4153 Deus ex machina
11:12 a.m. Die Musik in meinem Lieblingslokal ist heute genau die richtige: leicht melancholische Gitarrenmusik. Das Zeitungslesen hatte ich früher aufgegeben als sonst; ein gewisser, ungenauer Überdruß (Österreichisches Wörterbuch, Österreichischer Bundesverlag, Verlag für Jugend und Volk, 21., verbesserte Auflage). Ein kleiner Bub hat seinen Kipplader am Boden mit hochgestellter Ladefläche geparkt und beschäftigt sich mit etwas Anderem in einem Regal, was, das kann ich aus meiner Perspektive und Distanz nicht erkennen (die Tageskinderei hat ihn hier eingeholt – der innere Spötter). Ah! Es sind Gläser im Regal: umräumen, umschlichten, probetrinken. Der Vater strahlt über das ganze Gesicht. Die Musik ist immer noch sehr, sehr schönes Gitarrengeklimper, mit „Zusätzen“. Der Blick in die grüne Laube draußen ist trotz der verkehrsreichen Straße dahinter immer wieder angenehm für Auge und Seele. Ein am Trottoir stadtauswärts gezogener Rollkoffer macht auch ein interessantes, flottes Geräusch, das aber schnell wieder vorbei geht. Der Kleine entdeckt mich und schaut mich skeptisch an. What a Wonderful World! (Zu Recht schaut ihn der Kleine skeptisch an; er hat ja ein T-Shirt mit Ich bin nicht der Richtige als aufgedruckten Text an – der innere Spötter.) Und immer noch die schönen Gitarren. Die Musik geht mir ans Herz und an die Augen (nass). Die Gitarrenmusik ist schwer melancholisch. Ich versuche schüchtern und wortlos noch einen Cappuccino zu ordern, aber kann die Aufmerksamkeit nicht auf mich lenken (damit es kein Mißverständnis gibt: ich bin sehr froh, dass mich die KellnerInnen im Grunde in Ruhe sitzen, lesen und schreiben lassen, und ich könnte ja auch mein Maul aufmachen. Außerdem: früher oder später schaffe ich es schon; ich bin immer noch auf meine drei Cappuccini gekommen). Geschafft. Der neue Cappuccino ist da. Hoffentlich bringt das verzehrte Schnittenstück mit seinem Zucker nicht meine schöne Stimmung zum Einsturz. Oh, diese schöne Musik! Mir kommt das Wasser in die Augen vor lauter schwermütigem Glück.
Ich habe schon oft erklärt, dass ich beim Schreiben lieber in Räumen sitze, weil auch die Sprache ein Raum (mit Fenster und Türen) ist. Die Unendlichkeit ist allerdings sprachlos und völlig unsentimental.
Die so schön traurige Musik läßt mich nicht weiterziehen. Von draußen überlagert nun ein bettelnder Straßenmusikant die Musik herinnen. Eine Zeit lang habe ich es hinbekommen, beide Musiken als eine zusammen zu „lesen“ – als eine zu hören, dann die von draußen als riskante, interessante Intervention und Ergänzung eines musikaffinen deus ex machina, bis die Diskrepanz (was heißt das eigentlich und was ist die ursprüngliche Bedeutung und Etymologie?) zu stark wurde.
Die Zeit des Aufbruchs ist nah. Trotzdem: die schönste zeitgenössische Gitarrenmusik ist die von John Frusciante und Omar Rodriguez-Lopez gemeinsam. Aber die hört man nirgends. Und mein Player verweigert diese meine CD.
(5.8.2025)
Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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