Donnerstag, 28. August 2025

4184 Stadtwanderung III

 



13:34.  Auf dem Weg nach Hause kehre ich ins Museumsquartier ein. Beim Durchqueren der Tonspurpassage halte ich zunächst den Lärm und das Geklopfe der Presslufthämmer der Umgebung als zur Toncollage gehörig. Nun stehe ich im mumok vor Giacomettis Femme debout III, 1962 (weil die vier Sitze von einer dicken Frau so besetzt sind, dass man auf den anderen Plätzen keinen Platz findet). (Stimmt nicht! Es stehen fünf Hocker dort und er hat sich jetzt doch getraut und auf den vierten in Reihenfolge Platz gefunden und sich gesetzt, auch wenn der Blick auf die Skulptur nicht optimal ist. Er hat seine Sozialängste der armen Frau als Aggression um den Hals hängen wollen! - der innere Korrektor.) Die Frau ist jetzt aufgestanden und weggegangen und ich habe mich nun auf ihren, den zweiten Hocker gesetzt, der einen optimalen Blick auf die Femme zuläßt – keine störenden Objekte hinter der Figur, nur eine weiße Wand (daran kann man/frau sehen, dass sein beständiges Benachteiligungsgejammer nicht angebracht ist: er hat sich hier ohne große Anstrengung durchgesetzt und den besten Platz erobert. Ob wegen seiner aggressiven Ausstrahlung, oder weil ihm irgendwelche kosmischen Kräfte helfen oder unerlöste Vorfahren, oder der bajuwarische Affenarsch, der drüben zur Wiedergutmachung verdonnert ist – egal! - der innere Spötter). (Und jetzt verplempert er seine Zeit, statt die wunderbare Figur zu betrachten – der innerste Spötter.) Nun endlich lehne ich mich entspannt an die Wand hinter mir, überkreuze die Beine und kann die Skulptur anschauen. Die Skulptur daneben steht etwas zu nahe an der Femme und stört, lenkt ein wenig ab, aber kann sie nicht verdrängen. Diese schlanke, langgezogene, dürre, typische Giacomettifigur mit den übergroßen Füßen – deren Proportionen und Ausstrahlung trotzdem nicht schirch oder lächerlich wirken, sondern edel, elegant und schön, hat außerdem wirklich schöne Brüste (ja, ja, ich habe eh Hemmungen das hinzuschreiben und komme mir dabei schlecht vor). Ich schaue immer wieder hin und lasse meine Augen auf der Skulptur wandern. Ein eigenartiger Gedanke kommt mir in den Sinn: sind die Figuren von Giacometti alle Abwandlungen der Christusdarstellungen in der Kunstgeschichte? Weil: so wie sie dastehen: preisgegeben und trotzdem edel? So eine Art demokratisierte und säkularisierte Ecce-homo-Darstellungen? Wenn das stimmt, hat Giacometti das völlig zu recht gemacht! Selbst katholisch heißt es, in Christus hat uns Gott gezeigt, wie er sich den Menschen gedacht hat – mit Auferstehung und Himmelfahrt. Das ist aber keine Einbahn. Wir melden auch nach oben: schau, welch ein Mensch! Der Schmerz in den Skulpturen könnte dann sein, weil oder insoferne es die Menschen/die Menschheit nicht geschafft hat, den Salto ins Unvorstellbare (C.C.) zu machen. Wie auch immer: diese Skulptur ist wunderschön! Ich sehe darin Edles, Trauriges, Schönes, Schmerzliches, Allgemeingültiges. Ecce homo.


14:34.  Am Gestade. Der Wind, wenn er weht, bricht die Hitze. Ich raste und mein Herz klopft wegen der zwei Cappuccini. Ich habe die schattige Bank vorm polnischen Institut frei vorgefunden. Ein typischer Sommernachmittag in der Stadt. Ein Asiate telefoniert auf der Marienstiege laut und mit Bildübertragungsfunktion. Oh! Direkt vor mir zu meinen Füßen kreiselt die Windböe einige Blätter in einer eindrucksvollen Spirale, bevor sie sie wieder in die Umgebung verteilt. Ich bin gerührt. Vor lauter Verkehrslärm ist das Plätschern des Brunnens nicht zu hören, oder ist es der Wind, der den Schall von mir weg weht? Die Kirchturmuhr, die ich nicht sehen kann, schlägt dreiviertel. Ein seltsamer Geruch erreicht meine Nase; vielleicht von einer Renovierung im Haus gegenüber. Der Wind treibt immer noch die Blätter umher, ohne eine erkennbare Gestalt zu formen. Hinter mir schlägt die Tür zum polnischen Institut zu. Ich drehe mich nicht um. Der Gestank beginnt mich zu stören. Aufbruch. (Draußen beginnt es leise zu tröpfeln, oder täusche ich mich? - der Tipper.) (Es tröpfelt wirklich - der Lektor)


(28.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4183 Rage

 



Ankunft: 10:22 a.m.  Schreibbeginn: 11:58 a.m.  Ich sitze wieder glücklich im Espresso Burggasse, habe wie immer den Standard und die Kleine Zeitung/Ausgabe Ennstal gelesen (bei letzterer stelle ich fast immer fest, dass ich der erste Leser bin, denn die Blätter „picken“ vom Druckverfahren noch zusammen und ich muß sie beim Umblättern erst vorsichtig voneinander lösen). In dieser Kleinen Zeitung, die ich immer als zweite und als nicht unsentimentalen „Nachschlag“ nach dem Standard lese, lese ich nach dem ausführlichen Hauptartikel – heute über die Präsidentin von Moldau - einen Bericht über eine umstrittene Kindesabnahme in Dänemark bei einer Grönländerin, die deren Community als rassistischen Übergriff empfindet (der Trump wird sich freuen), eine Nachricht, die ich nirgends sonst gefunden oder doch übersehen habe, lese einen Beitrag über Helge Schneider (Alles Gute zum 70er: mein Beitrag dazu: Fernmeldedemonteur und Finanzsamtsekretärin) quer, blättere gerne und – ich gebe es zu – sentimental den Lokalteil Ennstal durch, ohne mich für das meiste dort Berichtete wirklich zu interessieren, die Aufzählung bekannter Ortsnamen genügt mir schon, aber lese doch den Artikel über „mein“ Gymnasium an. Den Wirtschaftsteil überblättere ich wie bei allen Zeitungen. Regelmäßig lese ich den Crashkurs: wie sagt man auf Englisch? und wie heute: Crashkurs: wie sagt man auf Slowenisch? [Wollen wir heute zusammen essen? Bomo danes zvečer skupaj jedli/e?], mache einen Blick ins Horoskop, im Sportteil natürlich lese ich den Artikel über Sturm Graz, schaue zur Amanda Klachl und – jetzt kommt’s – deswegen schreibe ich das überhaupt her: ich lese die Todesanzeigen aus dem Bezirk Liezen. Das mache ich immer so, wenn ich die Kleine Zeitung in die Hand bekomme. Bisher habe ich noch niemanden gefunden, den oder die ich kenne; ich bin ja auch schon 53 Jahre weg. Aber was will ich da eigentlich machen? Mir bekannte Namen finden? Mir mein Überleben beweisen? Oder was? Sehr fragwürdig! Und von so starken Emotionen begleitet. Ahja! Und beim Anlesen eines Ennstalartikels ist mir plötzlich ein Schauder über den Rücken gelaufen, den ich mir vom Inhalt des Gelesenen (schon vergessen) nicht erklären kann.

Cappuccino Nummer 2. Der erste, frische Schluck ist immer besonders wohlschmeckend. Der Ventilator am Plafond dreht sich, fächelt mir angenehme Luft zu und ich krieg schon wieder diese unglaubwürdigen, koffeingetränken Heulanwandlungen, die gottseidank immer innen stecken bleiben und höchstens, allerhöchstens einem aufmerksamen Beobachter an meinen Augen ablesbar wären. Zur Rettung einer auch nur halbwegs anständigen Selbstpräsentation blicke ich zum Gastgarten mit seiner herrlichen Platane und seinem Gesträuch, das eine Art lockere, aber doch schützende Hecke zur verkehrsreichen Straße hin bildet, hinaus und folge mit meinen Augen ein wenig den Bewegungen der Zweige und Blätter im Sommerwind. Das Lied, das jetzt gespielt wird, und das ich wegen den Geräuschen im Lokal kaum hören kann, habe ich allein wegen der besser hörbaren Rhythmen in Verdacht, ein Cover von Fifty Ways to Leave Your Lover zu sein, als es jedoch wieder ruhiger wird im Gastraum, stelle ich fest: meine Vermutung war falsch. Aber schön war es allemal. Plötzlich überfällt mich eine heftige Aggressionsphantasie (die vorgestellte Szene: ein unsympathischer Gast zerkratzelt mit dem Pilotstift diese mein Notizbuchseite und damit den Text, während ich am Klo bin und die Schreiberei am Tisch liegengelassen habe; ich gerate in Rage, zerschlage das Wasserglas an der Tischkante und fahre dem Täter mit dem Scherben in Gesicht und Augen; der wird sich nie mehr an meinen Sachen vergreifen!), diese Phantasie überfällt mich also, ich bin völlig weggetreten und ich zucke sicherlich in meinem Gesicht, was mir erst nach einer Sekunde bewußt wird und dann erst abstellen kann. Und wirklich: der mir unsympathische Gast geht ab und hinter der Bar geht Glas in Brüche, wie deutlich zu hören ist (nacheinander ist nicht wegeneinander). (Ah! Sind wir auf einmal der Aufklärung verpflichtet? - der innere Spötter.) Als ich zum Klo gehe und die Tür öffnen will, wird diese vor meiner Nase von innen wild aufgerissen und beinahe ins Gesicht gedroschen und es kommt eine Frau aus dem Herrenklo gestürzt und ich sinniere dann beim Brunzen – weil ich darüber nachdenke, ob diese Dame, weil fremdsprachig, die Türaufschriften D und H nicht verstehen konnte – eine Vermutung, die sich im Nachhinein, als ich die Frau an der Bar Deutsch reden höre, als falsch herausstellt – ich sinniere also dann beim Brunzen darüber, dass sprachlich die ursprünglichen Paarungen Mann und Weib und Herr und Frau sind, wobei die letztere Herrschafts- und Göttertitel sind (Herr, erbarme dich unserunsere liebe Frau vom Gestade).

So! Und jetzt? Mein zweiter Cappuccino ist noch nicht ausgetrunken, aber allmählich regt sich der innere Heim-geh-Impuls. Wenn ich entsprechend langsam nach Hause wandere, vermeide ich die Abholzeit der Tageskinder (Rushhour im Vorzimmer). 13:16 Abmarsch.

(28.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com




4182 Köpfen

 



18:14.  Ein wenig bin ich beim Lesen am Bett weggetunkt. Vorher habe ich mich noch geärgert, dass bei Berichten über Fußballspiele immer öfter köpfen statt köpfeln geschrieben wird, obwohl letzteres kein Dialektwort ist und das l so schön anzeigt, dass der Kopf dabei als Werkzeug benutzt wird. Köpfen heißt doch Rübe ab! und sonst gar nichts. Dabei bin ich gar kein Germanist und ist mein Wissen sehr beschränkt und ungesichert, schon gar nicht bin ich Lehrer und war es auch nie (die verhinderten Lehrer sind die schlimmsten – der innere Spötter). (Apropos: woher nimmst du das Selbstbewußtsein, diesbezüglich einen Leserbrief zu schreiben? Angeblich hast du ja keines! - der innere Spötter.) Ach was! Ich geh zurück zum Laptop. Dort steht auch mein Kaffee, von dem nur wenige Prozent echt sind.


(27.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4181 Der Wuscher

 



0:21 a.m.  Eine Lüftung röhrt im Lichtschacht. Der Ton hat eine leicht scheppernde Note und im Abgang – wenn sie runterfährt – etwas Blasendes. Das Blasende hört eines nämlich, wenn sie voll läuft, nicht so gut heraus, die anderen Geräuschkorpuskeln und Tonwellen überlagern es (Oida! Korpuskeltheorie bei Schallwellen! - der innere Spötter). Jetzt hat sie überhaupt aufgehört, die Lüftung, und ich weiß mit der plötzlichen Stille gar nichts anzufangen. (Gut, dass es in meinen Ohren ordentlich surrt.) Doch! Doch! Allmählich gefällt es mir doch, dass es still ist. Die Nacht bekommt dann so eine dichte Intensität und Eigentlichkeit (Geh bitte! Tu nicht so, als hättest du Heidegger studiert! - der innere Spötter). Vor lauter Eigentlichkeit schaue ich jetzt meine eigenen Bilder an der Wand (εἰκόνες ἰδιαι – um nicht zu schreiben idiotai) an, soweit sie im dürftigen Licht der Leselampe, deren Lichtkegel sich nicht mehr stabil hinaufdrehen läßt und die so ihren Lampenschirm verschämt nach unten gesenkt hält, erkennbar sind. (Jetzt gibt er wieder an! Dabei hat er mühsam und sehr lange im Griechischwörterbuch und der griechischen Grammatik herumblättern müssen und kann sich nicht einmal sicher sein, dass das auch stimmt, was er geschrieben hat. - der innere Spötter) Und? So im Halbdunkel wirken sie eh interessanter, die Bilder. Das Geräusch des Flugzeugs, das ich jetzt ganz ferne hören kann, hat etwas Stotterndes; hoffentlich passiert ihm nichts; aber vermutlich kommt das von irgendwelchen Schallwellenverzerrungen durch Wolken. Außerdem ist es ja schon längst verklungen. Zurückgeworfen auf mein Ohrensausen stelle ich fest: das ist jetzt immer noch das spannendste Nachtgeräusch, weil darin so Schübe vorkommen, als würde der polyphone, monotone Singsang plötzlich für eine Sekunde angeschoben werden und dadurch Geschwindigkeit, Lautstärke, Intensität und Klangfarben ändern und etwas höher werden. Das kommt daher wie ein akustischer Wuscher. Der kann dann auch eine kurze, eine Zehntelsekunde lange Generalpause auslösen und dann auf einen Schlag wieder alles anheben lassen. Wenn eines genau hinhorcht, entdeckt man im monotonen Brei auch feine, fast unmerkliche Schwingungen und Schwankungen, jetzt abgesehen vom gelegentlichen Wuscher, der wirklich nur selten, aber dann deutlich auftritt. Ein Flirren kann man auch identifizieren, wenn eines länger hinhört. Und ein tieferes, spiraliges Brummen (das Spiralige entsteht, weil sich das Brummen um die eigene Achse dreht und gleichzeitig vorwärts Richtung Ohrwaschl geht).

Ooooh! Meine frankophone Schweizerin ist so sexy, wie sie da im Halbdunklen als drei verschwommene Farbflecken auf der Kunstkarte im Regal lehnt!


(27.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 26. August 2025

4180 An Wunder glauben

 



12:09.  Im Espresso Burggasse. Heute haben sie schon zwei Red-Hot-Chili-Peppers-Nummern gespielt! (auf seinem T-Shirt steht: Dafür bin ich schon zu alt – der innere Spötter). (Ich gebe dem inneren Spötter viel zu viel Kompetenzen, viel zu viel Stimme und vor allem: ich lasse ihm ein viel zu großes Wirkungsfeld und viel zu große Reichweite. Aber vielleicht kann ich ihn so verwässern.) Durchs kleine Klofenster scheint die Sonne herein, die Fenster im ersten Gastraum, mein bevorzugter Aufenthaltsort, gehen nach Norden (22°N sagt der Kompass). Heute spielt Sturm Graz nach der 0:5-Niederlage im Rückspiel gegen Bodø/Glimt (wegen dem „ø“ warat’s – der innere Spötter) und wird wohl chancenlos bleiben. Grundsätzlich jedoch will ich an die Möglichkeit von Wundern glauben und meinen Geist dafür offen halten, ob beim Lotto oder beim Fußball. Aber egal, das ist nicht so wichtig. Mir kommt vor, die Kugelform des einen Glaskristallusters ist ein wenig verzogen; aber das mag eine optische Täuschung meiner Perspektive und einer ausgefallenen Glühbirne im Inneren der Lampe sein. Ich versuche die etwas fade Musik jetzt wie eine RHCP-Nummer zu hören: also mit Vorschußwohlwollen, lausche aufmerksam auf die einzelnen Instrumente – jetzt zB die Gitarre – und versuche, das Timbre von Stimmen und Instrumenten, den Melodienverlauf, die Spannung in den Akkorden et cetera wahrzunehmen. Das klappt nicht recht. Aber jetzt spielen sie einen Song, den ich liebe, aber ich weiß nicht, von wem ich ihn kenne und von wem er im Original ist. Mein versulztes Gehirn arbeitet schon, aber tut sich schwer. Eine Frau singt. Im Original ein Mann? Der Song ist vorbei und mein Gehirn hat es nicht geschafft. Das Lied ist natürlich irgendwo bei mir abgespeichert, sogar prominent und stark emotional; fast kann ich das Video vom Liveauftritt sehen, aber dann ist Tilt! Keine Ahnung, wer das ist und von wem ich es kenne. Das Lied jetzt ist auch nicht schlecht, aber ich kenne es nicht. Zeit für die Schnittenzeremonie? Ich zögere noch. Ich gehe davon aus, dass ich das Hin-und-her von ja und nein bald mit ja! beenden werde, weil dann die Schnitte aufgegessen ist und damit die Entscheidung nicht mehr revidierbar (im Gegensatz zu einer Nein-Entscheidung). Done! Wie Entscheidungen in ihren tiefsten Dimensionen gefällt werden, wäre auch ein interessantes Forschungsgebiet. Meine Zauberer sagen, Entscheidungen werden in der zweiten Aufmerksamkeit gefällt; was immer das genau heißt. (Unsere Überlegungen, Behauptungen et cetera dazu wären dann bloß etwas wie Fassadenbehübschungen? Wobei Fassadenbehübschungen oft sehr hässlich und kitschig sind!) Ach! Mein Gott! Ich kenne den gesuchten Song von John Frusciante! Deshalb diese Euphorie und die emotionale Anteilnahme und Aufgewühltheit! Wie konnte ich das vergessen! Beim John Frusciante ist der Song auch eine Coverversion. Sicher. Von wem das Original ist, weiß ich nicht und habe ich nie gewußt. Und jetzt spielen sie wieder ein Stück der RHCPers! I wer narrisch! Fast weine ich. (Ganz sicher ist er sich bei diesem Song nicht, weil er ihn nicht kennt, aber gut! Lassen wir das durchgehen! - der innere Spötter.) So! Schluß! Aufbruch!


13:50.  Wieder Am Gestade gestrandet. Es ist wieder sommerlich geworden (ohne Rückenlehne sitzt es sich nicht bequem). Am Brunnen kann ich drei Wasserstrahls? Wassersträhle? Wasserstrahlen? sehen, der vierte ist durch die Brunnenfiguren verdeckt. Ich muß einen anderen Sitzplatz suchen.


Ich sitze jetzt im Park am Rudolfsplatz auf einer Bank mit Rückenlehne – viel besser! - und es schlägt von irgendwoher zwei Uhr. Der Mann auf der Bank gegenüber telefoniert laut in einer skandinavischen Sprache. Ansonsten rasten alle Besucher ganz ruhig und still. Ich blicke über die flache, Licht-Schatten-gestreifte Wiese zum Ausgang Gonzagagasse hinüber. Im Kopf ändere ich die Route für meinen Heimweg auf über die Gonzagagasse. Ich schaue mich noch um; der junge Mann telefoniert noch immer, dann trete ich den Heimweg wirklich an.


(26.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4179 Das seelische Gleichgewicht

 



0:52 a.m.  Heute war ich unfreundlich zu meiner Frau und das bin ich öfters. Mehr sage ich nicht dazu.

Irgendeine Schrift glitzert vom Bücherregal zu mir her; lesen kann ich sie nicht. Nein, das ist keine Schrift, es ist ein leeres Glas, das dort vor den Büchern steht; ich habe es nicht gleich gesehen, nur den Glanz. Ich bin sehr traurig (nicht wegen dem da oben; auch nicht wegen dem ganz oben). Hinter den Augen zieht es sich zusammen. Aus dem Lichtschacht höre ich Wasser kochen. Jemand macht sich Tee? Ich schlittere in eine Depression, aber ich werde mich abfangen. Vielleicht ist es auch Selbstmitleid. Ich drehe meinen Kopf nach links, um über die Schulter nach hinten zu blicken, aber ich sehe meinen Tod nicht und kann ich auch nicht spüren. Der hätte die Wucht, alles zurechtzurücken. Na, dann nicht, dann verbleibe ich hald (sic!) in Schieflage. Ich werde sowieso bald schlafen.


3:28 a.m.  Ich bin wegen der Knieschmerzen aufgewacht und wegen eines bloß gefühlten, nicht lokalisierbaren Juckens auf der Haut – der Eindruck ist eigentlich: es ist einen Zentimeter über der Haut – bin aufgestanden, ins Bad gegangen, habe zuerst Wasser gelassen und dann frisches getrunken, bin dann ins Musikzimmer, habe ein Fenster geöffnet und auf die nächtlichen Gassen und die drei teilweise beleuchteten Säulengleditschien geschaut, und auf den Sternenhimmel, der sich soeben mit drei richtig langgezogenen Wolkenschleiern zu bedecken scheint. Ich habe in die Stille der Nacht gelauscht, kein Autoverkehr, nur ein wenig undefinierbares Brummen. Und jetzt hocke ich wieder im Bett und kann nicht schlafen. Ich werde es wieder versuchen.


9:04 a.m.  Aus zwei heftigen Träumen wache ich mit Selbstmordgedanken auf, weil ich mich in diesen für die Menschen nur als Belastung und Belästigung erlebt habe. Dieses Gefühl ist ganz heftig und ich bin völlig schockiert und irritiert. Damit das klar ist: Selbstmord gibt es bei mir nicht! Und wenn ich die Träume erzählte, wären das nur seichte, fade Geschichten. Was mich jedoch beschäftigt: die Heftigkeit dieser Gefühle von Scham und Unwürdigkeit, und dass ich sie kaum loswerde, obwohl ich schon gut zwanzig Minuten wach bin. Deshalb kann ich auch noch nicht aufstehen, obwohl ich mir für heute vorgenommen habe, früher als gestern rauszugehen. So hocke ich im Bett und versuche, mein seelisches Gleichgewicht zu finden; oder wenigstens irgendeines; so schutzlos und mit offener Wunde will ich nicht hinaus in die Welt: jedes Raubtier da draußen würde meine Wehrlosigkeit von weitem riechen. Wir leben in einem räuberischen Universum. Zumindest muß ich meinen Schock abklingen lassen. Essen wäre keine schlechte Idee, aber die Tageskinder werden bald zurückkommen; ich kann nicht im Pyjama und ohne Gebiss runter in die Küche frühstücken gehen; ich muß mich vorher rasieren, Zähneputzen etcetera und mich ordentlich anziehen, aber das schaffe ich noch nicht. Ich muß den Schock zuerst abklingen lassen. Meinen Tagesplan kann ich schon vergessen. Ich erlebe sogar das als Niederlage. Die Gefühle aus den Träumen sind noch lange nicht weg. Gut, diese Gefühle waren sowieso immer da, sie sind meine auferlegte Grundstimmung; die Träume habe sie mir nur durch meine intellektuellen Zurechtlegungen und Sinngebungsversuchen hindurch gezeigt. Ich muß einfach essen (Essen hält Leib und Seele zusammen). Ich muß das schaffen! Aber wenn die Tageskinder kommen, bin ich in der Küche bloß im Weg und störe und irritiere sie. Ach was! Scheiß drauf! Ich fahre in mein Lieblingscafé frühstücken!

Mit diesem Entschluß geht ein Ruck durch meinen Körper, meine Seele und meinen Geist (vermutlich in umgekehrter Reihenfolge – der innere Spötter) und ich springe aus dem Bett, erledige das Nötige zack, zack und habe keine Angst mehr, mich ohne Stärkung der Welt und den öffentlichen Verkehrsmitteln auszusetzen. Am Weg helfe ich noch zeitaufwendig einer italienischen Familie zur richtigen U-Bahn nach Schönbrunn zu finden (ich habe sie, die offensichtlich orientierungslos und wegen der teilweisen U4-Sperre – die ihre Strecke gar nicht betroffen hat – verwirrt waren, angesprochen). (Den letzten Absatz hat er schon im Espresso Burggasse geschrieben – der innere Spötter.) (Was hat das mit Spott zu tun? - der Autor.)


(26.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4178 Vier Minuten

 



13:54.  Vier Minuten habe ich Zeit, etwas zu schreiben, dann muß ich zu einem Termin. Was schreib ich denn schnell? Der Sommer ist schon gebrochen, schleicht sich jedoch zögerlich wieder heran. Heiß ist mir vor allem vom Cappuccino, den ich gerade schnell hinuntergegossen habe (ohne Brille sehe ich meine Schrift doppelt, aber im Freien bei Tageslicht geht das). Ich stehe Ecke Lakierergasse/Beethovengasse und halte das Notizbuch mit seiner Unterkante an meinen Bauch gepresst. Die Walkingstecken habe ich ans Haus gelehnt und meine Stützmanschette fürs Knie zu Hause vergessen.


(25.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 25. August 2025

4177 Allein zu Haus



7:52 a.m.  Ich komme gerade vom Traumaufschreiben. Darum finde ich nicht recht in diesen Text, den es noch gar nicht gibt. Ich schwanke zwischen aufstehen und ab ins Fitnesstudio - und weiter schlafen, was ich gerne machen würde. Mein hochgezogenes Knie beginnt von Zeit zu Zeit einzelne Schmerzpunkte loszulassen. Ich will noch schlafen. Ich huste, als hätte ich Wasser in der Lunge (richtiger: wie du dir vorstellst, wie es sich anfühlt, Wasser in der Lunge zu haben – du hast keine Ahnung – der innere Spötter). „Ich lade dich aus!“ sagt eine Stimme an meinem linken Ohr. Eine Straßenbahn rauscht vorbei (hier gibt es keine Straßenbahn so nahe, dass ich sie in meiner Kemenate hören könnte) und als ich das aufschreiben will, ist die Seite des Notizbuches völlig schwarz. Erst als ich die Augen öffne … ich bin mir nun ganz sicher, dass ich weiterschlafen will. Ein Hund beißt ein Kind. Ich fotografiere den Hund. Ich bin erleichtert, als ich merke, dass ich das nur träume. Eine Tür wird geräuschvoll aufgerissen; ich hoffe nicht, dass das bei uns ist, denn ich bin allein zu Haus.


(25.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4176 Vergessen

 



23:59.  Das Pulsieren irgendwo in mir oder draußen in der Welt. Der Tanz der Staubflanken, nachdem ich mich im Bett zugedeckt habe; einzelne schweben unglaublich lange. Deutlich klopft mein Herz. Ein ganz tiefer Atemzug, der den Ring um meinen Brustkorb beinahe sprengt. Ach, ich habe ja meine abendlichen Rückenübungen vergessen! Egal, ich stehe nicht mehr auf. Das ferne und deshalb sehr leise  Flugzeugsdröhnen, das sich durch den Wolkenhimmel müht (ach, mein Freund! Du und deine Metaphern! Ist dir noch nicht aufgefallen, dass man im Nebel viel deutlicher und weiter hört, weil Nebel die Schallübertragung fördern kann? Also möglicherweise müht sich das Dröhnen gar nicht so sehr durch die Wolken – der innere Spötter) (Die unverlässliche KI sagt, dass Nebel den Schall auch dämpfen kann!) Ich spiele wieder mit meiner Wahrnehmung und lasse die Bücherreihen im Regal absinken. Ich sorge mich nicht, ich weiß ja, auf diesem Niveau der Wahrnehmungsverschiebungen bleiben die Bücher auf ihrem Platz. Jetzt huste ich ein wenig, vermutlich von der kalten Luft, die beim Fenster herein kommt. Ach, meine Abendtablette (Cholesterin) habe ich auch vergessen! Das werde ich noch erledigen.


(24.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4175 Ich weiß es nicht

 



12:21.  Eine Giacometti-Skulptur einer Frau im Museum moderner Kunst hat mich heute total gepackt (beim letzten Besuch bin ich wohl achtlos und unaufmerksam daran vorbeigegangen). Die Skulpturen von Giacometti beeindrucken mich sowieso, aber heute diese Gestalt! Wie sie dasteht! - ich kann nicht artikulieren, was es ist, was mich so berührt. Was ist mit dieser Frau passiert? Sie hält sich ganz aufrecht, aber ist sie irgendwie preisgegeben? Ich weiß es nicht. Stimmt etwas mir ihrer Welt nicht mehr? Gibt es keine mehr? Ich weiß es nicht. Es geht wirklich etwas Erschütterndes von ihr aus, oder bilde ich mir das nur ein? Ich weiß es nicht.


(24.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4174 Die Riesenbäume schwanken

 



12:44.  Kühl ist es geworden, aber der Verkehrslärm ist immer noch unbeeindruckt und läßt sich nicht einschüchtern, den Bäumen, Sträuchern und Wiesen jedoch hat der Regen gutgetan. Ich sitze drinnen und blicke durch die Fenster und die offene Gartentür auf die großen Bäume links über der Straße und den Apfelbaum im Garten und den wilden Wein, der beim Fenster hereinschaut, und auf die Hecke vor mir, wo ich weiß, dass dahinter riesige Bäume sind, die ich jetzt im Türausschnitt nicht sehen kann. Dort drüben links, hinter der Stelle, wo die Flotow-Villa gestanden ist (die mußte offensichtlich ganz schnell zerstört werden, denn jetzt liegt die offene Wunde im Gelände schon monatelang brach und wächst sich allmählich zu einer Gstätten aus) schwanken die Riesenbäume, die ich sehen kann, majestätisch im Wind. An diesen schwankenden Riesenbäumen kann ich mich nicht satt sehen (jetzt übertreibt er wieder, länger als ein paar Minuten hat er noch nie hingeschaut – der innere Spötter). Für einen Moment ist die Sonne herausgekommen, aber nun ist sie wiederum verdeckt. Ich mag solche Tage durchaus.


(23.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 22. August 2025

4173 Ohne Titel

 



0:32 a.m.  So spät ist es ja gar nicht! (wie ich dachte). Aber die Bücherreihen, auf die ich blicke, fangen schon zu ruckeln und zu zuckeln an. Interessantes finde ich jedoch nicht. Also lege ich mich schlafen.


(22.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4172 Herrliches Geräusch

 



22:13.  Ist Regnen nicht ein herrliches Geräusch? Besonders wenn die Gründe und Wiesen schon recht trocken waren. Ich sitze im Musikzimmer – ohne Musik, dafür hat die kürzlich aufgeklaubte (wörtlich: sie stand im Stiegenhaus zur freien Entnahme) Schreibtischlampe einen Wackelkontakt – und horche auf das Plätschern, das leider immer wieder von Verkehrslärm übertönt wird. In meinem Zimmer, wo es keinen Verkehrslärm gibt, ist das Plätschern des Regens viel dünner, weil der Schacht nur ein paar Quadratmeter Grundfläche hat, während der Regen hier, straßenseitig voll und breit niedergeht und – wenn er nicht gestört wird – einen tollen Sound erzeugt. Wenn ich die Lampe abdrehe, kann ich den Regen im Licht der Straßenbeleuchtung auch ein wenig sehen – und ich liebe diesen Anblick der herabstürzenden Wassertropfen.


(21.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4171 Aufs Klo

 



13:43.  Ich bin schon am Sprung und habe noch keine Zeile geschrieben. Ich sollte nach Hause wandern und wie verabredet mit meinem lieben Weibe ins Fitnesstudio gehen. Ich kann mich nur schwer aufraffen (oder gar nicht – wird sich erst herausstellen – der innere Spötter). Naja, im Allgemeinen bin ich verlässlich und pflichtbewußt - wenn es abgesprochen ist. Ich löffle den letzten Schaum aus der Tasse, in der Cappuccino war, nehme noch einen Schluck Wasser, stehe auf und gehe … aufs Klo.


(21.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4170 Unglaublich

 



16:36.  Der Wolkenhimmel über Mali Lošinj ist großartig! So toll gemalt! Einfach unglaublich! Ich setze mich am Bett auf, die betörende Wirkung des Bildes scheint dabei nachzulassen. Ich wollte ein Nachmittagsschläfchen halten, aber die wiedergekehrten Schmerzen im Knie lassen mich nicht schlafen. Naja, so schlecht sind die Wolken wirklich nicht! Unten rotieren die Waschmaschine und hoffentlich auch der Geschirrspüler (der untere Dreharm bleibt gern stecken). Die Hafenpromenade zerspragelt es und über das Meer bläst ein unsichtbarer Wind Sprühwasserschwaden.


(20.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4169 Verdächtig

 



13:16.  Ich sitze Am Gestade direkt auf der schönen Stiege zur Marienkirche hinauf – die Bänke sind alle besetzt – und habe somit eine neue Perspektive: von oben schaue ich zum Brunnen hinunter, auf die Linden, in die Börsegasse hinein und halte meinen Rücken sehr gekrümmt, während ich am Hintern die harten, kühlen Steine der Stufen spüre. Gleich links vor mir ist die offene Tür zur Radiology, gleich neben meinem Kopf ein kleines Fenster, das auch zur Radiology, die mich nicht interessiert, gehört, aber das lebhafte Treiben auf der Stiege und den Straßen unten interessiert mich: viele Passanten gehen vorbei, viele starren in ihre Smartphones, unter den Linden, in der Börsegasse, gleich hinter den Fahrradständern am Tiefen Graben ist der Gastgarten eines Lokals, der mir sehr voll dünkt (also sooo lebhaft ist das Treiben auch wieder nicht! - der innere Spötter). Ich bin heute nicht am Heimweg von meinem Lieblingslokal, sondern warte auf den Zahnarzttermin in der Nähe (wie immer bin ich nervös und mache mir Sorgen, aber nicht wegen der Behandlung, sondern ob ich alles richtig gemacht und die Termine nicht verwechselt habe). Vielleicht wird eine Bank im Schatten frei. Es schlägt hinter mir halb. Auf der Stiege wird fotografiert, ich vermute auf polnisch. Dass die Kirchturmuhr die viertel Stunden schlägt, ist gut, da brauche ich nicht ständig mein Handy aus der Tasche holen, um nach der Zeit zu schauen. Eine Frau aus der Radiology telefoniert heraußen. Unten quält sich ein Bus um die enge Kurve in die Börsegasse. Um dreiviertel werde ich losgehen. Ein Mann kommt aus der Radiology um zu rauchen. Ein zweiter gesellt sich zu ihm. Alle drei schauen mich mißtrauisch an; vielleicht bin ich verdächtig. Jetzt werde ich nervös. Ich werde wohl früher aufbrechen.


(20.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4168 Dämmer

 



8:42 a.m.  Diese Stille mitten in der Stadt ist unglaublich. Mit der Zunge fahre ich meine Zähne ab, um die Reste des verspeisten Müslis aufzuspüren. Die Angst war schon dabei, von mir Besitz zu ergreifen, aber ich habe sie rechtzeitig abgefangen, indem ich gefrühstückt habe (Essen hält Seele und Leib beisammen). Die Augen sind mir zugefallen und links von mir taucht im Dunklen eine Gestalt auf, die ich gerade noch aus den Augenwinkeln flüchtig wahrnehmen konnte. Stimmen aus dem Lichtschacht schrecken mich auf aus meinem Dämmer; mein Herz geht schneller.

Die Tageskinder kommen. Es wird lebhaft. Ich wache auf. Es wird wohl Zeit aufzustehen.


(20.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 19. August 2025

4167 Auf mittlerer Höhe

 



8:35 a.m.  Meine Texte sind heuer wirklich dabei; ich habe mich erkundigt. Das Frühstücksmüsli hat sehr gut geschmecket. Ich habe mir erlaubt, mich wieder ins Bett zu hocken. Ich höre Schritte aus dem Nachbarhaus und jemanden im oder in einem Zimmer am Lichtschacht kramen. Ansonsten ist es still und rührt sich nichts. Ich habe das Rollo noch nicht hochgezogen und so kommt das helle Licht nur vom Vorzimmer durch die offene Türe herein und ich habe die Leselampe beim Bett aufgedreht und die Mischung dieser beiden Lichter im halbdunklen Zimmer erzeugt einen befremdenden Tagesbeginn, als wäre es ein Film zum Beispiel, in dem ich lebe, oder bloß Leben darstelle. Ein wenig verschließe ich mich noch dem neuen Tag, lese ein wenig, aber bald bin ich bereit. Ich bilde mir ein, diese Verzögerung tut mir heute gut. Immerhin atme ich tief ein.


11:42 a.m.  Links von der linken Box auf mittlerer Höhe in der Ecke meines Lieblingslokals wirft die Sonne – ich weiß nicht, auf welchen Umwegen, denn die Fenster sind im Norden – einen viereckigen, von den Schatten einzelner Blätter der Begrünung draußen an der Fassade, die vor das große Fenster hängen, und dem größeren Schatten der Box selbst graphisch gestalteten Lichtfleck auf die blaue Wand, der noch dazu vom Wind in den Pflanzen vorm Lokal in seiner Struktur und Musterung in seiner Innenfläche bewegt wird (ich wollte schon – von der Zeitunglektüre dizzy – ohne eine Zeile geschrieben zu haben heimgehen, weil ich mir in meinem Überdruß nicht vorstellen konnte, auch nur einen Satz zustande zu bringen, aber dann habe ich genau das nicht tun können, nämlich zum ersten Mal das Lokal ohne eine Zeile zu verlassen. Und dann fließt mir dieser Einstiegssatz heraus, der in seiner ausladenden und einkreisenden Bewegung fast die ganze Welt, aber jedenfalls die Aufmerksamkeit meiner LeserInnen einfangen will, den ich jedoch vor der Niederschrift in meinem Geist nicht gesehen habe und überhaupt nicht kannte und der, nur indem ich den Lichtfleck – der übrigens inzwischen wegen der Erddrehung schon fast gänzlich verschwunden ist – als Starter genommen habe, – hmmm! der erste Schluck vom dritten Cappuccino! - von meinem Erstaunen begleitet einfach aus mir herausgeflossen ist; wobei meinem Erstaunen wurscht ist, ob der Satz wirklich gelungen ist oder nicht. Da erhebt sich die Frage: woraus ist er geflossen? Aus der Sprache und ihrem ungeheuren Speicher der – zwar gefilterten – Erfahrungen bis weit zu unseren Vorfahren zurück? Oder aus mir und dem weiten Land meiner Seele – die ja auch einiges Erlebte vergessen und einiges der Altvorderen abgespeichert hat, was mein Ich nicht unbedingt kennt? Oder aus einem Es, und wenn ja, wo befindet sich dieses? Wer oder was lädt es auf? Oder ist es eine Mischung respektive Kooperation verschiedener Kraftfelder aus den Bereichen ich, wir, Vergangenheit, Universum, was-weiß-ich-was?). Der Ventilator dreht sich heute flott und aus den Boxen kommt heute Blues als kosmisches Hintergrundrauschen, und der Wind, der Wind schaukelt ganz sachte die Zweige der Platanen draußen, während hinter ihnen alles mögliche Fahrgezeugs in unterschiedlichen Größen und Lautstärken vorbei fährt. Jetzt fällt meine Aufmerksamkeit auf einen Lichtfleck neben und oberhalb des Durchgangs zum SchaumRaum und berührt diese Aufschrift dort, und würde auch den einen Kranich (?) - ein Fünfzigerjahre-Metallrelief oben an der Wand – treffen, wenn diesen nicht genau der Schatten des kugelförmigen Kristallusters belegen würde; den zweiten Kranich erwischt er – der Lichtfleck - an Schwanz und Flügelspitze (als ich dies zu beschreiben begonnen hatte, hatte er nur die Schwanzspitze berührt). Auch in diesem Lichtrechteck macht der Wind draußen durchs Fenster herein seine kleinen Schattenspiele der bewegten Blätter. Und wieder frage ich mich – den Blues als Hintergrundrauschen – was mit mir von meiner Geburt an eigentlich los ist und nicht stimmt. Nicht dass ich jetzt unglücklich wäre, aber irgendetwas Entscheidendes fehlt mir schon seit ich zurückdenken kann. Ich blicke über meine linke Schulter nach hinten und tatsächlich läuft mir ein Schauder den Rücken hinunter. Dann muß ich kräftig und ohne es rechtzeitig verhindern zu können niesen und ich sage laut: Entschuldigung! Und der Kellner ruft: Gesundheit! Und ich murmle darauf: Danke! (inzwischen sind die beiden Kraniche – oder sind es Reiher? - ohne Lichtfleck einfach oben an der blauen Wand – der nächste unauffällig heranrückende Lichtfleck wird den einen bald am Schwanz erwischen).

So. Zurück aus dem Internet. Ich plädiere für baldigen Aufbruch, denn ich muß noch den Einkauf erledigen, stelle aber noch fest, dass der Wind sogar die an der Garderobe im Durchgang zum SchaumRaum hängenden Jacken und Westen in schwingende Bewegungen versetzen kann.


(19.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4166 GAV

 



14:49.  Ungewöhnlich: ich sitze im Gastgarten des WeltCafé am Trottoir der Schwarzspanierstraße, der Kaffee ist sehr gut. Ich schaue den anderen Gästen und den PassantInnen zu. Gegenüber binden sie Kalender, Diplomarbeiten, Dissertationen – laut Aufschriften an den Fenstern (sehen kann ich davon natürlich nichts). Jaaa! Jetzt setzt die Wirkung der Droge Coffein ein; jetzt, beim ersten Kaffee des Tages: irgendeine innere Kurve geht nun hinauf. Das jedoch habe ich nicht bedacht: dass hier heraußen geraucht wird. Das nur teilweise verstandene (akustisch, inhaltlich, sprachlich, intellektuell, teilweise Englisch) Gespräch am Nebentisch triggert wieder mein Selbstbild als vollkommen danebener, abseitiger, abstellgleisiger alter Mann, der von nichts eine Ahnung hat (die zwei Diskutanten können freilich nichts dafür, obwohl ich mich immer wieder frage, woher die alle ihre Kompetenz und ihr Selbstbewußtsein haben). Jetzt klopft mein Herz stärker. Ich flüchte ins Internet. Ich bin wieder zurück (warum machst du keine Zeitangabe? - der innere Spötter) und denke, ich geh nach Hause.


18:57.  Ich bin nicht gleich nach Hause gegangen, sondern zu Fuß zu meiner Lieblingsbuchhandlung Herder um K. M. Gauß’ Schuldhafte Unwissenheit zu kaufen, seit Monaten das erste nicht verbilligt Secondhand- oder gratis aufgelesene (welch eine Koinzidenz!) Buch. Jetzt aber bin ich nach 17.219 heutigen Schritten zu Hause, hocke liegend, lesend und schreibend auf dem Bett, habe das Zimmerfenster in den Lichtschacht aufgemacht und frage mich, welche Maschine das ist, die da kräftig heraufschallt. Diesbezüglich werde ich unwissend sterben.

Unten wird Yoga zelebriert und von irgendwo kommen undeutliche Musikfragmente. Das dominante Geräusch jetzt ist mehr so ein Röhren. Das erhebende, herzerfrischende Abendgeläut habe ich heute verpasst. Ich werde das auch so schaffen. Ich bilde mir jetzt doch ein, ein Schriftsteller zu sein. Hoffentlich klappt das heuer mit der Aufnahme in die Grazer Autorinnen Autorenversammlung und ist meine Einreichung nicht monatelang verschwunden, wie vor zwei Jahren bei der Post, und es wird nicht vergessen, mein Zeug der Jury vorzulegen. Diese Aufnahme bedeutet mir viel. Sie würde mir den Rücken stärken; ich brauch das!


(18.8.2025)


8:35 a.m. Meine Texte sind heuer wirklich dabei. Bin gespannt, wie die GAV-Jury entscheidet.


(19.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4165 Realitycheck

 



23:40.  Zweimal höre ich jemanden husten vom Lichtschacht herauf. Und leises Surren irgendwo draußen, fast schon ein Summen, überlagert von dem monotonen Singsang in meinem Ohr, sodass ich nach längerem Hinhören nicht mehr weiß, was was ist. Immer wieder fallen mir die Augen zu. Realitycheck? Ich lass es gut sein. Hoffentlich kommt genug kühle Luft aus dem Lichtschacht beim Vorzimmerfenster herein.


(17.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 15. August 2025

4164 Auf der Halbinsel II

 



17:46.  Es ist Abend am Wasser. Die Hitze hat schon um zwei Grad abgenommen, das Licht ist tagessatt, der Wind lau, die Schatten ziehen sich lange hin, die tiefe Sonne wirft eine breite, dichte, lange Glitzerspur ins Wasser. Eine Hängematte schaukelt zwischen den zwei mächtigen Pappeln. Leise gleiten ein paar Boote und Stehpaddler hinter den Uferbäumen vorbei. Die letzten Last-Minute-Schwimmer kommen für die letzten eineinhalb Stunden Öffnungszeit. Und wirklich: das Aveläuten irgendeiner Kirche über der Brücke am Festland erreicht uns hier (ich bin an der Alten Donau, nicht am Meer). Der Badegäste werden immer weniger, die Insekten lästiger. Ich sehe in der Ferne den Schlot des Kraftwerks Lobau. Das Kindergeschrei von außerhalb des nackten Bereichs wird spärlicher, dünner; man kann einzelne Stimmen deutlicher heraushören. Es ist Abend am Wasser.


(14.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4163 Auf der Halbinsel

 



15:08.  Das majestätische Rauschen des Windes jetzt in den herrlichen Pappeln übertönt sogar das kostenintensive Dröhnen der Linienflugzeuge von Schwechat und den elenden Verkehrslärm der Straßen an den anderen Ufern. Ich wache dabei ergriffen und mit erhobenem Herzen aus meinem Dösen auf der Decke auf der ruhigen Halbinsel der Nackten im Gänsehäufel auf. Fast im Kreis glitzert das Wasser durch die Bäume und das Gesträuch rundum. Der Wind hat sich nun zu einem Lüftchen zurückgenommen und so hört man sogar das Kindergeschrei bei der Rutsche in der anderen Abteilung, gut hundert Meter von hier. Auch das Tuckern eines Motors ist zu hören. Und das Schlagzeug vermutlich aus einem überdrehten Auto. Dem folgt aus der selben Quelle ein monotoner, elektrischer Singsang, der fast verzweifelt rauf und runter geht, als würde er vergeblich einen Ausweg suchen. Durchaus traurig und schön. Ich blicke in das Glitzern auf der Wasserfläche gut zwanzig Meter vor mir: dieses Unruhige und Flüchtige im ansonsten einigermaßen stabilen Ambiente. Jetzt legt der Wind zu und sein Rauschen in den Bäumen wird stärker, wie auch die Bewegungen im Geäst. Das vorbeifahrende Boot hinterläßt eine lange, glitzernde Leuchtspur, die sich jedoch schnell auflöst. Vielleicht kommt die Musik auch von einem Boot. Der Wind blättert in meinem Notizbuch nach vor – wenn eines den Buchanfang mit vorne bezeichnet, oder nach hinten, wenn eines mit hinten die Vergangenheit und mit vorne die Zukunft meint. Meint der Wind, ich solle die Texte der letzten Tage überarbeiten? Immerhin weht der Wind, wo er will, wie der Geist.

18:16.  Im Wasser schwimme ich dann am Rücken mich im Glitzerband der hinunter gehenden Sonne, das auf dem Wasser liegt, haltend, aber von ihr weg. Ja, die Schatten sind schon lange, das Licht weich und mild, viele Badegäste brechen auf. Boote und Stehpaddler fahren auf dem Wasser (das Glitzern im Wasser ist ganz nach rechts gewandert). Das Stehpaddeln schaut so schön und elegant aus. Fast wie eine Idylle, wenn meine Gedanken nicht wären.


(13.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4162 Stadtwanderung II

 



9:44 a.m.  Auf meiner Wanderung zu meinem Lieblingscafé habe ich heute beim Umstieg von der U2 zum 49iger absichtlich einen „falschen“ U-Bahneinstieg gewählt, um meinen Perfektionismus – Ausstieg genau dort, wo die Rolltreppe zum 49iger hinaufgeht – perfekt zu unterlaufen. Und dann stelle ich fest: ich habe mich eh vertan: nicht eine, sondern zwei Türln vom perfekten Ausstieg entfernt, und noch dazu in der anderen Richtung als konzipiert. Als „Strafe“ für diese Fehlleistung bin ich nicht in die Straßenbahn 49 eingestiegen, sondern zu Fuß zum Espresso Burggasse gegangen. (Burg und ga! Das einzige Ergebnis dieser Wanderung die Burggasse hinauf). Aber der Kaffee steht schon am Tisch und so ist alles wieder gut.

10:51 a.m.  CSN&Y-ähnliche „Chormusik“. Auch nicht schlecht (irgendwann dazwischen waren auch EL&P mit Lucky Man dran). Meinen ungewöhnlichen Wunsch nach einem Gemüseobstmischsaft statt Cappuccino II konnte ich nicht aus der Distanz vermitteln, weshalb ich aufgestanden und an die Bar getreten bin (lieber Freund, hast du keine anderen Erlebnisse, oder Beobachtungen, oder wenigstens Gedanken, Überlegungen, Theorien, die du mitteilen könntest? - der innere Spötter). Momentan nicht. Aber ich habe noch eine längere Stadtwanderung vor (mit Gestade und so? – der innere Spötter). Ich überlege eine andere Route für die Wanderung, aber es will mir nichts Gescheites einfallen.

Drinnen dreht sich der Ventilator relativ bedächtig, draußen schaukelt der Wind die Zweige der Platane. Könnte er nicht auch meinen Geist etwas aufwirbeln? Hoffnungslos gaffe ich dennoch auf den Ventilator – vielleicht schafft es der. Der Gemüseobstsaft ist da. Wirklich köstlich. Ein großer Kochtopf steht auf dem Tischchen vor der Bar, flankiert von zwei Sesseln. Soeben wird er von der resoluten Köchin weggetragen. Ich gleite ins Internet ab, nachdem ich den Kommentar von Amanda Klachl in der Kleinen Zeitung über Herrn Prohaskas „Fallrückzieher“ fotografiert und gepostet habe. Der Saft – so wohlschmeckend er auch ist – verschiebt meine Stimmung, so, dass ich unruhiger werde. Für meine Schreibmelancholie braucht’s anscheinend – zumindest im öffentlichen Raum – den Duft von Kaffee (den ich bitter trinke). Was mach ist jetzt mit dem ungewohnten Geschmack im Mund? Ich gehe wieder ins Internet. Hoffe auf Reaktionen auf mein Posting. Jaaa!!! Ein Lacher für die Amanda Klachl. Vor Freude rinnt mir die Nase. Der Saftgeschmack wird bald mit Kaffee überlagert werden. Woher, woraus und wie beziehen die Leute eigentlich ihr Selbstbewußtsein? Ist mir nur so gekommen, wie ich ein Gespräch am Nebentisch in Ausschnitten mitbekommen habe. Ich meine nicht nur, wie sie reden (da habe ich nicht einmal die Hälfte verstanden), sondern auch ihre körperliche Haltung und wie sie gestisch agieren.

Mein bestellter Cappuccino kommt nicht. Draußen ist alles voll.

12:00.  Ich gehe wieder ins Internet.

12:10.  Ich bin wieder da.

Ich werde bald gehen. Aber wohin? Mir ist immer noch keine neue Route eingefallen. Ich komme nicht los, vielleicht kommt doch noch der Cappuccino. Richtig! Jetzt ist er da (und ist wegen der Verzögerung aufs Haus gegangen – der Tipper). Der erste Schluck. Ich starre auf den Boden und horche konzentriert auf die Musik.

Mein Geist zerspragelt. Mein Blick fällt auf die kleine Kristallglasvase mit dem kleinen, dezenten Sträußchen einer schlichten Pflanze. Das gefällt mir: subtil, unaufdringlich, beherrscht, feinfühlig und hübsch. Nun blicke ich in den schönen Weidenkorb mit den zusammengerollten, roten Decken für die kälteren Tage draußen im Garten. Der Korb ist voll und steht ein wenig schief, weil er mit einem Segment seines kreisförmigen Bodens mit einer Sehne von – sagen wir – 3 Zentimeter auf der runden Bodenplatte des Abstelltischchens bei der Eingangstür aufliegt. Der Korb und seine dunkelroten Decken: ist auch ein ästhetisch angenehmer Anblick. Die Leute hier gehen auch; ich meine als Anblick. Jaaa! Jetzt kommt langsam die Schreibmelancholie, aber ich sitze schon zu lange, mir tut der Hintern weh und meine Nase rinnt.


13:16.  Ich mache im Esterhazypark Pause (Schad! und Eck, das ganze Ergebnis meiner Wanderung durch die Schadekgasse). (Reicht bei weitem! bei weitem! nicht an „Moos und kau - das ganze Ergebnis einer Moskaureise …“ - Ernst Jandl; Aus der Fremde – heran. Burg und ga! auch nicht und auch nicht die noch folgen werden – der innere Spötter.) Hier gibt es viele Tauben und sogar noch zwei Punks, die friedlich, wohlwollend und im Schneidersitz vor der pickenden Taubenversammlung sitzen und sie meditativ betrachten. Der Park ist gut besucht. Links von mir eine große Föhre, hinter mir: weiß ich nicht, was das für ein Baum ist (eine Esche? Kann das sein?). Ich gehe weiter.


13:36.  (Gump und Asse, das ganze Ergebnis der Wanderung die Gumpendorferstraße hinunter.)


13:40.  Wie wäre es mit Grad er! als Ergebnis meines Vorbeiwanderns an der Fillgradergasse? (Oida! - der innere Spötter).


13:47.  Theo! Bald! - Theobaldgasse (er wird immer blöder! Ich geniere mich für ihn - der innere Spötter). Zur Rahlgasse und Rahlstiege fällt mir gar nichts ein. Ich habe wohl einen Kaffeerausch.


13:57.  Muh! und Qua! beim Betreten des Museumsquartiers (ich sage nichts mehr – der innere Spötter).


14:13.  Im Schatten des Mumok raste ich auf einer Bank. Die Frau auf der Nebenbank zieht ihre Handtasche näher zu sich. Eine angenehme Brise geht. Mein Kaffeerausch dürfte seinen Höhepunkt schon überschritten haben. Jetzt kommt der Hunger und die Unterzuckerung. Trotzdem mag ich nicht weitergehen. Ich schaue auf die graue, gewürfelte Fassade (Würfel sind es wenige, vor allem rechteckige, meist hochgestellte Platten – der innere Korrektor). Das Grau der Platten ist von unterschiedlicher Tönung und eigentlich schön. Freilich hat das Gebäude etwas von einem exquisiten Bunker, aber wohin sonst mit der Kunst in Zeiten wie diesen? War das ein kleiner Vogel, was da angeflogen gekommen ist und hinter der Betonbalustrade verschwunden? Oder ein vom Wind angewehtes Papierl? Ich bleibe bei der ersten Vermutung. Vielleicht ist hinter der Barriere ein Vogelnest. Eine Taube kommt betteln. Nein, sie pickt Brösel auf, die neben der Sitzbank verstreut sind und tut dies mit großer Anspannung und Bereitschaft, bei Gefahr sofort aufzufliegen; immer wieder zucken ihre Flügel und sie hält mich beständig im Auge. Schaffe ich es weiterzugehen? Ein Konzert von Presslufthämmern hallt jetzt durch die Höfe.


15:05.  Nach einer kleinen Stärkung raste ich wirklich Am Gestade. Man hört einen Hund heulen, sieht ihn aber nicht (tiefer graben!/ Tiefer Graben). (geh! Ade!/ Gestade.) (Wie gesagt: ich kommentiere diesen Schwachsinn nicht mehr! - der innere Spötter.) Blick auf den Nachkriegsbau und die drei Linden davor; die mittlere ist offensichtlich krank.

Schön, kaum sitze ich drei Minuten, da heult eine Kreissäge (am Bus, der vorbeifährt: Schwarzenberg, platz!). Ich sitze ungemütlich. Wieder heult der Hund. Leute sitzen auf den Stufen der Stiege. Mich freut es heute nicht mehr. Ich wandere weiter.


(12.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4161 Lacrimae rerum

 



18:45.  Während unten Yoga geübt wird, zieht in meinem Zimmer die Dämmerung ein. Ja, ich weiß, für Dämmerung ist es zu frühe, aber nicht in meinem Zimmer, wenn eines gut sehen will. Ich jedoch drehe das Licht wieder ab, um die Stimmung dieser Stunde besser erfassen zu können. Es ist dies die Zeit des beginnenden Übergangs; ohne Ablenkung nicht gut auszuhalten. Ich drehe die Leselampe zum Schreiben wieder auf. Zu grell strahlt mich das offene Notizbuch an. Ich schiebe die Lampe etwas zur Seite. Jetzt höre ich die Abendglocken, die über diesen Übergang helfen sollen. Mir verschafft das Geläute Erleichterung. Ich atme tief durch. Dann eine Bohrmaschine irgendwo im Haus. Die Zeit des Tagewerks ist eigentlich vorbei. Ich weiß schon, wie lächerlich es ist, die Abendstille einzufordern; die gibt es frühestens um zwei Uhr nachts.

Ich drehe das Licht wiederum ab, strecke am Bett meine Beine aus und stelle fest, dass meine Füße wirklich schön sind. Die Gegenstände im Zimmer verfallen zunehmend in einen undeutlichen Zustand, der der Auslöschung vorausgeht. Die frankophone Schweizerin ist nur mehr ein verschwommener Klecks, ebenso die Jessica links daneben. Ich schiebe die Lesebrille hoch, jetzt sehe ich etwas besser. Eine gewisse Starrheit schaut mich von den Wänden her an, aber ich finde sie gar nicht bedrohlich. Ist das leichtsinnig? Können sich denn die Bücher und Bilder auf mich stürzen? Ich lasse meine Augen über das Bücherregal gegenüber wandern, streife die bebilderten Wände rechts und links und was ich spüre, ist unglaubliche Intensität und geballte Kraft darin eingefangen und abgestellt, Energie, die durchaus ausbrechen könnte. Bis jetzt strahlt sie nur ruhig auf mich ein. Diese Wohnung war ein Sammellager für Juden vor ihrem Abtransport in die Vernichtung. Wer weiß, welche Energien, welches Leid, welche Angst, welche Wut da noch abgelagert und gespeichert sind hinter meinen Büchern und Bildern. Lacrimae rerum. Und ich bin ein Nachkomme der Verbrecher.


(11.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4160 In meinem Zimmer

 



23:42.  In meinem Zimmer hat es 27°C, wenn nicht mehr (jetzt beim Eintippen gut 28°C – der Tipper). Ich schwitze, vor allem unter dem Zinkverband am Knie, aber das ist wurscht, denn ich kämpfe gegen ausgedachte Feinde und gewinne letztlich endlich. Ach, das kann mir doch schon alles egal sein. Ich gefrette mein restliches Leben ab und versuche meine wirklichen Lebenserfahrungen nachträglich zu verbessern oder sie mit besseren Lebenserfahrungen, die ich mir ausdenken muß, auszugleichen (was alles so nicht geht). Aber egal, ich reiß mein Leben nicht mehr herum. Ich muß mich damit abfinden.


(9.8.2025)


0:01 a.m. 26,5°C hat es jetzt im Zimmer, während ich heute draußen tatsächlich die Stadt rauschen höre (oder ist das doch eine Klimaanlage? Welche sollte das sein? Die im Lichtschacht, die ich sonst immer höre, ist viel lauter und muß näher sein; aber wo sollte eine andere herkommen? Nein, nein). Trotzdem: dieses Rauschen ist ungewöhnlich und anders, als ich es hier kenne. Plötzlich merke ich, dass ich sehr müde bin. Ich stehe jedoch auf und trete ans offene Fenster im Vorzimmer, ob ich so das Rauschen besser erkennen kann. Ich horche hinaus. Tatsächlich: es ist irgendein Gerät, nicht das Rauschen der Stadt, auch wenn ich nicht sehen kann, welches Gerät das sein soll und wo es sich im Lichtschacht befindet. Kommt das Geräusch aus einer Wohnung? Das könnte sein.


(11.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 7. August 2025

4159 Stadtwanderung

 



10:39 a.m.  Im Lieblingscafé. Beim Herfahren war ich glücklich, beim Umsteigen von der U2 genau die richtige U-Bahntür direkt vor der Rolltreppe hinauf zur neunundvierziger Straßenbahn erwischt und dadurch den Weg optimiert zu haben. Ich habe mir das beim Einsteigen in die U2 schon überlegt und richtig geplant! Man erlebt ja sonst nicht so viel (sehr bescheidenes Glück! - der innere Spötter). (Mein Gott, was für ein erbärmliches Leben! - der innere Ankläger.)

12:23.  So lange habe ich für mein zweites Frühstück und die Zeitungslektüre gebraucht. Alle sitzen in der Laube draußen an der Burggasse; ich bin allein im ersten Gastraum (in den zweiten habe ich nicht reingeschaut). Ich weiß, ich wiederhole mich, aber das ist so schön! Ich blicke aufmerksam im Raum umher - registriere, wie groß er ist – und durch die großen Fenster hinaus, um Themen zu finden. Horche mich deswegen auch um und in mich hinein. Dabei bleibe ich gelassen und unaufgeregt, obwohl ich nichts finde, während ich feststellen muß, dass meine Nase rinnt. Ich schneuze mich (Österreichisches Wörterbuch, 21. Auflage) (Gehört die menschliche Nase wirklich zu einer Schnauze, wenn diese als „hervorspringendes, mit der Nase verbundenes Maul bestimmter Tiere“ definiert ist? Aus dem Wörterbuch auf Google, wobei mir nicht schlüssig ist, welches.) Ich schneuze mich also und dann, weil ich nicht alles rausbekommen habe, ziehe ich leise und unauffällig etwas Rotz hoch. Bis schneuzen wieder unvermeidlich ist. Ich stehe sogar vom Tisch auf und gehe auf die Toilette – wo mir beim Eintreten in den Vorraum die resolute Köchin entgegenkommt, weil hinter diesem Vorraum noch ein Lagerraum oder etwas Ähnliches ist; vermutlich – und entsorge im Vor- und Waschraum der Toilette das nasse Papiertaschentuch.

Die Musik ist wie so oft sehr angenehm und der Wind auf der Gassen schaukelt, ja, fast dreht er die schöne Platane hin und her. Ich fühle mich so wohl hier, die innere Uhr jedoch schlägt mir Aufbruch und Stadtwanderung vor. Ich lasse meinen Blick in den glitzernden Regalen mit den vielen Gläsern bis zur Unkenntlichkeit einsinken. Aber wieder nur kurz. Noch ein Mal ziehe ich den Rotz hoch – diesmal etwas zu laut – aber sei’s drum, ich gehe bald.

13:09.  Heute habe ich eine etwas andere Route für meine Stadtwanderung genommen und raste im Park am Schmerlingplatz (wie ich erst jetzt mitbekommen habe: Grete-Rehor-Park – der Tipper) umgeben von Verkehrs- und Baustellenlärm und beschallt von einem englischsprachigen Sender (?) von der Nachbarbank. Es ist windig, was die Hitze angenehm macht und mir meine Strohkappe vom Haupte zu wehen droht. Durch Bäume und Gebüsch sehe ich Teile unseres Parlamentes und der Straßenbahnstation Bellaria (heute Dr.Karl-Renner-Ring). Das ist gar nicht Englisch, was von der Nebenbank herübertönt. Zumindest jetzt nicht mehr. Klingt eher wie Russisch. Den älteren, bloßfüßigen Herrn hätte ich eher am indischen Subkontinent verortet. Aber nix genaues weiß man nicht. Jetzt hat er anscheinend leiser gedreht und ich kann gar nichts mehr verstehen. Manche Laute klingen tatsächlich wie vom indischen Subkontinent, oder so ähnlich. Die österreichische Fahne oben am Parlament kann ich sehen – das hat jetzt nichts mit dem vorher Gesagten zu tun – und der Wind kommt ziemlich genau aus Süd (sagt mein Handy. Ich hätte Ost vermutet. So leicht irrt man sich). Ein bißchen komme ich mir wie ein Tourist vor, aber wo komme ich denn her? (aus der Unendlichkeit – der innere Spötter). Fünf elegische Fahrräder sehe ich an der Mauer der Parlamentsrampe abgestellt; in ihren teilweise schiefen Haltungen wirken sie so depressiv; besonders die seitlich gekippten Vorderräder wie traurige, hängende Köpfe. Ich gehe besser weiter.

13:42.  Beim Vorbeigehen merke ich: es sind sechs Räder an der Rampe, und die Drachen am Fuß der Säulen der alten Straßenlaternen schauen grotesk aus (was sollen die eigentlich verscheuchen? Brunzende Hunde?). Ja und die heutige Bundesländerfahne am Parlament ist die steirische! (Wow! - der innere Spötter). Nun aber sitze ich im Volksgarten auf einer schattigen Stufe des Theseustempels – ein Gebäude, das mir gefällt. Von hier sehe ich auch die zwei Fahnen am Dach der Hofburg: Ö und EU (hier ist mir der Südwind plausibler – die innere Geographie stimmt hald (sic!) oft nicht mit der wirklichen überein. Wegen vorhin). Jetzt jedoch hat der Wind gedreht, die Fahnen wehen zu mir her. Ist das ein Omen? Soll ich bei der nächsten Bundespräsidentenwahl antreten? Naja, schon wieder vorbei! Der Wind hat wieder gedreht. Meine Nase rinnt immer noch. Eine leichte, feine Trübung zeigt sich am Himmel im Südosten. Oder Süden. Eine Gruppe ganz junger Spanierinnen mit ihren rrrabiaten Aussprachen (um nicht arabiaten zu sagen) schlendern quasselnd vorbei. Eine ostslawische Mutter – ich kann sie aber nicht sehen – schimpft mit ihrem kleinen ausgebüxten Sohn, der vor mir über die Kette der Absperrung geklettert ist und ruft ihn zurück; seine Schuhe sind von oben nach unten weiß-blau-rot, in dieser Reihenfolge der Länge nach. Es schlägt dreiviertel. (Was kümmert ihn die exakte Wahrheit und deren sorgfältige Überprüfung! - der zornige innere Korrektor.)

14:19.  Der innere Wahrheitsfanatiker hat keine Ruhe gegeben, bis ich aufgestanden bin, um der Familien nachzugehen, um zu überprüfen, (1) ob die Schuhe wirklich weiß-blau-rot in dieser Reihenfolge sind, (2) ob es wirklich die Mutter gewesen sein kann, (3) ob ihre Sprache wirklich nach Ostslawisch klingt. Aber bis er sich gegen meine Trägheit oder – wahlweise – gegen mein Ruhebedürfnis durchgesetzt hat, war die Familie schon wieder weiter und ich habe sie nicht mehr gefunden. Auf dem mäandernden Weg hierher habe ich am Trottoir eine tote Fliege – eine von denen, die mit ihrem Hinterteil eine Wespe zu imitieren versuchen – kopfüber liegen gesehen und noch etwas, das ich vergessen habe (kopfüber liegen – das mußt du näher erklären – der innere Wahrheitsfanatiker). Also: die Fliege befand sich auf dem Boden und rührte sich nicht; ihr Kopf schien im Spalt zwischen zwei Pflastersteinen gesteckt zu sein und dadurch war ihr Hinterteil etwas angehoben. Ich gebe gleich zu: Pflastersteine ist vermutlich auch nicht richtig, aber ich kenne die korrekte Bezeichnung für diese Bodenbedeckung nicht. Bodenplatten vielleicht, aber Platten stelle ich mir größer vor. So sitze ich nun zufällig vor der juridischen Fakultät vor der Balustrade der Stiege in den Abgrund zum Eingang des Gebäudes im Schatten eines Baumes, den ich nicht identifizieren kann (Buche vielleicht?) und schaue den Autos zu, wie sie hinter mir aber gespiegelt vor mir vorbeifahren. Sonst noch was? Hm. Nein.

14:50.  Und jetzt wieder am geliebten Gestade, wo das einzige sicht- und hörbare Wasser das aus dem Brunnen des betrügerischen Baders ist (die Uhrzeit wollte ich mir diesmal ersparen, aber in mir arbeitet so ein kleinlicher, lästiger, zwanghafter Wicht, der keine Ruhe gegeben hat, bis ich das Handy aus dem umgeschnallten Tascherl geholt – Reißverschluß auf, Handy raus – die Uhrzeit gecheckt und aufgeschrieben habe – Handy ins Tascherl – Reißverschluß zu). Mein Platz auf der Bank gegenüber den frühneuzeitlichen Häusern gerät immer mehr in die Sonne, die Schattenplätze sind besetzt, deshalb werde ich gleich weiterwandern (wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh, mit mancherlei Beschwerden der ew’gen Heimat zu – irgendein Kirchenlied, glaube ich). Jetzt wird gegenüber ein Schattenplatz frei. Ich wechsle hinüber. Meine Walkingstecken waren von der Sonneneinstrahlung schon heiß. Dafür schaue ich auf den Nachkriegsbau gegenüber – auch nicht schlecht; ein schöner, solider, moderner Bau. Hier habe ich einen besseren Blick auf die Treppe zur Kirche hinauf, wo die Leute so heruntertröpfeln und einzelne hinaufsteigen. Das ist schon ein Platz zum Verweilen, obwohl mich hier auch nichts mehr einfällt. Hinter mir geht die Tür zum polnischen Institut, begleitet von zwei weiblichen Stimmen. Ich drehe mich nicht um. Ich will mir ja nichts einfangen. (So! Jetzt reicht’s! - der innere Supervisor).


(7.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4158 Aufsetzen

 



8:18 a.m.  Die Holzmöwe und der Holzrabe pendeln. Die eine, weil ich beim Aufsetzen im Bett und beim Aufsetzen der Brille immer an ihre Schnur ankomme, der andere, weil ich vorhin das Rollo hochgezogen habe. Sonst bewegt sich nicht viel im Zimmer: meine Schreibhand und ein wenig mein Kopf und was eines hald (sic!) so mehr oder weniger unwillkürlich an Bewegungen macht. Soll ich Herz, Brustkorb und Peristaltik auch dazu nehmen? Ich glaube, das ist nicht nötig. Die Angst war heute auch wieder da. Ich schreib es nur her, weil es so war. Kurz der Eindruck, als würde in mir etwas zusammenbrechen, das Selbstbild oder Ähnliches, aber wahrscheinlich ist das nur sich selbst spiegelndes Theater. Während ich darüber nachdenke, ob ich einen Break machen und hinunter frühstücken gehen soll (und welches grammatikalische Geschlecht Break im Deutschen hat) bleibt mein Blick – ohne bewußte Entscheidung und ohne dass ich es gleich merke – wieder einmal beim Bild der frankophonen Schweizerin hängen. Ich schiebe die Lesebrille auf die Stirn, um das Bild besser zu sehen, und wie fast immer entsteht der Eindruck einer lebenden Gestalt. Ich lasse diese Wahrnehmungsspiele jetzt und gehe wirklich hinunter frühstücken.


(7.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 6. August 2025

4157 Irgendsoein Update

 



11:30 a.m.  Es gibt Tage, da so auf Anhieb gar nichts gelingen will. Man hat wirklich den Eindruck, mit dem falschen Fuß aufgestanden zu sein und so beim Eintritt in die Welt dem Ganzen ein falsches Drehmoment verpasst zu haben. Fängt bei der Morgentoilette an – ich habe ja schon vergessen, was alles war. Das Handy wollte irgendsoein Update und schwach und wehrlos wie ich war, stimme ich dem zu. Das dauert aber endlos, dabei wollte ich gleich ins Zwanzgerhaus losstarten. Es wird mir zu blöd, ich stecke das herumladende Handy ein – das noch dazu sehr wenig Saft hat, weil ich gestern vergessen hatte, es über Nacht aufzuladen (da hat es angefangen!) - und gehe los. Beim Umsteigen am Praterstern eile ich auf den vorübergehend falschen Bahnsteig und renne wieder retour und zum anderen Aufgang. Erst im Belvedere 21 (früher: Museum der Zwanzigsten Jahrhunderts) fällt mir auf, dass mein Smartphone nicht hochgefahren ist und alle meine Schritte nicht gezählt hat! Ich brauche aber mindestens 6.000 Schritte am Tag! Was mache ich jetzt? Wertvolle Schritte sind verloren! Gut, ich nehme das in Demut hin und starte jetzt bei 0 (hahaha! Demut! Meintest du nicht einen Zustand wie den kleinen Bruder von Scheiße? - der innere Spötter) Außerdem bin ich zu früh beim Belvedere 21; es öffnet erst um 11h. Ich spaziere in den Schweizergarten, weiß nicht recht wohin, die Bänke sind entweder besetzt oder noch vom Regen in der Nacht nass. Zehn vor elf sehe ich, dass das Tor zum Skulpturengarten geöffnet wird. Ich gehe hinein, schlendere umher und betrachte die Skulpturen. Ich will die Wellenmaschine von Thomas Baumann einschalten, drücke – sehr unsicher, ob ich damit nicht einen Alarm auslöse – einen großen Knopf. Nichts passiert. Gott-oder-wem-oder-was-auch-immer-sei-dank fällt mir ein – weil ich am Schaltkasten ein tosisches – glaube ich - Schloss sehe – dass sie möglicherweise erst ab 11h in Betrieb genommen wird. Ich gehe von Skulptur zu Skulptur. Richtig! Da kommt eine junge Frau in Belvedere-21-Berufskleidung mit einem Schlüssel in der Hand daher und ich frage sie, ob sie die Wellenmaschine einschaltet. „Ja“ sagt sie. Ich frage noch – völlig überflüssig, wie sich herausstellen wird – ob man als Besucher noch etwas drücken muß, um den Mechanismus ad hoc auszulösen. Sie versteht gar nicht, was ich gemeint habe, denn ihr ist es selbstverständlich, dass das Ganze automatisch abläuft. Okay! Okay! Eine Zeit lang schaue ich den Wellen zu und freue mich wie ein Kind daran, wie sie sich aufbauen, kulminieren, interferieren, hin und her laufen, rauschen und wieder verflachen. Und wie ein Zweig, der ins Wasserbecken gefallen ist, sich an den Barrieren aus Ziegeln verfängt, wie dahinter kleine Strudel entstehen uns so weiter und so fort. Aber wie einem zappeligen Kind wird mir das schnell fade (nichts mit ausdauerndem und geduldigem Betrachten, nichts mit großartiger Meditation, nichts mit Eintauchen in die Tiefe der Wirklichkeit! Schmink dir dein Erleuchtungsgetue und deine Weisheitsphantasien ab! - der innere Spötter) und ich gehe zu den Ausstellungen ins Haus (das mir übrigens architektonisch sehr gefällt) und in dem heute auffällig viele Besucher sind. Vor allem geht es mir um die Wotruba-Ausstellung, die ich empfehle (wem eigentlich? Deine vielen LeserInnen? - der innere Spötter). Ich freue mich, wieder einmal eine klassische Ausstellung zu sehen, trotzdem ich stärker zur Malerei neige, als zur Bildhauerei. Nun aber sitze ich in der geliebten Lucy-Bar, genieße den Kaffee, und jetzt, erst jetzt schaltet der Typ an der Bar (Oberkellner?) die Musik ein. Klar: der typische Bar-Jazz. Ich lehne mich zurück und nehme einen Schluck. Ich schaue aufs Handy und finde eine Mahnung. Ich ärgere mich maßlos, denn ich habe die Rechnung nie erhalten. Diese scheiß Post ist nicht mehr in der Lage, ordentlich zuzustellen. Gilt auch für alle anderen Dienste.

Phhh! Ausatmen! Einatmen! Ausatmen! Einatmen! Ausatmen! … hilft nichts. Ich muß sofort nach Hause um das zu erledigen. Ich halte es sonst nicht aus. Und spottet nicht, dass ich nicht alles vom Handy aus machen kann!


(6.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4156 Die Klimaanlage

 



8:46 a.m.  Die Angst beim Aufwachen ist zurück. Das geht jetzt jeden Tag so. Vermutlich hat das mit den Träumen zu tun, an die ich mich jedoch nicht erinnere. Die Begegnungen dort machen mir Angst – was nichts Ungewöhnliches wäre.

Eine Klimaanlage rauscht im Lichtschacht. Ich horche ein wenig in das Geräusch hinein. Wie (fast?) immer, wenn eines etwas genauer und in kleinen Details betrachtet, wird es interessant. Das Geräusch erweist sich als vielschichtig und komplex. Die Klimaanlage hört auf, läuft aus und startet sofort wieder von Neuem. Die Logik dahinter will ich jetzt nicht ergründen; die soll machen, was sie will. Und wieder runter, rauf, runter, rauf … ist ihr fade oder will sie mich unterhalten? Oder will sie mich in ihren Bann ziehen? Oder ist das ihr Hilferuf? Jetzt hat sie wirklich aufgehört. Ist sie verendet? Stille. Ach nein, jetzt startet sie wieder los, als wäre nichts gewesen.

Soll ich heute ins Belvedere 21 fahren? Lange schaue ich noch auf meine frankophone Schweizerin im Regal, bevor ich aufstehe.


(6.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4155 Blaustich

 



23:40.  Der kleine Regen hat soeben aufgehört. Nichts als Stille, die nur von meinem inneren Schrillen überlagert wird. Die vereinzelten Regentropfen vom Dach vertreiben die Stille nicht. Als ich nicht aufpasse, beginnen die Dinge im Zimmer zu hüpfen. Jetzt schaue ich aufmerksam hin und sie sind wieder brav und bewegen sich nicht. Im Bücherregal dominiert plötzlich die Farbe blau und färbt auch auf den Luftbereich davor ab. Der Blaustich löst sich wieder auf. Ich bereite alles zum Schlafen.


(5.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 5. August 2025

4154 Verrenken

 



13:14.  Liebe LeserInnen, wo raste ich auf dem Weg von meinem Lieblingscafé nach Hause? Kommt ihr drauf? Richtig! Am Gestade gegenüber den frühneuzeitlichen Häusern, deren Proportionen mir so gefallen. Im Schatten einer Linde und beim Geplätscher des Brunnens des betrügerischen Baders am unteren Ende der breiten, großen, eindrucksvollen Stiege zur Marienkirche hinauf. Am Herweg bin ich auch beim Weilerbild in der Auslage von Wienerroither & Kohlbacher stehen geblieben und habe eine kurze (sehr kurze! - der innere Spötter) Andacht mit Foto abgehalten. Alles wie gehabt und trotzdem alles ganz anders: auf Am Gestade 3 putzt jemand (eine ältere Frau – ich konnte es in der relativen Dunkelheit ihres Raumes von außen nicht gleich erkennen) die Fenster (Wiener Fensterstock: das heißt: die äußeren Fensterflügel gehen nach außen auf. Das hat den Vorteil, dass der Wind sie zudrückt und damit das Fenster abdichtet. Die Scheiben außen zu putzen kann eine kleine kletter- und verrenkungstechnische Herausforderung sein). Der sanfte Wind schaukelt die kleinen Fahnen beim Hotel-Hostel-Luka (das scheint ja der Sinn von Fahnen zu sein). Übrigens: Österreich und Europäische Union, je zwei. Ich nehme an, es wird nicht mehr allzu lange dauern, bis die Früchte des Lindenbaumes herunter gesegelt kommen werden (laut google im September. Also das wird noch etwas dauern – der Korrektor). Eine ältere Dame klappert extrem laut, aber gekonnt die Stiegen von Maria-am-Gestade herunter. Die Fenster putzende Dame muß sich sehr anstrengen, das sehe ich. Ich sehe auch eine junge Frau in wirklich sehr kurzem Rock, die zur Stiege hinauf geht. Gottseidank habe ich gerade über mein Notizbuch gebeugt geschrieben und nicht so hingeschaut. So brauch ich mir nicht allzu viel vorwerfen (oder?). Kurz taucht der Gedanke auf, zur Kirche hinauf zu gehen und einzutreten – ich war schon Jahrzehnte nicht mehr drinnen. Aber ich verwerfe den Plan, denn ich erinnere mich an den Gestank innen und die scheußliche Reliquie (stimmt die Erinnerung? Mein innerer Wahrheitsfanatiker will jetzt hinaufsteigen und meine Erinnerung überprüfen. Ich scheiß drauf!). (Das war schon klar, dass der keine Ruh gibt!)

Ich habe zwei junge Frauen, die hüftschwingend die Stiege hinauf sind als „Lift“ benutzt, bin ihnen in gehörigem Abstand gefolgt und habe dann wirklich die Kirche Maria-am-Gestade betreten (keine Sorge, die Frauen hatten ein anderes Ziel). Das Tor ist weit offen, die Luft drinnen nicht so schlecht. Ich sehe zunächst kein Weihwasserbecken, was mich irritiert, denn ich will die Spielregeln einhalten und mich beim Eintritt mit Weihwasser bekreuzigen. Ah! Die Weihwasserbecken sind ein Stück weiter vorn im Kirchenschiff und – typisch – das eine ist leer und das andere fast leer – was sie jetzt überall haben: im Weihwasserbecken eine kleines Kompottschälchen aus Glas mit einem kleinen Lackerl drin, kaum dass man die Finger benetzen kann. Warum haben die so Angst vorm Wasser? Wo bleibt die Symbolik von Fülle, Segen und Reinigung? Die Becken gehören bis zum Rand voll mit Weihwasser - mit echtem! - gefüllt. Geizig, ängstlich wirkt das; nur ja nicht zu viel pritscheln!
Normalerweise zünde ich immer auch eine oder mehrere „Opfer“kerzen an, wenn ich in einer Kirche bin; ich bezahle sie korrekt und bete dann wirklich. Hier nicht. Hier gibt es nur diese gottlosen Gaskerzen zum Wiederbefüllen, die nichts anderes sind als Kerzen imitierende, kitschige Gasfeuerzeuge. Pfui!

Ah, und die Reliquie vom heiligen Klemens Maria Hofbauer ist zwar trotz Glasfenster im Reliquienschrein besser verstellt und versteckt, als ich es in Erinnerung hatte, aber dieses Ausstellen von Knochen- und Leichenteilen empfinde ich als durch und durch morbid, obsessiv und scheußlich. Nein, das reicht! Ich gehe wieder.

Der Werbeaufspann für den European Congress of Radiology am alten frühneuzeitlichen Haus in Höhe und gegenüber der Kirche empfinde ich als hässlichen, geistlosen, erbärmlichen und unrettbaren Kitsch. Die Pallas-Athene-Statue mit Eule als Darstellung des Wachstums des wissenschaftlichen Wissens ebenso. Arme Wissenschaft! So heruntergekommen! So können die Erkenntnisse auch nicht viel wert sein. Da ist mir die Kirche gegenüber mit ihrer äußerst fragwürdigen Ästhetik noch lieber (er wollte schreiben: beim Arsch lieber, aber das hat er dann zensuriert – der innere Spötter). Die Kirchturmuhr schlägt Viertel. Ich gehe. (Naja, da hat er sich wieder weit aus dem Fenster gelehnt! - der innere Spötter.)

(5.8.2025)

Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4153 Deus ex machina

 



11:12 a.m.  Die Musik in meinem Lieblingslokal ist heute genau die richtige: leicht melancholische Gitarrenmusik. Das Zeitungslesen hatte ich früher aufgegeben als sonst; ein gewisser, ungenauer Überdruß (Österreichisches Wörterbuch, Österreichischer Bundesverlag, Verlag für Jugend und Volk, 21., verbesserte Auflage). Ein kleiner Bub hat seinen Kipplader am Boden mit hochgestellter Ladefläche geparkt und beschäftigt sich mit etwas Anderem in einem Regal, was, das kann ich aus meiner Perspektive und Distanz nicht erkennen (die Tageskinderei hat ihn hier eingeholt – der innere Spötter). Ah! Es sind Gläser im Regal: umräumen, umschlichten, probetrinken. Der Vater strahlt über das ganze Gesicht. Die Musik ist immer noch sehr, sehr schönes Gitarrengeklimper, mit „Zusätzen“. Der Blick in die grüne Laube draußen ist trotz der verkehrsreichen Straße dahinter immer wieder angenehm für Auge und Seele. Ein am Trottoir stadtauswärts gezogener Rollkoffer macht auch ein interessantes, flottes Geräusch, das aber schnell wieder vorbei geht. Der Kleine entdeckt mich und schaut mich skeptisch an. What a Wonderful World! (Zu Recht schaut ihn der Kleine skeptisch an; er hat ja ein T-Shirt mit Ich bin nicht der Richtige als aufgedruckten Text an – der innere Spötter.) Und immer noch die schönen Gitarren. Die Musik geht mir ans Herz und an die Augen (nass). Die Gitarrenmusik ist schwer melancholisch. Ich versuche schüchtern und wortlos noch einen Cappuccino zu ordern, aber kann die Aufmerksamkeit nicht auf mich lenken (damit es kein Mißverständnis gibt: ich bin sehr froh, dass mich die KellnerInnen im Grunde in Ruhe sitzen, lesen und schreiben lassen, und ich könnte ja auch mein Maul aufmachen. Außerdem: früher oder später schaffe ich es schon; ich bin immer noch auf meine drei Cappuccini gekommen). Geschafft. Der neue Cappuccino ist da. Hoffentlich bringt das verzehrte Schnittenstück mit seinem Zucker nicht meine schöne Stimmung zum Einsturz. Oh, diese schöne Musik! Mir kommt das Wasser in die Augen vor lauter schwermütigem Glück.

Ich habe schon oft erklärt, dass ich beim Schreiben lieber in Räumen sitze, weil auch die Sprache ein Raum (mit Fenster und Türen) ist. Die Unendlichkeit ist allerdings sprachlos und völlig unsentimental.

Die so schön traurige Musik läßt mich nicht weiterziehen. Von draußen überlagert nun ein bettelnder Straßenmusikant die Musik herinnen. Eine Zeit lang habe ich es hinbekommen, beide Musiken als eine zusammen zu „lesen“ – als eine zu hören, dann die von draußen als riskante, interessante Intervention und Ergänzung eines musikaffinen deus ex machina, bis die Diskrepanz (was heißt das eigentlich und was ist die ursprüngliche Bedeutung und Etymologie?) zu stark wurde.

Die Zeit des Aufbruchs ist nah. Trotzdem: die schönste zeitgenössische Gitarrenmusik ist die von John Frusciante und Omar Rodriguez-Lopez gemeinsam. Aber die hört man nirgends. Und mein Player verweigert diese meine CD.


(5.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4152 Es taugt

 



8:45 a.m.  Ich nehme dankbar den Farbenreichtum meines halbverdunkelten Zimmers auf. Meine Seele freut sich. Und auch die gegenständliche Dichte empfinde ich als Reichtum. So habe ich in meinem Leben doch irgendwie eine Welt geschaffen. Beim Aufwachen hatte ich noch gedacht, dass mein Zimmer pubertär oder kindisch ist, aber als ich die Augen richtig aufgeschlagen und mich im Bett aufgesetzt hatte, hat es mich beglückt. Ach Rettenschoess! Heute kommt mir der blaue Berg wie ein blauer Scheißhaufen vor und ich muß über mein Bild lachen. Mein Blick rutscht rüber auf Mali Lošinj gleich links daneben (die zwei Bilder hängen an der Stelle an der Wand, wo mein Blick bei leichter Linksneigung meines auf der mit Pölstern bedeckten Kante der Rücklehne des Bettes aufliegenden Kopfes ganz natürlich hinfällt, wenn ich die Augen gehoben habe) und ich weide meine Augen darin (nicht nur seine Augen! Auch sein Ego, denn freilich taugt es ihm, wenn ihm sein selbst gemaltes Bild gefällt und er sich einreden kann, es sei etwas Besonderes – andere Bewunderer hat er ja nicht mehr, der Arme! - der innere Spötter). So! Genug der zirkularschlüssigen Betrachtungen! Aufstehen! Frühstück!


(5.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4151 Nicht lesen

 



23:45.   Ich bin müde, dass ich nicht mehr lesen kann. Dabei habe ich mir ein Büchlein der leichteren Sorte ausgesucht. Ich zwinge mich aber, ein paar Sätze zu schreiben (wie überflüssig! - der innere Spötter).

(4.8.2025)

Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 4. August 2025

4150 Oberkörper

 



10:48 a.m.  Wieder im Café der Jugend am Werk. Heute ist mehr los. Sogar ein Kunstwerk wurde verkauft. Zigarettenrauch stört mich; vermutlich vom Platz vorm Haus (Tür und zwei Fenster sind offen). Ich habe heute schon brav das Bad geputzt und das ist meine Belohnung. Das klingelnde Telefon (endlich gibt er das ph auf! - der innere Spötter) klingt wie eine spezielle musikalische Intervention eines musikalischen Weltenlenkers zur laufenden Musik. In Pension zu sein, ohne ordentliches Arbeitsleben (im gesellschaftlichen Sinn) vollbracht zu haben, tut schon etwas weh (und nicht wegen der niederen Pension - was jedoch auch lästig ist). Ich öffne die gut luftdicht verpackte Mandel mit Kakaohülle, die hier zum Kaffee gereicht wird, stecke sie in den Mund und zerbeiße sie. Den Standard habe ich mitgebracht und schon durchgelesen (schlampig natürlich – der innere Spötter). Die Musik ist fasenweise (du Trottel! Phase schreibt man mit Ph! - der innere Korrektor) (Reingefallen! - der Autor) recht schön. (Autor schreibt er! Du traust dich was! - der innere Spötter.) Jetzt schaue ich durchs Fenster auf den kleinen Platz und die zwei, drei kreuzenden Gassen hinaus. Ab und zu geht jemand – genaugenommen sein oder ihr Oberkörper – an den Fenstern vorbei. Oder fährt mit dem Rad. Autos kann ich ignorieren: erstens fahren gar nicht so viele, und zweitens sehe ich bei den Personenkraftwagen nur deren Dächer vorbeigleiten. Das wird mir etwas fad, darum schaue ich aufs Handy. Das bringt auch nichts. Vor den Fenstern überholt ein alter, männlicher Oberkörper einen jungen, weiblichen.


(4.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4149 Aufhören

 



6:59 a.m.  Ein schöner, frischer Sommermorgen, der einen schönen Tag verspricht. Auch was mich betrifft. So genieße ich diesen Tagesbeginn noch im Bett im rolloverdunkelten Zimmer, in dem ich über die offene Tür ins Vorzimmer, wo das Fenster geöffnet ist, Frischluft und Tageslicht in mein Versteck herein lasse. Das Leben ist draußen, aber ich höre mit; die Krähe zum Beispiel. Und jetzt kommt eine Fliege ins Zimmer; ihr Summen ist mindestens so alt wie ich und der Sommer. Jetzt heult ganz nahe eine Maschine los. Und hat schon wieder aufgehört (was hat eigentlich aufhören mit hören zu tun? Aufstehen und zum etymologischen Wörterbuch gehen?). Ach, wieder die Krähen, diesmal aus der Ferne.

(aufhören: laut Mackensen, Ursprung der Wörter: „Zw. mhd. ûf hœren, verstärktes hören: hinhörend die Tätigkeit unterbrechen.“ - klingt das für euch plausibel und glaubwürdig? - der Tipper)


(4.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4148 Die grüne Farbe

 



0:10 a.m.  Pulsierende Töne und Energien begleiten das Pendeln der Schnur der Holzmöwe – die Schnur, an der eines den Mobile-Mechanismus auslösen kann – der Möwe, die über meinem Haupt schwebt - ohne dass die Töne und das Schwingen etwas miteinander zu tun haben. Nichts geht mehr fällt mir ein und schreibe es hin, ohne zu überprüfen, ob der Satz denn überhaupt stimmt. Müde bin ich, das ja! Ich sitze auf dem Bett. In meinem Kiefer beginnt ein Ziehen (die grüne Farbe des Pilotstiftes, mit dem er schreibt, nervt ihn gerade – der innere Spötter). Ich fühle mich im kegelförmigen Licht der Leselampe fast bis auf den Grund des dunklen Zimmers hinabgesunken. Nach einiger ideen- und ereignislosen Zeit strecke ich meine Beine aus, was das Empfinden, zusammengekauert am Boden zu hocken, ein wenig auflöst. Ich starre ins Notizbuch: jetzt mag ich die grüne Farbe meiner Schrift!


(4.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Sonntag, 3. August 2025

4147 Ich kratze mit dem Löffel

 



13:48.  In der Schönen Perle nach Mittagessen, Susitorte, vorm letzten Schluck Kaffee. Auf der Bank sitzen wir niedrig und wie zwei brave Kinder nebeneinander am Tisch. Ich habe genug von den Zeitschriften – das hält mein Hirn nicht mehr aus – und schaue im in diesem Bereich eher leeren Gastraum umher und nehme die Elegie der leeren Sessel auf. Jetzt kommt die Sonne an die Fensternischen vor mir hinten im unbenutzten zweiten Raum, der mit einem am Zugang abgestellten Sessel (Stuhl) für Gäste gesperrt ist, und diese Lichtstreifen an den gelb-weißlichen Wänden rufen in mir eine vertraute Sehnsucht hervor, wonach, das bin ich zu träge um es zu erforschen; irgendwas mit Kindheit, Jugend und Ferien. Unerfüllte Sehnsucht natürlich. Ich vermute ja, da steckt etwas Anderes dahinter, etwas ganz Anderes! (Er meint irgendwas mit wir kommen aus dem Licht und gehen wieder in dieses Licht zurück, ist aber zu feig, es offen hinzuschreiben und dazu zu stehen - der innere Spötter.) So, das war jetzt der letzte Schluck Kaffee. Nachher kann ich noch mit dem Löffel den Schaum aus der Tasse kratzen; das hebe ich mir für den Schluß auf. Das Restaurantgeschehen spielt sich hauptsächlich rechts von mir, im Saal hinter der zirka ein Meter hohen „Abtrennung aus Holz“ (c/o Daniela Hantsch) mit den Blumenstöcken ab. Sättigung, Müdigkeit und Kaffee bilden eine fragile Stimmungslage und auf einem Plakat sehe ich den Dings ... den Dings von den The Smiths. Die könnte ich auch wieder einmal anhören. Ich kratze mit dem Löffel den Milchschaum aus der Tasse, stecke jenen in den Mund, konsumiere die kaffeehaltige Substanz, dann stehe ich auf und wir gehen.


(3.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4146 Ein wenig nützlich

 



9:17 a.m.  Der Vogel der Freiheit ist schon längst weitergeflogen, hat mich nicht mitgenommen, weil ich viel zu lange herumgetan und gezaudert habe. So schäle ich mich langsam aus Schlaf und Traum, hocke da und schaue, wie der Wind den Vorhang hereinweht. Die großen Wohnzimmerpflanzen – mein trinitarischer Wohnzimmerbaum – zeichnet ein ernsthaftes Grün aus. Der Wind beim Fenster herein ist so stark, dass er einige Blätter des Baumes ins Vibrieren und Schütteln bringt. Eingeknickt wie ich bin ist die Atmung etwas eingeschränkt und mein Herz bräuchte mehr Raum. Der schöne Vorhang aus Eigenproduktion zappelt geradezu vor Aufregung und in meiner Brust ist auch zu wenig Ruhe und ein befremdender Druck. Ich stehe auf, gehe aufs Klo und versuche mich nachher in der Küche ein wenig nützlich zu machen (händisches Kaffeemahlen).


(3.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 1. August 2025

4145 Caffè vom See

 



10:24 a.m.  Ich sitze im Werd im Jugend am Werk beim Kaffee. Ein schöner Raum. Hier gibt es Caffè vom See. Und es ist angenehm da zu sitzen. Durch die drei nicht allzu großen Fenster (Altbau) sieht eines auf den kleinen Platz und die Straße, aber der Raum bleibt integer, kompakt und bergend. Manchmal ist leise Hitmusik durchaus ausreichend. Oder auch schön – wie gerade die Gitarrenakkorde. Ich bestelle mir im Nachhinein ein Mohnbeugel; weil die aber aus sind, bin ich mit dem Nussbeugel - ganz frisch und ofenwarm – auch sehr zufrieden. Übrigens bin ich zum ersten Mal hier, obwohl ich schon jahrelang hier vorbeigehe. Ein Fahrverbotsverkehrszeichen – ausgenommen RadfahrerInnen – leuchtet geradezu in seinem Rot und Weiß aus akzeptabler Entfernung beim Fenster herein. Schade, dass es hier keine Zeitungen gibt. Die zusammengestückelte Einrichtung ist mir ebenfalls angenehm – ich fühle mich von ihr weder bedroht noch eingeschüchtert. Könnte das ein neuer Schreibplatz werden? Die Bilder und Zeichnungen hier an den Wänden habe auch etwas.


(1.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4144 Licht

 



10:40 a.m.  In der Brigitte-Kowanz-Ausstellung in der Albertina (wußte gar nicht, dass sie schon gestorben ist). (Er hat Hemmungen, das hinzuschreiben, als hätte er das Todesurteil gesprochen; das ist Größenwahn! - der innere Spötter.) Beim Hergehen an der Oper hinten vorbei habe ich zum ersten Mal in meinem Leben dem Soravia-Wing etwas abgewinnen können. Bis jetzt hat er mich nur gestört (außer dass er vor Regen schützt, wenn eines oben vorm Albertinaeingang steht).

Die Lichtinstallationen beeindrucken mich, auch weil dabei die Räume so leer und groß und nüchtern wirken. Außerdem gibt es viele Spiegelwände, was einem Narzissten wie mir gefällt (mein Spiegelbild zu idealisieren, das krieg ich schon hin. Erst recht, wenn es verfremdende Spiegel sind). Ich halte mich gerne in diesen Hallen auf; so wie sie jetzt sind, geben sie mir ein Gefühl von Großzügigkeit, die mir entgegen gebracht wird. Und das Licht. Licht ist das, was man sieht heißt die Ausstellung.

Ein Aufseher weist eine junge Besucherin zurecht, weil sie zu nahe an einen Glaskasten geht und ihn offensichtlich berühren will.

Naja, freilich habe ich viele Fotos (sic!) gemacht; Licht und Spiegel sind ideal dafür.


(31.7.2025)


Peter Alois Rumpf Juli 2025 peteraloisrumpf@gmail.com