4661 Zwanzig Euro
12:11. Ich sitze in der Albertina modern in der sogenannten Cafeteria neben dem Stiegenaufgang, nachdem ich die Vasarely-Adrian-Ausstellung angeschaut habe und wie der letzte Junkie habe ich mir beim dortigen Kaffeeautomaten einen Cappuccino runtergezogen – nicht ohne Hilfe der Dame, die sich hinter mir angestellt hatte, und die mir angesagt hat, wo ich wann drücken muß – manchmal kommt mir vor, ich bin, was den Savoir-technique betrifft, ein Dodel aus dem vorvorigen Jahrhundert – einen Cappuccino also, ein Euro zwanzig – dachte ich – geht sich noch aus.
Übrigens bereiten sie hier eine große Franz-West-Ausstellung vor, wie ich durch die Glastür sehen konnte, und irgendwie freue ich mich auf diese, obwohl ich dem West gegenüber eine gewisse Reserviertheit habe. Aber auf eine seiner Skulpturen – den Namen habe ich vergessen – bin ich total abgefahren und habe sie – als sie vor Jahren hier ausgestellt war – obwohl es keine Sitzgelegenheit gab – stundenlang und immer wieder und bis zu Tränen gerührt betrachtet (naja, stundenlang ist übertrieben, aber für seine Verhältnisse sehr, sehr lang; wir reden von Viertel-, halbe, Dreiviertelstunden - der innere Korrektor).
Die Vasarely-Adrian-Ausstellung hat mir mehr gefallen, als erwartet – Adrian war ja auch ein REM-Freund (erinnerst du dich da richtig? Das Ganze ist unbelegt! - der innere Korrektor) – und ich habe viel photographiert. Aber der Kaffee! Viel zu süß; ich mag ihn nur bitter; kein ohne-Zucker-Knopf am Automaten gefunden.
13:03. Auf dem Weg von der Albertina modern (= Künstlerhaus) ins Mumok bin ich ins Wien-Museum geraten und sitze jetzt hinter den Donnerbrunnen-Figuren, der Hintern der Dame – keine Ahnung, ob sie die Enns ist - es ist nichts angeschrieben; alles nur mehr mit Handy abrufbar – direkt vor meiner Nase und von rechts schaut mich der detailgenaue nackte Arsch eines jungen Mannes an – ich weiß auch nicht, ob das der Inn ist. Mir ist sowieso alles zu viel; die vielen Texte lesen - nur diese Aufschriften gibt es anscheinend nicht (er macht sich nachträglich Sorgen, dass er diese übersehen haben könnte, deshalb jetzt auf einmal „anscheinend“; das war vorher noch nicht im Text – der Tipper) – diese Texte alle lesen: nein danke! Schon genug! Videos, Filme, andere Berieselungen gehen.
Interessant: der Jüngling mit dem nackten Hintern scheint die Traun darzustellen. Aha: die Enns wird von einem alten Fährmann präsentiert. Der junge weibliche Hintern direkt vor mir gehört der Ybbs. Soll mir auch recht sein. Das alles mußte ich erst am Handy googeln. Ich gehe weiter.
14:27. Völlig erschöpft und mit wehen Fiaß (okay: mit wehen Beinen) sitze ich im Wienmuseum unten in der Vorhalle und habe doch nur dreieinhalb tausend Schritte absolviert. Ich bin erledigt. Soll ich noch ins Mumok gehen? Mit müden Augen und unkonzentriert blicke ich in den Park hinaus und durch eine Lücke im Bewuchs auf Autos und Straßenbahnen in etwa vom Künstlerhaus. Ich kann und will noch nicht weiterwandern, aber nehme mir bereits vor, vorher jedenfalls aufs Klo zu gehen. Wir sind schon ein alter Herr! [den Pluralis Majestatis kannst du dir sparen! Und ebenso den „Herr“! Mann! Mann! Mann! (kopfschüttel) – der innere Spötter]. Zwanzig Jahre meines Nachruhms für zwanzig Euro! Damit ich auf der Stelle in ein gutes Kaffeehaus gehen kann, Kaffee trinken, Zeitung lesen, eine Kleinigkeit essen (du bist nicht Grillparzer! Auch wenn du vorhin die Rekonstruktion seines Zimmers hier im Wienmuseum angeschaut hast! - der innere Spötter). (Außerdem: wie wäre es mit Nach-Hause-Gehen? Dort gibt es genug Nahrung und sogar Kaffee? - der innere Spötter.) Regnet es jetzt? Schaut durch das Glas der Frontscheiben so aus. Dann hätte ich eine Ausrede, einfach mit den Öffis heimzufahren und auf die zehntausend Schritte zu pfeifen. Ffffffüüüü! (Es hat nicht geregnet; er ist brav nach Hause gegangen – der Tipper.)
(22.10.2026)
©Peter Alois Rumpf Oktober 2026 peteraloisrumpf@gmail.com

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