4162 Stadtwanderung II
9:44 a.m. Auf meiner Wanderung zu meinem Lieblingscafé habe ich heute beim Umstieg von der U2 zum 49iger absichtlich einen „falschen“ U-Bahneinstieg gewählt, um meinen Perfektionismus – Ausstieg genau dort, wo die Rolltreppe zum 49iger hinaufgeht – perfekt zu unterlaufen. Und dann stelle ich fest: ich habe mich eh vertan: nicht eine, sondern zwei Türln vom perfekten Ausstieg entfernt, und noch dazu in der anderen Richtung als konzipiert. Als „Strafe“ für diese Fehlleistung bin ich nicht in die Straßenbahn 49 eingestiegen, sondern zu Fuß zum Espresso Burggasse gegangen. (Burg und ga! Das einzige Ergebnis dieser Wanderung die Burggasse hinauf). Aber der Kaffee steht schon am Tisch und so ist alles wieder gut.
10:51 a.m. CSN&Y-ähnliche „Chormusik“. Auch nicht schlecht (irgendwann dazwischen waren auch EL&P mit Lucky Man dran). Meinen ungewöhnlichen Wunsch nach einem Gemüseobstmischsaft statt Cappuccino II konnte ich nicht aus der Distanz vermitteln, weshalb ich aufgestanden und an die Bar getreten bin (lieber Freund, hast du keine anderen Erlebnisse, oder Beobachtungen, oder wenigstens Gedanken, Überlegungen, Theorien, die du mitteilen könntest? - der innere Spötter). Momentan nicht. Aber ich habe noch eine längere Stadtwanderung vor (mit Gestade und so? – der innere Spötter). Ich überlege eine andere Route für die Wanderung, aber es will mir nichts Gescheites einfallen.
Drinnen dreht sich der Ventilator relativ bedächtig, draußen schaukelt der Wind die Zweige der Platane. Könnte er nicht auch meinen Geist etwas aufwirbeln? Hoffnungslos gaffe ich dennoch auf den Ventilator – vielleicht schafft es der. Der Gemüseobstsaft ist da. Wirklich köstlich. Ein großer Kochtopf steht auf dem Tischchen vor der Bar, flankiert von zwei Sesseln. Soeben wird er von der resoluten Köchin weggetragen. Ich gleite ins Internet ab, nachdem ich den Kommentar von Amanda Klachl in der Kleinen Zeitung über Herrn Prohaskas „Fallrückzieher“ fotografiert und gepostet habe. Der Saft – so wohlschmeckend er auch ist – verschiebt meine Stimmung, so, dass ich unruhiger werde. Für meine Schreibmelancholie braucht’s anscheinend – zumindest im öffentlichen Raum – den Duft von Kaffee (den ich bitter trinke). Was mach ist jetzt mit dem ungewohnten Geschmack im Mund? Ich gehe wieder ins Internet. Hoffe auf Reaktionen auf mein Posting. Jaaa!!! Ein Lacher für die Amanda Klachl. Vor Freude rinnt mir die Nase. Der Saftgeschmack wird bald mit Kaffee überlagert werden. Woher, woraus und wie beziehen die Leute eigentlich ihr Selbstbewußtsein? Ist mir nur so gekommen, wie ich ein Gespräch am Nebentisch in Ausschnitten mitbekommen habe. Ich meine nicht nur, wie sie reden (da habe ich nicht einmal die Hälfte verstanden), sondern auch ihre körperliche Haltung und wie sie gestisch agieren.
Mein bestellter Cappuccino kommt nicht. Draußen ist alles voll.
12:00. Ich gehe wieder ins Internet.
12:10. Ich bin wieder da.
Ich werde bald gehen. Aber wohin? Mir ist immer noch keine neue Route eingefallen. Ich komme nicht los, vielleicht kommt doch noch der Cappuccino. Richtig! Jetzt ist er da (und ist wegen der Verzögerung aufs Haus gegangen – der Tipper). Der erste Schluck. Ich starre auf den Boden und horche konzentriert auf die Musik.
Mein Geist zerspragelt. Mein Blick fällt auf die kleine Kristallglasvase mit dem kleinen, dezenten Sträußchen einer schlichten Pflanze. Das gefällt mir: subtil, unaufdringlich, beherrscht, feinfühlig und hübsch. Nun blicke ich in den schönen Weidenkorb mit den zusammengerollten, roten Decken für die kälteren Tage draußen im Garten. Der Korb ist voll und steht ein wenig schief, weil er mit einem Segment seines kreisförmigen Bodens mit einer Sehne von – sagen wir – 3 Zentimeter auf der runden Bodenplatte des Abstelltischchens bei der Eingangstür aufliegt. Der Korb und seine dunkelroten Decken: ist auch ein ästhetisch angenehmer Anblick. Die Leute hier gehen auch; ich meine als Anblick. Jaaa! Jetzt kommt langsam die Schreibmelancholie, aber ich sitze schon zu lange, mir tut der Hintern weh und meine Nase rinnt.
13:16. Ich mache im Esterhazypark Pause (Schad! und Eck, das ganze Ergebnis meiner Wanderung durch die Schadekgasse). (Reicht bei weitem! bei weitem! nicht an „Moos und kau - das ganze Ergebnis einer Moskaureise …“ - Ernst Jandl; Aus der Fremde – heran. Burg und ga! auch nicht und auch nicht die noch folgen werden – der innere Spötter.) Hier gibt es viele Tauben und sogar noch zwei Punks, die friedlich, wohlwollend und im Schneidersitz vor der pickenden Taubenversammlung sitzen und sie meditativ betrachten. Der Park ist gut besucht. Links von mir eine große Föhre, hinter mir: weiß ich nicht, was das für ein Baum ist (eine Esche? Kann das sein?). Ich gehe weiter.
13:36. (Gump und Asse, das ganze Ergebnis der Wanderung die Gumpendorferstraße hinunter.)
13:40. Wie wäre es mit Grad er! als Ergebnis meines Vorbeiwanderns an der Fillgradergasse? (Oida! - der innere Spötter).
13:47. Theo! Bald! - Theobaldgasse (er wird immer blöder! Ich geniere mich für ihn - der innere Spötter). Zur Rahlgasse und Rahlstiege fällt mir gar nichts ein. Ich habe wohl einen Kaffeerausch.
13:57. Muh! und Qua! beim Betreten des Museumsquartiers (ich sage nichts mehr – der innere Spötter).
14:13. Im Schatten des Mumok raste ich auf einer Bank. Die Frau auf der Nebenbank zieht ihre Handtasche näher zu sich. Eine angenehme Brise geht. Mein Kaffeerausch dürfte seinen Höhepunkt schon überschritten haben. Jetzt kommt der Hunger und die Unterzuckerung. Trotzdem mag ich nicht weitergehen. Ich schaue auf die graue, gewürfelte Fassade (Würfel sind es wenige, vor allem rechteckige, meist hochgestellte Platten – der innere Korrektor). Das Grau der Platten ist von unterschiedlicher Tönung und eigentlich schön. Freilich hat das Gebäude etwas von einem exquisiten Bunker, aber wohin sonst mit der Kunst in Zeiten wie diesen? War das ein kleiner Vogel, was da angeflogen gekommen ist und hinter der Betonbalustrade verschwunden? Oder ein vom Wind angewehtes Papierl? Ich bleibe bei der ersten Vermutung. Vielleicht ist hinter der Barriere ein Vogelnest. Eine Taube kommt betteln. Nein, sie pickt Brösel auf, die neben der Sitzbank verstreut sind und tut dies mit großer Anspannung und Bereitschaft, bei Gefahr sofort aufzufliegen; immer wieder zucken ihre Flügel und sie hält mich beständig im Auge. Schaffe ich es weiterzugehen? Ein Konzert von Presslufthämmern hallt jetzt durch die Höfe.
15:05. Nach einer kleinen Stärkung raste ich wirklich Am Gestade. Man hört einen Hund heulen, sieht ihn aber nicht (tiefer graben!/ Tiefer Graben). (geh! Ade!/ Gestade.) (Wie gesagt: ich kommentiere diesen Schwachsinn nicht mehr! - der innere Spötter.) Blick auf den Nachkriegsbau und die drei Linden davor; die mittlere ist offensichtlich krank.
Schön, kaum sitze ich drei Minuten, da heult eine Kreissäge (am Bus, der vorbeifährt: Schwarzenberg, platz!). Ich sitze ungemütlich. Wieder heult der Hund. Leute sitzen auf den Stufen der Stiege. Mich freut es heute nicht mehr. Ich wandere weiter.
(12.8.2025)
Peter Alois Rumpf August 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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