4634 Du, Thomas! Ich mag nicht
11:43 a.m. Ich sitze beim Praterstern in einem unterirdischen Ströck, habe mir – auch unterirdisch - einen Standard gekauft und simuliere einen Kaffeehausbesuch. Der Kaffee ist gut, das Lokal ist – was die Sitzplätze betrifft – leer - im Gegensatz zur Budel mit den Laufkunden – was ersteres heißt, dass ich keinen Druck bezüglich meines ungerechtfertigten Besetzens eines Sitzplatzes verspüre – und was mir gefällt: ich kann dem Gewusel in den Gängen der U-Bahnstation geschützt hinter Glas zuschauen. (Jetzt setzen sich mehr Leute hin und ich werde schon nervöser.) Leute, ich habe diese Selbstzweifel und das ständige Gefühl des Nicht-Gerechtfertigt-Seins in meinem Leben schon so satt! Und nebenbei gesagt: von den neunzig Euro, die ich vom frisch gefüllten Konto abgehoben habe, sind nur mehr zehn Euro übrig. Ich werde also sofort auf die Bremse steigen müssen. Aber ich mag nicht! Thomas, ich mag nicht! (Nihil est in intellectu, quod non sit prius in sensu. Thomas von Aquin). (Mit Thomas von Aquin legt er freilich eine falsche Fährte – der innere Spötter.) Ich mag nicht mehr. Mit diesem Klotz von depressionsformatiertem Gehirn am Bein (Oida! - der innere Spötter) hatte ich keine faire Chance. (Das Gehirn als Klotz am Bein! Freundchen! Dieses Bild ist so daneben! Ich gebe jedoch zu, ich weiß auch nicht, ob ich darüber weinen oder lachen soll – der innere Spötter.) Jetzt sind alle Tische besetzt, aber ins Schreiben vertieft bleibe ich noch einigermaßen ruhig. Die vielen Passanten in den Gängen nehme ich fast nur als bewegte Farbelemente wahr, genauer hinzuschauen und wahrzunehmen ist mir wegen der flotten Bewegung und der Spiegelungen im Fensterglas nicht möglich. Das stört mich nicht; mir gefallen diese Überlagerungen der verschiedenen Wirklichkeiten.
Mein Blick bleibt am knöchellangen, weit geschnittenen, dunkelblau bedruckten Rock – oder Kleid? - einer rothaarigen Dame hängen. Damit es kein Mißverständnis gibt: es ist der Stoff, der meinen Blick einfängt, ohne dass ich sagen könnte, warum, da er nicht ungewöhnlich ist.
Im Lokal surrt ständig irgendein Gerät in einem monotonen Gesang flach und deutlich dahin; mein Geist – oder ist es meine Seele? - will daraus eine pathetische, melancholische, anrührende Symphonie machen. Jetzt ist es ein - wieder - blau dominiertes Hemd – oder heißt das Bluse? - einer Kundin, die meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich weiß nicht, wie das Kleidungsstück heißt, jedenfalls wird es über der Hose getragen und reicht fast bis zu den Knien. Aber Kleid würd ich es nicht nennen (vielleicht kann mir das meine Leserin erklären; ich werde sie das am nächsten Wochenende beim Lesen der Texte fragen). Die blau gekleidete Dame hat schon längst das Geschäftslokal verlassen. Ein Mann mit Rollator, gelber Warnweste und blaugrauer Kappe hat sich nun hingesetzt und ißt sein soeben erstandenes Gebäck und trinkt sein Getränk – vermutlich Kaffee. So unähnlich ist er mir gar nicht, als wie ich ihn im ersten Moment empfunden hatte, nur wamperter, sein grauer Bart als Schnauzer über dem Mund, zwei Ringe, nicht nur ein Ehering; auch ein „lustiges“ Leiberl, aber bildhafter, nicht nur Schrift (ich kann es von hier aus nicht richtig erkennen und lesen); bei mir steht heute Ich freue mich schon recht verwaschen am T-Shirt. Ansonsten tut sich der Mann kreuzmäßig auch beim Hinsetzen und Aufstehen schwer. Allerdings: ich vermute, er hat nicht so viele Selbstzweifel; und wenn doch, sind sie besser versteckt; oder sagen wir besser: besser geschützt. Und er sitzt nicht so lange beim Kaffee und liest hier nicht und schreibt nicht.
13:20. Ich sitze jetzt auf der Strudelhofstiege und da fällt mir auf; dass der Satz Nihil est in intellectu, quod non fuerit in sensu (das prius und ähnliches lasse ich lieber weg, weil es den schönen Rhythmus stört), dass also der Satz doch gut passen könnte. Weil nämlich der Gedanke, der Satz, das negative Mantra Du bist es nicht wert, zu leben, den oder das mir mein depressionsformatiertes Gehirn ständig zuspült, ja tatsächlich vorher (strukturell und zeitlich) in sensu gewesen sein muß, also oft gehört oder sonstwie sinnlich wahrgenommen und vernommen worden sein muß, bevor er sich in intellectu festsetzen konnte.
13:38. Hof Nummer 8 im alten AKH. Der Springbrunnen springt nicht – im Gegensatz zu dem im Nachbarhof 7, da merkt man erst so richtig (so richtig – Oida! - schreibst du jetzt à la Zwischenkriegszeit? Überhebe dich nicht! - der innere Spötter), wie lächerlich diese Springbrunnenskulptur ist, einfallslos und industriell, schlechter Funktionalismus (im Gegensatz zur Strudelhofstiege, über die ich hergewandert bin. Der Doderer wird schon recht haben). Und es geht nicht um Dekor oder das Ding aufzupeppen! Sondern, wenn schon, dann um eine schöne, funktionale Form.
Ich bin von der Vorgartenstraße hierher gewandert, habe jedoch immer noch keine zehntausend Schritte.
Herbst ist es auch und noch recht warm.
Mein Gehirn funktioniert nicht mehr richtig; meine Denkprozesse fühlen sich versulzt an.
Die letzten warmen Tage haben schon kältere Nächte.
Ohne das fließende, springende Wasser ist es überhaupt nicht inspirierend, hier zu sitzen. Eine Leere, die in der Seele wehtut.
Noch fünf Minuten bis zum Aufbruch zur Psychotherapiestunde.
(5.10.2026)
©Peter Alois Rumpf Oktober 2026 peteraloisrumpf@gmail.com
(5.10.2026)
©Peter Alois Rumpf Oktober 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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