Was frißt eigentlich so eine Mücke? Was ist ihre durchschnittliche Lebenszeit? Und wie macht man aus ihr einen Elephanten? Für mich ist es höchste Zeit zu schlafen.


(30.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4107 Fünf Minuten

 



12:40.  Ich habe mich auf einen bequemen Stuhl unter der Stiege hinterm Haus zurückgezogen. Wenn ich nicht recht weiß, wo ich hingehöre und wo mein Platz ist, ist mir der Rückzug lieber. Ich bin nämlich vorne schon unruhig hin und her gestiegen, die Liegestühle und Sitzgelegenheiten waren schneller besetzt, als ich schauen konnte, die letzten freien traute ich mich nicht einnehmen, weil die Gastgeber – noch voll in Tätigkeit – auch noch keine Stühle besetzt hatten. Meine Hilflosigkeit dabei, mir in dieser unguten Situation Abhilfe zu verschaffen, habe ich nicht mehr ausgehalten (ich betone: meine Hilflosigkeit!). Wenn ich in so einem sozialen Stress bin, kann ich auch keine Arbeit und Möglichkeit, den Gastgebern zu helfen, sehen, denn ich fühle mich dann völlig ungeschickt und unfähig und nehme nichts mehr richtig wahr. So bin ich, um Abstand zu gewinnen, um das Haus herum nach hinten und habe diesen gepolsterten Stuhl gefunden, der sich aber nach längerem Sitzen als gar nicht so bequem herausgestellt hat, weil die niedere Rückenlehne in mein Kreuz drückt. Ich schreibe jetzt nur um zu überleben.

Ich befinde mich in einem schönen Garten. Ein ständiger Wind geht und macht die aufkommende Hitze erträglich und sein Rauschen in den riesigen Pappeln hintertreibt, durchkreuzt und mildert den nahen Verkehrslärm. Diese mächtigen Bäume! So herrlich zum Anschauen! Aber jetzt, jetzt nach diesen fünf Minuten Ausblick in die Gärten mit ihren Bäumen und Sträuchern und auf die kleine Baumgruppe mit den riesigen Pappeln außerhalb der Anlage riskiere ich es, wieder nach vorne zu gehen.


(28.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 26. Juni 2025

4106 Deodorant

 



8:16 a.m.  Soeben bin ich aus einem REM-Traum aufgewacht. Der Gestank eines Deodorants kommt beim Fenster herein; ich hasse solche Gerüche und bekomme davon Kopfweh. Unglaublich, wie stark, intensiv und penetrant dieser Geruch aus der Nachbarwohnung in mein Zimmer dringt. Ich verordne mir heute einen ruhigen Tag und einen ohne Schrittefanatismus. Ob ich das noch kann? Zumindest hock’ ich noch im Bett und bin nicht aufgesprungen. Ich lasse die Müdigkeit der Augen und der Beine zu.

Ich hänge noch dem Traum über ein Revival der Wiener Künstlergruppe REM nach. Davon träume ich in letzter Zeit oft und habe immer keine Ahnung: keine Ahnung, wo mein Gepäck und meine Bilder sind; keine Ahnung, was über die Ausstellung besprochen und ausgemacht wurde; keine Ahnung, was bei der Eröffnungsperformance geplant und was dabei meine Rolle ist. Diesmal findet das Ganze in einer Kirche statt, wo aber möglicherweise auch ein Gottesdienst stattfinden soll, aber in Konkurrenz und Feindschaft zu unserem Vorhaben. Unsere Performance wird ihn stören. Wann beginnt die eigentlich? Ich habe keine Ahnung. Der Inhalt all dieser REM-Träume ist immer ähnlich: meine vorgesehenen Bilder sind weg oder unauffindbar oder ich erkenne sie nicht. Ich weiß nicht, ob ich wirklich dabei bin oder schon ausgemustert.

Der Baustellenlärm von vorm Haus kommt über den Lichtschacht recht gedämpft herein. Ich blicke – weil mir meine gestrigen Gedanken einfallen – wieder einmal auf die oberste Bildreihe unter dem Plafond. Neben einem Photo der Riesneralm von meiner Tochter sind es drei alte Bilder von mir. Eingehender betrachte ich das Mali-Lošinj-Bild, unter dem sowohl mein Vater als auch meine Mutter gestorben sind, ob sich daran davon irgendetwas abzeichnet oder abgespeichert hat. Ich kann nichts erkennen. Wenn ich in meinem Zimmer sterbe, wird diese Tradition weitergehen. Hat das Bild etwas, was es dafür prädestiniert? Was diese Tradition rechtfertigt? Naja, der Hafen, die Häuser, die Promenade, das Meer, der Himmel, die fernen Berge: alles scheint sich dramatisch aufzulösen und passen schon nicht mehr recht zusammen. Die Perspektiven sind schon unrein und verschoben. Die Dinge platzen auf. Die Boote im Wasser wirken schon wie leere Hüllen von etwas, das gar nicht mehr wirklich da ist. Deplatziert und abgehoben liegen sie gar nicht mehr richtig im Wasser; aber so, als würden sie sich ihrer Auflösung verweigern wollen. Überhaupt gibt es neben der Auflösung auch eine große Starre in dem Bild.


(26.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4105 Die Mücken

 



0:13 a.m.  Die Salbe, mit der ich mein lädiertes Knie einschmiere, stinkt. Es stinkt auch das Spülmittel für die Hand-Geschirrwäsche, weil ich das falsche gekauft habe. Jetzt aber stinkt die Salbe auf meinem Knie. Es hat über 27° Celsius im Zimmer. Leicht bekomme ich die Hitze nicht aus dem Zimmer. Bei Zugluft würden die Fensterflügel zuschlagen. Viele kleine Mücken sind hereingekommen und schaffen es, mit ihrem Getanze im Schirm der Leselampe dessen Staub aufzuwirbeln. Immer wieder landen Mücken auch auf meinen Händen und kitzeln mich. 20 219 Schritte bin ich heute gegangen. Die Mücken lösen kleine Staubexplosionen aus, wenn sie bei ihrem Hin und Her die Innenseite des Lampenschirms berühren; dann kommen kleine, schön beleuchtete Staubwolken aus dem Inneren des Lampenschirms hervor. Ein wenig schaue ich dem Treiben noch zu, dann werde ich das Licht abdrehen. Beim Wort schauen fallen mir die vielen Karten und Bilder an meinen Wänden ein und ich streife mit den Augen kurz darüber, aber mir fehlt die Geduld. Ich bereite mich und das Bett zum Schlafen. Hoffentlich ist das Ganglicht aus und strahlt mir nicht ins Zimmer.




(26.6.2025)




Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4104 Fifty - Fifty

 



12:19.  Die Einkäufe sind abgeschlossen. Natürlich habe ich … wie kann ich das sagen? … . Mein derzeitiges Notizbuch hat 96 Seiten. Das ist ein wenig zu dick, um es – beim Schreiben meistens auf meinen Oberschenkeln abgelegt – bequem benutzen zu können. Und ich frage noch, ob es dünnere gibt, wie ich sie früher verwendet habe. Nein, sagt die Verkäuferin und die, die lagernd sind, sich noch dicker als 96 Seiten und noch unhandlicher. Also bestelle ich zwei von den Sechsundneuzigern. Als der Bestellvorgang – durchaus etwas kompliziert: Mappen aufschlagen, Produkt und Produktnummer suchen – am Laufen ist, sehe ich in einem anderen Regal genau die dünneren Notizbücher, die ich suche. Ich nehme zwei glatte heraus und lege sie auf den Ladentisch, weil ich sie kaufen will – die Bestellung der anderen läuft noch und ist noch nicht abgeschlossen – aber trotzdem cancel ich die Bestellung nicht. Warum? Ich habe eine solche Hemmung, die Verkäuferin bloßzustellen, weil sie ja auf meine Frage, ob es dünnere gibt, mit nein geantwortet hat. Lieber kaufe ich die zwei erwünschten Bücher und bestelle die zwei weniger erwünschten, leiste brav die Anzahlung und tue so, als würde ich das genauso wollen. So ist das.

Ich habe mich schon seit längerem dazu entschlossen, mich wegen solcher Ungeschicklichkeiten und tendenziell selbstdestruktiver Manöver nicht mehr zu hassen und mir keine Vorwürfe zu machen, dass mir die Wahrung des Gesichtes der Verkäuferin wichtiger ist, als die meines eigenen. Ich mache die Verkäuferin nicht darauf aufmerksam, dass sie mir eine falsche Auskunft gegeben hat – egal, ob sie es aus Berechnung oder aus mangelnder Kompetenz getan hat. Ich will sie nicht bloßstellen; so eine Bloßstellung zu machen oder auch nur mitzuerleben, halte ich schwer aus. Ich buche das ab unter: so geht es sensiblen Menschen in dieser dualen Welt des ständigen Kampfes um den eigenen Vorteil. Damit es kein Mißverständnis gibt: hätte ich es geschafft, die falsche Bestellung zu stornieren und sogar die Verkäuferin zu konfrontieren, wäre das für mich theoretisch völlig okay gewesen, aber meine Seele kann es nicht. Ich will mir jedoch wegen solcher Skrupel keine Vorwürfe mehr machen. Amen.

Als ich vorher gewartet hatte, bis das Papierwarengeschäft aufsperrt und ich dabei herumgewandert bin, bin ich schon zweimal an einem Stand vorbeigekommen, an dem für irgendwas geworben wird und die Versuche der zwei Typen, mich anzusprechen, habe ich einfach ignoriert. Jetzt, nach dem Einkauf, komme ich auf meinem Weg zum dritten Mal an dem Stand vorbei. Wieder werde ich angesprochen und diesmal lege ich es irgendwie darauf an - ich weiß nicht, was mich da geritten hat - und reagiere und frage, worum es geht. Irgendein Verein für Obdachlosenhilfe sucht Spender. Ich antworte, dass ich selber nur 489 Euro Pension habe. Darauf der Keiler: „Da haben Sie aber nicht viel gearbeitet!“ (ja mein Freund! Jetzt hat das Universum zu dir gesprochen! - der innere Spötter). Ich sage ihm, dass ich Maler und Schriftsteller war und hald (sic!) nicht viel verkauft habe und dass meine Arbeit wichtiger war als seine. Und gehe weiter. Ehrlich gesagt glaube ich mir meine Antwort selbst nicht wirklich. Und ich bin erschrocken, wie sehr mich seine pampige Replik verletzt hat und wie dumm ich ihm ins Messer gelaufen bin, obwohl ich die Konfrontation doch angezettelt habe. Im Weitergehen kommen mir die Tränen, und ich weiß nicht, ob aus Trauer über mein nicht gelebtes Potential oder aus Selbstmitleid. Oder fifty – fifty.

Anmerken möchte ich noch, dass gerade soziale Vereine und Initiativen das Geldauftreiben nicht solchen Keilertypen und Keilerfirmen überlassen sollten. Das zerstört ihr berechtigtes Anliegen. Auch wenn es schwer und zeitlich aufwendig ist: es sollten die Leute für diese Anliegen werben, die selbst im Metier arbeiten. Die wissen, worum es geht, haben die Kompetenz und sind hoffentlich nicht irgendwelche beschränkte Keilertrotteln.

(25.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4103 Aus den Boxen

 



9:54 a.m.  Die Kellnerin singt und summt mit der Neil-Young-artigen Musik (oder ist er es eh?) aus den Boxen mit (ich hatte damals nur Radio, keinen Plattenspieler, keinen Kassettenrecorder; mein Wissen und Kennen der Musik von damals ist deswegen sehr beschränkt). Die Stimmung hier ist sommerlich fröhlich; ich will mit meinem T-Shirtspruch dafür bin ich schon zu alt punkten, weiß jedoch nicht, ob er registriert worden ist. Es gibt hier jetzt auch Kappen zu kaufen. Ich bin hinaus vors Schaufenster, um zu sehen, was darauf steht. Wenn sie für das Espresso Burggasse werbeten, hätte ich heute in meiner Euphorie eine gekauft; mit naturale wine – so berechtigt das ist – kann ich als Nichtalkoholtrinker leider nichts anfangen. Jetzt klingt’s aus den Boxen nach Polizei (Police). Aber Wine ist wie Kaffee doch eine legale Droge! Ich wende mich besser den Zeitungen zu. Ach, wie fühle ich mich selbstverständlich! Zumindest viel mehr als sonst.

Die Kellnerin agiert an der Bar – sprich am Kaffeemaschinenpult – wie ein strenge und souveräne Indianerhäuptlingin. Und jetzt wieder Police: I can’t stand losing, I can’t stand losing, I can’t stand losing (jetzt läßt er aus leicht durchschaubaren Selbstmitleidsgründen das you weg – der innere Spötter). (Ich habe es schon einmal gesagt: mach keine Anspielungen auf und mit englischen Texten, die du sowieso nicht verstehst! - der Tipper.)

Die E-Gitarre wimmert gekonnt in höchsten Tönen – keine Ahnung, wer da jetzt aus den Boxen spielt. Bei dafür bin ich schon zu alt fällt mir viel ein. Eigentlich wäre ich mit dem Aufenthalt hier fertig, aber ich muß noch warten, weil ein Geschäft, wo ich meine Notizbücher und Pilotstifte kaufe, erst um 12 Uhr Mittag öffnet. Wie werde ich die Zeit herumbringen? (als hättest du genug um sie totzuschlagen – der innere Spötter). Also schaue ich mich wieder um und spitze meine Ohren, ob sich etwas zeigt oder etwas zu mir spricht (mene mene tekel upharsin zum Beispiel). Na gut, für das, was aus meinen inneren Ablagerungen kommt, muß ich nicht hinhorchen. Jessas! Wird das beim Sterben eine anstrengende Arbeit sein, all diesen Dreck abzubauen, um zum Eigentlichen vorzustoßen! Jetzt gehöre ich auch schon zu denen, die alle drei Minuten ihr Smartphone herausziehen, um irgendetwas nachzuschauen. Man hat dazugelernt. Ich werde einfach gehen müssen, oder bringt es etwas, diese Unruhe gegen alle Impulse und ohne neuerlichem Euphorieschub hier durchzustehen? Soll ich mir eine vorübergehende stabilitas loci verordnen? Noch eine Stunde wäre nötig. Meine Unruhe ist fast nicht niederzuhalten. Ich mach wieder mein Bauchtäschchen auf, um das Smartphone herauszuholen, vielleicht ist mein Rötgenbefund da, oder sonst eine Botschaft. Universum! Sprich mit mir! Ein Kitsch aus meiner Jugendzeit dröhnt aus den Boxen, should I stay or should I go (das ist nicht der alte Hit, der gerade gespielt wird, das sind meine Gedanken. Der Hit ist: All I need ist the air …/Hollies) (nur damit ihr über seine Englischkenntnisse Bescheid wißt: er hat den Text aus den Boxen mitgeschrieben und statt is the air that I breathe tatsächlich breeze geschrieben! Manchmal fragt man sich, ob sich so nicht eine höhere Wahrheit durchsetzen will – der innere Spötter).

11:11 a.m. Wenn ich zuerst in das andere Geschäft gehe? Dorthin, wo es den Wilden Lattich gibt? Wird mir trotzdem Zeit überbleiben. Egal! Ich breche auf: die Endorphinmusik meiner Jugend vertreibt mich (oder muß ich mich noch mit meinem Kitsch und meiner Sentimentalität konfrontieren?). Nein, ich gehe.


(25.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4102 Um Mitternacht

 



23:57.  An diesem heißen Tag bin ich 13 606 Schritte gegangen, habe mein lädiertes Knie röntgen lassen, war in Psychotherapie, habe das Geschirr gemacht, mit meiner Frau Soko Donau geschaut, den Roman von Peter Schneider zu Ende gelesen und jetzt vorm Schlafengehen ein kaltes Bad genommen, das ein wenig die Hitze vom Körper genommen hat. Im Zimmer hat es über 26° Celsius, die unvermeidlichen Staubteilchen tanzen im Lichtkegel der Leselampe, von draußen kommen über das offene Fenster die typischen Geräusche des Lichtschachts herein, auf den hinaus außer meinem Zimmer nur Küchen, Bäder und Klosetts gehen, manchmal mit Entlüftungs- oder Klimaanlagen. Und trotzdem ist es jetzt, genau in diesem Moment, ganz still. Nun höre ich von Ferne ein beschleunigendes Motorfahrzeug und ein Flugzeug rauschen. Manchmal fällt das Haustor laut zu.


(24.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 23. Juni 2025

4101 Kikeriki

 



1:09 a.m.  Stille Nacht. Über 25° Grad Celsius im Zimmer. Insekten fliegen beim offenen Fenster herein und tanzen um meine Leselampe. Der leichte Hauch, den ich im Gesicht verspüre, kommt vom ständig zusammenklappenden Notizbuch. Ich könnte wieder einmal das schrille Surren in der Ohren erwähnen, das immer in der Stille laut wird. Der Tag im Gänsehäufel war sehr schön. Das Sommergefühl. Ich ziehe nun auch das linke Bein mit dem schmerzenden Knie heran, um endlich die Lage des auf den Oberschenkeln liegenden Notizbuches zu stabilisieren. Das Sommergefühl braucht einen minimalen Sonnenbrand, zumindest eine deutliche Erinnerung an die Sonnenstrahlen auf der Haut. Als körperliche Empfindung mitsamt den abgespeicherten akustischen Erinnerungen an die Geräuschkulisse einer Badeanstalt ist es seit der Schulzeit gleich geblieben, ob es noch die Erwartungen, Hoffnungen auf Freiheit und Abenteuer im Gepäck hat, wage ich zu bezweifeln.

Mich dürstet wieder, aber ich werde jetzt nicht vom Bett aufstehen, um zum Trinken zu gehen (um zu pinkeln mußte es dann doch aufstehen; da hat er gleich drei Schluck direkt beim Wasserhahn genommen. Kikeriki! - der innere Spötter). Anscheinend ist man im Sommer stärker nach draußen orientiert, meine vielen Bilder an der Wand schaue ich nicht an.


8:35 a.m.  Ach was! Ich geh ins Fitnessstudio!


(23.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4100 Baum

 



12:29.  Die Pappelsamen schweben noch als weiße Punkte vor schwarzem Hintergrund vor meinen zugefallenen Augen. Die Sonne bearbeitet meinen nackten Körper, nur eine Kappe habe ich mir aufgesetzt und ein wenig ins Gesicht geschoben. Ich liege unter einer großen Pappel; und wenn ich meine Augen öffne, ragt im Abstand von – sagen wir – zehn Metern eine zweite, mächtige vor mir auf. Diese betrachte ich lange und die Pappelsamen, die manchmal sanft vor, über und durch das Geäst fliegen, manchmal in großen Mengen und wild umhergetrieben. Das abdriftende Bewußtsein nimmt noch die so typischen Geräusche der Badeanstalt auf und zu meiner Frau sage ich: „Das ist mein Auftrag: wenn ich schnarche, wecke mich unbedingt auf!“ Das Sommerlicht flimmert noch ein wenig durch die Wimpern, dann bin ich weg. Aber nicht weit und nur kurz, denn es ist kein anderes Jahrhundert, in dem ich aufwache und so wie es ausschaut auch keine andere Welt. Zumindest auf den ersten Blick. Mich dürstet und so beschließe ich, zur Wasserstelle mit dem Trinkbrunnen zu gehen, dabei könnte ich mich auch gleich der Stabilität dieser Welt versichern.

14:14.  Es stimmt, das Rufen, Schreinen, Quietschen, Kreischen vor allem der Kinder in den Bädern ist immer gleich; und ich gehe davon aus, dass es mehr aus Lust, als aus Schmerz kommt. Während ich darüber nachdenke (beim Nachdenken ist man immer hinten nach) verfängt sich ein Büschel Pappelsamen in den Haaren meines Oberschenkels (links) und ich betrachte die riesige Pappel vor mir, wie sie in den Himmel ragt (ich muß den Kopf weit nach hinten legen, um in ihre höchste Krone zu schauen), wie schon gesagt: gute zehn Meter direkt vor mir und - das klingt jetzt recht blöd – weil ich von meinem Gemächt direkt eine gerade Linie zu diesen Baum ziehen kann, ohne dass ich mich dabei irgendwie verdrehen muß, verfalle ich auf den Gedanken, oder besser auf die Einbildung (und ich distanziere mich sofort und lehne solche Assoziationen entschieden ab!), dass dessen (des Baumes) mächtige Aufrichtung etwas mit meiner Lendenkraft zu tun hat. Oder umgekehrt. Oder der Baum meine Lendenkraft stärkt, wenn ich ihn nur lange genug meditiere (etwas weniger geschraubt ausgedrückt: er betrachtet den mächtigen Baum und phantasiert sich dessen Bild über eine imaginierte Erektion. Noch einfacher gesagt: er spinnt ein bisserl und will sich sein Bäumchen mit Hilfe des prächtigen Baumes so richtig aufgebäumt vorstellen – der innere Spötter).

15:00.  (früher Musicboxzeit). Ich distanziere mich nochmals und ganz, ganz entschieden von diesen Phantasien da oben im Text! Ich will das betonen und unbedingt fest-halten! Der Wind hat sich gelegt. Kaum ein Pappelblättchen zittert. Meine Lesebrillen sind verschmiert, aber jetzt kommt eine Brise auf und die Pappelblätter blinken aufgeregt ihren Betrachtern zu. Nun habe ich die Brillen mit dem leicht rotzigen Taschentuch geputzt (ein anderes war nicht in Griffnähe) und dafür sind sie nun erstaunlich blank. Somit kann ich das bereits angekleidete, turtelnde Paar sehen. Eigentlich sind es drei, aber eine ist extra und packt das Zeug ein und räumt den Platz auf. Ein Motorflugzeug propellert hoch über und hinter meinem Rücken vorbei. So hoch kann es auch wieder nicht sein. Das Trio geht jetzt ab und ich bin mir über die paarweise Zuordnung nicht mehr sicher. Vielleicht gibt es keine. Geht mich nichts an. Jedenfalls scheinen sie es lustig zu haben. Auf dem Wasser sind viele Stehpaddler unterwegs und immer noch gefällt mir diese Sportart und finde ich Haltung und Bewegung schön.


(22.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 20. Juni 2025

4099 Fast niemand

 



12:19.  Das schaukelnde Mädchen von der Wand hinter mir im Spiegel gegenüber. Daneben und darunter sitze ich drinnen im leeren Lokal (draußen im Schanigarten schaut’s anders aus) ein wenig verloren. Die Musik aus den Boxen verwendet die französische Sprache. Die vier Tische mit den kleinen kugelförmigen Vasen mit den kleinen Blümlein darin und die acht Sessel vor mir quer durch den länglichen Raum, in einer Reihe, aber sozusagen liebevoll leicht verschoben – wie Verse, die sich schon, aber gottseidank und erholsam nicht ganz genau reimen – haben etwas Elegisches und Berührendes (er hat’s mit den Phantasien vom freischwebendem Reisen im menschenleeren Universum, so á la völlig losgehelöst von der Eherde … der Schilling heißt ja auch Peter – der innere Spötter). Ich blicke links aus dem Fenster und treffe den Blick der Frau im Café gegenüber auf der anderen Straßenseite, bevor sie aus dem Durchgang hinter der Bar hinter diese tritt und – offensichtlich Chefin oder Kellnerin – einer Kundin ein Getränk – ich tippe auf Kaffee – zubereitet. Jetzt steht sie wieder im Durchgang zum Hinterzimmer – vermute ich – und – wenn ich die Kopfhaltung richtig deute – checkt ihr Smartphone.

Eine mir im Moment nicht unangenehme minimalistische Berieselungsmusik mit Xylophon kommt aus den Boxen. Ich will endlich den Fronleichnamstext fertig schreiben, aber ich habe Angst. Da kann ich sehr leicht in diverse Fettnäpfchen treten und sich herausstellen, wie daneben ich bin. Ich habe kein rechtes Vertrauen in mein Denken, ungeschult, untrainiert, unsicher wie es ist, und fürchte, mit den Aussagen zwischen die Mühlsteine zu geraten. Dann denke ich: wurscht! Liest eh niemand (fast niemand – der innere Korrektor).


(20.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4098 Fronleichnam

 



Der Name kommt vom mittelhochdeutschem vrône lîcham – des Herren Leib – und ich vermute – übrigens angeregt durch ein Facebookposting, auf das ich reagiert habe, denn mein Denk- und Assoziationsapparat braucht ein Minimum an Input und Resonanz, damit er angeworfen wird, und das habe ich am Abstellgleis selten – wobei nicht klar ist, ob sich mein angesprungener Apparat verständlich ausdrücken konnte - also: ich vermute, das Aufkommen dieses Festes im 13. Jahrhundert hat untergründig mit einer Reaktion gegen das Aufkommen der naturwissenschaftlichen Rationalität damals zu tun, die Dasein und Wesen (oder sollte ich nach C. Castaneda Tonal und Nagual schreiben?) weiter auseinander reißt, so, dass die „Natur“ nicht mehr Schöpfung („Bildträger des Himmels“ - W. Döbereiner) ist, sondern bloßes Material, das dem technischen Zugriff ohne Bedenken und Skrupel ausgeliefert werden kann. Ich weiß nicht recht, wie ich „Bildträger des Himmels“ verständlich machen oder verbessern könnte: Bildträger oder Ausdruck des universalen Bewußtseins? Oder Emanation des Universums als Bewußtsein? Das Ding als Teil des Universums, das sich seines Anteils am Ganzen und seines größeren Parts, der nicht in die Beschreibung der Welt – C. Castaneda - eingegangen und somit unbeschrieben und unbeschreibbar, aber mit dem Universum verbunden bleibt, bewußt ist? (zu Ding: diese Wort leitet sich von Thing ab, das ursprünglich „Versammlung oder Gerichtsverhandlung“ bedeutet – Wikipedia. Wir sind damit mitten in der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit – Berger/Luckman)? Als Kürzel für das über die Beschreibung hinausgehende Ganze, das nicht nur die Summe der Einzelteile (Nominalistenstreit! Oder?) ist, sondern auch eine lebendige, bewußte Ganzheit, die der wahre Urgrund allen Daseins ist? Da will vielleicht das Fest, indem es den „Leib Christi“ (im Mythos = Gott, respektive sein Bildträger) durch die Felder trägt, das Bilderträgerpotential der „Natur“ nochmals stärken. Ob das eine geeignete Antwort auf die Problematik der Zeit war, weiß ich nicht. Immerhin war ja der päpstliche Legat Bonifatius ein paar Jahrhunderte vorher ein Initiator dieser destruktiven Richtung, indem der die „heilige Eiche“ (also noch in Bildträgerfunktion) gefällt hat, um den heidnischen Stämmen dort zu beweisen, dass der Himmel deswegen nicht herabstürzt, wie es diese Stämme befürchtet hatten, und der Baum einfach nur verwertbares Holz ist. Ich kann mich noch erinnern, wie dieser Bonifatius in den Siebzigerjahren der vorigen Jahrhunderts als Aufklärer und Entmythologisierer gefeiert wurde. Man könnte natürlich sagen, dass diese Heiden letztlich doch recht hatten, denn heutzutage fällt uns diese vom Mythos bereinigte Denkweise und die aus ihr abgeleiteten Handlungen als Klimawandel, Umweltprobleme etc doch auf den Kopf. Diese Verspätung um ein paar Jahrhunderte ist geschichtlich und naturgeschichtlich bloß ein Klacks.

Von jetzt aus auf das Fronleichnamsfest gesehen, nehmen wir sowohl heutzutage bereits „überwundene“ Elemente des mythischen Denkens wahr, aber auch solche der Entmystifizierung: nicht mehr der Baum, die „Natur“ ist heilig, sondern man muß ihm und ihr das „Heilige“ nachtragen, vorzeigen; noch dazu durch die Überhöhung eines religionsbehördlich verwandeltes, allerdings wichtiges Menschenprodukt, dem Brot, das passenderweise viel mit der Seßhaftwerdung der Menschheit zu tun hat. Vielleicht ist dieses Fest viel zu spät gekommen. Oder ist schon im Kern falsch angelegt. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass das Denken dem Handeln vorausgeht und letzteres als Sinnhorizont in seinen Möglichkeiten definiert.
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(19./20.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4097 Toll

 



14:01.  Toll, was aus dem Leben eines gescheiterten Heiligen so werden kann! Jetzt sitze ich nämlich nach einer ordentlichen Mittagsjause mit ganz feinem Jámon serrano und Ziegenkäse, Oliven, Tomaten, Zaziki, Salatblättern, Olivenbrot, Melonenstücken und nach einem Kaffee im Glas gesättigt unter den Pappeln des Gänsehäufels, höre den palavernden Krähen zu und verfolge mit den Augen die unzähligen herumschwirrenden – jetzt gerade von rechts nach links – Pappelsamen; die sind zeitweise so dicht, dass man an Schneetreiben denkt. Das Nacktsein im FKK-Bereich ist immer so angenehm unhysterisch und entmystifizierend; niemand kann oder muß mehr diese Manöver von Verbergen und Herzeigen spielen. Es ist nicht so heiß, weil oben immer wieder Wolken durchwandern und es geht eine angenehme Brise. Ein Insekt, das ich als kleine, hellgrüne Heuschrecke identifiziert hätte, beißt mir harmlos, aber ein wenig unangenehm in den rechten Unterschenkel. Zuerst will ich es zulassen, aber als es mir zu lästig wird, verscheuche ich es doch. Jetzt fliegen die „Schneeflocken“ direkt von vorne auf mich zu. Ein Gefühl, als würde das Universum für mich tanzen. Jetzt jedoch hat sich der Wind wieder gedreht und ist stärker geworden; die Pappel blinken geradezu mit ihren Blättern.

Ich erwäge einen Rundgang durchs Areal, weil ich wieder Schmerzen im ruhenden linken Knie verspüre; und schließlich verwende ich ja auch einen Schrittzähler und will auf mein Plansoll kommen. Bei diesen „Wanderungen“ memoriere ich meistens Mantras (zum Beispiel: Absicht! Ich will die Verantwortung übernehmen dafür, dass ich ein sterbliches Wesen bin. Ich will akzeptieren, dass ich sterben werde.)

Meine Frau hat geschlafen, deswegen hat sie etwas Tolles versäumt: wie ich die Schreiberei abbreche und auf meinem Klappstuhl sitzend das Notizbuch verstauen will, weil ich zur Schrittzählung aufzubrechen ansetze, neigt sich der Sessel auf dieser unebenen Grasfläche unter der großen Pappel immer weiter nach links und ich kann es nicht mehr verhindern, dass wir beide – der Klappstuhl und ich – umfallen und in die Wiese stürzen (er übertreibt in der Beschreibung wieder! Zwar stimmt alles, aber es klingt – und das macht er mit Absicht! – viel gefährlicher, als es war. Viel mehr, als dass der Stuhl umgefallen und dann in der Wiese zu liegen gekommen ist, und der Autor (hört! hört!) zuerst abgerollt und dann ebenfalls in der Wiese zu liegen gekommen ist, war nicht. Nichteinmal sein lädiertes Knie hat etwas Nennenswertes abbekommen – der innere Spötter).


Tagespensum: 14 033 Schritte.


(19.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 18. Juni 2025

4096 Ganz ferne Baustelle

 



8:40 a.m.  Ich liege schon länger wach, aber bin noch sehr müde. Mein Geist mäandert von einem Erinnerungsfragment zu andern, von einem Gedanken zum nächsten und steht plötzlich vor einer ganz unangenehmen Erkenntnis über das eigene Leben. Vor einer Szene, an der sich etwas zeigt, was man nicht wahrnehmen will: hier konkret, dass ich meine Kinder genauso verraten habe, wie meine Eltern mich. Obwohl ich atme, bleibt mir die Luft weg und verspüre ich ein leichtes Würgen im Hals, sowie einen schweren Klumpen im Bauch.

Ich seufze, hole mehr Luft, das Leben soll weitergehen (freilich war sein erster Impuls, das Leben muß weitergehen hinzuschreiben, er hat sich jedoch zum soll gezwungen – der innere Korrektor). Weil sollen mehr Einverständnis und Verantwortung zuläßt als müssen.

Die Baustelle vorm Haus macht gerade eine stille Pause, deswegen kann ich ganz ferne Tauben gurren hören, und eine ganz ferne Baustelle.


(18.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4095 Vergeßt mich nicht

 



1:33 a.m.  Vergeßt mich nicht! Bitte, vergeßt mich nicht! (Jetzt spinnt er und macht wieder auf sensibel, dabei sind es einfach nur Worte, die ihm eingefallen sind; keine Empfindungen dahinter. Er versucht, mit Worten Empfindungen und Gefühle herbeizulocken, statt zu versuchen, seine Empfindungen und Gefühle in Worten auszudrücken. Außerdem: was hat er davon, wenn er nicht vergessen wird? Jede Menge Projektionen aufgeladen! - der innere Spötter.) Es macht knapp vor meinem Gesicht einen Knacks, dann beginnt sich wieder mein Gesichtsfeld aufzulösen und abzurutschen. Meine Schrift ist so schlecht, weil ich wegen der Knieschmerzen mein linkes Bein nicht ganz als Stütze für das aufgelegte Notizbuch heranziehen kann und somit das Buch ständig kippt und zuzuklappen droht. Aus dem Lichtschacht rauscht eine Klospülung, dann eine Lüftung. Lassen wir es für heute gut sein!


(18.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4094 Wild Side

 



11:15 a.m.  Dieses Gesicht am Nebentisch in der fröhlichen weiblichen Dreierrunde kenne ich; ich weiß nur nicht woher. Kellnerin im Café Europa vor Jahrzehnten? Vielleicht. Sicher woher bin ich mir nicht, dass ich das Gesicht oft gesehen habe, schon. Mein Geh- und Schrittefanatismus ist wegen meiner Knieschmerzen eingebremst; ich erwäge nach einigen Wochen Beschwerden ernsthaft einen Arztbesuch, aber ich weiß nicht … dieser ganze Aufwand nur wegen einem lädierten Knie … (ich bin männerbildmäßig noch in den Fünfzigerjahren sozialisiert worden, und so, dass mir nichts zusteht). Die Stimme von Lou Reed aus den Boxen. Soeben habe ich mir den dritten Cappuccino bestellt. Die Kaffeeeuphorie scheint am Höhepunkt zu sein. Oder war die Dame nebenan Kellnerin oder Chefin im Donau? Oder gar im U4? Lassen wir das! Übrigens: heute sind mir hier schon bei Angie von den Rolling Stones Tränen gekommen, dabei war das gar kein soo persönlicher Hit (1973 erschienen, nach der Matura! Da war ich schon durch damit. Gehört hat man es trotzdem überall), sondern das hatte bloß trotz Verspätung zum Gesamtambiente der Zeit gehört, zum Background, vor dem sich mein jugendliches Unglück abgespielt hat.

Übrigens bin ich wieder dabei, mir – nachdem meine schönen Sandalen eingegangen sind – wieder das gleiche Modell zu kaufen, obwohl mir so genannte Vernunft und schlechtes Gewissen (des Luxus wegen) ständig abraten. Aber etwas in mir setzt genau die Schritte, die zu diesem Kauf führen werden; ich hoffe, dass ich damit dem richtigen Daimonion folge (er will es ja nicht darauf ankommen lassen, dass dieser Schuhkauf direkt Gottes Wille ist – der innere Spötter). Die Boxen spielen Walking on the Wild Side von Lou Reed (dafür ist die Musik eigentlich recht zurückhaltend, beherrscht und diszipliniert) (Du kannst nicht Englisch! Also räsonier nicht öffentlich über Songs, die du gar nicht verstehst! Du blamierst dich! - der innere Korrektor).

Jetzt beginnt die Unruhe. Ich betrachte die Passanten in der spiegelnden Glasscheibe der offenen Eingangstüre, und davon angeregt, riskiere ich auch einen Blick in den Spiegel an der Wand (wer ist der größte Narzisst im ganzen Land – der innere Spötter), in dem ich mich eh nicht sehen kann. Die dicke, fette, schon weit heruntergebrannte Kerze daneben bekommt wegen ihrer bizarren Gestalt - durch die unterschiedlich hoch und verschieden ausgeformt stehen gebliebenen Ränder des Wachses hervorgerufen – meine interessierte Aufmerksamkeit.

Ich trinke den letzten Schluck Kaffee und werde zum Schuhgeschäft, wo ich die ausgesuchten Sandalen hinterlegt habe, aufbrechen. Es ist nicht weit von hier. Die Sache ist entschieden. Nur kurz irritiert mich noch ein junger Gast an der Bar mit unglaublich lauter, den Raum durchdringenden Stimme, bevor ich mich dann doch neben ihn stelle, um an der Bar meine Konsumation zu bezahlen.


(17.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4093 Das Düdeln

 



8:40 a.m.  Das Wetter stellt sich um. Ich bin noch total verschlafen. Ein Pulsieren geht durch meinen Körper. Aus dem Lichtschacht kommen unverständliche Gesprächsfetzen und der Lärm des täglichen Hubschraubers.

Der Hubschrauber ist längst weg, und auch das Flugzeug, das nach ihm gekommen ist, aber mein Schreiben stockt. Geist, Seele und Körper sind noch nicht auf Touren. Das Düdeln des Handys und das Quietschen von verschobenem Metall auf der Baustelle vorm Haus zerreißen den Schleier der trägen Unbeweglichkeit und Geist und Seele rücken näher an die Realität. Ich höre nun die Amseln singen und stehe auf.


(16.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4092 Gänsehäufel

 



11:24 a.m.  Gänsehäufel. Angenehmer Wind. Nicht zu voll (noch?). Die herrlichen Pappeln. Ein Entenpaar watschelt vorbei am steinernen Tisch, an dem ich sitze. Der Sommer ist da. Das typische fröhliche Geschrei und Gequietsche der plantschenden und rutschenden Kinder kommt über die Hecke zu uns Nackten herein. War das ein Kuckuck? Scheint sehr schüchtern zu sein; er ruft nur kurz. Ich habe es nicht rechtzeitig zu meinem Geldbörsel geschafft, um damit zu klimpern, auf dass das Geld nicht ausgehe. Gilt nur beim ersten Kuckuck im Jahr, den man hört (astrologisch wäre das klar: sowohl das Geld als auch der Kuckuck sind Sonne-Uranus). Der Wind legt deutlich zu und die Bäume rauschen jetzt, dann legt er sich wieder zu einer sanften Brise. Diese weitläufige, mit großen Pappeln besetzte Flachheit hat was! Auch die Krähen rufen irgendwie gedämpfter, selbst wenn sie nahe und heiser sind. Zwei voll besetzte Drachenboote der Wiener Polizei paddeln unter Kommandorufen vorbei.

14:56.  Am Himmel zeigen sich immer wieder luftige Wirbelsäulen aus gefrorenem Kondenswasser.


(15.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4091 Alles ist relativ

 



0:12 a.m.  Ich bin ganz schön erschöpft.

0:37 a.m.  Ich bereite mich zum Schlafen.

8:40 a.m.  Wieder so ein Morgen bei offenem Fenster. Die Baustelle vorm Haus klingt hier am Lichtschacht gar nicht so laut und ein Hund bellt und eine Krähe schreit in der Ferne. Natürlich ist das alles relativ, ich meine: nah und fern, laut und leise. Es wird gebohrt und eine Tür wird zugeworfen. Eine Spülung wird gezogen (vermutlich in Wirklichkeit gedrückt – der innere Spötter). Immer wieder die Krähen. Mit geschlossenen Augen bin ich – wie ich meinte – die eigene Wohnung abgegangen, als ich die Augen geöffnet habe, war es bloß ein Traum. Die Baustelle rückt näher. Ich sollte mich entspannen, aber so leicht ist das nicht.

Oh! 9:33! Die meiste Zeit muß ich wohl schlafend vorm aufgeschlagenen Notizbuch verbracht haben.


(13.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 12. Juni 2025

4090 Hamburg

 



11:59 a.m.  Ich bin im Leo (ennstalerisch: an der Bande), also kann mir hier niemand etwas anhaben (wenn sich alle an die Spielregeln halten – der innere Korrektor). Die Leute sitzen draußen, ich sitze herinnen. Hundskamille und Weizen schmücken in einer Vase den Tisch. Die Musik aus den Boxen tümpelt angenehm leicht jazzig vor sich hin, so wie ein kleiner Teich an einem heißen Tag Kühlung, Schönheit und Good Vibrations (mein Lieblingslied von den Beach Boys. R.I.P.) bringt. Die Einrichtung ist schlicht und geschmackvoll. Der rote Ventilator am Plafond steht still. Ein massiver, aber beherrschter Bass mit einer dezenten Rhythmusgruppe schickt seine Vibrations tief in den akustischen Untergrund. Jetzt kommt eine bluejazzige Frauenstimme dazu und führt die Stimmung, begleitet von spärlichen und gekonnt eingesetzten Piano- und Gitarrengeklimper, herauf. Ich sollte nach Haus gehen und meine Texte eintippen, aber ich kann nicht. Am Grunde des Wasserglases sieht man zwei Köpfe und den Schriftzug Hamburg. Ich glaube, nur in Wien kann man so herumsitzen wie ich. Gestern habe ich übrigens einen neuen Rekord aufgestellt: 22 682 Schritte (er weiß, dass er das hier schon zwei Mal erwähnt hat, aber er kann es nicht lassen und will damit angeben – der innere Spötter).


(12.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4089 Arzttermin

 



8:05 a.m.  Der morgendliche Hubschrauber röhrt unbekümmert und lautstark beim offenen Fenster herein. Als er weg ist, ist es unglaubwürdig ruhig. Aber bald hilft ein ferneres Flugzeug, den Geräuschpegel zumindest zu normalisieren. Nachdem das weg ist, wird es richtig still, nur vereinzelte Baustellengeräusche führen die nun spärliche, ganz minimalistische Geräuschsymphonie weiter, bis wieder ein fernes Flugzeug über den Himmel rauscht und mehr Lärmsubstanz einbringt, und danach ein Motorrad noch ein wenig nachlegt. Ein Anruf: der Arzttermin wurde auf den 1. Juli fixiert.


(12.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4088 Erdbeermond

 



1:25 a.m.  Heute habe ich 22 682 Schritte gemacht und mir tun die Füße weh (Füße österreichisch; d.h. auf Deutsch: Beine inklusive der deutschen Füße). Ich habe nämlich nach meinem üblichen Gehprogramm – angeregt durch meine liebe Frau (er meint: ich wollte nicht mehr raus, aber meine Frau hat mich so lange und nachhaltig überredet, mit ihr den Erdbeermond anschauen zu gehen, bis ich nachgegeben habe – der innere Spötter) sind wir nochmals außer Haus und nachdem wir den Mond nirgends gefunden haben, hat sie bald aufgegeben, aber ich hatte doch angebissen und bin lange an die verschiedensten Plätze gerannt, bis ich ihn endlich auf der Augartenbrücke gesehen habe; beim ersten Besuch dort zwei, drei Stunden früher jedoch war er noch nicht zu sehen. Man also kann ruhig sagen: ich war stundenlang unterwegs. Ich bekomme wirklich einen Gehfimmel. Zwar bin ich immer gern gegangen, aber das jetzt ist mir nicht mehr geheuer und ich fürchte, dass das noch in einen Zwang ausarten wird.

Und jetzt beginnen schon die Dinge, die ich sehe, auf meinem Blickfeld wie auf einer Filmleinwand herabzurinnen. Zeit, schlafen zu gehen.


(12.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4087 Wenn doch

 



11:41 a.m.  Eigentlich bin ich über meinen Höhepunkt schon hinweg: der dritte Cappuccino wirkt schon leicht zersetzend, meine Seele tendiert schon ins Raunzige und Lustlose und den Gipfel der Kaffeeeuphorie muß ich beim Lesen verpasst haben. Ich schaue, ob ich jetzt in schreibender Weise mich in eine wenigstens ansatzweise, minimale Glückseligkeit versetzen kann. Nachdem ich - wie fast immer – die Schreiberei ohne jede Idee gestartet und doch bis jetzt 66 Wörter hingeschrieben und mich dabei hoffentlich nicht verzählt habe (zählen scheint sein neuer, fragwürdiger Ausweg aus der literarischen Einfallslosigkeit zu sein – der innere Spötter), muß ich gar nicht unzufrieden sein. Eine Welle von Schwermut überkommt mich jetzt angesichts der sanft vom Wind bewegten Äste und Zweige der Bäume und Sträucher draußen – also bin ich am besten Weg zu meiner eingeforderten Glückseligkeit. An der Decke zwischen den Kristallkugellustern dreht sich der Ventilator flott und still gegen den Uhrzeigersinn. Ja, ja, mir kommen wirklich Tränen in die Augen, einfach so [ich glaube nicht, dass das mit den aktuellen Ereignissen in Graz zu tun hat, aber wenn doch - und ich bitte, das nicht mißzuverstehen – dann empfinde ich ein starkes Mitgefühl mit der Einsamkeit und Verzweiflung des Attentäters – empfinden heißt in sich finden, egal ob einem das Gefundene angemessen vorkommt oder nicht. Aber das kann ich so nachempfinden: dieses Übriggebliebensein, alle habe es geschafft, nur ich nicht, ich bin am Abstellgleis, alle anderen finden sich einigermaßen in der Welt zurecht, nur ich nicht, ich verstehe ihre Spielregeln einfach nicht (ich schildere nur meine Empfindungen und Assoziationen; wieweit diese Annahmen und Unterstellungen mit dem realen Attentäter zu tun haben, ist eine ganz andere Frage). Einmal zeige ich es ihnen! Einmal werden sie mich ernst nehmen und respektieren müssen! Wenn ich schon untergehe, reiße ich ein paar mit in den Untergang.

Auch ich bin voller solcher Phantasien; die vielen Abwertungen, Bloßstellungen, Beschimpfungen in meinem Leben, nicht nur, aber auch die in der Schule, tun immer noch weh. Oft ertappe ich mich, wie ich bei meinen inneren Monologen mir Dialoge etwa mit ehemaligen LehrerInnen ausdenke, wo ich offensichtlich die wirklich stattgefundenen zu „verbessern“ versuche, wo ich endlich nicht wie gelähmt bin und mir angemessene und richtige Antworten einfallen, wo ich wahrgenommen und angehört werde und ich die passenden Reaktionen zum Selbstschutz parat habe. Wo mir die Pfeile nicht so tief in Seele und Fleisch eindringen und ich mich vor Verletzungen schützen kann. Wo ich nicht angegriffen werde. Ich war doch auch einfach ein Kind, dass es gut machen wollte! Oh ich könnte heulen. Ich werde heute Abend für den Attentäter beten.

Ich bin dem Leben und der katholischen Kirche meiner Kindheit wirklich dankbar, dass ich damals auch andere Inhalte kennengelernt habe, dass es auch andere Kriterien gibt als die der Welt der Dualität, der Siege und Niederlagen und der egoistischen Rücksichtslosigkeit und so weiter und so weiter. Zum Beispiel Aussagen wie: mit jedem Menschen hat Gott etwas vor, keiner ist sinnlos in der Welt! Würde ich nur die Welt des sicherlich falsch verstandenen und faschistoid interpretierten Survival of the fittest und der propagierten Ausmerzung unwerten Lebens kennen (Nazierbe!), dann erschiene mir vielleicht auch in der eigenen Wehrlosigkeit und im eigenen Untergang endlich um sich zu schießen als ein Ausweg, um wenigstens in den letzten Minuten kurz als Überlebender aufzuleuchten, bevor man endgültig untergeht.]


(11.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4086 Schritte

 



Damit das auch einmal dokumentiert und in der Schublade abgelegt ist (dabei wagt er es unverschämt, sich zur literarischen Rechtfertigung auf Handke zu berufen, der – wenn ich mich richtig erinnere – die Reihung der Titel der japanischen Hitparade und – wenn ich mich nicht irre - die Aufstellung irgendeiner Fußballmannschaft in seinen literarischen Text aufgenommen hat – der innere Kritiker).


18.5.2025: 8 692 Schritte. 19.5.: 12 112 Schritte. 20.5.: 11 046 Schritte. 21.5.: 10 223 Schritte. 22.5.: 4 460 Schritte. 23.5.: 9 580 Schritte. 24.5.: 5 888 Schritte. 25.5.: 6 453 Schritte. 26.5.: 10 341 Schritte. 27.5.: 14 083 Schritte. 28.5.: 8 943 Schritte. 29.5.: 7 758 Schritte. 30.5.: 15 831 Schritte. 31.5.: 9 276 Schritte. 1.6.: 11 276 Schritte. 2.6.: 8 028 Schritte. 3.6.: 6 604 Schritte. 4.6.: 16 274 Schritte. 5.6.: 10 481 Schritte. 6.6.: 10 898 Schritte. 7.6.: 13 189 Schritte. 8.6.: 18 100 Schritte. 9.6.: 11 446 Schritte. 10.6.: 12 784 Schritte. 11.6.: 22 682 Schritte.


(Ach ja: San Marino – Österreich: 0 – 4.)


(11.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 10. Juni 2025

4085 Auf der Steinbank

 



14:20.  Nun sitze ich auf der Steinbank am Zusammentreffen der Leopoldsgasse mit Im Werd, blicke auf die Blütenquasteln im gebogenen Rasenhalbkreis (fast ein Halbkreis) und die große Säulengleditschie (glaub ich) dahinter mit dem unmöglichen und unleserlichen Metalldenkmal davor. Die leicht trübe Sonne (Rauch aus den kanadischen Waldbränden?) scheint mir auf die Kappe auf meinem Haupt (und der Pilotstift ziert sich, anstandslos seine Tinte freizugeben. Oder meine zu lange aufliegende rechte Hand hat schon zu viel Fett aufs Papier abgegeben). Eine fette Fliege landet im aufgeschlagenen Notizbuch; als ich sie betrachte, weicht sie aus und hüpft gut zehn Zentimeter weiter auf die Lehne der Steinbank (sie wird das Stück wohl geflogen sein – der innere Korrektor). Ein Hund scheißt still und konzentriert vor die Hauswand von Im Werd 19 und sein Herrchen räumt es brav weg. Bei den von mir „Quasteln“ benannten kugelförmigen Blütenständen gibt es übrigens auch Dolden mit einem richtig satten Gelb. Der Autoverkehr ist noch moderat. Man merkt, dass ein Feiertag ist. Der Wind scheint von rechts zu kommen, das müßte Osten sein. Jetzt hat er sich ein wenig gedreht in Richtung mehr aus Norden. Ich höre jemand mit Musik vorbeifahren, aber habe den Blick nicht gehoben. Meine Frau, auf die ich hier gewartet habe, ist gekommen. Auf in die Schöne Perle.


(9.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4084 Auf einen Haufen

 



11:30 a.m.  Ich sitze mit dem Rücken an der Lokalwand außen und auf der anderen Seite des Gehsteigs befindet sich noch ein extra Schanigarten, an dessen gottseidank schlichten Begrenzungszaun direkt vor mir ein blauer blechener Blumentopf hängt mit – hmm – was ist das für eine Pflanze? - ich weiß es nicht. Es ist warm, aber nicht heiß, windig, aber gerade noch nicht unangenehm, sondern erfrischend. Normalerweise sitze ich nicht draußen, aber heute habe ich mich dazu durchringen können. Die Gespräche am Nebentisch lenken mich ab. Und sie rauchen auch. Ein Vater  - mit Kleinkind im Buggy und Hund an der Leine - der gerade vorbeigeht, hört halblaut – verdammt, ich kann mich nicht konzentrieren und finde den Namen nicht – eine Mozartoper – na! Eh die Oper … die mit dem Papageno – mir fällt der Name nicht ein! Ah! Die Zauberflöte! (Der ist mit seinem Kind sicher schon zwei Kilometer weiter, bevor mir der Name der Oper eingefallen ist, die er aus irgendeinem Gerät hört, vielleicht zur Beruhigung des Kindes, das vielleicht schlafen soll.)

Inzwischen hat der Wind schon oft die Blumen in den Blechtöpfen geschüttelt, aber vom Geist erfüllt fühle ich mich noch nicht. Autos fahren heute am Feiertag nicht viele vorbei, aber jedes einzelne ist lästig.

Ich bin dazu übergegangen, am Gespräch am Nebentisch mitzunaschen und sogar ein paar Sätze einzuwerfen.

Langsam kann ich den Rauch vom Nebentisch sogar genießen, obwohl (oder weil) mir dabei das Gehirn gelähmt wird (unglaublich, wie nach mehr als zwanzig Jahren solche körperlichen Suchtreaktionen abrufbar bleiben! - ich meine, nur wegen dem bisschen Rauchschwade vom Nebentisch!).

Ich ziehe ein wenig den Kopf ein, um unter dem Sonnendach aus rosa Stoff auf den grünen Hirschen oben am Dach des Hauses Taborstraße/Karmeliterplatz, der auf die Heiligen der Karmeliterkirche herabschaut - wenn er sie nicht überhaupt stolz übersieht - blicken zu können. Ein Mann mit hellem Strohhut und Rucksack photographiert am Karmeliterplatz. Dann kommt er näher und photographiert in die Gasse und dreht sich dabei. So wie er sich jetzt neuerlich gedreht hat, müßte er mich am Photo haben – wer weiß, was das bei den zukünftigen BetrachterInnen auslösen wird! Nun photographiert er den Himmel, ebenfalls in einer Drehung.

Die Schatten der schönen, schlichten Klappsessel kommen graphisch und überhaupt so schön am Asphalt des Gehsteiges. Der Wind rüttelt sehr schön die große Linde (glaube ich) dort drüben bei der Kirche. Dahinter sehe ich ganz klein die Passanten die Taborstraße hinauf oder hinunter gehen, mehr wie undeutliche Schemen nehme ich sie wahr. Nun die Straßenbahn stadtauswärts. Und – viel näher – fast als Kuriosität: vier Halteverbotsschilder auf einen Haufen (aus meiner zusammenschiebenden Perspektive).


(9.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4083 Erstens so still

 



4:20 a.m.  Ist die Morgendämmerung schön! Erstens so still, und dann dieses sommerlich-mollige Grau, aus dem sich das feste, sanfte Grün der Hofbäume schält. Nur straßenseitig im Nordosten gewinnen die Dinge schon schärfere Konturen und leuchtet noch der Morgenstern vor einem schon glänzenden Hintergrund. Wind kommt auf und rüttelt und schüttelt die Bäume im grauen Hof, aber alles noch so still. Andächtig lausche ich durch das offene Fenster hinaus und werde daraus nicht schlau, im Nordosten schreien die Krähen vom Augarten den Tag ein, während der Wind auch die drei Säulengleditschien zum stillen Tanzen bringt. Ein erstes Auto röchelt vor sich hin, bis die Tür klescht und der Fahrer Gas gibt und wegfährt.

Der Luftzug ist immerhin so stark, dass er auf meine Ohren drückt und der Holzrabe im Fenster schaukelt. Das Graue hat sich in mein Zimmer zurückgezogen und ich betrachte in dieser Dämmerung meine Bilder an der Wand, die sich so verheißungsvoll und so vielversprechend geben, wenn sie denn einmal im Licht sein werden. Ich habe den Geruch von Katzenpisse in der Nase, aber das kann nicht sein, denn hier gibt es schon lange keine Katze mehr.


(5.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 4. Juni 2025

4082 Szenario

 



1:39 a.m.  Die Schmerzen im linken Knie strahlen aus zu den Füßen hinunter und auch hinunter zum Gesäß, denn ich hocke mit angezogenen Beinen im Bett. Wie von Ferne wummert ein hier leises Geräusch – keine Ahnung, was es ist. Autoverkehr – scheint mir – ist es nicht, es klingt eher wie eine Maschine, aber um diese Uhrzeit?


7:03 a.m.  Das ist heute das Startszenario in den Tag: das ist der Traum, mit dem ich aufgewacht bin: Zwei junge Typen – eindeutig Inländer – kommen auf mich zu und ich ahne schon, dass es brenzlig wird. Sie kommen immer näher, grinsen schief und haben vor, mich zu attackieren. Ich weiß, ich habe keine Chance. Gleich mein erster Versuch, mich zu wehren, geht ins Leere; mein Tritt richtet nichts aus. Ich bin verloren. Zitternd vor Angst wache ich auf. Die Realität beruhigt mich nicht wirklich: mir kommt vor, das Aufwachen ist nur ein Aufschub. Die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen lassen keine Hoffnungen zu. Ich kann nicht sagen: das ist nur ein Traum!


(4.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4081 Die blaue Tafel

 



11:49 a.m.  Die blaue Tafel schickt die Fußgänger nach rechts. Wie schnell man das hysterische Gelb der Baustellenumzäunung hinnimmt, obwohl es einem Übelkeit bereitet und das Gesichtsfeld richtig stört. Ich schaue durchs große Fenster der halbleeren Aida auf die Wollzeile hinaus. Jetzt beginnt es zu regnen, viele spannen ihre Schirme auf. Andere viele haben offensichtlich keinen dabei. Allzu stark ist der Niederschlag nicht. Zwar bin ich nicht euphorisch, aber niedergeschlagen bin ich auch nicht (Bitte! Spare dir und uns diese unnötigen, schwächelnden Wortspiele! - der innere Kritiker). Die direkt am Fenster vorbeigehen, kommen oft nicht umhin, mich anzuschauen. Das ist Instinkt: man/frau muß wahrnehmen, was in seiner/ihrer Nähe im Gesichtsfeld auftaucht – egal ob sich das Objekt nähert oder ob man/frau selbst sich auf das Objekt zubewegt. Jetzt rumpelt eine kleine Handwalze über den frisch ausgebrachten Asphalt und presst und glättet ihn. Jetzt hat mich wer durch das Fenster angeschaut, dass ich den Blick senken mußte. Es ist viel los auf der Straße und hier scheint ein Ort zu sein, wo ich die Menschen in meinen Gedanken nicht von oben herab bemeckern muß. Ich denke wirklich „Tut ein jeder, wie er kann!“ (Danke Perdita für den Spruch). Jetzt hat mich Hinausstarrenden eine flotte ältere Passantin angelächelt! Auf das hinauf bestelle ich mit sogleich einen zweiten Cappuccino (wieso? Um deine Erregung zu dämpfen? - der innere Spötter). Das war gar nicht so leicht, denn freundlicherweise lassen sie mich hier in Ruhe sitzen und schreiben (Der Arme! So viel Arbeit! Er hat aufstehen müssen und zur Budel vorgehen, weil er es nicht geschafft hat, durchs ganze Lokal zu rufen – der innere Spötter).

Es gefällt mir gut hier. Auch der Ort mit seinen Gebäuden und dem kleinen Platz, der sich durch das alte Bauwerk auf Nummer 27A, das von der Gasse ein gutes Stück zurückgesetzt ist, ergibt. Ich finde auch den eingepassten vermutlich frühen Nachkriegsbau schön (ich werde hingehen und es überprüfen; meistens sind an den Häusern Tafeln mit Information zu Errichtung und Bauträger angebracht). (Das zu tun hat er vergessen – der Tipper.)

Am Klo gibt es nur diese Gebläsetrockner, keine Papiertücher, was ich nicht mag, denn ich frage mich, wo bei der Gebläsetrocknung der Dreck verbleibt, wegen dem ich zu Hause von Zeit zu Zeit die Stoffhandtücher waschen muß. Außerdem trocknen diese Geräte alle so furchtbar schlecht; da verkochen einem die Hände, bevor sie trocken geworden sind.

Der gute Regen hat offensichtlich aufgehört (gut ist er, weil er heruntergekommen ist und die Erde benetzt hat, nicht, weil er aufgehört hat – der innere Übertreiber). Heruntergekommen bin ich nicht, nur ein wenig schlampig (Bitte! Bitte, bitte, bitte nicht solche Wortspiele! - der innere Korrektor). Am Himmel sehe ich nun blaue Stellen und die restlichen Wolken werden heller. Ein Arbeiter plagt sich mit zwei riesigen A aus Plastik - ich meine die Buchstaben – auf seiner Transportrodel die Stiegen von der Aula der Wissenschaft (27A) herunter, dass sie ihm nicht hinunterrutschen. Und drei Damen kommen aus dem Eingang dieser Aula und bringen ein neues Plakat an (liebe LeserInnen, merkt ihr das versteckte Wortspiel Eingang – herauskommen?). Anscheinend ein Dekorations- und Veranstaltungsankündigungswechsel (mein Gott! Manchmal weiß ich nicht, ob ich dich wegen deiner Wortkombinationsschöpfungen umarmen oder ohrfeigen soll! - der innere Korrektor). Aber das Plakat, das die drei Damen aufhängen, ist von hier aus gesehen sowohl graphisch als auch überhaupt mickrig. Da hilft es nicht viel, dass sie zwei übereinander anbringen (ich bin hingegangen und habe es überprüft: es kündigt eine Kunstauktion zu einem – sicherlich! - guten Zweck an, dabei schaut es aus wie ein Werbeplakat für eine Prozentverbilligungsaktion von Billa oder Penny. Aber bitte! Wer bin ich, dass ich das alles kritisieren darf).

Jetzt ist der Himmel ziemlich blau und nur ein paar weiße Wolkenfetzen ziehen flott über, unter oder auf ihm hinweg. Es ist deutlich heller (No na! Wenn es aufgeklart hat! - der innere Spötter).


(3.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4080 Die beste Lösung

 



18:24.  Der Himmel ist ganz grau hinter dem starken Grün der Götterbäume, die Luft steht schwül, nur ein ganz leichter Windhauch. Das ist vor einem Gewitter. Ein Flugzeug röhrt näher und deutlicher als sonst durch die Luft, Geplauder dringt bis hier herauf in den dritten Stock, bleibt aber unverständlich. Im unteren Bereich der Wohnung setzt Meditationsmusik ein, vom Hof kommen die unglaublich schnellen Akkorde einer Balkanziehharmonika, vermutlich live und nicht von einem Tonträger. Ich setze mich von der gepolsterten Bank auf den harten Stuhl hinten an der Wand des Ateliers, aber auch so kann ich nicht bequem schreiben und ist mein Ausblick nicht optimal. Ich überlege einen weiteren Platzwechsel. Es fühlt sich so an, als könnte das Gewitter jeden Moment losbrechen, oder zumindest ein Platzregen. Ich wechsle in das Musikzimmer und habe so meine Blickrichtung um 180° gedreht. Hier im Nordosten ist der Himmel noch heller und die dunklen Wolken schieben sich erst über meinem Kopf hinweg von hinten herein. Auf dieser Seite hört man auch den Autoverkehr. Der schwache Wind bewegt manchmal die Vorhänge und die Tauben fliegen unruhig weg, als würden sie sich in Sicherheit bringen wollen. Aber noch ist nichts passiert. Noch regnet es nicht. Nun scheint der Wind zuzulegen. Der Mann am Balkon gegenüber steht auf und geht hinein, ich bemerke ihn erst jetzt. Die dunklere Wolkenschicht hat schon fast den ganzen Himmel überzogen. Irgendwo wird etwas abgeladen, ich sehe es nicht, ich höre es nur. Ein Motorrad schleppt sich müde und mühsam vorbei (ich sehe es nicht), auch ein paar Autos rollen um die Kurve (von meinem Standort aus sehe ich nicht auf die Straße). Die dunklere Wolkenschicht reißt über meinem Kopf auf und bringt die hellere darüber wieder zum Vorschein – zieht das Gewitter vorüber? Die ersten Donnerschläge, die ich hören kann, müssen weit entfernt sein. Es ist ein majestätisch langsamer, wunderbarer Reigen aus Wasserdampf, der sich da am Himmel abspielt. Aber die Anspannung läßt nach, vielleicht ist das Gewitter vorbeigezogen und geht woanders nieder. Auf der anderen Seite, im Südwesten, flirren die Blätter der Bäume immer noch nervös.

19:15.  Jetzt regnet es ganz normal; das Unwetter scheint woanders ausgebrochen zu sein. Es geht in einen Landregen über, für alle Beteiligten hier vermutlich die beste Lösung.


(2.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4079 Das Wetter stellt sich um

 



13:11.  Ich biege um die Ecke und der Schall des plätschernden Brunnens erreicht mich nicht mehr, gar nicht. Nichts. Ich betrete die Höfe und der Lärm der Stadt ist nur mehr ein fernes, undeutliches, verschwommenes Rauschen. Nur die Flugzeuge mit ihren schmutzigen Tricks bearbeiten die Stille zynisch von oben her. Und ab und zu fährt ein ganz wichtiges, professionelles Auto durch (Reinigung vielleicht, so genau habe ich nicht hingeschaut). Ich sitze beim Tietze-Tor im Hof 3 am Uni-Campus vor einer gottseidank noch ungemähten Wiese; die Büsche und die Zweige der Bäume wiegen sich im – noch! - sanften Wind und so tun auch die längeren Gräser und Halme. Auf der Nachbarbank eine alte Frau, die auch schreibt, oder eher Rätsel löst – vielleicht zum Training ihres Gedächtnisses. Immer wieder wandern Personen vorbei in verschiedenen Konstellationen und vor unterschiedlichen persönlichen Hintergründen. Ach mein Knie! Schmerzt. Viele PassantInnen sind jung. Klarerweise. Die sanfte Brise kitzelt nicht nur die Wiese vor mir, sondern auch die Haut meiner nackten Unterarme wegen ihrer Haare. Schön das Knirschen des Schotters auf den unasphaltierten Wegen. Ich werde jetzt aufstehen, herumgehen und dieses Geräusch selbst erzeugen, bis es Zeit für meine Psychotherapie ist. Das Wetter stellt sich gerade um. Gewitter sind angesagt. Nicht nur das Knirschen ist schön, sondern auch das Fühlen der Steinchen durch die schützenden Schuhsohlen hindurch.


(2.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 2. Juni 2025

4078 Halte still

 



9:25 a.m.  Schon früh besorgt und unruhig aus dem Schlaf erwacht; das ist schon einige Zeit so gegangen und ich beruhige mich nicht und nicht. Ein wenig warte ich noch, ob ich nicht doch herunterkomme, bevor ich in den Tag starte. Die leichte Übelkeit scheint jetzt Standard zu werden. Der Wirbel der angekommenen Tageskinder wird mich mit seiner Fröhlichkeit auch aus dieser Startblockade herauswirbeln, aber noch bin ich in meinem Zimmer oben und halte still.


(2.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4077 Elegisch

 



1:57 a.m.  Wieder ist es still. Eine kleine Mücke landet nach ihren im Versuch, dem Lichtkegel der Leselampe zu entkommen, ausgeführten und verzweifelten Tänzen immer wieder auf der aufgeschlagenen Notizbuchseite, und ich beginne zu sinnieren, ob das mit mir und meiner Schreiberei – oder meinem Leben überhaupt – nicht auch ähnlich ist, aber erlaube mir nicht, diesen selbstmitleidigen Gedanken weiter zu verfolgen.

Aus der Ferne rauscht ein elegisches Flugzeug über dem Himmel und verbraucht viel Energie und läßt viele umweltschädliche Abgase zurück. Elegischsein allein hilft also nichts und ist keine Rechtfertigung. Die Gegenstände, die ich anstarre, beginnen schon sich zu bewegen und das heißt wohl, dass ich sehr müde bin. Mir fallen die Augen zu und dann höre ich Stimmen. Sie reden jedoch so undeutlich und lassen sich viel zu schnell verscheuchen. Ich betrachte den vorgestern erst an die Wand getackerten Sturmwind der Werefkin und bewundere den hellen Bereich vor der Bar und ihre verlorenen Gestalten. Bei uns hier ist es windstill und das nächste Flugzeug zieht seine schmutzige Bahn unter den Himmeln.     Amen.    Schlafen.


(2.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Sonntag, 1. Juni 2025

4076 Der Zechen

 



16:47/48.  (Ich mußte zweimal die Uhrzeit nachschauen, weil ich sie bei der ersten Kenntnisnahme sogleich nach dem Weglegen des Smartphones – wo ich die Zeit abgelesen hatte – schon vergessen habe.)


Ich lehne also vom Fitnesstraining erschöpft auf meinem Bett mit den zwei Pölstern im Rücken und habe gelesen (jüdische Theologie; das Buch war zur freien Mitnahme im Stiegenhaus unten ausgelegt) und bin dabei ein wenig eingeschlafen. Als ich die Augen öffne, sehe ich an meinem rechten Fuß, den ich verschränkend – also an den Knöcheln überkreuzt – über den linken gelegt habe – der rechte Fuß liegt mit seiner rechten Kante mit der Stelle unter der kleinen Zehe im Zwischenraum zwischen großer Zehe und der zweiten des linken Fußes - eine recht schöne - und wie ich finde - friedliche Verschränkung – und ich trage wegen der sommerlichen Temperaturen heuer zum ersten Mal in der Wohnung meine kurze, schon recht schäbige und löchrige, aber kurze Hose – festgebunden mit einem absurden Strick mit fast ins Wahnsinnige irregeleiteten übergroßen Knöpfen an seinen Enden – somit kann mein nach vorne-unten gerichteter Blick meine schönen und schön ausgestreckten Beine wahrnehmen – ich sehe also, wie ich die Augen vom Schlaf öffne, zu meiner Überraschung am rechten Fuß eher links mitten am Rist – ich hoffe, die Bezeichnung stimmt – in Linie der großen Zehe einen neuen Zehen herauswachsen. So im Aufwachen schaut er ganz echt aus; Zehennagel hat er noch keinen, offensichtlich hat sich der zusätzliche Zechen auf dem Fußrücken noch nicht fertig entwickelt, aber er ragt schon mindestens einen Zentimeter heraus.

Erstaunlich lange bleibt diese Wahrnehmung bestehen, und ich will gar nicht hören, was mein Verstand dazu sagt, dass das nämlich eine optische Täuschung durch Licht und Schatten ist, hervorgerufen an einer Stelle, wo der Knochen, von dem ich nicht weiß, wie er heißt, aber der in der rückwärts Richtung Ferse laufenden Verlängerung des Knochens der große Zehe genau dort einen kleinen Wulst macht – völlig normal, würd’ ich sagen (die Ratio hat inzwischen die Herrschaft übernommen) verstärkt durch meinen noch verschlafenen Wahrnehmungsapparat. Leider! (Ich habe nachgeschaut: es müßte der Mittelfußknochen der großen Zehe sein – der Tipper.) Und die Moral von der Geschicht’? Die Geschichte hat keine.


(1.6.2025)


Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4075 Winken

 


[Vorbemerkung des Tippers: Jetzt ist der 1. Juni 2025, 17:32 Uhr, ich habe gerade im ehemaligen Atelier den Wäscheständer frei geräumt und die trockene Wäsche fürs Hinuntertragen später bereit gemacht und mich hier im Atelier soeben bei offenem Fenster für das Eintippen der handschriftlichen Texte der letzten Tage an den Computer gesetzt, als draußen ein Gewitter aufzieht. Der Wind biegt und rüttelt wild die Bäume im Hof, die sich aber immer noch gekonnt und elegant bewegen; Windböen kommen zum Fenster herein und bringen schon einzelne Regentropfen mit. Herrlich! Einfach herrlich! Die Wolkendramaturgie atemberaubend. Wunderschön und stark!]


Ungefähr 18 Uhr. Ich walke nordisch am linken Ufer des Donaukanals hinauf bis zur Friedensbrücke, überquere diese und marschiere auf der anderen Seite wieder hinunter bis zu diesem Steg, der irgendeinen Firmennamen trägt, den ich nicht nennen will. Als ich diesen überquere, um wieder aufs linke Ufer zu kommen, weil mir am rechten Ufer zu viele rücksichtslose, zum Teil motorisierte Radfahrer unterwegs sind, kommt gerade ein Ausflugsschiff diesen Seitenarm der Donau herunter. Ich kann nicht widerstehen und winke den Passagieren am Schiff vom Steg oben zu – obwohl ich es sehr kindisch finde – und wie eigentlich immer winken ein paar zurück. Ich freue mich so und mir schießen die Tränen in die Augen. Dann beginne ich nachzudenken: was löst diese Gefühle und Empfindungen aus? Und welche sind die? Weil die am Schiff unterwegs sind und ich am Abstellgleis? Weil mein Winken Resonanz gefunden hat, wenn auch nur aus einer unüberbrückbaren Distanz? Weil die Distanz unüberbrückbar ist? Ich weiß nicht, warum mir diese kleinen Gesten so nahe gehen. Dann walke ich weiter zur Rossauerbrücke und gehe dann heroben auf Straßenniveau zur Augartenbrücke vor und die Untere Augartenstraße hinauf nach Hause.


Ein anderes kleines, schönes Erlebnis hat sich ein paar Tage vorher abgespielt: ich komme – immer zu Fuß – vom Fitnessstudio und gehe nach Hause. Ich überquere die Leopoldsgasse bei der Schönen Perle – dort ißt man übrigens recht gut - und biege in die Schiffamtsgasse ein, als ich einen kleinen Buben – schätze so um die zwei – bemerke, der an der Hand seines Vaters – nehme ich an – dahinmarschiert und inbrünstig und ständig in seine Kinderpfeife bläst – das sind diese Kinderpfeifen, die an eine Schiedsrichterpfeife erinnern. Da fällt mir ein, dass ich auch eine solche bei mir trage. Ich habe schon einmal ein Tageskind damit erfreut und so mache ich es auch jetzt: ich nehme die Pfeife und blase wie zur Antwort fest hinein. Der Bub schaut erstaunt auf und schaut sich um, wo das herkommt – sein Vater bemerkt das nicht, denn sie gehen unverdrossen weiter – ich blase nochmals rein und als er herschaut, zeige ich ihm über die Straße hinweg, dass ich die selbe Kinderpfeife habe, indem ich sie hochhebe, und dass ich der Dazwischenpfeifer war. Jetzt lächeln wir beide – er grinst sogar über das ganze Gesicht - und dann gehe ich weiter die Schiffamtsgasse nach Hause, während er an der Hand seines Vaters die Leopoldsgasse hinaufgeht.

Bleibt noch die Frage, warum ich eine solche Pfeife bei mir trage. Nun, Kinderspielzeug gibt es in unserer Wohnung genug und wie diese Pfeife in meine Hand gekommen ist, weiß ich nicht mehr. Ich kann mich nur erinnern, dass ich einmal, nachdem ich des Nachts unterwegs war und – völlig grundlos – Angst verspürt hatte, diese herumliegende Pfeife in meine rechte Sakkoaußentasche gesteckt habe, sozusagen für den Notfall – so zweifelhaft ihre Wirksamkeit auch sein mag. Ich möchte nur betonen, dass diese meine Angst nur in mir ist, und mit der Umgebung nichts zu tun hat; ich bin hier in diesem Grätzel noch nie belästigt oder blöd angesprochen worden. Diese Sache steckt in mir.


[Inzwischen regnet es hier so schön und manchmal donnert es; der Wind hat sich gelegt und der Regen prasselt unverzerrt auf die zumeist versiegelten Böden nieder – der Tipper]


(31.5. und 1.6.2025)
 

Peter Alois Rumpf Juni 2025 peteraloisrumpf@gmail.com