4632 Der Herr
11:02 a.m. Heute habe ich im vollen Café lange gebraucht, um meinen Kaffee zu bestellen. Ich bin keine beeindruckende Erscheinung, die automatisch Aufmerksamkeit erregt, wenn sie einen Raum betritt; im Gegenteil: meine Schüchternheit läßt das eher zu einem stillen, unauffälligen, nicht forcierten Anschleichen werden. Nun sitze ich ganz hinten in der Nische mit dem Fenster zum Hof, den Geruch der stinkenden Hygienekugeln aus der Herrentoilette in der Nase (auf meinem T-Shirt steht: Ich bin freiwillig hier). Vorgesehen und fix eingeplant war für heute ein Fitnessbesuch, doch dann habe ich darauf gepfiffen (ohne einen Ton abzugeben – der innere Spötter) und bin in Sehnsucht nach einem gemütlichen Vormittag ins Lieblingscafé marschiert. Der Kaffee steht schon am Tisch und ich habe schon ein paar Schluck getrunken. Ein bisschen (siehst du, geht doch! - der innere Spötter) unrund ist das ganze jetzt schon noch.
11:36 a.m. Ich habe jetzt doch den Platz gewechselt und bin in den vorderen Gastraum übersiedelt, nachdem sich das Lokal geleert und mein Lieblingsplatz frei geworden ist. Der Lichtengel strahlt auch. Und ich habe eine Eierspeise bestellt. Ich will ja, dass es mir gut geht (und Monatsanfang haben wir auch – der innere Spötter). Mir gegenüber, auf der anderen Seite des inneren Durchgangs sitzt auch ein alter Herr und ißt ein Schinkenbrot, während er gleichzeitig Zeitung liest. Ich schätze ihn etwas älter ein, jedenfalls eleganter. Und vermutlich wohlhabender. Dafür lasse ich es mir eh gut gehen, wenn auch auf schmarotzerische Weise (was hat schmarotzen mit Rotz zu tun? Tipper, schau nach!) (gar nichts! - der Tipper, der immer recherchieren muß).
Weißt was, mein Freund und Zwetschkenröster (ich habe auf die Schnelle nichts gefunden – der Tipper, der immer recherchieren soll), schreib doch einmal etwas wirklich Absurdes, Schräges, Verrücktes, dass es die Leser Innen nur so durchbläst; dass es scheppert! Der Herr da gegenüber fasziniert mich irgendwie: normal, aber elegant gekleidet (hellblaues Hemd, dunkelblaues Sakko, graubeige Hose – keine Jeans! - Lederschuhe, die Socken, so vermute ich, farblich abgestimmt irgendein grau) (der Van-Gogh tät schimpfen, dass du diese Farben nicht besser und präziser beschreiben kannst – der innere Spötter) (ja, ja, ich lese zur Zeit seine Briefe an Theodor – der Autor). Der Herr gegenüber hat es geschafft und genießt seinen Lebensabend - wie mir scheint – in Wohlstand, Ruhe und ohne gröbere Selbstzweifel. Ich glaube nicht, dass er das Gefühl hat, sich noch beweisen zu müssen oder seine Überzeugungen und (Vor)Urteile über den Haufen zu werfen (und was ist mit dem absurden, schrägen, verrückten Text? Wann kommt der? Oder betest du jetzt die Normalität an? - der innere Spötter). Nein! Nicht schon wieder Trauer und Schwermut!
Na gut, da kenn ich mich immerhin aus. Ich blicke zum Lichtengel; es ist verrückt, aber ich erhoffe mir von dieser Wandlampe tatsächlich Ermutigung! Die Musik passt.
12:06. Die Eierspeise ist verspeist (deine schwachen Wortspiele kannst du dir sparen – der innere Spötter). Das unbekannte Lied jetzt ist sehr, sehr schön. Kreuzschmerzen hat der elegante alte Herr gegenüber schon, wie ich bemerke, als er vom Sessel aufsteht und ein paar Schritte geht. Schmerzen kennt er. Flügeln aus Licht (ich habe wieder zur Wandlampe in der Nische geblickt).
Der Herr liest jetzt Die Zeit. Ich hätte Lust, daraus einen religiösen Satz zu machen: Der HERR liest jetzt die Zeit (sehr witzig! - der innere Spötter). Der Herr geht ab und verläßt das Lokal (untersteh dich! Der innere Spötter). Wenn man religiös wäre, könnte man sich schon fragen, ob DER HERR die Welt verlassen hat.
Heute bleibe ich lange hier; ich verlasse die lokale Welt nicht, auch wenn mir der Hintern vom Sitzen wehtun wird.
12:40. Ich habe mir einen Augustin aufschwatzen lassen – viel mußte der Verkäufer nicht reden – und es sind wirklich gute, interessante und kluge Artikel darin (dass er das genauer beschreibt, seine Überlegungen dazu, die darin angestoßene gesellschaftliche Diskussion weiterführt, dazu reicht sein schwaches soziales Engagement nicht – der innere Spötter).
Beim Wieder-Hin-Setzen und Über-Schlagen der Beine haue ich mir den linken Oberschenkel an der Tischkante an, dass es weh tut (wobei: wenn ich von wehtun rede, schreibe ich nicht unbedingt von richtigen Schmerzen) (Und: ist dieser Binde-Strich-Blöd-Sinn deine neue, halblustige Ma-Rotte? - der innere Spötter).
Die unbekannte Musik ist so schön, dass mir ein leichter Schauder über den Rücken läuft. Kaffee 3 ist wahrscheinlich zu viel; ich spüre ihn stark. Ich freue mich, dass ich einiges zum Eintippen habe und auf das Überarbeiten der handschriftlichen Texte dabei (Ufff! - der zukünftige Tipper – und zu recherchieren hast du mir auch schon was aufgetragen).
Solange ich Kaffee und zu essen habe und gute Musik, wäre ich ein freundlicher, wohlwollend von oben auf die Welt hinabblickender HERR, der sich eher nicht einmischt und manchmal unbemerkt und still mitlacht, sich amüsiert, wundert (hahaha! - der innere Spötter) und manchmal weint. Und ich würde mir viele Szenarien ausdenken, die ich dann jedoch nicht erschaffe. Nur überfordern und an die Wand drängen dürfte man mich nicht, dann, unter Stress, könnte ich für meine Reaktionen nicht garantieren.
Mein innerer Impuls drängt mich zum Gehen, aber ich habe mir vorgenommen, lange sitzen zu bleiben. Whuuhuuhuu singen sie sanft und mild aus den Boxen.
13:22. Erst jetzt mein erster bewußter Blick hinaus auf die Gartenlaube und die eine Platane in meinem Gesichtsfeld. Der Deckenventilator dreht sich im Uhrzeigersinn und schiebt so die Zeit an, anstatt sie ein wenig einzubremsen. Noch ein gemachter alter Herr mit Zeitung tritt ins Lokal (ist das Universum polytheistisch strukturiert? - der innere Spötter). Ein bißchen lächerlich wirken die alten Herren schon in dieser jungen Umgebung. Und immer dieses Phänomen, dass ich nicht richtig pinkeln kann, wenn ein zweiter Mann im Klo ist. Früher war das nur dann so, wenn ich nüchtern war und beim Pissoir kein Sichtschutz – den gibt es hier auch nicht, aber der andere Mann stand abseits mit dem Rücken zu mir am Waschbecken und hat sich die Hände gewaschen. Also eigentlich (wird vom Lektor gestrichen – der innere Spötter) keine Gefahr.
(2.10.2026)
©Peter Alois Rumpf Oktober 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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