4167 Auf mittlerer Höhe
8:35 a.m. Meine Texte sind heuer wirklich dabei; ich habe mich erkundigt. Das Frühstücksmüsli hat sehr gut geschmecket. Ich habe mir erlaubt, mich wieder ins Bett zu hocken. Ich höre Schritte aus dem Nachbarhaus und jemanden im oder in einem Zimmer am Lichtschacht kramen. Ansonsten ist es still und rührt sich nichts. Ich habe das Rollo noch nicht hochgezogen und so kommt das helle Licht nur vom Vorzimmer durch die offene Türe herein und ich habe die Leselampe beim Bett aufgedreht und die Mischung dieser beiden Lichter im halbdunklen Zimmer erzeugt einen befremdenden Tagesbeginn, als wäre es ein Film zum Beispiel, in dem ich lebe, oder bloß Leben darstelle. Ein wenig verschließe ich mich noch dem neuen Tag, lese ein wenig, aber bald bin ich bereit. Ich bilde mir ein, diese Verzögerung tut mir heute gut. Immerhin atme ich tief ein.
11:42 a.m. Links von der linken Box auf mittlerer Höhe in der Ecke meines Lieblingslokals wirft die Sonne – ich weiß nicht, auf welchen Umwegen, denn die Fenster sind im Norden – einen viereckigen, von den Schatten einzelner Blätter der Begrünung draußen an der Fassade, die vor das große Fenster hängen, und dem größeren Schatten der Box selbst graphisch gestalteten Lichtfleck auf die blaue Wand, der noch dazu vom Wind in den Pflanzen vorm Lokal in seiner Struktur und Musterung in seiner Innenfläche bewegt wird (ich wollte schon – von der Zeitunglektüre dizzy – ohne eine Zeile geschrieben zu haben heimgehen, weil ich mir in meinem Überdruß nicht vorstellen konnte, auch nur einen Satz zustande zu bringen, aber dann habe ich genau das nicht tun können, nämlich zum ersten Mal das Lokal ohne eine Zeile zu verlassen. Und dann fließt mir dieser Einstiegssatz heraus, der in seiner ausladenden und einkreisenden Bewegung fast die ganze Welt, aber jedenfalls die Aufmerksamkeit meiner LeserInnen einfangen will, den ich jedoch vor der Niederschrift in meinem Geist nicht gesehen habe und überhaupt nicht kannte und der, nur indem ich den Lichtfleck – der übrigens inzwischen wegen der Erddrehung schon fast gänzlich verschwunden ist – als Starter genommen habe, – hmmm! der erste Schluck vom dritten Cappuccino! - von meinem Erstaunen begleitet einfach aus mir herausgeflossen ist; wobei meinem Erstaunen wurscht ist, ob der Satz wirklich gelungen ist oder nicht. Da erhebt sich die Frage: woraus ist er geflossen? Aus der Sprache und ihrem ungeheuren Speicher der – zwar gefilterten – Erfahrungen bis weit zu unseren Vorfahren zurück? Oder aus mir und dem weiten Land meiner Seele – die ja auch einiges Erlebte vergessen und einiges der Altvorderen abgespeichert hat, was mein Ich nicht unbedingt kennt? Oder aus einem Es, und wenn ja, wo befindet sich dieses? Wer oder was lädt es auf? Oder ist es eine Mischung respektive Kooperation verschiedener Kraftfelder aus den Bereichen ich, wir, Vergangenheit, Universum, was-weiß-ich-was?). Der Ventilator dreht sich heute flott und aus den Boxen kommt heute Blues als kosmisches Hintergrundrauschen, und der Wind, der Wind schaukelt ganz sachte die Zweige der Platanen draußen, während hinter ihnen alles mögliche Fahrgezeugs in unterschiedlichen Größen und Lautstärken vorbei fährt. Jetzt fällt meine Aufmerksamkeit auf einen Lichtfleck neben und oberhalb des Durchgangs zum SchaumRaum und berührt diese Aufschrift dort, und würde auch den einen Kranich (?) - ein Fünfzigerjahre-Metallrelief oben an der Wand – treffen, wenn diesen nicht genau der Schatten des kugelförmigen Kristallusters belegen würde; den zweiten Kranich erwischt er – der Lichtfleck - an Schwanz und Flügelspitze (als ich dies zu beschreiben begonnen hatte, hatte er nur die Schwanzspitze berührt). Auch in diesem Lichtrechteck macht der Wind draußen durchs Fenster herein seine kleinen Schattenspiele der bewegten Blätter. Und wieder frage ich mich – den Blues als Hintergrundrauschen – was mit mir von meiner Geburt an eigentlich los ist und nicht stimmt. Nicht dass ich jetzt unglücklich wäre, aber irgendetwas Entscheidendes fehlt mir schon seit ich zurückdenken kann. Ich blicke über meine linke Schulter nach hinten und tatsächlich läuft mir ein Schauder den Rücken hinunter. Dann muß ich kräftig und ohne es rechtzeitig verhindern zu können niesen und ich sage laut: Entschuldigung! Und der Kellner ruft: Gesundheit! Und ich murmle darauf: Danke! (inzwischen sind die beiden Kraniche – oder sind es Reiher? - ohne Lichtfleck einfach oben an der blauen Wand – der nächste unauffällig heranrückende Lichtfleck wird den einen bald am Schwanz erwischen).
So. Zurück aus dem Internet. Ich plädiere für baldigen Aufbruch, denn ich muß noch den Einkauf erledigen, stelle aber noch fest, dass der Wind sogar die an der Garderobe im Durchgang zum SchaumRaum hängenden Jacken und Westen in schwingende Bewegungen versetzen kann.
(19.8.2025)
Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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