4645 Abtreten
15:49. Heute auf dem Weg ins Fitnessstudio – fast hätte ich hingeschmissen und wäre zu Hause geblieben - … ich muß anders anfangen.
Ich gehe so dahin … nein, so geht es auch nicht; ich kann das Gefühl, das mich erfasst hatte, nicht beschreiben.
Einerseits hatte ich so eine Art flaue Todesahnung, andererseits habe ich nur so über die Schönheit der Welt gestaunt: die gelben Blätter der Säulengleditschien vorm Haus waren so schön! So schön! Wie verstreute Goldblättchen lagen sie am Boden; was für ein Reichtum! (für Straßenkehrer eine lästige Herausforderung, da die Blätter klein sind – der innere Spötter). (Ich weiß, ich habe meinen Zivildienst als Straßenkehrer abgedient. Übrigens habe ich die Arbeit als solche gern gemacht.) Und die anderen Bäume, wie sie aufrecht da stehen, nicht ohne Stolz, will mir vorkommen. Manche noch im vollen Saft, andere beginnen schon, das Laub abzuwerfen. Ich wähle einen kleinen Umweg ins Fitnessstudio, um außen am Augarten entlang gehen zu können, denn ich möchte den großartigen Himmel sehen. Die Sonne scheint, an manchen Stellen sind die Wiesen noch ganz grün. Die verpachteten Gartenanlagen gehen über vor Üppigkeit. Und die Wolken! Da schöne weiße Wolken, dort drüben dräut ein schwarzes Wolkenkonklomerat, aber zum größten Teil ist der Himmel blau, blau, blau; so ein schönes Blau!
Wie ich dann durch die Rotensterngasse wie durch eine Schlucht gehe, bewundere ich das Licht der Vormittagssonne an den Hauswänden, was mich ungewöhnlich ergreift und mich trotz der eher schlichten Gebäude über den menschlichen Fleiß und diese Tüchtigkeit beinah jubeln lässt. Ich gehe – ganz ohne Schmerzen – in einer seltenen Seligkeit dahin, immer vom Gedanken beglückt, das dies mein letzter Tag auf Erden sein könnte, aber mir das Schicksal die Chance bietet, noch einmal die Wunder dieser Welt zu schauen. Auch völlig Unbedeutendes bedeutet mir etwas: Schattierungen, Sprünge, Flecken am Asphalt, eine kleine Pflanze zwischen zwei Pflastersteinen – so viel Hoffnung! so viel Mut! So eine Unschuld! - und immer wieder das Licht. Ich fühle mich so reich beschenkt, auch wenn das jetzt meine Abschiedsvorstellung ist.
Beim Fittnessstudio in der Praterstraße angekommen wundere ich mich über die vielen Menschen, die am Gehsteig stehen und sehe das Feuerwehrauto, das mir beim Umdrehen am Zebrastreifen den Weg abgeschnitten hatte, dort stehen bleiben. Trotzdem verstehe ich die Situation nicht und betrete das Gym. Drinnen ist alles komplett leer und ich Narr freue mich noch, weil mir jetzt alle Geräte problemlos zugänglich sind; doch dann – noch im Eingangsbereich – wird mir doch endlich klar, dass etwas komisch ist und ich frage einen Mann, der beim Eingang steht, was da los ist. Ausgerechnet einen stummen Mann habe ich gefragt, der vergeblich versucht, mir mit Gesten klar zu machen, dass wir draußen bleiben sollen, aber erst als ein akustischer Alarm losgeht, als ich die Eingangssperre mit meiner Karte passiere, verstehe ich endlich, dass alle angehalten sind, draußen zu warten. Wie ich später erfragt habe, gab es im Nachbarhaus einen Feueralarm, der sich jedoch als Fehlalarm herausstellte.
Spätestens beim Trainieren dann ist meine schöne, poetische, „religiöse“ Stimmung auf dem Weg nach … endgültig vorbei (geht vom Trainieren nichts Inspirierendes aus? Vom Gehen jedenfalls schon). Schade! Aber so ließe sich von der Welt abtreten.
(9.10.2026)
©Peter Alois Rumpf Oktober 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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