Freitag, 23. Oktober 2026

4662 Ich drehe mich um

 



16:23.  Ich sitze am Zusammenfluß der Leopoldsgasse mit Im Werd und habe die schönen Bäume im Rücken. Wenn ich sie anschauen wollte, müßte ich von der Holzbank auf die Steinbank gegenüber wechseln, aber ich fürchte, da würde mir der Hintern zu kalt werden und das kann ich mir alter Mann gerontologisch und urologisch nicht mehr leisten. So starre ich statt auf die schönen Bäume auf den hässlichen Neubau von 1990 unter Bürgermeister Zilk. Die schlichte Stein- wohl richtiger: Betonbank davor gefällt mir in ihrer schönen Form allerdings schon. Wichtig ist: ich bin kein Nostalgiker! Was mir am Bau vor mir mißfällt ist nicht, dass er neu ist, sondern dass er ästhetisch mißglückt ist. Als hätte ein unbedarftes Kind mit vorgegebenen Legosteinen ein Haus gebaut, aber konnte den spießigen, kleinstbürgerlichen Legovorgaben nicht entkommen. Genug davon. Warum jedoch sitze ich da? Weil ich mein Kaffeehausgeld für diesen Monat schon verbraucht habe (Eigentlich all sein Geld. Hätte er zehn Euro, würde er im Kaffeehaus sitzen – der innere Spötter). Ich hatte mir zu Hause eh einen - dünnen – Kaffee gemacht, genug Coffein, um in keinen Entzug zu geraten, aber das ist nicht das Gleiche wie im Kaffeeamt, Leo, Katscheli oder Espresso Burggasse. Die Zeitungen fehlen, der überaus freundliche Service, die Musik aus den Boxen, die Stimmen und die Gestik der anderen Gäste … (über die er dann in seinen Texten gerne Witze macht oder meckert – der innere Spötter).

Huch! Kalt ist es. Ein Mann auf der Straße redet in Gesten mit sich selbst, oder – weil er vor einem dort geparkten Motorroller steht – vollführt so eine Art Fahrzeugsegnung. Eher letzteres. Zuerst hat er sich umgeschaut – mich hat er übersehen – dann hat er ganz verhalten, aber deutlich seine Hände wie segnend – wie bei einer Handauflegung aus der Distanz – zum Roller hingehalten. Mir kommt vor, er hat den nicht selber hingestellt, sondern das Fahrzeug stand schon da, aber sicher bin ich mir nicht; ich hatte meinen Kopf schreibend über das Notizbuch gebeugt.

So etwas Ähnliches jedoch könnte ich mir auch überlegen: mein gelegentliches und phasenweise regelmäßiges Reden mit Donau, Sonne, Wind und Erde und das gelegentliche und phasenweise regelmäßige Grüßen von Bäumen und Krähen zum Beispiel könnte ich tatsächlich ausbauen! Aber Motorfahrzeuge werden es eher nicht sein, aber wie ist es mit Sitzbänken, Häusern, Fahrrädern? (letztere nur ohne Motor!) mit Straßen, Gehwegen, Kinderrollern? Verkehrszeichen (ich weiß nicht …), Mistkübeln, Pflastersteinen, Stränden? Mit Ländern? Sprachen? Restaurants (zum Beispiel die schöne Perle), Cafés (siehe oben)? Die Wolken am Himmel? Die schönen gelben Blätter am Boden? Na, egal, ich werde darüber nachdenken. Ich gehe nach Hause in die warme Stube (naja: in seine Kemenate; 21°C – der innere Spötter).

Ich erhebe mich nicht ohne Mühe von der Sitzbank, drehe mich um, betrachte noch kurz die schönen Bäume und gehe los. Weit habe ich es nicht.


(23.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 22. Oktober 2026

4661 Zwanzig Euro

 



12:11.  Ich sitze in der Albertina modern in der sogenannten Cafeteria neben dem Stiegenaufgang, nachdem ich die Vasarely-Adrian-Ausstellung angeschaut habe und wie der letzte Junkie habe ich mir beim dortigen Kaffeeautomaten einen Cappuccino runtergezogen – nicht ohne Hilfe der Dame, die sich hinter mir angestellt hatte, und die mir angesagt hat, wo ich wann drücken muß – manchmal kommt mir vor, ich bin, was den Savoir-technique betrifft, ein Dodel aus dem vorvorigen Jahrhundert – einen Cappuccino also, ein Euro zwanzig – dachte ich – geht sich noch aus.

Übrigens bereiten sie hier eine große Franz-West-Ausstellung vor, wie ich durch die Glastür sehen konnte, und irgendwie freue ich mich auf diese, obwohl ich dem West gegenüber eine gewisse Reserviertheit habe. Aber auf eine seiner Skulpturen – den Namen habe ich vergessen – bin ich total abgefahren und habe sie – als sie vor Jahren hier ausgestellt war – obwohl es keine Sitzgelegenheit gab – stundenlang und immer wieder und bis zu Tränen gerührt betrachtet (naja, stundenlang ist übertrieben, aber für seine Verhältnisse sehr, sehr lang; wir reden von Viertel-, halbe, Dreiviertelstunden - der innere Korrektor).

Die Vasarely-Adrian-Ausstellung hat mir mehr gefallen, als erwartet – Adrian war ja auch ein REM-Freund (erinnerst du dich da richtig? Das Ganze ist unbelegt! - der innere Korrektor) – und ich habe viel photographiert. Aber der Kaffee! Viel zu süß; ich mag ihn nur bitter; kein ohne-Zucker-Knopf am Automaten gefunden.


13:03.  Auf dem Weg von der Albertina modern (= Künstlerhaus) ins Mumok bin ich ins Wien-Museum geraten und sitze jetzt hinter den Donnerbrunnen-Figuren, der Hintern der Dame – keine Ahnung, ob sie die Enns ist - es ist nichts angeschrieben; alles nur mehr mit Handy abrufbar – direkt vor meiner Nase und von rechts schaut mich der detailgenaue nackte Arsch eines jungen Mannes an – ich weiß auch nicht, ob das der Inn ist. Mir ist sowieso alles zu viel; die vielen Texte lesen - nur diese Aufschriften gibt es anscheinend nicht (er macht sich nachträglich Sorgen, dass er diese übersehen haben könnte, deshalb jetzt auf einmal „anscheinend“; das war vorher noch nicht im Text – der Tipper) – diese Texte alle lesen: nein danke! Schon genug! Videos, Filme, andere Berieselungen gehen.

Interessant: der Jüngling mit dem nackten Hintern scheint die Traun darzustellen. Aha: die Enns wird von einem alten Fährmann präsentiert. Der junge weibliche Hintern direkt vor mir gehört der Ybbs. Soll mir auch recht sein. Das alles mußte ich erst am Handy googeln. Ich gehe weiter.


14:27.   Völlig erschöpft und mit wehen Fiaß (okay: mit wehen Beinen) sitze ich im Wienmuseum unten in der Vorhalle und habe doch nur dreieinhalb tausend Schritte absolviert. Ich bin erledigt. Soll ich noch ins Mumok gehen? Mit müden Augen und unkonzentriert blicke ich in den Park hinaus und durch eine Lücke im Bewuchs auf Autos und Straßenbahnen in etwa vom Künstlerhaus. Ich kann und will noch nicht weiterwandern, aber nehme mir bereits vor, vorher jedenfalls aufs Klo zu gehen. Wir sind schon ein alter Herr! [den Pluralis Majestatis kannst du dir sparen! Und ebenso den „Herr“! Mann! Mann! Mann! (kopfschüttel) – der innere Spötter]. Zwanzig Jahre meines Nachruhms für zwanzig Euro! Damit ich auf der Stelle in ein gutes Kaffeehaus gehen kann, Kaffee trinken, Zeitung lesen, eine Kleinigkeit essen (du bist nicht Grillparzer! Auch wenn du vorhin die Rekonstruktion seines Zimmers hier im Wienmuseum angeschaut hast! - der innere Spötter). (Außerdem: wie wäre es mit Nach-Hause-Gehen? Dort gibt es genug Nahrung und sogar Kaffee? - der innere Spötter.) Regnet es jetzt? Schaut durch das Glas der Frontscheiben so aus. Dann hätte ich eine Ausrede, einfach mit den Öffis heimzufahren und auf die zehntausend Schritte zu pfeifen. Ffffffüüüü! (Es hat nicht geregnet; er ist brav nach Hause gegangen – der Tipper.)


(22.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4660 Einfach herrlich

 



0:26 a.m.  Es regnet und ich habe im Zimmerfenster zwischen die Scheiben drei Küchenrollen ausgelegt, weil das Außenfenster undicht ist. Noch werde ich nicht hysterisch, aber es bahnt sich die nächste Überforderung an. Jetzt lasse ich mich auf keine Sorgen ein.


10:41 a.m.  Gott! War das jetzt schön! Ich bin beim Betthocken nochmals eingeschlafen – im Sitzen also – gut und warm zugedeckt; das ist natürlich kein tiefer Schlaf – ich höre von unten die Stimmen der Tageskinder, döse weg in kurze Traumsequenzen, wache immer wieder auf; das war so angenehm! So beglückend! Ich fühle mich so erholt, so erholt, wie schon seit Jahrhunderten nicht. Herrlich! Einfach herrlich!


(22.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 21. Oktober 2026

4659 Ich darf jetzt

 



8:39 a.m.  Mein Plan für heute war Fitnessstudio (diese drei „s“ schauen einfach beschissen aus! - der Tipper), aber das verschiebe ich auf morgen. Die körperlichen und seelischen Anstrengungen der letzten Tage fordern ihren Tribut und so war das die dritte Nacht, in der ich schlecht geschlafen habe. Ich liege zwar 6, 7 oder 8 Stunden im Bett, erhole mich wohl auch ein wenig, aber an Tiefschlaf ist nicht zu denken; gefühlt alle Augenblicke reißt es mich hoch. Nach diesem tagelangen „Ich muß! Ich muß!“ kann ich mich nicht mehr richtig entspannen. Diese ganzen unangenehmen Erledigungen und überfordernden Entscheidungen, mit denen ich nichts zu tun haben will. Das ständige innerliche „Reiß dich zusammen!“ obwohl einem zum Heulen, Schreien und Hinschmeißen ist … davon will, nein muß ich runterkommen. Das gestrige Eintippen der Texte bis nach Mitternacht war auch nicht ohne. Darum habe ich mir heute das Frühstücksmüsli herauf geholt, um dem „Ich muß schnell runter in die Küche frühstücken, bevor die Tageskinder kommen!“ zu entgehen. Essen kann ich aber noch nicht. So hocke ich im Bett – beim flach Liegen habe ich mich auch nur mehr unruhig unter „Ich sollte noch schlafen!“ und mit leicht schmerzenden Beinen hin und her gewälzt – und seufze jetzt tief. ICH DARF JETZT DA IM BETT HOCKEN UND NICHTS TUN! Wir sind nicht im Krieg! (bist du sicher? - der innere Spötter.) Endlich kommen die tiefen Atemzüge, einer nach dem andern, und der Nervenknoten im Bauch beginnt sich zu lockern. Genau! Das am Morgen für zehn, fünfzehn Minuten gut zugedeckt im Bett Hocken, das mir so gut tut und das ich mir angewöhnt hatte, hatte ich im Stress der letzten Tage vergessen. Vergessen, nicht übergangen. Jetzt hole ich es nach, so lange und so viel ich davon brauche. Und frühstücken werde ich, wenn ich Hunger habe, und nicht, wenn es den Umständen passt. Ach ja! Blutdruckmessen und Medikamente nicht vergessen!


15:59.  Das letzte Kapitel der Handy-Internet-Malaise ist abgeschlossen; soeben habe ich das letzte Trumm zurückgebracht. Ich habe es verdient, im Kaffeeamt zu sitzen, Zeitung zu lesen und reichlich verspätet den ersten Kaffee des Tages zu trinken. Mehr wird sich finanziell nicht mehr ausgehen. Ich verplempere die letzten Euro des Monats.

Und erschöpft bin ich sowieso, dabei ist der Kaffee schon ausgetrunken. Und Fitness war ich heute auch.


(21.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 20. Oktober 2026

4658 Mit federndem Schritt

 



11:19 a.m.  Mit federndem Schritt bin ich im Espresso Burggasse eingetroffen, mit einem Weiler-Buch, das mir bei Wienerroither & Kohlbacher geschenkt wurde! Ich bin so glücklich!


12:03.  Emerson, Lake and Palmer habe ich aus Boxen gehört und irgendwann auch The Cream, den Standard habe ich gelesen, das wunderschöne Buch über eine Ausstellung von Max Weiler habe ich durchgeblättert … ich sitze im hinteren Raum, an der Wand gegenüber das prächtige, blecherne Segelschiff – von hinten beleuchtet, was es noch eindrucksvoller und dreidimensionaler macht. Meine Sorgensachen der letzten Tage habe ich inzwischen alle abgearbeitet und kann sagen: jetzt bin ich frei! (bis zum nächsten Mal – der innere Spötter)

Vor lauter Glück kann ich meine Gedanken gar nicht ordnen (hast du das jemals können? - der innere Spötter). Bei Wienerroither & Kohlbacher / Fine Art Vienna haben sie mich ermuntert, immer wenn die ausgestellten Bilderanschauen mag, anzuläuten. Ich hätte mich das als finanziell Impotenter nie getraut.
Die Wende ist so gekommen:
Beim Wienrroither & Kohlbacher haben sie heraußen vor der Tür einen Tisch stehen, wo sie Kunstkataloge zur freien Entnahme anbieten. Als ich heute am Weg von der Zahnambulanz in mein Lieblingscafé bei W&K vorbeiwandere, legt ein Mann aus dem Geschäft gerade Bildbände heraus. Ich gehe neugierig hin und der Mann drückt mir einen Band in die Hand. Ich sehe, dass es ein Klimtbildband ist und gebe ihn sogleich zurück und sage: „Den Klimt kann ich nicht mehr sehen!“ Um W&K, ihn und seine Freundlichkeit nicht zu kränken, füge ich wahrheitsgemäß an: „Aber ich schaue immer, wenn ich vorbeigehe, durch die Fenster, ob ich einen Weiler hängen sehe!“ [sie haben dort irgendwie mit dem Weilernachlass zu tun] und zeige auf das eine Weilerbild an der Wand. Darauf sagt der Mann: „Ich kann Ihnen auch einen Weilerbildband schenken!“ und lädt mich ein, doch einzutreten. Allein schon, dass ich das Geschäft betreten darf, rührt mich zutiefst. Ich schaue mir drinnen die Bilder an den Wänden an, besonders das Weilerbild, während der freundliche Mann nach hinten geht, um den versprochenen Band zu holen. Dabei komme mit dem ebenfalls freundlichen Mann am Schreibtisch im vorderen Raum ins Plaudern. Dass der Weiler einer meiner Lieblingsmaler ist, dass ich vor Jahrzehnten öfters zu Besuch in seine Klasse an der Kunstakademie war, weil ich einige seiner StudentInnen kannte und so weiter, bis ich auch von REM und der REMbox erzähle. Der Mann am Schreibtisch lädt mich tatsächlich ein, öfters hereinzukommen und mich hier umzusehen. Ich betone noch, dass ich kein Käufer sein kann und frage noch ganz erstaunt: „Ich kann an der Tür läuten und hereinkommen, obwohl ich aus finanziellen Gründen nichts kaufen kann?“ „Aber ja!“ war seine Antwort und er schlägt vor, meine E-mail-Adresse in die Liste einzutragen, um mich von Veranstaltungen informieren zu können. Ich jedoch bin so euphorisch, dass ich das nicht mache, sondern gleich meine Visitenkarte hinlegen will. Das gerät allerdings etwas umständlich, denn zuerst fällt mir nicht ein, wo ich die Karten eingesteckt habe – meine aktuelle Jacke hat keine dafür geeignete Tasche – und als mir einfällt, dass ich sie rückwärts in meinem Bauchtäschchen, in dem ich vorne mein Handy mit Schrittzähler trage, also in der am Körper anliegenden Seite verwahre, wird es erst recht umständlich, zunächst meine Jacke mit dem leicht klemmenden Reißverschluß aufzumachen, jene auszuziehen, den Pullover hochheben, und, weil ich an die Rückseite des Täschchens herankommen muß, und schließlich das Bauchtäschchen abzuschnallen. Und nachdem ich euphorisch mein Kärtchen übergeben habe, wieder der ganze Vorgang retour. Ich mache schon noch eine Bemerkung darüber, wie das für Passanten draußen komisch ausgesehen haben muß – aber egal, es macht mir jetzt meine Umständlichkeit nichts aus und beglückt und für meine Verhältnisse überschwänglich bedanke ich mich (dein Eifer wird dich verraten – der innere Spötter) und marschiere mit federndem Schritt von dannen, das Weilerbuch mit beiden Händen glücklich umklammernd (ich hatte keine Rucksack dabei).

So sitze ich jetzt da, werde bald trotz nahender Pleite einen zweiten Cappuccino bestellen und blättere beglückt, staunend und ergriffen den Katalog durch, besonders die ausklappbaren Seiten mit den großformatigen Arbeiten haben es mir angetan. Ich zittere vor Glück (und ein wenig kalt ist dir auch – der innere Spötter). Vor lauter euphorischer Unruhe und Aufgeregtheit kann ich nicht schreiben und muß pausieren und vor lauter … – wie oben – lese ich die Salzburger Nachrichten.

Inzwischen habe ich sie wieder in den Zeitungsständer gesteckt und mische mich sogar in die auf Tirolerisch geführte Diskussion am Tisch gegenüber über die Ofenrohre hier im Lokal ein – vorher ging es ihnen um das Genitiv „s“. Das Blech-Segelschiff an der Wand fährt tatsächlich in Gegenwart, Anwesenheit und mein Bewußtsein. Ich schaue wieder in den Weilerband (Max Weiler, 1910 – 2001, Vier Wände, Four Walls) und hebe ihn dabei hoch, weil ich den Tirolertisch beeindrucken will, wo ich hoffe, dass jemand zufällig herschaut, denn ich traue ihnen zu, dass sie den Weiler kennen. Ob’s zutrifft, weiß ich natürlich nicht. Aber als dann wirklich wer herschaut, hatte ich den Bildband schon neben mir auf der Bank abgelegt.
Ich zapple schon vor Ungeduld auf das Eintippen dieses Textes (allerdings muß er vorher noch einige depressive abarbeiten – der innere Spötter). Ja, ja, das kriegen wir schon hin; mit Pausen, Essen als Stärkung und herumhüpfen im ehemaligen Atelier, wo das für die Schublade zuständige Laptop steht (ganz so ist es nicht gekommen: es ist 22:59 und ich bin immer noch nicht fertig, Pausen waren zu wenige, mir tut der Rücken weh, ich bin müde und herumgehüpft bin ich auch nicht – der Tipper). Blöd ist nur, dass ich für die weite Wanderung durch die Stadt keinen Rucksack für den Bildband mithabe. War ja alles nicht geplant.


(20.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4657 Zeichnen

 



15:22.  Ich sitze im Augarten und warte darauf, das Handy von der Reparatur abholen zu können. Ich sitze in einem Bereich, wo ich gewöhnlich kaum durchgehe und „natürlich“ tuckern, kreischen und jaulen irgendwelche von hier aus unsichtbaren Maschinen und Geräte auf von hier aus unsichtbaren Baustellen. Übrigens sind es Stand jetzt 19 498 Schritte, die ich absolviert habe, und somit sitze ich völlig zu recht und muß mir weder Faulheit noch Trägheit vorwerfen lassen (ach, meine zermarterte Seele! Wann wird sie endlich Ruhe finden?). Die Bäume hier sind beeindruckend, nur der, unter dem ich sitze – dort steht hald (sic!) die Sitzbank – wirkt nicht ganz gesund; seine Blätter scheinen zerfressen und von irgendetwas befallen.
Ist das eine Föhre da drüben? Die Nadeln schauen etwas anders aus, aber die leicht rötliche Färbung des Stammes tät’ passen. Zeichnen? Probieren wir es.

15:48.  Es ist so: beim Zeichnen bin ich in leichte Panik geraten, als würde ich etwas Verbotenes tun. Streng Verbotenes! (Ich weiß, welchem Arschloch ich das verdanke.) Die Panik war leicht, aber schon real; ich habe nach zwei Versuchen gleich aufgehört. Ich kann mir nicht noch mehr Verwirrung in meinem Leben erlauben. Ich versuche das Zeichnen seit Jahren; selten zwar finde ich den Mut, aber ich versuche es immer wieder und immer wieder und scheitere jedesmal.


(19.10.2026)


0:24 a.m.  Kann ich über diesen Tag ein Résumé schreiben? Immerhin war er anstrengend und - für meine Verhältnisse – turbulent. Nein, kann ich nicht; mein Geist ist zu müde und unkonzentriert. Erst jetzt kommt mir in den Sinn, durchzuatmen. Ich bin nämlich oft schon von kleinen Schwierigkeiten überfordert, weil sie für mich groß sind.


(20.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4656 Die Roßkastanie

 



12:31.  Trotz meiner Verzweiflung habe ich auf dem Weg hierher in den Hof 5 mit schwachem zwar, aber doch Vergnügen eine Roßkastanie, die mit vielen anderen am Boden gelegen ist, mit dem Fuß weggekickt (ob zu ihrem Glück oder Unglück weiß er nicht – der innere Spötter). Nun sitze ich bei den Kastanienbäumen, deren Blätter schon braun und gelb sind, wobei ich nicht weiß, welchen Anteil davon die Miniermotten und welchen der Herbst hat. Bei den Lindenbäumen ist die Sachlage eindeutiger: da ist es einzig der Herbst, der die Blätter so schön verfärbt. Einen sonnigen Sitzplatz habe ich nicht gefunden, aber ein wenig blinzelt die Herbstsonne durch das Geäst. Der Wind raschelt im verdorrten Laub und treibt einzelne Blätter vor allem am Asphalt der Parkwege umher. Ein schwarzes Eichkätzchen läuft schnell zum großen Baum und ich frage mich, wovon es hier im kleinen Hof lebt. Nussbäume oder Haselnusssträucher (diese 3 „s“ schauen einfach so deppert aus!) sehe ich nicht; die Früchte der Linden und der Kastanien hätte ich nicht als Nahrungsquelle für Eichhörnchen vermutet. Ich weiß es freilich nicht und googeln kann ich es ohne Handy auch nicht. Gut, das Eichkätzchen wird schon wissen, was es hier macht. Oder ist es auch von den guten Plätzen abgedrängt worden und hat sich nicht behaupten können? (Schluß mit den Projektionen und der Jammerei! - der innere Kritiker.) (Jammern tut man, wenn man nicht handeln kann. Kann!)


Was kann ich noch bis zur Psychotherapiestunde um 14h tun? Mit dem jämmerlichen Geschreibsel soll ich aufhören; bleibt mir nur, hier im Campus im Kreis zu gehen. Fürs längere Herumsitzen im Freien ist es zu kalt und außerdem tut mir schon der Hintern von der Holzbank weh.


(Er ist an diesem Tag 22 543 Schritte gegangen und zwei-, dreimal die Woche trainiert er im Gym – also sagt ihm ja nicht, er soll gegen seine Depression mehr Sport betreiben, ihr Ignoranten! – der Tipper, der auch schon Depri-angekränkelt scheint.)


(19.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4655 Lastwagenretourfahrtwarnsignal

 



11:38 a.m.  12 478 Schritte bin ich heute schon gegangen und nun raste ich im Weltcafé. Der Stress läßt nicht nach (Handyreparatur, Handyvertragsverlängerung, Internetumstellung – alles nicht von mir initiiert, sondern von außen oder den Umständen aufgezwungen; ich selber würde alles lassen, wie es ist, wenn es funktioniert). Das wird alles teuer. Ich kann mich kaum beruhigen; nur die leichte Erschöpfung nach der langen Stadtwanderung überlagert das Ganze, jedoch ohne es völlig abzudecken. Ohne Handy keine Photos, keine Kommunikation, keine Banküberweisungen (ich habe mich gegen die Umstellung von Tan-Code auf Handy gewehrt; ich wollte das nicht, aber die Bank stellte einfach um). Eine düstere Unruhe liegt in der Luft, etwas Bedrohliches kündigt sich an. Ich habe in dieser Welt keine Chance („Du hast keine Chance, aber nutze sie!“ - der einzige Satz, der ihm im Film Die Atlantikschwimmer von Herbert Achternbusch gefällt - der innere Spötter, der ihn aufmuntern will). Auch die Geräusche sind heute besonders laut, aufgedreht und unangenehm. Die Bilder an der Wand sind scheußlich; heute kenne ich keine Gnade und kein Pardon und kein Entgegenkommen. Ich brauche soziale Sicherheit, um entspannter und großzügiger sein zu können.

Von der Baustelle draußen kommt in Abständen von zirka 6 Sekunden so eine Art Warnton – oder was das ist; in Zeiten wie diesen treten die Posaunen von Jericho unauffälliger, heimlicher, hinterfotziger, als irgend so ein – was weiß ich – Lastwagenretourfahrtwarnsignal getarnt auf, aber wie steter Tropfen den Stein höhlt, werden auch hier die Stadtmauern und mein Schutzwall fallen und mein Dasein endgültig verwüstet werden. Nichts wird übrig bleiben (außer vielleicht deine Texte, die niemanden interessieren und keine Beachtung finden werden – der innere Spötter). Das wäre schon fast egal, wenn ich nur einen ruhigen Lebensabend haben könnte; aber schaut nicht danach aus (leider bist du nicht auf dem Level eines Grillparzer zum Beispiel, denn dann könntest du sagen: „Zwanzig Jahre meines Nachruhms für einen abgesicherten Lebensabend!“ - der innere Spötter). Aber festhalten will ich schon: die kranke Gesundheitskasse hat mir noch nicht einmal meine teilweise Rückvergütung meiner Psychotherapiekosten von Juni, Juli, August ausbezahlt. Mit mir können sie ja soetwas machen und dauernd irgendwelche zusätzlichen Belege, die bisher nie nötig waren, einfordern, die ich schon abgegeben habe, und die Zahlung endlos hinauszögern, mit der hundsgemeinen, nie mir gegenüber persönlich ausgesprochenen, aber strukturellen Unterstellung, dass ich betrüge (würde mich schon interessieren, ob sie bei den Abrechnungen der Patienten der Privatkliniken, die sie seit Neuestem auch unverschämter Weise unterstützen, so kleinlich herumtun). (Ich bin mir nicht sicher, ob das alles so stimmt oder ob seine Behauptungen seiner Panik geschuldet sind. Sicher wurden noch nicht alle Rückvergütungen ausbezahlt, aber welche schon und welche nicht, kann er in seiner Depressions-bedingten Verwirrung nicht mehr punktgenau rekonstruieren - der Tipper.) Ich bin sehr verbittert. Und überfordert. Letzteres war ich immer schon, aber habe tapfer mit meinen geringen Mitteln dagegen gehalten. Jetzt jedoch geht mir die Kraft aus und die Stadtmauern werden einstürzen.


(19.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4654 Alltagstauglich machen

 



7:58 a.m.  Ich wache verwirrt aus einem befremdlichen Traum auf, aber erst, als mir einfällt, dass ich mein vor einer Woche repariertes Handy nochmals zur neuerlichen Reparatur bringen muß, weil es wieder streikt, fährt mir so richtig die Angst ein, dass es mich noch im Bett zusammenbiegt und mir fast schlecht wird. Ich bin mit solchen Sachen heillos überfordert: ich kenne mich nicht aus, weiß nicht, ob und wann ich über den Tisch gezogen werde (wurde ich bei Reparatur 1 nicht, wie ich inzwischen feststellen konnte!) und fürchte, dass ich die Kosten finanziell nicht derstemm’. Ich bin wieder in Morgenpanik, so sehr, dass ich zittere und die mühsame Arbeit, mich zu beruhigen und einigermaßen alltagstauglich zu machen, hat schon begonnen.


(19.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4653 Mitte Oktober

 



15:10.  Am Kaffeehaustisch liegt meine Gary-Larson-Brille und ich betrachte sie. Ich meine wie die in seinen Cartoons, die immer leicht hysteroid angelegte Frauen tragen und die am Gestell so Kuhfell-artige Flecken haben. Ich trinke den zweiten, hier im Kaffeeamt immer köstlichen Cappuccino, während draußen im Gastgarten die Nachmittagssonne aus Richtung Donaukanal in die Schiffamtsgasse hereinscheint. Selbst die EU-Fahne vorm Vermessungsamt bekommt noch ein paar Sonnenstrahlen ab, aber nicht mehr lange - denke ich – dann wird sie in den Schatten geraten. Noch aber tanzt sie in Sonne und Wind.

Ich sehe einen Mann mit Hut im Gastgarten sitzen, die Sonne scheint ihm ins Genick und macht sein Gesicht dunkel. Offensichtlich liest er. Oder doch nicht? Vielleicht tippt er; sein Tisch ist vom schönen, niederen Schilfzaun verdeckt. Die Musik ist wieder so schön. Dieses Sonnenlicht, das so direkt in die Gasse kommt und ihr entlang leuchtet, gefällt mir so gut; es verzaubert die Welt da draußen. Wie eine helle, betörende Schneise vor der dunklen Hauswand gegenüber. Der Baum an der Kreuzung vorne (hinterm Bretterzaun) steht still und hält seine Äste und Zweige wie beschützend über die dunkle Hochedlingergasse. Bei diesem Licht draußen könnte ich notorischer Innenraumsitzer doch bald schwach werden und mich hinaussetzen (du solltest dich mit deiner Entscheidung beeilen; wir haben Mitte Oktober; oder willst du damit auf den Winter warten? - der innere Spötter).


(16.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4652 Stäubchen

 



0:33 a.m.  Ein wahrer Stäubchenreigen vor meinen Augen unter dem Lampenschirm. Alles, was ich dazu noch aufschreiben wollte, habe ich schon innerlich gestrichen. Es ist ja immer das Gleiche: Ich schlage die Bettdecke auf. Wenn ich mich umgekleidet habe, lege ich mich ins Bett, decke mich zu und wirble dabei sehr viel Staub auf. Reste davon tanzen immer noch vor meiner Nase herum. Es dauert sehr lange, bis sich das Ganze beruhigt hat. Und wenn ich mich dann zum Schlafen ausstrecken werde, die Pölster im Rücken weggeben und beim neuerlichen, besseren Zudecken die Bettdecke zurechtschütteln, werde ich wieder viel Staub aufwirbeln, aber das Schauspiel nicht sehen, weil ich das Licht abgedreht haben werde.


(16.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4651 Notizen

 



1:00 a.m.  Soviel rot vor meinen Augen! Ist schon gut! Beruhige dich.

9:12 a.m.  Wie komme ich zur Ruhe? So? Im Bett hockend und in die Luft starrend? Mein Blutdruck ist schon wieder verdammt hoch (sagt der Blutdruckmesser im Auftrag der Ärzte).


(15.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 15. Oktober 2026

4650 Der große Baum

 



16:25.  Soll ich schreiben? Soll ich? Ich habe keine Idee. Und drei zum Teil lange handgeschriebene Texte habe ich noch nicht überarbeitet und nicht vertippt. Muß jetzt unbedingt ein neuer hinzukommen? Muß nicht, aber im Kaffeehaus sitzen heißt schreiben; das ist schon zusammengewachsen. Mein Pilotstift schmiert ungewöhnlich dick. Die Musik aus den Boxen ist sehr schön. Eine junge Frau, die am Fenster sitzt, hat das Nachmittagssonnenlicht genau auf ihrer rechten Gesichtshälfte; durch den seitlichen Lichteinfall entsteht ein ungemein graphischer Effekt. Bei mir schleicht sich schon etwas Abendstimmung heran, dabei habe ich noch viel zu tun. Oder verschiebe ich zumindest die Tipperei auf morgen? Ich bin nämlich schon etwas erschöpft und will lieber lesen. Morgen hätte ich dann ein Mammutprogramm. Die blöden Anrufe nicht vergessen. Die schiebe ich schon tagelang vor mich her (die nehmen mich immer so mit). Die Musik hier ist wirklich angenehm, diese fröhliche Traurigkeit, die noch einmal durchatmet und Anlauf zu einem Neustart nimmt (eigentlich ist es nicht die Traurigkeit, die durchatmet und Anlauf nimmt, sondern der oder die sie (er)trägt – der innere Spötter).

Inzwischen ist die Sonne hier in der Häuserschlucht untergegangen. Mein Gott, ist diese Musik schön! Ich könnte heulen! (Nein, innerer Spötter, das ist keine Phrase! Mir steigt wirklich das Wasser in die Augen). Der große Baum an der Straßenkreuzung vorne läßt seine Zweige sanft schaukeln.


(14.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4649 Ein schöner Tag

 



23:53.  Heute war ein schöner Tag. Ich bin viel gegangen, habe gut und oft gegessen, war in der Albertina und habe noch liebe Menschen getroffen. Jetzt hocke ich auf die übliche Art und Weise in meinem Bett, schaue so gedankenlos und mit teilnahmsloser Intensität auf das Bücherregal, dass die Farben und Formen verschwimmen und ein abstraktes „Bild“ entsteht. Das mag ich ja. Ich habe ein Gefühl von rechtschaffener Müdigkeit und dass ich diese Zeit vorm Schlafen noch innehalten und in Andacht genießen darf. Aber ich lasse es schon zu, dass mich die Müdigkeit zu überwältigen beginnt. Und so ist die Mitternacht überschritten worden.


(13.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4648 Segnen

 



11:19 a.m.  Ich hebe meinen Kopf und blicke mich wie zum ersten Mal in meinem Lieblingscafé um. Die zwei kugeligen Deckenlampen leuchten, der geliebte „Lichtengel“ in der Nische und die anderen zwei- und dreifaltigen Wandlampen neben und hinter mir, auch die schöne, großschirmige Tischlampe auf der Konsole an der gegenüber liegenden Wand (den „inneren Spötter“ habe ich gestrichen), der wunderbare Sonnenlichtfleck am Terrazzoboden, der die stärkste Lichtquelle im Raum zu sein scheint und doch, hier auf der Nordseite, von einer Fenster- oder sonstigen Fassadenspiegelung gegenüber herkommen muß. Aber auch die Glatze des Mannes gegenüber auf der anderen Seite sendet leuchtendes Licht aus und die metallverkleidete Rundung des Baraufbaus, die Gläser in den verspiegelten Regalen, zusätzlich deren dezente Beleuchtung, die metallenen Füße der Tische, die im gespiegelten Sonnenlicht stehen. Auch die hellblauen Wände in abgeschwächter Intensität. Vergessen habe ich die stellenweise belichtete rote Polsterung der Sitzbänke, die an diesen Stellen fast weißes Licht abstrahlt.

„Schöner Herbst!“ sagt ein soeben eingetretener junger Mann, dessen Gesicht im Spiegel auch Helligkeit ausstrahlt (und es ist nicht das einzige Gesicht, das hier abstrahlt). Ahja, und der obligatorischen runde Lichtfleck am gewölbten Plafond, der immer wieder von Schatten der Platanenblätter an den Zweigen draußen durchkreuzt wird und zu diesem Zeitpunkt ganz bei der Kante zur Rückwand flimmert und – so vermute ich aus bisheriger Erfahrung – an der Decke in meine Richtung wandern wird.


11:44 a.m.  Der Lichtfleck am Plafond ist schon in meine Richtung gewandert und hat sich dabei zerlegt: jetzt sind es zwei rundliche Flecken, der eine einigermaßen kompakt, der andere hat sich stärker ausdifferenziert und zeigt in seiner Mitte einen unidentifizierten Schatten und sonst sich bewegende Schattenstriche der Zweige der Platane.

Ein groß gewachsener Mann stapft ein wenig à la Jacques Tati durchs Lokal (solcher Spott steht dir nicht zu! - der innere Korrektor). (Ah geh! Red' doch mit dem inneren Spötter, der schont mich auch nicht!) Wie es inzwischen unvermeidlich ist, habe ich mir eine Kleinigkeit zu essen bestellt (Schinkenbrot mit Kren).

(Ich als dein innerer Kritiker muß schon noch etwas zu deinem Jacques-Tati-Spott sagen: du machst dich dabei über eine – im konkreten Fall vielleicht bloß unterstellte Ungeschicklichkeit, die im körperlichen Ausdruck sichtbar wird, lustig und das ist deine Ungeschicklichkeit, deine Weltfremdheit, deine Uncoolness, deine Lebensuntüchtigkeit, deine Unbeholfenheit, deine Sprödheit, dein falscher Eifer, die du am anderen wahrnehmen willst und so auf ihn wie auf einen Sündenbock abschiebst! Denk darüber nach! Denk auch daran, wie du dich damals in Spanien zum ersten Mal in einem Video gesehen hast! Du warst schockiert darüber, wie du dich bewegst. Nein, denk darüber nach! Lächeln darfst du, aber in wohlwollender Solidarität.)

Nach dem Verzehr des köstlichen, wahrhaft üppigen Schinkenbrotes wische ich mir Mund und Hände in wahrlich klerikal-priesterlicher Manier ab und erst recht, wie ich das Schnittenstückchen über der Kaffeetasse aus der Verpackung nehme, damit kein Brösel verloren gehe, und es mit zwei Fingern haltend in öffentlicher Diskretheit andächtig in den Mund schiebe.

Das Lavabo soeben auf der Toilette wird auch danach ausgesehen haben (Psalm 26,6 Ich will meine Hände in Unschuld waschen – der innere Spötter). Und wirklich: ein junges Paar mit ganz jungem Baby habe ich heimlich und unauffällig – so von unter dem Tisch her – gesegnet (ich habe kein Problem mit dem segnenden Kreuzzeichen - als Symbol ist es älter als das Christentum und ich verwende es ja nicht konfessionell – schließlich stellt es die Verbindung diachron und synchron her: es zieht die Linie von den Vorfahren zu den Nachfahren, von der Vergangenheit über die Gegenwart zur Zukunft und verbindet horizontal zu Gegenwart, Mitmenschen, Gesellschaft und der jetzigen Welt. Das gesegnete Wesen steht im Schnittpunkt. So stehen wir in der Welt).


(13.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4647 Ich klammere mich

 



0:53 a.m.  Ich drehe die Schreibtischlampe, die ich am Nachtkästchen montiert im Bett als Leselampe verwende – es ist so eine wie diese Architektenlampen mit einem drehbaren und verschiebbaren Gelenkarm – und solche technisch und funktionellen Lampen sind mir nicht nur wegen ihrer praktischen Anwendung, sondern auch ästhetisch lieber als irgendein Dekor- und Schnörkelzeugs – ich drehe also die Lampe an ihrem Arm vom Bett weg, weil ich aufs Klo und deswegen aufstehen muß, verändere ihre Höhenstellung und schon verändern sich die Schatten und die Lichtverhältnisse in meinem Zimmer radikal.
Das ist freilich nichts Neues, aber ich war dennoch erstaunt. Es ist, als suchte ich solche kleinen Erlebnisse, um meine innere Leere zu füllen, oder vielleicht besser: um mir existentiellem und in der Lebensrealität schlecht verankertem Leichtgewicht Substanz und statistische Bedeutung zu verschaffen, so wie es möglicherweise meine Bücher und die Musiksammlung von außen bewirken sollen. Ich gebe schon zu, dass das Miniatur-Erlebnisse sind, Liliput-Ereignisse, bedeutungslos wie „a Schaas im Woid“ – wie man bei uns in Wien zu sagen pflegt, aber mehr habe ich nicht zu bieten und zu schreiben kann ich - aus meiner Sicht: Gott-oder-wem-oder-was-auch-immer-sei-Dank – zu schreiben kann ich scheint’s nicht mehr aufhören. Es ist die Schreiberei (ich traue mich eh nicht, von Schriftstellerei oder der Arbeit eines Autors zu sprechen) für mich noch, und dennoch meine letzte Rechtfertigung für meine Existenz – labil und schwankend zwar, aber besser als nichts. So mit dem heimlichen Gedanken, dass vielleicht irgendwann irgendwer irgendwas damit anfangen wird können. Das kann natürlich eine kindische Illusion sein, ich weiß, aber daran klammere ich mich.


(13.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 12. Oktober 2026

4646 Die Leberkässemmel

 



12:56.  Ich bin verwirrt, aufgescheucht und überfordert, sitze im Hof 5 und in meiner Verlegenheit und Unsicherheit blicke ich zum Himmel hinauf und sehe viele große Wolken ziehen, dunkel, nur an den Rändern hell. Die Bäume haben schon begonnen, ihr Laub zu verfärben und abzuwerfen. Ein paar blaue Ecken gibt es noch am Himmel. Ein majestätisches, grandioses Schauspiel, das sich da oben abspielt, während hier herunten im Moment kaum ein Lüftchen weht, aber heute macht mir das da oben ein wenig Angst. Ich sehe alles um mich herum zusammenbrechen, alles zerfällt und geht kaputt: mein Handy, mein Laptop, meine Unterhosen, das soziale Netz, das Zimmerfenster ist undicht, die für Europa so angenehm gewesene Weltordnung und das für Europa angenehme gemäßigte Klima, alles geht den Bach runter. Und alles wird teurer. Und ich muß meinen Verstand gewaltig anstrengen und antreiben, dass er wenigstens versucht, das richtig zu stellen. Ich bin so verzagt.


13:40.  Und weil ich mich auch körperlich so schwach fühle und unterzuckert, beschließe ich, im Supermarkt (Hof 1) eine Leberkässemmel zu kaufen. Und weil ich so unsicher und verunsichert bin, stelle ich mich dabei wie ein Volltrottel an. In meiner Aufregung an der Kasse merke ich mir den zu zahlenden Preis nicht, gebe unabsichtlich zu wenig Geld hin, und fühle mich wie der letzte Sandler, als ich hektisch und mühsam - ich kann die Zahlen auf den Münzen gar nicht richtig wahrnehmen - die restlichen Münzen zum Kaufpreis zusammenklaube. Kein anständiges Wort bringe ich zustande und stammle verlegen herum. Ich fühle mich wirklich wie der letzte Hinterwäldler und hätte mich nicht gewundert, wenn man mich aus dem Geschäft geworfen hätte.


(Nachtrag: inzwischen ist sein Handy repariert und funktioniert wieder und schon schaut die Welt besser aus – der kopfschüttelnde Tipper)


(12.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4645 Abtreten

 



15:49.  Heute auf dem Weg ins Fitnessstudio – fast hätte ich hingeschmissen und wäre zu Hause geblieben - … ich muß anders anfangen.

Ich gehe so dahin … nein, so geht es auch nicht; ich kann das Gefühl, das mich erfasst hatte, nicht beschreiben.

Einerseits hatte ich so eine Art flaue Todesahnung, andererseits habe ich nur so über die Schönheit der Welt gestaunt: die gelben Blätter der Säulengleditschien vorm Haus waren so schön! So schön! Wie verstreute Goldblättchen lagen sie am Boden; was für ein Reichtum! (für Straßenkehrer eine lästige Herausforderung, da die Blätter klein sind – der innere Spötter). (Ich weiß, ich habe meinen Zivildienst als Straßenkehrer abgedient. Übrigens habe ich die Arbeit als solche gern gemacht.) Und die anderen Bäume, wie sie aufrecht da stehen, nicht ohne Stolz, will mir vorkommen. Manche noch im vollen Saft, andere beginnen schon, das Laub abzuwerfen. Ich wähle einen kleinen Umweg ins Fitnessstudio, um außen am Augarten entlang gehen zu können, denn ich möchte den großartigen Himmel sehen. Die Sonne scheint, an manchen Stellen sind die Wiesen noch ganz grün. Die verpachteten Gartenanlagen gehen über vor Üppigkeit. Und die Wolken! Da schöne weiße Wolken, dort drüben dräut ein schwarzes Wolkenkonklomerat, aber zum größten Teil ist der Himmel blau, blau, blau; so ein schönes Blau!

Wie ich dann durch die Rotensterngasse wie durch eine Schlucht gehe, bewundere ich das Licht der Vormittagssonne an den Hauswänden, was mich ungewöhnlich ergreift und mich trotz der eher schlichten Gebäude über den menschlichen Fleiß und diese Tüchtigkeit beinah jubeln lässt. Ich gehe – ganz ohne Schmerzen – in einer seltenen Seligkeit dahin, immer vom Gedanken beglückt, das dies mein letzter Tag auf Erden sein könnte, aber mir das Schicksal die Chance bietet, noch einmal die Wunder dieser Welt zu schauen. Auch völlig Unbedeutendes bedeutet mir etwas: Schattierungen, Sprünge, Flecken am Asphalt, eine kleine Pflanze zwischen zwei Pflastersteinen – so viel Hoffnung! so viel Mut! So eine Unschuld! - und immer wieder das Licht. Ich fühle mich so reich beschenkt, auch wenn das jetzt meine Abschiedsvorstellung ist.

Beim Fittnessstudio in der Praterstraße angekommen wundere ich mich über die vielen Menschen, die am Gehsteig stehen und sehe das Feuerwehrauto, das mir beim Umdrehen am Zebrastreifen den Weg abgeschnitten hatte, dort stehen bleiben. Trotzdem verstehe ich die Situation nicht und betrete das Gym. Drinnen ist alles komplett leer und ich Narr freue mich noch, weil mir jetzt alle Geräte problemlos zugänglich sind; doch dann – noch im Eingangsbereich – wird mir doch endlich klar, dass etwas komisch ist und ich frage einen Mann, der beim Eingang steht, was da los ist. Ausgerechnet einen stummen Mann habe ich gefragt, der vergeblich versucht, mir mit Gesten klar zu machen, dass wir draußen bleiben sollen, aber erst als ein akustischer Alarm losgeht, als ich die Eingangssperre mit meiner Karte passiere, verstehe ich endlich, dass alle angehalten sind, draußen zu warten. Wie ich später erfragt habe, gab es im Nachbarhaus einen Feueralarm, der sich jedoch als Fehlalarm herausstellte.

Spätestens beim Trainieren dann ist meine schöne, poetische, „religiöse“ Stimmung auf dem Weg nach … endgültig vorbei (geht vom Trainieren nichts Inspirierendes aus? Vom Gehen jedenfalls schon). Schade! Aber so ließe sich von der Welt abtreten.


(9.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 8. Oktober 2026

4644 Steine

 



14:28.  Auf meiner Wanderung nach Hause habe ich auf den rückseitigen Mumok-Stiegen die Pflastersteine und steinernen Bodenplatten bewundert, weil das Gestein so schöne Farben hat, bis zu rosa und blau.

Nach dem Queren des Burgringes bei der Bellaria mußte ich über den viel befahrenen Ring-Radweg, und ein daher brausender Radfahrer, den ich beim Betreten des Radweges wegen des touristischen Getümmels hier gar nicht sehen konnte, klingelt mich aggressiv an und macht keine Anstalten, zu bremsen oder langsamer zu fahren. Da schreie ich ihm zornig nach: „Irgendwie muß ich da auch drüber kommen, du Trottel!“

Beim Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz am Ballhausplatz nehme ich Tasche, Kappe ab und ziehe das Sakko aus und lege alles auf die Stufen des Denkmals – ich habe auf die Schnelle keine andere Fläche gefunden – um dann meinen Pullover auszuziehen, weil mir heiß geworden ist. Dann ziehe ich das Sakko an, hänge mir die Notizbuch-Tasche um und den Pullover über deren Riemen, setze mir die Kappe auf und gehe weiter.

Jetzt sitze ich außen an der Apsis der Minoritenkirche, ein schönes Plätzchen mitten in der Stadt, aber zurzeit umgeben von Baustellen und Baulärm, der Bereich vor der Sitzbank ist mit unzähligen Zigarettenstummeln übersät, aber bei angenehmem Wind im angenehmen Schatten vor Olivenbaum-ähnlichen Bäumen (Elaeagnus angustifolia; Ölweiden; Baumkataster Wien). Sehr schöner Baumstamm! Gewunden und gedreht, mit markanter Rinde, mit Schrunden und tollen Knorpeln am Stamm; eine Augenweide!

Ich werde weiter gehen und beim W&K nach Weilers Ausschau halten. Dann die schönen frühneuzeitlichen Häuser am Gestade anschauen. Das ist mein Plan. Ah! Das habe ich vergessen: bei einer Bücherstelle in der Siebensterngasse habe ich mir einen Michel Quoist mitgenommen; die frühen Jahre lassen grüßen.

Wirklich Am Gestade dann drehe ich mich nach diesen Häusern um und sehe gerade einen Mann aus dem Polnischen Institut kommen. Da fällt mir ein: auf Facebook wird eine Ausstellung hier beworben, die ich als möglicherweise interessant abgespeichert habe, so gehe ich auf die einladend offene Eingangstür zu, um zum ersten Mal in meinem Leben das Polnische Institut zu betreten, aber dann wird sie von innen zugemacht – zugemacht, nicht abgesperrt, soweit ich sehe – aber das reicht, dass ich mich nicht mehr hineingehen traue.


(8.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4643 Leg endlich den Griffel weg!

 



11:22 a.m.  Ich bin heute gegen meine Gewohnheit zu Fuß zum Espresso Burggasse gegangen und als ich bei der Hofburg vorbeigewandert bin, habe ich an unseren Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen gedacht und genau da schlägt die Turmglocke der Hofburg elf Uhr und ich danke unserem Bundespräsidenten, dass er mich so so freundlich gegrüßt hat. Übrigens ein sehr schönes Geläute; wirklich schöner Klang! Und der Lichtengel im Espresso Burggasse strahlt auch über das ganze Gesicht, wenn er eines hätte. Und die Pflanze vor ihm verdeckt schon seine Füße. Und so schöne Musik, so schön traurig singt die Dame, zumindest ein gebrochenes Herz, gleich muß ich weinen.

Geweint habe ich nicht, aber ein unglaublich prächtiges, fettes, üppiges, gut gefülltes, grünzeugüberwuchertes, köstliches Brioche verzehrt. Ich komme mir vor wie Gott in Frankreich, wie der Kaiser in der Pfalz, Balz oder Ischl, wie der König in - was weiß ich! - Schottland. Das Wetter ist kühler geworden (stimmt nicht – später wurde es fast heiß – der innere Korrektor), aber nicht kalt, regnerisch ohne dass es schüttet – ich bin trockenen Fußes hierher gekommen (gut, aber barfuß bist du nicht gegangen – der innere Korrektor). Ich stoppe meinen Schreibzwang ab und widme mich wieder dem Zeitungslesen (ganz gelingt dir das noch nicht, mußt erst sagen, wie alt du bist … und warum schreibst du nicht Zeitungslektüüüre, das klingt doch viel edler? - der innere Spötter – leg endlich den Griffel weg!).


12:53.  Die Musik ist immer noch melancholisch und sehr schön. Auch wenn ein Mann singt (Oida! Dein Blödstellen ist wirklich peinlich! - der innere Spötter). Die Wirtschaftsschlagzeile in der Zeitung lautet: Der Winter wird teuer und das macht mir wirklich Angst, gerade weil diese Prognose richtig sein wird. (So ein schönes Lied jetzt!) Ich habe wirklich Angst vor dem endgültigen sozialen Abstieg, sozusagen vor der letzten oder vorletzten Stufe. Schließlich habe ich jahrelang in meistens unbeheizten Bruchbuden gelebt. Das will ich nicht mehr erleben, dafür bin ich zu alt, das würde meine Gesundheit nicht aushalten, von Obdachlosigkeit erst gar nicht zu reden. Vielleicht gebe ich deswegen jetzt so leichtfertig Geld aus (zwei Cappuccini, ein Brioche), weil ich befürchte, dass später nichts mehr gehen wird und Sparen nichts rettet.

Eine Augustinverkäuferin arbeitet mit allen Tricks - obwohl ich nicht hinschaue, als sie mich anspricht, den Augenkontrakt vermeide und „Nein!“ sage, legt sie mir den Augustin auf den Tisch, als würde sie ihn mir – sie spricht mich dabei als „Papa“ an – schenken wollen und checkt natürlich richtig ab, dass ich die Zeitung nicht geschenkt annehmen werde. Ich lache und sage ihr „Sie arbeiten mit allen Tricks! Und es funktioniert ja!“ und zahle die Zeitung und gebe ihr Trinkgeld. Ich bin mir wegen meiner Schwäche nicht böse, auch, wenn das als „gute Tat“ nicht durchgeht; ihr sowieso nicht – sie macht ihren Job und an meiner Nachgiebigkeit ist nicht sie schuld. Wir wünschen uns noch gegenseitig noch alles Gute.

„Wie soll ich beweisen, dass ich etwas nicht getan habe?“ frage ich in die innerliche, undeutliche Runde, weil mich beim Lesen gerade so eine Art Tagtraum-Phantasie ereilt (war die wirklich so schnell unterwegs? - der innere Spötter) und ein wenig überschwemmt hat. Der gemachte Mann am Nebennebentisch – der ist real – ruft laut, scharf und deutlich „Zahlen!“ und zahlt € 13,20. Dabei hat er einen leeren Teller und ein leeres Glas am Tisch. Bei mir am Tisch ist Cappuccino zwei ausgetrunken und es erhebt sich die Frage (wird vom Lektor gestrichen!), ob ich noch einen trinken soll, darf, muß, will, oder heimgehen. Gehen wir zuerst pinkeln und entscheiden dann; es könnte ja sein, dass die gewisse Unruhe vom Harndrang kommt. Ein wenig warte ich noch, weil soeben ein Mann nach hinten gegangen ist, wo ich annehme, er hat das Klo aufgesucht. Und am Klo bin ich lieber allein.

Beim Pissen hatte ich einen Plan ausgeheckt, aber jetzt am Tisch schon wieder völlig vergessen. Ich nehme einen Schluck Wasser und warte, ob der mir noch einfällt. Ich weiß es ja nicht, weil ich die englischen Texte der Songs nicht verstehe, aber handeln nicht alle diese Lieder von vergeblicher, verlorener Liebe? Ist das unsere Grunderfahrung, dass unsere Liebe nicht angenommen wird? Ich denke dabei vorallem an die der Kinder zu ihren Eltern. Oder geht es – was auch gut möglich ist – eigentlich ums verlorene Paradies, das ganz anders ausgeschaut hat als unsere gestrigen und heutigen Vorstellungen, dessen Verlust jedoch im Bewußtsein der Menschheit tief und fest eingetragen ist?

Ein ganz langsamer, schwerstmütiger, auf eine mir angenehme Weise artifizieller und wunderschöner Blues sagt mir, dass ich gehen soll. Den höre ich noch zu Ende.


(8.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4642 Soll ich?

 



0:10 a.m.  Soll ich schreiben? Soll ich? Soll ich wirklich? Ich schreibe! Eine einzige Staubflanke – relativ groß – segelt von oben knapp hinter der Leselampe vorbei auf meine Bettdecke. Ich entdecke, dass mein Kratzelbild völlig anders wird, je nachdem, ob ich meinen Kopf nach rechts oder nach links neige. Nach rechts geneigt gefällt es mir im Moment besser, da wirken die Striche, die die Zeichnung durchkreuzen, wie ein rotes Aderngeflecht. Manchmal fürchte ich, dass mich bald meine ganze Kraft verläßt. Ich meine die Lebenskraft.


9:53 a.m.  Ich sehe eine kleine rote Zeichnung, aber mit geschlossenen Augen. Sie ist zart mit Farbstiften gezeichnet, ungegenständlich, sehr fein. Dann ändert sie sich ein wenig. Dann erscheint überhaupt eine neue, mit festeren Strichen und einem stark violetten Zentrum. Die verändert sich rasch, pulsiert fast, aber immer noch eine Farbstiftzeichnung.

Dann geht es schnell. Eine nach der anderen. Zu schnell, als dass ich sie alle aufnehmen und erinnern kann.


(8.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4641 Die Nachmittagssonne

 



15:05.  Die Musik aus den Boxen ist schwermütig, und ich bin schwermütig. Lass mi amoi no d’Sunn aufgeh’ segn zitiert die Zeitung in einem Artikel über Danzer sein Lied. Ich lese das und spüre Tränen aufsteigen. Nur kurz, gleich vorbei, sie haben es nicht nach draußen geschafft. Ich meine, ich könnte jeden Tag in der Früh aufstehen, hinausgehen und wenn die Wetterlage passt, die Sonne aufgehen sehen. Wenn’s Wetter nicht passt, dann immer noch, wie es heller wird. Oder überhaupt aufbleiben, bis es so weit ist. Also? Oder geht es um die Lebenssonne? Ja gut, die meine sinkt. Die ist schon tief gesunken. Und mein Lebensgefühl ist, sie war noch gar nicht richtig oben.

Jetzt verstehe ich meine Berührtheit – obwohl ich das Lied nicht kenne - ein wenig: ich hätte mich in meinem Leben auch gerne als aufsteigend erlebt (Freundchen! Was meinst du?! Könne das mit Selbstmitleid zu tun haben? - der innere Spötter). Ja, schon. Trotzdem würde ich gerne meine Sonne und mein Leben aufgehen sehen; wenigstens einmal.

Die Nachmittagssonne jetzt ist auch schön. Sie verschönert sogar hässliche Gebäude und arbeitet die menschlichen Gestalten draußen am Trottoir so gut und graphisch interessant heraus.


(7.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4640 Bisher

 



0:46 a.m.  Ich blicke vom Bett aus auf mein Kratzelbild und sehe es zum ersten Mal als die Darstellung eines offen gelegten Gehirns mit roten Adern. Schaut nicht gesund aus; einiges stimmt nicht. Vielleicht ist es auch ein anderes Organ, was kenn ich mich denn aus!? Ich kann den Blick von der Zeichnung nicht abwenden (du hast es doch gar nicht probiert – der innere Spötter), und sie scheint sich auch ein wenig zu verändern. Interessant! Da hat man schon lange eine Zeichnung im Zimmer hängen, hat sie monatelang nicht richtig angeschaut und sieht sie plötzlich so, wie man sie noch nie gesehen hat. Bisher habe ich nämlich in den runden Strich- und Farbknäuel hineingesehen und ihn als Tunnel aufgefaßt. Jetzt wölbt sich das Ganze heraus und zeigt sich mir als annähernd kugelförmige Gestalt.


(7.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 6. Oktober 2026

4639 Station Katscheli

 



15:25.  Station Katscheli. Ich sitze ausnahmsweise draußen am Gehsteig. Ich, draußen am Gehsteig! Bei den Aschenbechern! Keine Ahnung, was mich da geritten hat (naja, er ist durstig und ihm tun heute vom Wandern die Beine weh; vielmehr als sonst. Und nach den düsteren Räumen sehnt er sich nach Licht – der innere Spötter). Und - auch ausnahmsweise – nehme ich das Glas mit dem Saft mit der linken Hand. Dabei wurde ich von früh auf noch radikal vom Linkshänder auf rechts dressiert. So empfinde ich das, was von meinen Impulsen her mein natürliches Vorgehen wäre, als komisch, ungewohnt und falsch (daran kann man sehen, wie tief hinein fremde Installationen eingebaut werden können, so dass man beim Versuch, auf die eigenen Empfindungen zu hören und im eigenen Kern die eigenen Impulse zu finden, doch bloß auf diesen hochwirksamen Fremdkörper stößt, der einem Falsches vorsagt und nicht weiter zum Kern läßt). Aber ich kann es. Ich kann mit der linken Hand aus dem Apfel-Karotten-Leitungswasser-Glas trinken. Meine linke Hand wurde nicht völlig abgewürgt und hat nicht alles verlernt. Blöd ist, dass jetzt ein Raucher zum Rauchen herauskommt. Wie ich mich hingesetzt habe, war es heraußen leer.
Leer ist es jetzt wieder, aber der hektische Raucher hat seinen Tschick nicht richtig abgetötet und so raucht und stinkt es aus dem Aschenbecher. Ist meine Kaffeesucht auch so eine Belästigung der anderen? Ich denke nicht, oder? Mein gesteigerter Kommunikationsdrang und die hochgefahrene Redseligkeit? (Und vergiss nicht die gesteigerte und hochgefahrene Schreibwut! - der innere Spötter). (Der zukünftige Tipper schließt sich dem vorbehaltlos an! - der zukünftige Tipper.) (Außerdem will er dabei noch witzig sein! - der innere Spötter.)

Oh Gott!


(6.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4638 Im KHM

 



13:18.  Diese Schinken im Kunsthistorischen Museum schüchtern mich ein. Ich kann nichts sehen. Ich bin einfach nicht entspannt. Dazu ist festzuhalten: auch wie ich mich als bildender Künstler gesehen habe (zu sehen versucht habe … - der innere Spötter), war mir klar, dass ich nicht in der Tradition der großen Meister stehe, sondern eher in der halblustiger Votivbildchenmaler, meinetwegen ländlich, ungebildet und subaltern, die in ihrer kleinen Welt vor sich hin oder nur nach Auftrag herumwursteln. Wenn ich auch dafür kein reines Herz hatte; also auch als solcher auf Abwege geraten bin. Nun aber starre ich auf die Gemälde hier, versuche die Farbflächen aufzunehmen zum Beispiel, oder die gemalten Lichtflecken, aber ich erkenne nichts. Nichts geht mir auf. Sozusagen schulterzuckend sitze ich auf der bequemen, gepolsterten Bank und langweile mich. Wie kann man nur so vernagelt sein?

Und wenn auf diesen Schinken Kinder/Putti/Engelchen dargestellt werden, steigen mir sowieso die Grausbirnen auf und ich werde allergisch. Gut, dieser rote Gewandwurf dort oben – das Deckenlicht spiegelt sich im Bild und macht den Ölschinken fast unbetrachtbar – aber dieser rote Gewandwurf mit seinen bläulichen Schatten zwischen den Falten gefällt mir als malerisch abstrakte Fläche (was nicht viel heißt – der innere Spötter). Oder die braune Decke mit roter Stickerei da im Vordergrund. Nur als durch Spiegelungen entfremdetes und aufgelöstes Bild kann ich es anschauen. Was stimmt nicht mit mir? Warum diese blockierende Aufregung? Beim Klassenverrat ertappt? Oder hat das damit zu tun, dass ich Personen kaum und schon gar nicht mit Namen - als das, als was sie sich definieren oder mehr noch definiert werden – ihre Erzählungen sozusagen - ansprechen kann? Ertrage ich das als Nicht-Initiierter (ohne Namen) nicht oder nehme ich ihnen ihre Story nicht ab? So in dem Sinn, dass hinter dem Definierten, Begrenzten, Bestimmbaren etwas Abstraktes, Undefinierbares sein muß? Oder bin ich einfach ungebildet und blöd? (das eine schließt das andere nicht aus – der innere Spötter). Freilich ist der Busen der den kleinen Jesus stillenden Maria mit Gretlfrisur – interessanterweise sind alle, auch der erschöpft schlafende Josef (Flucht nach Ägypten) ohne Heiligenschein! - sehr schön, und dem Faltenwurf des oben verschnürten Reisesacks kann ich auch – schon wieder abstrahierend – etwas abgewinnen, aber dann bleibe ich stecken. Und ich finde es unfair, dass auch die büßende Maria Magdalena (Miriam aus Migdal) immer zumindest halbnackt gezeigt wird.

Bei den Prinzessinnenkleidern des Velázquez wird mir etwas leichter – was ich auch nicht recht verstehe, denn die wirken schon manieriert – vielleicht jedoch nur wegen der Wiedererkennung (vgl. die Inuitgeschichte vom See in Grönland) und der breiten Farbflächen. Leider gibt es im Velázquezsaal keine Sitzgelegenheiten, sodass ich das länger erforschen könnte (erforschen! Oida! Du schleimst bloß ahnungslos und ungebildet herum wie der letzte Prolet – der innere Spötter).

Offensichtlich wandere ich durch die Säle in der Zeit zurück und das interessiert mich immer weniger. Was mir aufgefallen ist: nur einmal habe ich bei einem Bild auf die Hände geschaut; dabei könnten die Hände viel aussagen. Ich lasse mich von den Gesichtern blenden (und einschüchtern? - der innere Spötter).

Ich wandere also in der Zeit zurück, aber auch da gibt es interessante Faltenwürfe (und Busen – so gib es doch zu! - der innere Spötter). Mir wird das alles hier zu viel. Ich werde bald flüchten.

Ich gehe noch zu den Bruegels, die ich immer schon gern besucht habe, aber heute bin ich verunsichert und der Saal ist so voll und die Sitzplätze besetzt. Mir tun schon die Beine weh. Ich gehe notgedrungen in den Nebensälen umher, aber kann nichts mehr aufnehmen. Als ich dann im Bruegelsaal doch eine frei Bank finde, setze ich mich erschöpft hin. Kann man es so sagen: schwache Subjektivität erträgt kaum die stärkere der anderen und ich will sie für meine Subjektivität ausnützen? Egal, ob es um Menschen oder Bilder geht?

Ich sitze ja so ungefähr vor Bruegels Rückkehr der Herde, habe Brille und Schreibzeug weggetan und betrachte gedankenverloren länger den Fluß, der sich durch das Tal unten windet (vielleicht windet er sich, weil er nicht für deine Subjektivität benutzt werden will? - der innere Spötter).

Schluß! Aus! Ich gehe.
 

(6.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4637 Introductio desolata

 



11:29 a.m.  Es ist ja so, dass der Glaube an einen guten Gott so eine Art Chiffre für die Annahme ist, dass die Welt im Grunde „gut“ ist. Also für ein grundsätzliches Vertrauen in Welt und Dasein. Nebenbei gesagt: ich habe das überhaupt nicht, deswegen bin ich nicht nur lebensuntüchtig (Vorsicht! - der innere Spötter), sondern in meinen religiösen Phasen auch ein schlechter Christ. Zurück zum Grundsätzlichen: wenn das Vertrauen in die gute Schöpfung nicht empfunden, sondern bloß gedacht oder geglaubt wird, wird es gefährlich in Richtung Fanatismus. Denn je mehr und mit je mehr Kraftanstrengung man es sich einreden muß, desto wütender wird man gegen alles, was den eigenen „Glauben“ wirklich oder bloß anscheinend und eingebildet widerspricht; auch gegen die Wirklichkeit, die die eigenen intellektuell zusammengeschusterten und deswegen substanzlosen Vorstellungen mit Fakten und Tatsachen widerlegt. Das gilt natürlich für alle Ideologien (boah! Großartig! Du schreibst gar nicht mutatis mutandis! - der innere Spötter).


Nach dieser introductio desolata (ist das überhaupt irgendein Latein? Gibt es diesen Begriff überhaupt? - der innere Spötter) sei berichtet: der Lichtengel strahlt heute in seiner Nische. Mehr fällt mir jetzt nicht ein. Ich könnte höchstens erwähnen, dass am schönen, sanft gewölbten, und abgeschert gelassenen Plafond in der Ecke oben ein kleiner Lichtfleck erscheint, der aus meiner Sicht unerklärlich ist. Weil diesen jetzt ein Schatten durchzuckt, während der Kellner sich über die Kaffeemaschine beugt, schließe ich messerscharf (dein japanisches Gemüsemesser, das einzige Messer im Haushalt, das du eingebracht hast, hast du seit 46 Jahren nicht geschliffen – der innere Spötter), dass das eine Lichtreflexion einer Lampe via Kaffeemaschine ist (du bist wirklich ein großer Forscher! - der innere Spötter).

Vom Kaffee ist nur mehr ein Lackerl in der Tasse und ich überlege (scheinheilig! Die Sache ist doch suchtprogrammiert längst beschlossen! - der innere Spötter), ob ich einen zweiten Cappuccino trinken soll. Ich zögere, weil ich eine leichte Übelkeit befürchte.

12:00. Genau erwischt! Ich amüsiere mich mit ausgedachten Gesprächen und lächle dabei doch real in diese Welt hinein.

Sollte ich etwas essen, damit ich noch einen Kaffee vertrage? Das wäre die Lösung. Bevor ich die Bestellung aufgebe (zuerst wollte er schreiben: bevor ich mich entscheide; aber dann hat er es eingesehen … - der innere Spötter), verliert sich mein Blick im Schatten einer dekorativ und mit Absicht durchlöcherten Stuhllehne, der sich – sich dabei verlierend – um die Krümmung der mit vertikalen Holzleisten verkleideten Mauer des Baraufbaues biegt (das hast du schön formuliert! Da darfst du jetzt wirklich ein Schnittlauchbrot bestellen – der innere Spötter).

Der Lichtfleck an der Decke ist inzwischen größer geworden und ein Stück in meine Richtung gewandert; dann kann er nicht von der Kaffeemaschine kommen. Aber hier auf der Nordseite: wo sollte da Sonnenlicht, auch reflektiert, herkommen?

Auf ins Kunsthistorische Museum? Die van-Gogh-Lektüre hat mich dazu angeregt.


(6.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4636 Dieses Licht

 



9:13 a.m.   Am Fenster meiner Kemenate strahlt ein indirektes, so weißes Licht herein, dass ich meine Lektüre unterbrechen muß, um es anzuschauen. Der schwarze Holzrabe mit dem fälschlich gelben Schnabel hängt ganz unbewegt davor und gibt einen schönen, starken Kontrast. Dieses Licht ist jedenfalls optimistisch, wenn ich auch sonst von dem Ganzen nicht viel verstehe. Das Licht verurteilt mich nicht. Ich lasse meine Augen dieses Licht aufsaugen. Sicher hilft es etwas.



(6.10.2026)



©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4635 Schwarzes, Viereckiges

 



0:53 a.m.  Irgendetwas Schwarzes, Viereckiges aus dem Regal schwebt in der schlecht erleuchteten Düsternis auf mich zu. Ach! Es ist die Box, in der ich die Karteikarten, auf die ich die Titel meiner Texte notiert habe, aufbewahre. Ich aber lehne im Bett, habe den Band II von van Goghs Briefe an Theo soeben weggelegt und bin sehr müde. Die Karteikartenbox hat sich inzwischen beruhigt und ruckelt und zuckelt nur noch ein wenig in extremer Zeitlupe dort bei den Büchern. Mein Körper fühlt sich nervös an. Ihr habt richtige gehört: nicht ich bin nervös, sondern mein Körper, vor allem die Haut. Meine Zehennägel sollte ich auch wieder schneiden; das habe ich bemerkt, weil meine Füße unter der Bettdecke nervös hin und her springen, wie kleine gefangene Tiere, und dabei mit den Zehen an der Bettdecke kratzen. Hinter dem linken Ohr passt es der Haut auch nicht. Farben und Formen verschieben sich und kleine graue Schlieren wandern durch mein Gesichtsfeld. Jetzt muß ich mich an der rechten Schläfe kratzen. Ich werde mich nun wohl besser zum Schlaf flach hinlegen.


(6.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 5. Oktober 2026

4634 Du, Thomas! Ich mag nicht

 



11:43 a.m.  Ich sitze beim Praterstern in einem unterirdischen Ströck, habe mir – auch unterirdisch - einen Standard gekauft und simuliere einen Kaffeehausbesuch. Der Kaffee ist gut, das Lokal ist – was die Sitzplätze betrifft – leer - im Gegensatz zur Budel mit den Laufkunden – was ersteres heißt, dass ich keinen Druck bezüglich meines ungerechtfertigten Besetzens eines Sitzplatzes verspüre – und was mir gefällt: ich kann dem Gewusel in den Gängen der U-Bahnstation geschützt hinter Glas zuschauen. (Jetzt setzen sich mehr Leute hin und ich werde schon nervöser.) Leute, ich habe diese Selbstzweifel und das ständige Gefühl des Nicht-Gerechtfertigt-Seins in meinem Leben schon so satt! Und nebenbei gesagt: von den neunzig Euro, die ich vom frisch gefüllten Konto abgehoben habe, sind nur mehr zehn Euro übrig. Ich werde also sofort auf die Bremse steigen müssen. Aber ich mag nicht! Thomas, ich mag nicht! (Nihil est in intellectu, quod non sit prius in sensu. Thomas von Aquin). (Mit Thomas von Aquin legt er freilich eine falsche Fährte – der innere Spötter.) Ich mag nicht mehr. Mit diesem Klotz von depressionsformatiertem Gehirn am Bein (Oida! - der innere Spötter) hatte ich keine faire Chance. (Das Gehirn als Klotz am Bein! Freundchen! Dieses Bild ist so daneben! Ich gebe jedoch zu, ich weiß auch nicht, ob ich darüber weinen oder lachen soll – der innere Spötter.) Jetzt sind alle Tische besetzt, aber ins Schreiben vertieft bleibe ich noch einigermaßen ruhig. Die vielen Passanten in den Gängen nehme ich fast nur als bewegte Farbelemente wahr, genauer hinzuschauen und wahrzunehmen ist mir wegen der flotten Bewegung und der Spiegelungen im Fensterglas nicht möglich. Das stört mich nicht; mir gefallen diese Überlagerungen der verschiedenen Wirklichkeiten.

Mein Blick bleibt am knöchellangen, weit geschnittenen, dunkelblau bedruckten Rock – oder Kleid? - einer rothaarigen Dame hängen. Damit es kein Mißverständnis gibt: es ist der Stoff, der meinen Blick einfängt, ohne dass ich sagen könnte, warum, da er nicht ungewöhnlich ist.

Im Lokal surrt ständig irgendein Gerät in einem monotonen Gesang flach und deutlich dahin; mein Geist – oder ist es meine Seele? - will daraus eine pathetische, melancholische, anrührende Symphonie machen. Jetzt ist es ein - wieder - blau dominiertes Hemd – oder heißt das Bluse? - einer Kundin, die meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich weiß nicht, wie das Kleidungsstück heißt, jedenfalls wird es über der Hose getragen und reicht fast bis zu den Knien. Aber Kleid würd ich es nicht nennen (vielleicht kann mir das meine Leserin erklären; ich werde sie das am nächsten Wochenende beim Lesen der Texte fragen). Die blau gekleidete Dame hat schon längst das Geschäftslokal verlassen. Ein Mann mit Rollator, gelber Warnweste und blaugrauer Kappe hat sich nun hingesetzt und ißt sein soeben erstandenes Gebäck und trinkt sein Getränk – vermutlich Kaffee. So unähnlich ist er mir gar nicht, als wie ich ihn im ersten Moment empfunden hatte, nur wamperter, sein grauer Bart als Schnauzer über dem Mund, zwei Ringe, nicht nur ein Ehering; auch ein „lustiges“ Leiberl, aber bildhafter, nicht nur Schrift (ich kann es von hier aus nicht richtig erkennen und lesen); bei mir steht heute Ich freue mich schon recht verwaschen am T-Shirt. Ansonsten tut sich der Mann kreuzmäßig auch beim Hinsetzen und Aufstehen schwer. Allerdings: ich vermute, er hat nicht so viele Selbstzweifel; und wenn doch, sind sie besser versteckt; oder sagen wir besser: besser geschützt. Und er sitzt nicht so lange beim Kaffee und liest hier nicht und schreibt nicht.


13:20.  Ich sitze jetzt auf der Strudelhofstiege und da fällt mir auf; dass der Satz Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu (das prius und ähnliches lasse ich lieber weg, weil es den schönen Rhythmus stört), dass also der Satz doch gut passen könnte. Weil nämlich der Gedanke, der Satz, das negative Mantra Du bist es nicht wert, zu leben, den oder das mir mein depressionsformatiertes Gehirn ständig zuspült, ja tatsächlich vorher (strukturell und zeitlich) in sensu gewesen sein muß, also oft gehört oder sonstwie sinnlich wahrgenommen und vernommen worden sein muß, bevor er sich in intellectu festsetzen konnte.


13:38.  Hof Nummer 8 im alten AKH. Der Springbrunnen springt nicht – im Gegensatz zu dem im Nachbarhof 7, da merkt man erst so richtig (so richtig – Oida! - schreibst du jetzt à la Zwischenkriegszeit? Überhebe dich nicht! - der innere Spötter), wie lächerlich diese Springbrunnenskulptur ist, einfallslos und industriell, schlechter Funktionalismus (im Gegensatz zur Strudelhofstiege, über die ich hergewandert bin. Der Doderer wird schon recht haben). Und es geht nicht um Dekor oder das Ding aufzupeppen! Sondern, wenn schon, dann um eine schöne, funktionale Form.

Ich bin von der Vorgartenstraße hierher gewandert, habe jedoch immer noch keine zehntausend Schritte.
Herbst ist es auch und noch recht warm.
Mein Gehirn funktioniert nicht mehr richtig; meine Denkprozesse fühlen sich versulzt an.
Die letzten warmen Tage haben schon kältere Nächte.
Ohne das fließende, springende Wasser ist es überhaupt nicht inspirierend, hier zu sitzen. Eine Leere, die in der Seele wehtut.
Noch fünf Minuten bis zum Aufbruch zur Psychotherapiestunde.


(5.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4633 Kein Gym

 



23:33.  Wieder nicht ins Gym! Und auch keine nennenswerten Schritte. Ich habe heute die Wohnung nicht verlassen. Ich fühle mich seelisch und dann auch körperlich so erschöpft. Nur die notwendigsten Haushaltsarbeiten. Mich nicht rasiert; beim Zähneputzen schlampig. Ich fühle mich als jemand, der sich schon sein ganzes leben lang abstrampelt, aber keinen Boden unter die Füße bekommt. Diejenigen, die nur von außen sehen, werden sagen: „Geh bitte! Du hättest doch dieses und jenes machen können!“ - oder sie werden sich denken: „Was redet der blöd! Der hat doch nie etwas gemacht! Ich hingegen habe doch dieses und jenes unter viel schwereren Bedingungen geschafft!“ Ihr habt keine Ahnung! Um etwas schaffen zu können, braucht man irgendeinen Boden unter den Füßen. Ein Ertrinkender kann keine Häuser bauen.


(4.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 2. Oktober 2026

4632 Der Herr

 



11:02 a.m.  Heute habe ich im vollen Café lange gebraucht, um meinen Kaffee zu bestellen. Ich bin keine beeindruckende Erscheinung, die automatisch Aufmerksamkeit erregt, wenn sie einen Raum betritt; im Gegenteil: meine Schüchternheit läßt das eher zu einem stillen, unauffälligen, nicht forcierten Anschleichen werden. Nun sitze ich ganz hinten in der Nische mit dem Fenster zum Hof, den Geruch der stinkenden Hygienekugeln aus der Herrentoilette in der Nase (auf meinem T-Shirt steht: Ich bin freiwillig hier). Vorgesehen und fix eingeplant war für heute ein Fitnessbesuch, doch dann habe ich darauf gepfiffen (ohne einen Ton abzugeben – der innere Spötter) und bin in Sehnsucht nach einem gemütlichen Vormittag ins Lieblingscafé marschiert. Der Kaffee steht schon am Tisch und ich habe schon ein paar Schluck getrunken. Ein bisschen (siehst du, geht doch! - der innere Spötter) unrund ist das ganze jetzt schon noch.


11:36 a.m.  Ich habe jetzt doch den Platz gewechselt und bin in den vorderen Gastraum übersiedelt, nachdem sich das Lokal geleert und mein Lieblingsplatz frei geworden ist. Der Lichtengel strahlt auch. Und ich habe eine Eierspeise bestellt. Ich will ja, dass es mir gut geht (und Monatsanfang haben wir auch – der innere Spötter). Mir gegenüber, auf der anderen Seite des inneren Durchgangs sitzt auch ein alter Herr und ißt ein Schinkenbrot, während er gleichzeitig Zeitung liest. Ich schätze ihn etwas älter ein, jedenfalls eleganter. Und vermutlich wohlhabender. Dafür lasse ich es mir eh gut gehen, wenn auch auf schmarotzerische Weise (was hat schmarotzen mit Rotz zu tun? Tipper, schau nach!) (gar nichts! - der Tipper, der immer recherchieren muß).

Weißt was, mein Freund und Zwetschkenröster (ich habe auf die Schnelle nichts gefunden – der Tipper, der immer recherchieren soll), schreib doch einmal etwas wirklich Absurdes, Schräges, Verrücktes, dass es die Leser Innen nur so durchbläst; dass es scheppert! Der Herr da gegenüber fasziniert mich irgendwie: normal, aber elegant gekleidet (hellblaues Hemd, dunkelblaues Sakko, graubeige Hose – keine Jeans! - Lederschuhe, die Socken, so vermute ich, farblich abgestimmt irgendein grau) (der Van-Gogh tät schimpfen, dass du diese Farben nicht besser und präziser beschreiben kannst – der innere Spötter) (ja, ja, ich lese zur Zeit seine Briefe an Theodor – der Autor). Der Herr gegenüber hat es geschafft und genießt seinen Lebensabend - wie mir scheint – in Wohlstand, Ruhe und ohne gröbere Selbstzweifel. Ich glaube nicht, dass er das Gefühl hat, sich noch beweisen zu müssen oder seine Überzeugungen und (Vor)Urteile über den Haufen zu werfen (und was ist mit dem absurden, schrägen, verrückten Text? Wann kommt der? Oder betest du jetzt die Normalität an? - der innere Spötter). Nein! Nicht schon wieder Trauer und Schwermut!

Na gut, da kenn ich mich immerhin aus. Ich blicke zum Lichtengel; es ist verrückt, aber ich erhoffe mir von dieser Wandlampe tatsächlich Ermutigung! Die Musik passt.


12:06.  Die Eierspeise ist verspeist (deine schwachen Wortspiele kannst du dir sparen – der innere Spötter). Das unbekannte Lied jetzt ist sehr, sehr schön. Kreuzschmerzen hat der elegante alte Herr gegenüber schon, wie ich bemerke, als er vom Sessel aufsteht und ein paar Schritte geht. Schmerzen kennt er. Flügeln aus Licht (ich habe wieder zur Wandlampe in der Nische geblickt).

Der Herr liest jetzt Die Zeit. Ich hätte Lust, daraus einen religiösen Satz zu machen: Der HERR liest jetzt die Zeit (sehr witzig! - der innere Spötter). Der Herr geht ab und verläßt das Lokal (untersteh dich! Der innere Spötter). Wenn man religiös wäre, könnte man sich schon fragen, ob DER HERR die Welt verlassen hat.

Heute bleibe ich lange hier; ich verlasse die lokale Welt nicht, auch wenn mir der Hintern vom Sitzen wehtun wird.


12:40.  Ich habe mir einen Augustin aufschwatzen lassen – viel mußte der Verkäufer nicht reden – und es sind wirklich gute, interessante und kluge Artikel darin (dass er das genauer beschreibt, seine Überlegungen dazu, die darin angestoßene gesellschaftliche Diskussion weiterführt, dazu reicht sein schwaches soziales Engagement nicht – der innere Spötter).

Beim Wieder-Hin-Setzen und Über-Schlagen der Beine haue ich mir den linken Oberschenkel an der Tischkante an, dass es weh tut (wobei: wenn ich von wehtun rede, schreibe ich nicht unbedingt von richtigen Schmerzen) (Und: ist dieser Binde-Strich-Blöd-Sinn deine neue, halblustige Ma-Rotte? - der innere Spötter).

Die unbekannte Musik ist so schön, dass mir ein leichter Schauder über den Rücken läuft. Kaffee 3 ist wahrscheinlich zu viel; ich spüre ihn stark. Ich freue mich, dass ich einiges zum Eintippen habe und auf das Überarbeiten der handschriftlichen Texte dabei (Ufff! - der zukünftige Tipper – und zu recherchieren hast du mir auch schon was aufgetragen).

Solange ich Kaffee und zu essen habe und gute Musik, wäre ich ein freundlicher, wohlwollend von oben auf die Welt hinabblickender HERR, der sich eher nicht einmischt und manchmal unbemerkt und still mitlacht, sich amüsiert, wundert (hahaha! - der innere Spötter) und manchmal weint. Und ich würde mir viele Szenarien ausdenken, die ich dann jedoch nicht erschaffe. Nur überfordern und an die Wand drängen dürfte man mich nicht, dann, unter Stress, könnte ich für meine Reaktionen nicht garantieren.


Mein innerer Impuls drängt mich zum Gehen, aber ich habe mir vorgenommen, lange sitzen zu bleiben. Whuuhuuhuu singen sie sanft und mild aus den Boxen.


13:22.  Erst jetzt mein erster bewußter Blick hinaus auf die Gartenlaube und die eine Platane in meinem Gesichtsfeld. Der Deckenventilator dreht sich im Uhrzeigersinn und schiebt so die Zeit an, anstatt sie ein wenig einzubremsen. Noch ein gemachter alter Herr mit Zeitung tritt ins Lokal (ist das Universum polytheistisch strukturiert? - der innere Spötter). Ein bißchen lächerlich wirken die alten Herren schon in dieser jungen Umgebung. Und immer dieses Phänomen, dass ich nicht richtig pinkeln kann, wenn ein zweiter Mann im Klo ist. Früher war das nur dann so, wenn ich nüchtern war und beim Pissoir kein Sichtschutz – den gibt es hier auch nicht, aber der andere Mann stand abseits mit dem Rücken zu mir am Waschbecken und hat sich die Hände gewaschen. Also eigentlich (wird vom Lektor gestrichen – der innere Spötter) keine Gefahr.


(2.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4631 Kein Grund

 



11:31 a.m.  Eigentlich (wird vom Lektor gestrichen – der innere Spötter) habe ich keinen Grund zu schreiben. Ich sitze so halbwegs entspannt (was trotzdem weit mehr als fünfzig Prozent Spannungsanteile bedeutet – der innere Spötter) im Kaffeeamt und verfalle nicht nur meinem Schreib- sondern auch meinem Konsumierzwang (belegtes Croissant). Ich hoffe, ich finde vor dem Jüngsten Gericht Gnade (es gibt kein Jüngstes Gericht und deshalb keine Gnade – der innere Spötter).

Also gut, was könnte ich beschreiben? Den Wind draußen, wie er den riesigen Baum an der Kreuzung vorne, das stoffliche Sonnendach über dem Gastgarten und die Pflanzen dort, und die blaue Europafahne bewegt? Ist auch schon ein bißchen fad (dies zu beschreiben; dem Wind könnte ich stundenlang zuschauen). Viele Passanten driften (wird auch vom Lektor gestrichen – der innere Spötter) (Warum?) (Warum nicht? - der innere Spötter), viele Passanten also driften mehr oder weniger in sich oder ihren Gedanken gekehrt vorbei. Der Kaffee ist schon kalt, aber das bin ich gewohnt. Nur zur Erklärung: in sich und in Gedanken ist nicht zwangsläufig dasselbe: die Gedanken könnten auch eine fremde Installation sein! Ich glaub, ich gehe jetzt zum Friseur und lasse mir die Haare schneiden.


(1.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

4630 Keine Gewichte erhöht

 



16:00.  Das Fitnessieren heute war besonders anstrengend, aber nicht weil ich irgendwelche Gewichte erhöht habe; im Gegenteil: die üblichen Gewichter, die mir in letzter Zeit schon fast zu leicht vorgekommen sind, waren mir heute sehr schwer. Warum weiß ich nicht. Anders gesagt: Mir tut alles weh (es ist nicht das erste Mal, dass ich dich bitte, von so blöden Wortspielen wie fitnessieren abzulassen. So schaffst du keine seriöse Literatur! - der innere Korrektor) (Bäääh! - ich).

Wie gestern versprochen sitze ich heute im Kaffeeamt und schaue dem Licht der Nachmittagssonne zu. Und – sozusagen im zweiten Durchgang – auch auf die Schatten. Die wirklich schön blaue Europafahne streckt sozusagen (das streicht der Lektor) ihren Bauch heraus und dreht sich ein wenig um die eigene Achse; nicht ganz herum natürlich, sondern ein bißchen hin, ein bißchen her (könntest du dich langsam mit der neuen Rechtschreibung abfinden? Noch dazu, wo du sie teilweise schon verwendest – der innere Korrektor). Der Wind hilft ihr dabei, sich hin und her zu drehen (siehst du, du blöder innerer Korrektor – hättest du dich nicht eingemischt, hätte ich einfach Der Wind hilft ihr dabei - Punkt! schreiben können. Du machst alles komplizierter und manierierter – der Autor). Ich bin fertig und müde. Eine schwere Trägheit wälzt mich nieder. Ich bekomme kaum das Maul auf, und selbst die Kaffeetasse schaue ich lange an, ohne mich durchringen zu können, den Arm auszustrecken, die Tasse zu ergreifen und zum Mund zu führen. Mein müder Geist trifft den Vorsatz, genau das zu tun, aber irgendeine andere, aber untergebene Instanz ist schneller, fällt diesem Vorsatz in den Rücken (wie schaut der aus? - der innere Spötter) und mein Arm schnellt erstaunlich schnell, entschieden und wach nach vor, nimmt das Wasserglas und führt dieses zum Mund. Der trinkt gehorsam. Die innere Zentralbehörde scheint – wenn nicht außer Gefecht – so doch durchsetzungsschwach zu sein. Ah! Jetzt ist der Schluck Kaffee doch gelungen! Ich glaube, es ist am besten, ich gehe heim und lege mich aufs Bett. Ach! Die Wäsche wird bald fertig und zum Aufhängen sein und die zweite Maschine zu machen. Und der Geschirrspüler. Und Blumengießen. Ich bleibe noch ein wenig sitzen und dämmere weg.


(30.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com