Donnerstag, 7. August 2025

4159 Stadtwanderung

 



10:39 a.m.  Im Lieblingscafé. Beim Herfahren war ich glücklich, beim Umsteigen von der U2 genau die richtige U-Bahntür direkt vor der Rolltreppe hinauf zur neunundvierziger Straßenbahn erwischt und dadurch den Weg optimiert zu haben. Ich habe mir das beim Einsteigen in die U2 schon überlegt und richtig geplant! Man erlebt ja sonst nicht so viel (sehr bescheidenes Glück! - der innere Spötter). (Mein Gott, was für ein erbärmliches Leben! - der innere Ankläger.)

12:23.  So lange habe ich für mein zweites Frühstück und die Zeitungslektüre gebraucht. Alle sitzen in der Laube draußen an der Burggasse; ich bin allein im ersten Gastraum (in den zweiten habe ich nicht reingeschaut). Ich weiß, ich wiederhole mich, aber das ist so schön! Ich blicke aufmerksam im Raum umher - registriere, wie groß er ist – und durch die großen Fenster hinaus, um Themen zu finden. Horche mich deswegen auch um und in mich hinein. Dabei bleibe ich gelassen und unaufgeregt, obwohl ich nichts finde, während ich feststellen muß, dass meine Nase rinnt. Ich schneuze mich (Österreichisches Wörterbuch, 21. Auflage) (Gehört die menschliche Nase wirklich zu einer Schnauze, wenn diese als „hervorspringendes, mit der Nase verbundenes Maul bestimmter Tiere“ definiert ist? Aus dem Wörterbuch auf Google, wobei mir nicht schlüssig ist, welches.) Ich schneuze mich also und dann, weil ich nicht alles rausbekommen habe, ziehe ich leise und unauffällig etwas Rotz hoch. Bis schneuzen wieder unvermeidlich ist. Ich stehe sogar vom Tisch auf und gehe auf die Toilette – wo mir beim Eintreten in den Vorraum die resolute Köchin entgegenkommt, weil hinter diesem Vorraum noch ein Lagerraum oder etwas Ähnliches ist; vermutlich – und entsorge im Vor- und Waschraum der Toilette das nasse Papiertaschentuch.

Die Musik ist wie so oft sehr angenehm und der Wind auf der Gassen schaukelt, ja, fast dreht er die schöne Platane hin und her. Ich fühle mich so wohl hier, die innere Uhr jedoch schlägt mir Aufbruch und Stadtwanderung vor. Ich lasse meinen Blick in den glitzernden Regalen mit den vielen Gläsern bis zur Unkenntlichkeit einsinken. Aber wieder nur kurz. Noch ein Mal ziehe ich den Rotz hoch – diesmal etwas zu laut – aber sei’s drum, ich gehe bald.

13:09.  Heute habe ich eine etwas andere Route für meine Stadtwanderung genommen und raste im Park am Schmerlingplatz (wie ich erst jetzt mitbekommen habe: Grete-Rehor-Park – der Tipper) umgeben von Verkehrs- und Baustellenlärm und beschallt von einem englischsprachigen Sender (?) von der Nachbarbank. Es ist windig, was die Hitze angenehm macht und mir meine Strohkappe vom Haupte zu wehen droht. Durch Bäume und Gebüsch sehe ich Teile unseres Parlamentes und der Straßenbahnstation Bellaria (heute Dr.Karl-Renner-Ring). Das ist gar nicht Englisch, was von der Nebenbank herübertönt. Zumindest jetzt nicht mehr. Klingt eher wie Russisch. Den älteren, bloßfüßigen Herrn hätte ich eher am indischen Subkontinent verortet. Aber nix genaues weiß man nicht. Jetzt hat er anscheinend leiser gedreht und ich kann gar nichts mehr verstehen. Manche Laute klingen tatsächlich wie vom indischen Subkontinent, oder so ähnlich. Die österreichische Fahne oben am Parlament kann ich sehen – das hat jetzt nichts mit dem vorher Gesagten zu tun – und der Wind kommt ziemlich genau aus Süd (sagt mein Handy. Ich hätte Ost vermutet. So leicht irrt man sich). Ein bißchen komme ich mir wie ein Tourist vor, aber wo komme ich denn her? (aus der Unendlichkeit – der innere Spötter). Fünf elegische Fahrräder sehe ich an der Mauer der Parlamentsrampe abgestellt; in ihren teilweise schiefen Haltungen wirken sie so depressiv; besonders die seitlich gekippten Vorderräder wie traurige, hängende Köpfe. Ich gehe besser weiter.

13:42.  Beim Vorbeigehen merke ich: es sind sechs Räder an der Rampe, und die Drachen am Fuß der Säulen der alten Straßenlaternen schauen grotesk aus (was sollen die eigentlich verscheuchen? Brunzende Hunde?). Ja und die heutige Bundesländerfahne am Parlament ist die steirische! (Wow! - der innere Spötter). Nun aber sitze ich im Volksgarten auf einer schattigen Stufe des Theseustempels – ein Gebäude, das mir gefällt. Von hier sehe ich auch die zwei Fahnen am Dach der Hofburg: Ö und EU (hier ist mir der Südwind plausibler – die innere Geographie stimmt hald (sic!) oft nicht mit der wirklichen überein. Wegen vorhin). Jetzt jedoch hat der Wind gedreht, die Fahnen wehen zu mir her. Ist das ein Omen? Soll ich bei der nächsten Bundespräsidentenwahl antreten? Naja, schon wieder vorbei! Der Wind hat wieder gedreht. Meine Nase rinnt immer noch. Eine leichte, feine Trübung zeigt sich am Himmel im Südosten. Oder Süden. Eine Gruppe ganz junger Spanierinnen mit ihren rrrabiaten Aussprachen (um nicht arabiaten zu sagen) schlendern quasselnd vorbei. Eine ostslawische Mutter – ich kann sie aber nicht sehen – schimpft mit ihrem kleinen ausgebüxten Sohn, der vor mir über die Kette der Absperrung geklettert ist und ruft ihn zurück; seine Schuhe sind von oben nach unten weiß-blau-rot, in dieser Reihenfolge der Länge nach. Es schlägt dreiviertel. (Was kümmert ihn die exakte Wahrheit und deren sorgfältige Überprüfung! - der zornige innere Korrektor.)

14:19.  Der innere Wahrheitsfanatiker hat keine Ruhe gegeben, bis ich aufgestanden bin, um der Familien nachzugehen, um zu überprüfen, (1) ob die Schuhe wirklich weiß-blau-rot in dieser Reihenfolge sind, (2) ob es wirklich die Mutter gewesen sein kann, (3) ob ihre Sprache wirklich nach Ostslawisch klingt. Aber bis er sich gegen meine Trägheit oder – wahlweise – gegen mein Ruhebedürfnis durchgesetzt hat, war die Familie schon wieder weiter und ich habe sie nicht mehr gefunden. Auf dem mäandernden Weg hierher habe ich am Trottoir eine tote Fliege – eine von denen, die mit ihrem Hinterteil eine Wespe zu imitieren versuchen – kopfüber liegen gesehen und noch etwas, das ich vergessen habe (kopfüber liegen – das mußt du näher erklären – der innere Wahrheitsfanatiker). Also: die Fliege befand sich auf dem Boden und rührte sich nicht; ihr Kopf schien im Spalt zwischen zwei Pflastersteinen gesteckt zu sein und dadurch war ihr Hinterteil etwas angehoben. Ich gebe gleich zu: Pflastersteine ist vermutlich auch nicht richtig, aber ich kenne die korrekte Bezeichnung für diese Bodenbedeckung nicht. Bodenplatten vielleicht, aber Platten stelle ich mir größer vor. So sitze ich nun zufällig vor der juridischen Fakultät vor der Balustrade der Stiege in den Abgrund zum Eingang des Gebäudes im Schatten eines Baumes, den ich nicht identifizieren kann (Buche vielleicht?) und schaue den Autos zu, wie sie hinter mir aber gespiegelt vor mir vorbeifahren. Sonst noch was? Hm. Nein.

14:50.  Und jetzt wieder am geliebten Gestade, wo das einzige sicht- und hörbare Wasser das aus dem Brunnen des betrügerischen Baders ist (die Uhrzeit wollte ich mir diesmal ersparen, aber in mir arbeitet so ein kleinlicher, lästiger, zwanghafter Wicht, der keine Ruhe gegeben hat, bis ich das Handy aus dem umgeschnallten Tascherl geholt – Reißverschluß auf, Handy raus – die Uhrzeit gecheckt und aufgeschrieben habe – Handy ins Tascherl – Reißverschluß zu). Mein Platz auf der Bank gegenüber den frühneuzeitlichen Häusern gerät immer mehr in die Sonne, die Schattenplätze sind besetzt, deshalb werde ich gleich weiterwandern (wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh, mit mancherlei Beschwerden der ew’gen Heimat zu – irgendein Kirchenlied, glaube ich). Jetzt wird gegenüber ein Schattenplatz frei. Ich wechsle hinüber. Meine Walkingstecken waren von der Sonneneinstrahlung schon heiß. Dafür schaue ich auf den Nachkriegsbau gegenüber – auch nicht schlecht; ein schöner, solider, moderner Bau. Hier habe ich einen besseren Blick auf die Treppe zur Kirche hinauf, wo die Leute so heruntertröpfeln und einzelne hinaufsteigen. Das ist schon ein Platz zum Verweilen, obwohl mich hier auch nichts mehr einfällt. Hinter mir geht die Tür zum polnischen Institut, begleitet von zwei weiblichen Stimmen. Ich drehe mich nicht um. Ich will mir ja nichts einfangen. (So! Jetzt reicht’s! - der innere Supervisor).


(7.8.2025)


Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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