Donnerstag, 8. Oktober 2026

4643 Leg endlich den Griffel weg!

 



11:22 a.m.  Ich bin heute gegen meine Gewohnheit zu Fuß zum Espresso Burggasse gegangen und als ich bei der Hofburg vorbeigewandert bin, habe ich an unseren Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen gedacht und genau da schlägt die Turmglocke der Hofburg elf Uhr und ich danke unserem Bundespräsidenten, dass er mich so so freundlich gegrüßt hat. Übrigens ein sehr schönes Geläute; wirklich schöner Klang! Und der Lichtengel im Espresso Burggasse strahlt auch über das ganze Gesicht, wenn er eines hätte. Und die Pflanze vor ihm verdeckt schon seine Füße. Und so schöne Musik, so schön traurig singt die Dame, zumindest ein gebrochenes Herz, gleich muß ich weinen.

Geweint habe ich nicht, aber ein unglaublich prächtiges, fettes, üppiges, gut gefülltes, grünzeugüberwuchertes, köstliches Brioche verzehrt. Ich komme mir vor wie Gott in Frankreich, wie der Kaiser in der Pfalz, Balz oder Ischl, wie der König in - was weiß ich! - Schottland. Das Wetter ist kühler geworden (stimmt nicht – später wurde es fast heiß – der innere Korrektor), aber nicht kalt, regnerisch ohne dass es schüttet – ich bin trockenen Fußes hierher gekommen (gut, aber barfuß bist du nicht gegangen – der innere Korrektor). Ich stoppe meinen Schreibzwang ab und widme mich wieder dem Zeitungslesen (ganz gelingt dir das noch nicht, mußt erst sagen, wie alt du bist … und warum schreibst du nicht Zeitungslektüüüre, das klingt doch viel edler? - der innere Spötter – leg endlich den Griffel weg!).


12:53.  Die Musik ist immer noch melancholisch und sehr schön. Auch wenn ein Mann singt (Oida! Dein Blödstellen ist wirklich peinlich! - der innere Spötter). Die Wirtschaftsschlagzeile in der Zeitung lautet: Der Winter wird teuer und das macht mir wirklich Angst, gerade weil diese Prognose richtig sein wird. (So ein schönes Lied jetzt!) Ich habe wirklich Angst vor dem endgültigen sozialen Abstieg, sozusagen vor der letzten oder vorletzten Stufe. Schließlich habe ich jahrelang in meistens unbeheizten Bruchbuden gelebt. Das will ich nicht mehr erleben, dafür bin ich zu alt, das würde meine Gesundheit nicht aushalten, von Obdachlosigkeit erst gar nicht zu reden. Vielleicht gebe ich deswegen jetzt so leichtfertig Geld aus (zwei Cappuccini, ein Brioche), weil ich befürchte, dass später nichts mehr gehen wird und Sparen nichts rettet.

Eine Augustinverkäuferin arbeitet mit allen Tricks - obwohl ich nicht hinschaue, als sie mich anspricht, den Augenkontrakt vermeide und „Nein!“ sage, legt sie mir den Augustin auf den Tisch, als würde sie ihn mir – sie spricht mich dabei als „Papa“ an – schenken wollen und checkt natürlich richtig ab, dass ich die Zeitung nicht geschenkt annehmen werde. Ich lache und sage ihr „Sie arbeiten mit allen Tricks! Und es funktioniert ja!“ und zahle die Zeitung und gebe ihr Trinkgeld. Ich bin mir wegen meiner Schwäche nicht böse, auch, wenn das als „gute Tat“ nicht durchgeht; ihr sowieso nicht – sie macht ihren Job und an meiner Nachgiebigkeit ist nicht sie schuld. Wir wünschen uns noch gegenseitig noch alles Gute.

„Wie soll ich beweisen, dass ich etwas nicht getan habe?“ frage ich in die innerliche, undeutliche Runde, weil mich beim Lesen gerade so eine Art Tagtraum-Phantasie ereilt (war die wirklich so schnell unterwegs? - der innere Spötter) und ein wenig überschwemmt hat. Der gemachte Mann am Nebennebentisch – der ist real – ruft laut, scharf und deutlich „Zahlen!“ und zahlt € 13,20. Dabei hat er einen leeren Teller und ein leeres Glas am Tisch. Bei mir am Tisch ist Cappuccino zwei ausgetrunken und es erhebt sich die Frage (wird vom Lektor gestrichen!), ob ich noch einen trinken soll, darf, muß, will, oder heimgehen. Gehen wir zuerst pinkeln und entscheiden dann; es könnte ja sein, dass die gewisse Unruhe vom Harndrang kommt. Ein wenig warte ich noch, weil soeben ein Mann nach hinten gegangen ist, wo ich annehme, er hat das Klo aufgesucht. Und am Klo bin ich lieber allein.

Beim Pissen hatte ich einen Plan ausgeheckt, aber jetzt am Tisch schon wieder völlig vergessen. Ich nehme einen Schluck Wasser und warte, ob der mir noch einfällt. Ich weiß es ja nicht, weil ich die englischen Texte der Songs nicht verstehe, aber handeln nicht alle diese Lieder von vergeblicher, verlorener Liebe? Ist das unsere Grunderfahrung, dass unsere Liebe nicht angenommen wird? Ich denke dabei vorallem an die der Kinder zu ihren Eltern. Oder geht es – was auch gut möglich ist – eigentlich ums verlorene Paradies, das ganz anders ausgeschaut hat als unsere gestrigen und heutigen Vorstellungen, dessen Verlust jedoch im Bewußtsein der Menschheit tief und fest eingetragen ist?

Ein ganz langsamer, schwerstmütiger, auf eine mir angenehme Weise artifizieller und wunderschöner Blues sagt mir, dass ich gehen soll. Den höre ich noch zu Ende.


(8.10.2026)


©Peter Alois Rumpf    Oktober 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

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