Dienstag, 29. September 2026

4629 Knirscht

 



11:34 a.m.  Im Lieblingscafé prasse ich – nach der Standardlektüre – gleich drauflos. Ich kann, will und darf mich nicht beherrschen (am T-Shirt heute steht: Ich lasse mich gehen). Es sollte sich finanziell ausgehen. Morgen ist Fitness angesagt, da habe ich keine Zeit für einen Besuch im Espresso Burggasse. Obwohl: Zehn Euro könnte ich dann noch haben und morgen ins nähere Kaffeeamt auf zwei Cappuccini gehen. Und übermorgen ist der Erste und da sollte das Geld am Konto sein.

Ich schreibe ohne Brillen und das geht heute wieder schlechter. Zu wenig Licht? Da fällt mir “mein“ Lichtengel ein – der mit den Lichtverhältnissen hier am Tisch nichts zu tun hat – und ich schaue auf und heute zum ersten Mal hin und er ist nicht eingeschaltet. Nur eine nicht unhübsche, dunkle, kalte (? - der innere Spötter), banale Lampe hängt mit geneigten Lampenschirmen unauffällig an der Wand (du spielst auf Jesus am Kreuz an? Geschmacklos! Außerdem ist das eine schöne Lampe! Nur weil sie jetzt nicht strahlt, mußt du nicht ausfällig werden! - der innere Spötter). Dafür wächst eine schöne, hellgrüne Pflanze in einem tönernen Blumentopf vor ihr in die Höhe, aber verdeckt nur ihre „Füße“ ein wenig. Mein Geist beschäftigt sich jetzt – tagträumerisch – mit Fußball (nicht der Schreibe wert – der innere Spötter). Die Musiknummer aus den Boxen setzt mit einem ordentlichen Gitarrengeklopfe ein (R.E.M. Losing My Religion. R.E.M. bitte nicht mit der Wiener Künstlergruppe REM, wo ich mitlaufendes, etwas verspätetes Gründungsmitglied war, zu verwechseln! Auch wenn beide Namen auf rapid eye movement zurückgehen).

California Dreamin’ (The Mamas and the Papas) jetzt erwischt mich natürlich bei meinen jugendlichen Hoffnungen einst. Nun kommt House of The Rising Sun (The Animals) – für diese Notizen unterbreche ich sogar meine leckere (uuuaaaah! - der innere Spötter) Mahlzeit des köstlichen Omeletts – der Song gehört – ohne jedes Textverständnis damals wie heute – auch in meine frühere, hoffnungsvollere Zeit (als das Wünschen letztlich auch nicht mehr geholfen hat). Es geht heute offensichtlich durch die Hits der Jahrhunderte (Cat Stevens / Wild World). Nachdem ich den Song jetzt nicht kenne, lasse ich das Thema Musik sein, obwohl es ein schönes Lied ist – und schreibe darüber, dass ich plötzlich und überraschend meinen Kopf mit völlig unerwartetem Stolz hebe (nur für kurz! Eh nur für kurz! - der innere Spötter). Der Anfall ist schon wieder vorbei. Die neue Kellnerin übrigens hat mir zum zweiten Cappuccino nicht nur mein Wasserglas angefüllt, sondern auch eine ganze Wasserflasche hergestellt und das Schnittenstück vom ersten Cappuccino am Tisch gelassen und beim zweiten ein weiteres dazuserviert! Das verdiene ich doch gar nicht! Ich bin doch gar nichts! (bitte stoppe diese peinlichen Selbstbezichtigungen! Außerdem kannst du immer bei zwei Cappuccini zwei Schnittchen essen, egal wer serviert – der innere Spötter). Ja, aber das sind die Gedanken, die mein depressionsformatiertes Gehirn wirklich, und fast immer, ausspuckt! Das ist die Wahrheit, die innere Wahrheit genau genommen (obwohl sie außen auch stimmt – der innere Spötter). Mir ist ein bißchen zum Heulen (so! Jetzt reicht’s! Du heulst doch gar nicht! Was soll das! Laß diese Halbheiten! Heul’ oder heule nicht, aus! - der innere Spötter) Innerer Spötter, das ist nicht mehr Spott, das ist blanker Hass. Bitte wieder mehr Humor, mehr Ironie, mehr Augenzwinkern.

Eine Bläsergruppe begleitet abschnittweise aufmunternd die entspannten Reggae-Rhythmen. Genauer gesagt nehmen die Bläser die Schwermut und die Trauer in der Musik auf und heben diese Stimmung einfühlsam und sensibel in die Höhe, ohne die berechtigte Melancholie in Frage zu stellen. Eine wahre Ermutigung! Ich esse gegen all meine Gewohnheiten sogar das zweite Schnittenstück; diese Gabe will ich nicht ablehnen (du wirst gern gefüttert, oder wie? - der innere Spötter). Lassen wir’s gut sein? Gehen wir unsere Schritte? Ja, gut.

Beim Bezahlen plaudere und scherze ich noch ein wenig mit dem Kellner und der Kellnerin und lachend verabschiede ich mich und wandere richtig fröhlich und glücklich los (so ein bißchen ein Hänschen-klein-ging-allein-in-die-weite-Welt-hinein-Effekt? - der innere Spötter). Mir egal, ich habe mich in die Sonne gesetzt, um das zu notieren und lasse mir meine gute Stimmung nicht zusammenschlagen. „Theorien“ werden nicht nur unter-, sondern auch überschätzt.


13:02.  Es ist so toll, wenn man flott auf Schotterwegen unter Bäumen dahinschreitet und jeder Schritt so optimistisch und voller Tatendrang unter den Schuhsohlen knirscht. Das ist Welterlebnis! Man bearbeitet die Erde und sie reagiert darauf.


13:24.  Ich raste am Karlsplatz, und wenn ich Karl Valentin abwandelnd zitieren darf: “Ich freue mich, wenn die Sonne scheint, denn wenn ich mich nicht freue, scheint sie auch!“. Ich gebe zu, meine Fröhlichkeit ist mir nicht ganz geheuer. Nicht ganz. Ein bißchen fürchte ich, dass sie bloß eine Euphorie ist, die demnächst zusammenbrechen könnte, wie zum Beispiel eine Föhnwetterlage. Aber noch bleibe ich dabei und gebe meine gute Stimmung nicht auf. Ich blicke – zufällig und unbeabsichtigt – auf die Skulptur von Henry Moore (Hill Arches im Wasserbecken vor der Karlskirche) – so durch die Bäume des Parks hindurch – und registriere ihre in der Sonne stark glänzenden Stellen [ein strenger Lektor würde mir das so bei so durch die Bäume streichen, aber ich bestehe auf meinen Stil, der nahe an der gesprochenen Rede siedelt (Oida! - der innere Spötter), weil ich eigentlich (streicht er auch – der innere Spötter) ein Geschichtenerzähler wäre und kein Literat bin]. Gemma weiter? Gemma weiter!


13:54.  Beim Durchwandern der Dominikanerbastei komme ich hinten am renovierten – was weiß ich – so ein Postgebäude? - vorbei und höre aus dem Innenhof Musik. Scheint ein Soundcheck zu sein, weil verschiedene Musikpassagen angespielt und dann wieder abgebrochen werden. Sehr pathetisch; elegisch; erhabend (ich weiß, es heißt entweder erhebend oder erhaben, aber ich wollte eine Mélange aus beiden) und ich betrete zum ersten Mal in meinem Leben diesen Innenhof. Jetzt werden gerade die Bässe ausgetestet – alles über eine elektronische Musikanlage – und für wahr! - die bearbeiten meine Leibesmitte (dort wo der Schutzschild gegen das Unbekannte sitzt) recht heftig. Ich bin schon ein wenig begeistert von der Musik (also nicht so ganz, aber doch im wahrsten Sinne des Wortes beeindruckt – der innere Spötter), obwohl ich von den Bässen beinahe weggeweht worden werde. Ein Typ in langem, schwarzen Mantel und langen, im Nacken zusammen gebundenen grauen Haaren schient der Komponist oder der Regisseur zu sein. Leute mit Kleinkind halten sich hier auch auf; das scheint mir problematisch zu sein, denn die Bässe vor allem und die Lautstärke entwickeln große Gewalt.

Ich werde weitergehen; ich muß nur noch herausfinden, wie dieses Gebäude heißt. Übrigens: neben mir auf dem Podest, auf das ich mich gesetzt habe, liegt eine Kapsel einer Gösser-Natur-Radler-Flasche (ich werde für Produktplatzierung NICHT bezahlt!)

Ja, Posthöfe heißt es hier. Ich bin da immer unsicher, weil sich gleich gegenüber die ehemalige Postsparkasse befindet und ich immer, wenn ich an dieses ehemalige Postgebäude hier denke, denke, ich verwechsle etwas.


(29.9.2026)


©Peter Alois Rumpf    September 2026    peteraloisrumpf@gmail.com

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