Samstag, 31. Mai 2025

4074 Verpasste Magie

 



15:15.  Ungewöhnlich ist es, dass in meinem Zimmer die Sonne den gelben Schnabel des Holzraben am Fenster beleuchtet und aufstrahlen läßt, und ebenso die Ecke des chaotischen Papierstapels auf den Ablagefächern auf meinem Schreibtisch, sowie die Eckstreifen einiger Unterseiten der Zedees im CD-Ständer. So viel Sonne ist hier herinnen selten. Ich bin satt, erschöpft und müde und werde wohl bald auf meinem Bett kauernd einschlafen. Ich blicke die gestern an die Wand getackerten neuen Kunstkarten an, als suchte ich Erlösung – wovon wirklich weiß ich nicht so genau – aber sie verweigern sich meiner Zumutung. Die Nackte aus dem neunzehnten Jahrhundert, die schon lange dort hängt – Titel und Maler vergessen – bringt mich auch nicht so richtig auf andere Gedanken, obwohl eine vertikal durch die leicht gebogene Karte laufende Spiegelung auf ihre, der Nackten, zentrale Stelle hinweist, aber dennoch im Dunklen läßt. So ganz ohne rechte, weiterführende Magie werde ich wirklich bald einschlafen, aber stelle noch fest, dass die Sonnenstrahlen von vorhin inzwischen schon aus dem Zimmer abgezogen worden sind.


(31.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4073 Geschafft!

 



10:50 a.m.  Ich habe es ins Espresso Burggasse geschafft und, obwohl es recht voll ist, einen wunderbaren Platz mit Blickrichtung nach draußen bekommen – ich habe vorher gefragt – ein dreisitziger Platz, den ich mir als einzelner normalerweise nicht einzunehmen getraut hätte, aber heute, weil alle anderen Plätze besetzt sind, dann nach Anfrage doch. Ich mußte beim Hergehen immer noch gegen eine leichte Übelkeit ankämpfen, aber das könnte auch mit meinem noch leeren Magen zu tun haben.

Jetzt habe ich den Platz am Dreiertisch – nach Bitte des Kellners - wieder hergegeben, weil drei junge Männer eingetreten sind und mein Stammplatz wieder frei geworden ist. So, jetzt der Standard.

Oh Gott! War dieses von Fett triefende englische Frühstück herrlich! Der Speck, die Blutwurst, die Bohnen, die Pilze, und das Spiegelei, dann die Butter mit der bitteren Orangenmarmelade! Das langsame Blättern in den Zeitungen. Inzwischen ist der Kaffee kalt geworden, deshalb nehme ich nur kleine Schlucke. Hier ist sehr viel los. Ein wenig irritieren mich die robusten jungen Männer links am Nebentisch, aber das stecke ich leicht weg. Jetzt: der Durchhänger. Ein Patt zwischen den verschiedenen inneren Impulsen (nein, tot sind sie nicht, nur verschieden – der innere Spötter). Schreibmäßig auch Patt. Und die Musik aus den Boxen jetzt für mich auch nicht sooo. Ich werde wohl zur Wanderung nach Hause aufbrechen. Weil es aber im Lokal plötzlich deutlich leerer wird, schwächt sich mein Aufbruchsimpuls ab. Ist er von der Dichte des Umfeldes abhängig?

(Heute neuer Rekord: 15831 Schritte)

(30.5.2025)

Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4072 Schwieriger Aufbruch

 



9:05 a.m.  Seit Tagen freue ich mich auf das zirka wöchentliche Frühstück in meinem Lieblingscafé, das ich mir für heute vorgenommen hatte und mir jetzt gönnen will - mit Zeitungslektüre und ein paar Stunden Schreibarbeit, aber als ich jetzt aufgewacht bin, dauert es nur ein paar Sekunden, bis mir das schlechte Gewissen und der Gedanke, dass mir so ein Luxus nicht zusteht, wie ein fester Hieb in die Magengrube fährt. Dabei kann ich es mir in diesem Monat leisten. Finanziell geht es sich aus. Ich bin nahe daran, dass ich es bleiben lasse. Das Gefühl von Schuld, weil ich es mir gut gehen lassen will, ist enorm. Mit Sturheit will ich an meinem Vorhaben festhalten, aber ich muß abwarten, bis sich meine Leibesmitte vom Schlag einigermaßen erholt und die leichte Übelkeit nachgelassen hat. Ich formuliere vor meinem inneren Gerichtshof ein paar Rechtfertigungen für mein Vorhaben – etwa dass heute mit dem Azubi unten bei den Tageskindern ein privates Frühstück sowieso nicht möglich ist – aber mir ist immer noch unwohl. Wer ist das eigentlich, der mir das antut? Welche Kraft verbietet mir das und wo kommt sie her? Auch lebenshistorisch gesehen? Ich möchte festhalten, dass mich meine alltäglichen und üblichen Frühstücke unten in der Küche normalerweise nicht nerven, dass mich die Anwesenheit der Tageskinder im Wohnzimmer trotz Windelduft in der ganzen Wohnung nicht stört, im Gegenteil, oft freut und ermuntert mich ihr meist fröhliches Geplauder schon beim Aufwachen, auch dass ich es mir selbst so eingerichtet habe, dass ich das Frühstück im Stehen, respektive im Hin-und-Her-Gehen einnehme, weil der Küchentisch mit den Speisen und Töpfen und Speiseutensilien für die Kinder vollgeräumt ist, auch das stört mich nicht, weil es für mich so bequemer ist. Und – einfach und, nicht aber und nicht trotzdem – es ist kein Gegensatz – ich liebe die gelegentlichen Frühstücke in meinem Lieblingscafé. Als etwas Besonderes. Außerdem bin ich noch nie ohne Text aus diesem Café hinaus gegangen. Also könnte ich auch die förderliche Schreibsituation als Argument anführen. Aber alle diese Argumente stechen mein Schuldgefühl und mein schlechtes Gewissen nicht. Letztlich verstehe ich das doch nicht. Wer ist mir so feindlich gesonnen?

Verdammt! Ich muß mich wirklich überreden, ins Espresso Burggasse aufzubrechen! Wo gibt’s denn sowas!


(30.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 29. Mai 2025

4071 Sketch

 



16:48.  Here I sit broken hearted, payed a Penny and only farted. Weder sitze ich am Klo, noch habe ich einen Penny, Schilling, Groschen, Cent oder was auch immer bezahlt. Ich weiß auch nicht, warum der hingeschmierte Wandspruch auf der Herrentoilette der ÖH-Mensa – also die Österreichische Hochschülerschaft der Uni Graz war in einem Gebäude untergebracht, in dem sich ein Studentenheim und eine Mensa befanden – wem was gehörte und wer was betrieben hat, weiß ich nicht – ich weiß also nicht, warum mir dieser Satz nach über fünfzig Jahren eingefallen ist. Vielleicht hat mein Geist schon mit der Generalrekapitulation aller Lebensereignisse und Lebenseindrücke vorm Lebensende angefangen; immerhin war das die Zeit vom Jugendlichen zum Erwachsenen (soweit das hald (sic!) gelungen ist), in der sich die Kindheitsmuster auflösen wollen und gleichzeitig künftige Ästhetik, Humor, Ideologie etc zu verfestigen beginnen.

Die Assoziationskette heute lief über Kurt Sowinetz als Wiener Klofrau in der Opernpassage, ein Sketch aus den Sechzigerjahren, den ich einmal als Jugendlicher irgendwo im Fernsehen – wir hatten keines – gesehen hatte, eine Klofrau, die ständig Regenbogenpresse konsumiert und beim Besuch der Queen in Wien (1969) eigens vom eigenen Geld weicheres, schöneres und besseres Klopapier gekauft hat, weil sie dem königlichen Hintern nicht das ordinäre Häuslpapier, das dort aufliegt, zumuten will, falls die Queen hier vorbei kommt und aufs WC muß. Und weiter schwärmt sie vom Besuch der Schahs (von Persien natürlich; 1965) und dem mit diesem einhergehenden „Duft der weiten Welt“. Ich hab mich damals halb tot gelacht, aber warum mir das heute beim Mittagsschlaf eingefallen ist, weiß ich auch nicht (beziehungsweise will er uns nicht verraten – der innere Spötter). Ansonsten haben sich die Regenschauer verzogen, es hat aufgeklart und der Himmel ist nun einigermaßen blau.

Ach ja! Heute ist Christi Himmelfahrt! Wäre ich Christ, würde das mein höchster Feiertag sein, denn das ist es, worum es geht: dass jemand seinen physischen Körper mit seinem Energiekörper vereinigen konnte, sodass er oder sie mit der Ganzheit des Selbst in die Unendlichkeit eingehen kann, ohne den physischen Leib respektive dessen energetische Masse zurückzulassen und ohne sein oder ihr individuelles Bewußtsein zu verlieren. Und das meine ich ernst.


(Um 23:36 hatte ich heute 7691 Schritte gemacht.)


(29.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4070 Skeptisch

 



12:49.  In der Albertina. Tolle Photoausstellung Francesca Woodman. Und dann bin ich meine Lieblingsbilder in der Batlinersammlung, die da sind: Braque (zum ersten Mal in diese meine Reihe aufgenommen), Vouillard, Manguin, Werefkin, Jawlensky, Kokoschka, Klee, Giacometti abgegangen. Mein liebstes Bild von Chagall fehlt, wie auch die zwei von Motesiczky. Nun sitze ich bei den derben Sphinxen unten, meine Beine schmerzen und ich bin erschöpft. Die Photos der armen Woodman sind wirklich berührend und stark. Weil meine Frau draußen auf mich wartet, sitze ich wie auf Nadeln und kann nicht weiterschreiben. Dabei hat sie versichert, dass es ihr nichts ausmacht, wenn ich hier länger brauche, aber ich, ich halte es nicht aus. Kurz schaue ich nur noch den alten Mann im Spiegel gegenüber an, um ein paar Minuten rauszuschinden. Hier im feudalen Stiegenaufgang herrscht reger Personenverkehr. Ich blicke nochmals auf den alten Mann im Spiegel und bleibe ihm gegenüber sehr skeptisch.


(29.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 28. Mai 2025

4069 Wie in Trance

 



17:31.  Ich bin wie in Trance. Ich habe keine Drogen genommen, nur einen Cappuccino getrunken. Es fühlt sich so an, als würde sich eine andere Realität hereinschieben und die hiesige zeitweise überlagern. Das geht jetzt schon ein paar Stunden so. Damit es kein Missverständnis gibt: ich bin nicht was-weiß-ich-wie beunruhigt – ich erlebe soetwas öfters – aber doch erstaunt, wie heftig da eine andere Wirklichkeit wenn auch bruchstückhaft hereindrängt und die hiesige zerstückelt. So mußte ich – zum Beispiel – lange nachdenken, wie alt ich bin. Wirklich, es dauert einige Minuten, bis es mir gelingt, auf Umwegen mein Alter zu rekonstruieren. Ich muß richtig nachrechnen und mir vorsagen: ich bin 1954 geboren, aber welches Jahr haben wir jetzt? Dann muß ich noch ein wenig herumrechnen, dann habe ich es, aber werde sogleich wieder unsicher, denn ich bin mir wieder nicht sicher, welches Jahr wir haben (jetzt beim Abtippen zum Beispiel! Ich muß beim Datumseintrag von gestern Nacht hier im Notizbuch nachschauen; auf die Idee, am Handy nachzuschauen komme ich nicht). Ständig schieben sich Erinnerungsbrocken herein, von denen ich nicht weiß, ob sie aus der nahen Realität, aus einer längst vergangenen Realität, aus Träumen, aus einer anderen Wirklichkeit oder sonst irgendwoher angeflogen kommen, und die jedoch sogleich verblassen, obschon sie als Erlebtes auftreten. Ich kann schon ganz gut abschätzen, was sich da abspielt, aber erstaunt bin ich doch jedes Mal. Begleiterscheinung ist fast immer, dass sich, so wie jetzt, das Summen und Surren in den Ohren fast zu einem Dröhnen steigert, zumindest deutlich stärker wird. Noch einmal: es sind außer einer Tasse Cappuccino keine Drogen im Spiel! Angst habe ich dabei normalerweise keine, höchstens ein leichtes Unbehagen, obwohl ich das Geschehen gleichzeitig interessant finde.

Draußen heult der Wind und biegt die Bäume, während ich auf meinem Bett hocke und das Ganze zu beschreiben versuche. Dabei reorganisiere ich mich zunehmend und passe mich besser in die übliche Wahrnehmung der ordinären Alltagswelt ein. (Aber selbst beim Abtippen Stunden später brauche ich länger, die Geräte zu bedienen und muß jeden Schritt gut überlegen – der Tipper.)


(28.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4068 Nun schlafen

 



1:41 a.m.  Bis Mitternacht hatte ich heute 14083 Schritte getan. Aber das ist es nicht: ich bin heute auf einen Text von mir gestoßen, den ich völlig vergessen hatte. Das ist nicht ungewöhnlich: ich bin in der Zählung der Texte bei 4068 angelangt und die meisten habe ich vergessen. Heute bin ich zufällig auf den Text mit der Nummer 2713 Backstage Busgeschichte vom 27.5.2022 gestoßen, vor drei Jahren geschrieben, und der hat mich umgehauen: so toll geschrieben, so witzig, so gekonnt! … ich konnte gar nicht glauben, dass der von mir ist, ehrlich gesagt: ich traue mir einen solchen genialen Text gar nicht zu, aber dass er von mir ist, ist gewiss: er steht in der Schublade hier und hier schreibe nur ich. Außerdem konnte ich mich dann nach der Lektüre an die geschilderte Situation erinnern; zumindest teilweise.

Jetzt schwanke ich zwischen dem Gefühl, in der letzten Zeit nur mehr Scheiße zu schreiben und der Überraschung, dass ich es wirklich draufhabe, wirklich das Zeug zu einem echten Schriftsteller. Aber heute werde ich mich nicht mehr entscheiden; heute werde ich es offen lassen, ob es besser ist aufzuhören oder erst recht und mit neuem Antrieb weiter zu machen, und nun schlafen.


(28.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4067 Routine

 



1:24 a.m.  Vielleicht habe ich schreiben schon zu einer faden Routine gemacht, jedenfalls finde ich meine Texte nicht großartig, aber dennoch kann ich nicht aufhören. Ich will nicht aufhören. Ohne Schreiberei, auch wenn sie weder gut noch erfolgreich ist, bin ich nichts. Ich brauche zumindest die Illusion des vielleicht-doch. Vielleicht ist es doch etwas!

Heute waren es 10341 Schritte.

8:30 a.m.  Das graue Licht strahlt hell herein; im Lichtschacht fehlt die Sonne.

Und nach einem kurzen Schlaf: „Eine Oberschicht zieht sich aus.“

Und nach dem neuerlichen Eindösen: „Schon im kleinen Finger zeigt sich Selbstmitleid!“

23:53. Heute 14083 Schritte.
 

(27.5.2025)

Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4066 Boah!

 




13:32.  Nein, nein, zwar bin ich die Memorial-Wand (Shoah Namensmauer Gedenkstätte) im Kreis abgeschritten – dass ich dort manchmal hingehe, mag schon mit der ererbten Schuld zu tun haben – aber davon ist nun mein verzerrtes Gesicht eher nicht gezeichnet, sondern vom Schmerz im linken Knie und dem Steinchen im rechten Schuh. Von letzterem habe ich mich auf einer Parkbank außen im Parkbankkreis befreit.

17:37. Aus dem straßenseitigen Fenster sehe ich im Himmelausschnittsspitz zwischen zwei Dachschrägen eine leuchtende weiße Wolkenwand, und vor ihr eine zweite, weiße, leuchtende Wolkenanhäufung, bauschig, sich dramatisch aufbauend schiebt sie sich vor die flachere Wolkenbank hinter ihr und darüber der strahlend blaue Himmel, der jedoch gerade von dünnen grauen Wolken überzogen wird, die sich flott ausbreiten. Noch scheint die Sonne auf die Hausfassaden, aber der Wind rüttelt schon an den Bäumen.

Auf der Hofseite ist die graue Bewölkung links schon ganz dicht, nur rechts ist noch ein Stück blauer Himmel frei, während der Wind die wirklich groß gewordenen Hofbäume nur so hin und her biegt, die sich aber immer noch würdig bewegen. Man hat den Eindruck, die Baumkronen drehen sich im Tanz. Zwischendurch flaut der Wind ab. Aber auf der Straßenseite hat sich inzwischen eine neue Wolkenbank von unten vor die bis dahin erste geschoben und hat diese degradiert. Die neue ist grau und genauso dramatisch, aber eigenartigerweise scheint sie stellenweise ein Leuchten in sich zu haben, sodass nur ihre Ränder dunkel bleiben – übrigens in einem schönen, bläulichen Grau. Das gesamte Wolkenkonglomerat - kompakt, schön – beeindruckt mich sehr und ich verfolge ihre langsamen Veränderungen.

Boah! Und jetzt ist der Himmel wieder ganz anders und zeigt wieder viel mehr blaue Flächen. Ich war höchstens 10 Minuten weg.


(Heute 10341 Schritte)


(26.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 26. Mai 2025

4065 Das wechselhafte Licht

 



0:51 a.m.  Das Fenster ist offen und draußen regnet es leicht. Wie ich schon oft gesagt habe, mag ich die Geräusche des Regnens. Heute war ein schöner Tag, recht warm, erst am Nachmittag ist es zunehmend bedeckt geworden und am Abend deutlich abgekühlt; der Regen kam dann in der Nacht und jetzt wird er stärker. Ich bin müde und um meinen Kopf spüre ich einen Ring. Oh bin ich müde! Und im Sitzen eingedöst.


8:38 a.m.  Gut ausgeschlafen gehe ich – nach dem obligatorischen Aufenthalt im Bad – zum Fenster in den Hof und dann zu dem auf die Straße und grüße auf beiden Seiten die Bäume und wünsche ihnen einen guten Morgen, sowie auch allen anderen Pflanzen draußen und drinnen. Straßenseitig schaut es sonnig aus, hofseitig bewölkt und diese Mischung, die instabile Wetterlage und das wechselhafte Licht rufen vage Erinnerungen aus meiner Kindheit auf, und zwar Erinnerungen an Stimmungen und Gefühlszustände, die sogar jetzt noch weh tun. Nichts Dramatisches, keine schlimmen Szenen, nur die Einsamkeit und Verlorenheit eines Kindes. Das ändert nichts daran, dass es ein schöner und guter Morgen ist und sogar eine gewisse Zuversicht spürbar (ich habe das damals irgendwie überstanden, das werde ich auch jetzt). Das schwächer gewordene Licht im Zimmer zeigt wohl an, dass die Bewölkung stark zugenommen hat und wahrscheinlich Regen kommt.


(26.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4064 Schattiges Flimmern

 



11:05 a.m.  Der leichte Wind bewegt die Schatten der Zweige der drei Säulengleditschien, deren zarte, kleine Blätter so besonders geeignet sind, ein schattiges Flimmern zu erzeugen. Ein leises Autoradio hinter mir an der Ladestation. Sturm Graz ist Meister. Gestern habe ich vergessen, die Summe meiner Schritte rechtzeitig zu notieren, bevor der Schrittzähler um 0 Uhr auf Null springt (die Maschine versteht meinen Lebenswandel nicht, und nicht, dass der Tag bei mir erst irgendwann nach Mitternacht endet). Der Schatten meiner Schreibhand ist auch sehr schön, sehr scharf, sehr intensiv (jetzt müßtest du diese Eigenschaften nur noch auf deine Schreiberei übertragen – der innere Spötter). Jetzt kommt meine Frau und wir brechen zum Picknick in der Freien Mitte auf.


(25.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4063 Einüben

 



8:10 a.m.  Immer dieses Aufwachen aus Träumen von einer Welt, in der ich mich nie auskenne, in eine Welt, wo das nicht wesentlich anders ist. Die Anspannung dabei fast bis zu einer leichten Übelkeit. Gut, ich werde mich schon wieder derfangen. Das Fenster ist noch offen. Ich atme etwas flacher und schneller – wie mir scheint – bis ein paar unwillkürliche, tiefere Atemzüge mehr Raum zu verschaffen probieren. Ich mag nicht aufstehen. Am Rande meines Bewußtseins ist mir zum Heulen. Ich werde im Bett bleiben und lesen (Knausgård; Die Schule der Nacht). Die Bettdecke am Körper tut mir gut.


9:26 a.m.  Ich habe das Fenster immer noch offen, obwohl seit dem Aufwachen der Impuls da ist, es zu schließen, denn es geht vom offenen Fenster eine Beunruhigung aus, aber etwas in mir überredet mich, es offen zu lassen und diese akustische und aerodynamische Beunruhigung auszuhalten, aus welchen Gründen auch immer. Geht es um das Einüben von mehr Vertrauen in die Welt? Dass mir hier selbst bei offener Flanke kein Leids getan wird?


12:39.  Ich bin – nach dem Frühstück und längst angekleidet – beim Lesen nochmals eingeschlafen und soeben aufgewacht. Es ist so verwirrend. Ich finde mich nur langsam zurecht. Schon im seichten Schlaf hatte ich ständig eine Nummer von Ataxia im Kopf abspielen. Es ist verwirrend, aus diesem Zustand des losen Ichs wieder heraufzusteigen, aber der Schlaf war erquickend und ich will ihn nicht sogleich zur Gänze abschütteln. Ein beim Aufwachen starker, dann zu einem mittleren herabgestufter Harndrang drängte mich, doch ins Bad zu gehen und mich zu erleichtern (Dank an die realitätsfördernden körperlichen Funktionen! - der Tipper). Und dort wusch ich mein verschlafenes Gesicht mit fließendem, kalten Wasser und versuchte, meine kurzen, hochstehenden Haare zu glätten. Dabei beschloss ich, heute nicht ins Fitnessstudio zu gehen, sondern weiter zu lesen und – wenn es geht - zu schreiben. Im Bad war die Entscheidung klar und authentischer Ausdruck meiner inneren Bedürfnisse und im Einklang mit den Notwendigkeiten der Zeit, ja, des Zeitalters, aber jetzt kommt das Grübeln und das schlechte Gewissen, das mir Faulheit vorwirft (und der innere Korrektor wirft mir Größenwahn vor). Ich werde einfach weiterlesen.


23:50.  (Er war doch im Fitnessstudio und sein Schrittzähler notierte 9571 Schritte an diesem Tag – der innere Korrektor.)


(23.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4062 Nicht kenne

 



1:01 a.m.  Ich habe das Fenster offen. Und ich denke daran, was ich alles nicht kenne, nicht weiß, nicht gelesen habe. Aus dem Lichtschacht kommen Geräusche … sagen wir: Haushaltsgeräusche: man denkt an verschobene Plastikschüsseln (ich vermeine im Geräusch den Hohlraum der Schüssel herauszuhören). Die frische Luft tut mir gut, wenn auch die Luft aus dem Lichtschacht etwas modrig riecht. Mein Blick fällt auf die Flasche mit dem Weihwasser aus Heiligenkreuz, die im spärlichen Licht ein wenig glitzert. Ich amüsiere mich und lächle in mich hinein über meine fragwürdigen, unernsten und kindischen Spielchen. Ich zieh den halbierten linken Daumen ein, möglichst in die Mitte der mir zugewandten Handfläche und betrachte die anderen vier gerade ausgespreitzten Finger im Lichte der Leselampe. Was dieses Zeichen bedeutet, weiß ich nicht. Ein Flugzeug ist soeben über uns geflogen und schon verstummt. Aber nun kommt ein neues. Lange Zeit ist es dann still. Dann hört man von der Ferne eine Polizeisirene.


(23.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 21. Mai 2025

4061 Helles Zitronengelb

 



2:15 a.m.  Und wie ist das mit dem Mysterium des Lebens? Bist du ihm begegnet? Hm. Das weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich ihm wirklich nicht begegnet bin oder alles bloß vergessen habe. Oder falsch in die Erinnerungsstellagen eingeordnet und verräumt. Bezüglich der paar Geschichten, die mir doch einfallen, zögere ich. Wenn ich mir’s so überlege, würde ich doch ja sagen.

Die Schatten im Zimmer verfärben sich bläulich, wenn ich länger hinschaue. Natürlich bin ich dem Mysterium des Lebens begegnet; die Frage ist nur, ob ich wach genug war, es zu erkennen und zu würdigen.

Es ist ein ganz spezifischer Blauton – leider weiß ich nicht, wie der heißt. Jetzt ist er aber dunkel geworden, fast wie Schultinte. Jetzt wieder heller, fast schon lavendelblau. Ich merke erst jetzt, dass ich schon eine Weile mit den Zähnen knirsche. Wenn ich die Augen schließe, glitzert alles wie gelbliches Kristall (helles Zitronengelb).


(21.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4060 Jetzt ist es gut

 



12:12.  Heute war es das Käse-Gallone-Frühstück. Ich habe ein schlechtes Gewissen wegen meiner Geldverschwendung, aber habe das Frühstück und das Zeitungslesen trotzdem genossen (das schlechte Gewissen wird wohl eine fremde Installation in meiner Seele sein). Diese Frage erhebt sich jedoch schon: ob ich bald die Dosis erhöhen werde müssen, um dasselbe Glücksgefühl zu erlangen. Und: wie (noch mehr Cappuccini wird nicht reichen)? Kannst du trotzdem sagen: jetzt ist es gut und dich über die Situation freuen? Einfach so?

Ich betrachte die Lichtspiegelungen auf den schönen roten Stühlen, die Übergänge von fast weiß auf rot – nur durch die verschiedenen Winkel der auftreffenden Lichtstrahlen auf den glatten, lackierten und gekrümmten Oberflächen. Gerade jetzt ein besonders schönes Lied aus den Boxen. Nun bin ich bei den Schatten auf den hellblauen Wänden – die meisten Gäste sitzen draußen im Schanigarten und die relative Leere herinnen ermöglicht meine elegischen Betrachtungen und die immer noch schöne Musik befördert sie („schöne Musik“ heißt bei mir meistens schwermütige, am besten begleitet und überhöht von einer tapferen … - Fröhlichkeit wäre zu viel – Versöhnlichkeit? - Schicksalsergebenheit wäre auch übertrieben – wie nennt man die Stimmung, wenn jemand selbst im Untergang nicht verzweifeln und um sich schlagen will? Ah! Freundlichkeit könnte hinkommen: sich, den anderen und dem Universum gegenüber).

Mein Gott! Ich habe ein Lieblingslokal! Herr im Himmel! - oder wer oder was auch immer - ich danke dir für dieses Glück, das ich mir jahrelang gar nicht vorstellen konnte, und dafür, dass es sich finanziell irgendwie ausgeht! Du Große Kraft, die das ganze Universum, all diese unendlichen Weiten und ausgedehnten Räume, die sichtbare und die unsichtbare Welt lenkt, leitet und erhält – dass Du so gut auf mich schaust!

So! Jetzt genug damit! Nach meiner Bewunderungs-, Dankbarkeits- und Spottattacke lasse ich verlegen und ein wenig ratlos die Blätter meines Notizbuches, die ich mit dem Zeigefinger der rechten Hand zuerst anhebe und dann portionsweise loslasse, so über die Fingerkuppe gleiten.

Puh! Jetzt übertreibt er wieder: Cappuccino Nummer vier! Zwar diesmal koffeinfrei, aber trotzdem! Wo wird das noch hinführen? Übrigens habe ich hier einen bevorzugten Sitzplatz, der meistens frei ist: der zweite Tisch von links, mit dem Rücken zur Wand und den Blick frei ins Lokal und, wenn ich den Kopf nach rechts drehe, durch die Fenster auf die Straße hinaus. Jetzt ist wieder ein richtig schöner Song dran (richtig für mich und meine Stimmung). Die der Spiegeln und der offenen Glaseingangstür wegen mehrfach gespiegelte Wirklichkeit hat es mir angetan; die Verwirrung daraus läßt mich meine eigene Verwirrung leichter entschuldigen und gibt ihr außersubjektive „Entität“ (Oida! - der innere Spötter). Soll ich den Wind in der Platane draußen auch erwähnen? Und jetzt die vielen Gläser und Flaschen mit ihren Lichteffekten in den Regalen mit den Spiegelwänden hinter der Bar im Blick, der sich darin verlieren will. Die Musik passt wieder. Meine Nase rinnt. Die Ansage auf der Kreidetafel verstehe ich nicht; ich bin ja weder Gourmet noch Weinkenner. Aber ich blocke die Gedanken dazu ab, bevor mir einfällt, dass ich auch hier nichts verloren haben könnte. Da sei der Himmel vor! Herr, es ist Zeit, mein Sommer war nicht groß. Leg dich auf die Sonnenuhren und lasse deine Wunden los. (Oder soll er, wie in seiner ersten Fassung, statt Wunden doch Winde schreiben? - der innere Spötter). Ich sollte nach Hause wandern! (Übrigens: um 23:35 hatte er dann 11046 Schritte absolviert – der Tipper.)


(20.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4059 Ein schönes Aufwachen

 



9:54 a.m.  Das war heute ein schönes Aufwachen: aus einem Traum, in dem ich meinen Wohnplatz suche, den Ort, wo ich hingehöre, schlage ich die Augen auf und blicke auf einen großen See mit einer Felswand an dem einen Ufer, so schön, dass einem das Herz aufgeht. Erst allmählich dämmert mir, dass dies nicht die Realität sein kann und ich in einem anderen Traum aufgewacht bin. Das schöne Bild verflüchtigt sich auch schnell wieder und die Stimmen der Tageskinder unten erreichen schon mein Bewußtsein. Ich verbleibe jedoch in diesem Zustand des Übergangs und beginne bereits, das alles zu beschreiben, aber so gut wie nichts von diesem Text konnte ich dann ins wirkliche Aufwachen retten. Freilich war auch wieder dieser Moment der Panik da, als mein Bewußtsein verstanden hat, dass das jetzt da draußen die Alltagswelt ist; und mich diese Kraft bearbeitet, die sofort meine Leibesmitte attackiert, um meine Schutzschilder zu zertrümmern.

Aber jetzt habe ich mich schon beruhigt. Ich hocke schreibend im Bett und werde noch ein wenig warten und dann hinunter gehen und mir das Frühstück bereiten. Ich bin schon fast ganz da und für den Tag gerüstet. Wobei ich der Frage noch nachgehen muß: erschrickt mein aufwachendes Bewußtsein vor der Alltagswelt und ihren Anforderungen, oder vor der Ahnung, wie fragil diese ist, und vor dem, was dahinter lauert?


(19.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4058 Sie wissen schon

 



9:58 a.m.  Die Blumen in der Vase am Wohnzimmertisch lassen ihre Köpfe hängen; sie wissen schon, dass sie jetzt sterben müssen und dass weiterkämpfen sinnlos ist. Die Kaffeemühle wird gedreht und das Wasser wird kochen. Ich tu mir ein wenig schwer, aus dem Schlaf, der so erquickend war, herauszusteigen; meine Ohren surren noch und der dreifaltige Wohnzimmerbaum grünt still vor sich hin. Der Teller mit den Melonenstücken wird mir ins Bett serviert, die Vorspeise zum richtigen Frühstück. Ich bin durstig und fange an zu essen.


(18.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Freitag, 16. Mai 2025

4057 Der Anblick von Bäumen

 



13:06.  An der faden Schiffamtsgasse gegenüber dem wahrlich hässlichen Amt für Eich- und Vermessungswesen beim amtlichen Kaffee. Was sich auf der Straße abspielt ist völlig uninteressant, vor allem weil sie ziemlich zugeparkt ist; der Schanigarten rettet das Ambiente nicht mehr (so rette dein eigenes Leben – der innere Spötter). Ich glaube, ich werde nicht mehr oft hier her kommen. Ich sitze wie auf Nadeln. Nur mein Trotz läßt mich nicht aufspringen und weggehen. Warum bin ich überhaupt her gekommen? Weil ich plötzlich zu Hause nicht mehr wußte, was tun. Es ist mir kein Museum eingefallen, das ich besuchen wollte (für Nicht-Eingeweihte: meine Frau arbeitet als Tagesmutter, das heißt: ich kann zu den Öffnungszeiten in der Wohnung nicht laut Musik hören, oder tanzen oder einfach so herumspringen). Eine neue Lektüre kann ich noch nicht beginnen, weil ich das soeben gelesene Buch erst seelisch verarbeiten muß (manchmal vergesse ich, welche Möglichkeiten ich trotzdem habe). Also dachte ich: ich geh auf einen Kaffee in der Nähe und lese den Standard. Aber es passt heute nicht. Ich weiß nicht wirklich, wieso. Das ist für mich kein Schreibort, ich gehe.

Am Heimweg habe ich einen Umweg genommen, wo ich gewöhnlich nicht gehe, um mir wenigstens ein bißchen anderen Input zu beschaffen; vielleicht hilft es. So bin ich zur unerträglich stark und laut und schnell befahrenen Oberen Donaustraße gegangen, habe sie bei der Fußgängerampel, die nicht und nicht umschalten will, überquert und bin oben auf Straßenniveau ein Stück am Fluß entlang geschlendert und durch den Wilhelm-Kienzl-Park (Der Evangelimann) an der Johannes-Nepomuk-Kapelle vorbei – der Anblick von Bäumen und fließendem Wasser ist sicher nicht schlecht.


(16.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4056 Die Rezepte

 



9:33 a.m.  Ich kontrolliere mein Handy, mehr um mich von der morgendlichen Angstattacke – wieder ein plötzlicher Schlag zu einem ganz klaren, konkreten Moment des Aufwachens – abzulenken, als dass ich neue Botschaften erwartet hätte. In der Leibesmitte sitzt das Zittern, das doch schon am Rückzug ist. Diesmal war es das Entsetzen, dass ich alles falsch wahrgenommen, alles falsch gedacht, alles falsch gesagt, alles falsch beschrieben habe; kurz: dass an mir alles Lebenslüge ist. Noch arbeitet mein Geist am Rechtfertigungsapparat, schon meldet sich der Hunger und will ein Frühstück: ihm ist verlogen oder nicht völlig egal. Die Kraft des Tormanns beim Elfmeter (ah! Jetzt will er sich wieder hinauswitzeln und auf alles-ist-absurd machen – der innere Spötter). Ich setze nun auf durchwurschteln und somit auf Frühstück. Nur hat mich meine Vernunft, oder meine Bravheit, oder wer oder was immer das ist, dazu gebracht, vorher noch die Rezepte für die Medikamente per E-mail zu bestellen, bevor ich es wieder vergesse.


(16.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 15. Mai 2025

4055 Mi Capitán

 



10:42 a.m.  Während ich einen Einstieg suche, geht mir alles Mögliche im Kopf herum, im Kopf, den ich gesenkt halte und so starre ich meine alten Hände an. Immer wieder bin ich überrascht, wenn ich die Spuren des Alters an meinem Körper sehe, anscheinend übersehe ich sie gerne und klammere mich an die Vorstellung, jünger zu sein. Kein Wunder, mein Lebenswerk habe ich noch nicht vollbracht, wahrscheinlich noch gar nicht recht begonnen. Und es fällt mir schwer, mir einzugestehen, dass ich mit leeren Händen meine letzte Reise werde antreten müssen; das bißchen ängstliches Leben wird als Gabe nicht ausreichen. Ich werde das Steuer nicht mehr herumreißen können (Man könnte ja auch das Ergebnis seiner Lebensreise akzeptieren und stillschweigend am Abstellgleis ausharren. Warum mußt du dauernd davon reden?! Das ist erbärmlich! - der innere Spötter).

Und nun? Mi Capitán! Nehmen wir einen dritten Cappuccino! Alle Leute hier im Lokal sind so taff (das Wort kommt nicht vom Englischen tough, sondern aus dem Jiddischen – der Korrektor). Wind ist aufgekommen; ich sehe es durchs Fenster. Nervösität legt sich über die Natur. Aus den Boxen kommt fröhliches Chicha, dass die Trauer intensiver und schöner macht (genaugenommen gleitet deren Fröhlichkeit schon über deren eigenen, großen Trauer). Ich sitze nun allein im vorderen Raum mit den Fenstern zur Straße. Diese Leere, die ich mag, greift mir ans Herz (ja, ja, ich weiß schon: vöhllig losgehelöst … - der innere Spötter). Jetzt kommen wieder neue Gäste herein, ja, es wird fast voll. Hier sprechen fast alle Englisch. Ich entdecke ganz oben auf der Abdeckleiste der Barbeleuchtung sieben Flaschen mit grüner Flüssigkeit und schwarzen Schraubverschlüssen - keine Ahnung, was das für ein Saft ist – sie stehen alleine, aufrecht, mit absolut geradem Rückgrat in einer Reihe, wie zu einem Appell angetreten.

Das alle hier so gut und tüchtig Englisch reden, beschämt mich – einerseits. Andrerseits gefällt es mir im Abseits, im freundlichen Abseits – will ich hinzufügen. Wundern tut mich das alles nicht, im Großen und Ganzen verstehe ich es. Jetzt wird – international – über Wein geredet und verkostet. Wieder etwas, das ich nicht auf meiner Liste habe. Es ist schon so, dass nur die mit einer gewissen Brutalität überleben können (siehe: Ich war Kapo, von Stefan Krukowski). Jetzt habe ich ein jugendliches und schnell gesprochenes Bundesdeutsch für Englisch gehalten – ich werde schwerhörig. Macht nichts. Chicha aus den Boxen höre ich. Oder ist es doch Englisch? Allmählich beschleicht mich das Gefühl, dass es obszön ist, wenn ich länger sitzen bleibe. Dabei habe ich hier brav gefrühstückt und mein dritter Cappuccino ist noch nicht ganz ausgetrunken. Was wird das jetzt? Wenn ich aus den Fenstern blicke, winken die Zweige der Platane. Mensch, es ist Zeit! Der Sommer wird sehr groß!


(15.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 14. Mai 2025

4054 Da Capo

 



10:37 a.m.  Ach! Die Menschen, die da in der Sonne wandeln – ich sitze in der Aida in der Wollzeile und gaffe saumüde – um sieben Uhr früh ein Rauchfangkehrerintermin – auf die kleine, belebte Kreuzung hinaus. Ich habe ein bestelltes Buch beim Herder abgeholt und beim Morawa einen Falter gekauft (deine Produktplatzierungen helfen dir nichts, wenn du kein Geld verlangst. Aber dafür bist du zu deppert – der innere Spötter). Naja, der innere Spötter leidet manchmal an Größenwahn, oder gibt es einen Schriftsteller, eine Schriftstellerin – die müßten dann natürlich bekannt und gefragt sein – der/die für die Erwähnung von Produkten und Dienstleistungen in seinen Texten Geld bekommt? Ich habe wirklich keine Ahnung von der Welt, und die Ahnungen, die ich habe, liegen meistens falsch – nehme ich an.

Zurück zum Blick aus den Fenstern: Der Rückspiegel des dort drüben geparkten Motorrollers blendet mich mit seiner an sich sehr schönen Sonnenstrahlenreflexion, lichtintensiv wie ein Sternspritzer oder der Lichtbogen einer Schweißung. Vielleicht kann ich dieses durchgebrannte Loch im Vorhang der optischen Täuschungen der Alltagswelt nutzen, um in andere Dimensionen des Universums zu reisen (ha! ha! Träum schön! - der innere Spötter). Bekomme ich Augenschäden, wenn ich da hinstarre?

Vielleicht sollte ich ein wenig in meiner heute erworbenen Lektüre blättern; so macht man das doch als Schriftsteller im Kaffeehaus. (Ich muß noch eine Menge lernen!)


Ich habe im Buch Ich war Kapo von Stefan Krukowski (Mauthausen-Erinnerungen 9; new academic press) geblättert und gelesen und glaube, ich kann es schon jetzt sehr sehr empfehlen, obwohl ich über die Vorworte noch nicht hinausgekommen bin. Es gibt Einblicke in die Hölle von Mauthausen, die selbst mir, der ich schon mein ganzes Leben lang von diesem Thema nicht loskomme und vieles, vieles darüber gelesen und Dokumentationen geschaut habe, neu sind. Vor allem, weil aus der Perspektive eines polnischen Kapos berichtet wird.

Aber jetzt blicke ich - räumlich von drinnen nach draußen, soziologisch von draußen ins Leben – Cafés sind doch Wartesäle des Lebens – wieder auf die Wollzeile – halb im Schatten, halb im Licht. Wie ein Voyeur schaue ich (jetzt weiß er wieder nicht, wie man Voyeur schreibt! - der innere Spötter), mit diesem suchenden, manchmal zugreifenden Blick (was sucht er? Was will er ergreifen? Rechtfertigung für seine Existenz als Sohn von Nazieltern? - der innere Spötter).

Ich versuche mich zu beruhigen (Kaffeekonsum! - der innere Spötter), denn meine Aufregung und mein Aufgewühlt-Sein kann hier im Café nur ein Sturm im Wasserglas sein (vielleicht könnte das die stärkste und nachhaltigste Folge für die – zumindest sensibleren - Nachkommen der Täter und Mitläufer – oder sagen wir es ungeschminkt: für die, die gezeugt und geboren wurden, um die Schuld der Vorfahren, die sich weigern, die Verantwortung für ihre Taten und Unterlassungen zu übernehmen, auszubaden - könnte also das die nachhaltigste Folge sein: ein grundlegendes, tiefes, starkes und berechtigtes Misstrauen gegen die eigenen Impulse; die zu Recht unausrottbare Angst vor dem, was da aus der eigenen verdammten und verdorbenen Seele hervorbrechen kann).

Nachdem ich im Falter gelesen und geblättert und mich dabei gefreut habe, die mit meinem Geld erworbenen Seiten mit von meiner Spucke befeuchteten Fingern auseinander ziehen gedurft zu haben, blicke ich wieder zu den Fenstern hinaus auf die gehenden, stehenden, fahrenden Leute (was auch nicht ganz korrekt ist, denn – nachdem er einen Blick hinaus geworfen hat, beugt er zum Schreiben seinen Kopf über das Notizbuch – der innere Spötter). Es kommt mir da draußen alles so normal vor, fast elegisch, fast heiter-melancholisch (ja, Papier ist geduldig! - der innere Spötter), aber kann ich dem trauen?


(14.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4053 Die Sanduhr

 



1:34 a.m.  Ich habe mir so lange und gründlich die Zähne geputzt, dass ich die Sanduhr fünf Mal umdrehen mußte (kann frau/man sich darunter etwas vorstellen? - der innere Spötter). Ausgerechnet jetzt zieht ein Hubschrauber über die Häuser. Immerhin ist er schnell hinweg. Im Gegenlicht und bei dieser Nähe und der dadurch entstandenen Lichtstreuung schaut die Oberkante meiner Lesebrille wie ein leuchtender Ring des Saturn aus (um nicht zu sagen: wie ein dickerer, unter die Stirn herunter gerutschter raffaeilitischer Heiligenschein – der innere Spötter). Mein Geist rudert und fuchtelt in Abwehr verschiedener Anschuldigungen – die kommen alle aus meinem Inneren – sozusagen mit seinen Armen herum, aber allmählich wird er ruhiger, wie ich da so im Zimmer umherblicke. Ich bin so dankbar für dieses Asyl (wenn er auch immer wieder von einem Haus im Grünen, wo man Landschaft, Wolken und Wetter sehen kann, träumt – der innere Spötter). Unten im Stiegenhaus kleschen irgendwelche Türen. Am Land würde ich die Leute nicht aushalten; seit dem Bundespräsidentenwahlkampf 2016 bin ich mir dessen gewiß. Mein Leben scheint mir eine ganz, ganz fragile Geschichte zu sein; meine Existenz erst recht. Und jetzt? Jetzt lese ich eine Kurzgeschichte von Murakami (Auf einem Kissen aus Stein).


(14.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4052 Verabredung

 



1:21 a.m.  Meine Verabredung morgen liegt mir so sehr im Magen. So wirklich mag ich nicht hingehen. Außerdem muß ich dafür viel früher aufstehen, als bei mir üblich. Und warum habe ich mich darauf eingelassen? So eine Art Pflichtgefühl? Könnte sein. Das klingt nicht gut! Oh Gott, bin ich müde!


(13.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4051 Strudlhofstiege

 



7:45 a.m.  Ich kann vor Aufregung und Unruhe nicht mehr schlafen, obwohl es gestern bis nach zwei, halb drei gedauert hat. Mein Herz klopft wie wild und ich bin noch sehr müde. Das ist jetzt die Existenzangst. Zum Beispiel die nicht ganz, aber doch irrationale Angst, obdachlos zu werden. Ich muß mich mit lesen zu beruhigen versuchen.


12:53.  Nun, ich sitze auf der Strudlhofstiege, weil ich mir gedacht hatte, das wäre eine gute Idee (Mein Gott! Jetzt will er sich von der Strudlhofstiege inspirieren lassen und an den Doderer ranschmeißen! Freundchen! Der würde dich wie eine Laus zertreten! - der innere Spötter). (Vielleicht. Ich weiß ja auch nicht, wie lange die drüben brauchen, um einem das Wilde abgeräumt zu haben). So schlecht war die Idee nicht: ich sitze unter einem Roßkastanienbaum, der mit seinen windbewegten Blätterschatten ein lustiges Lichtspiel auf meinem Notizbuch betreibt. Und ich höre die Brunnen plätschern – in seiner variantenreichen Monotonie ein wirklich schönes Geräusch. Es gehen erstaunlich viele Leute hier rauf und runter und passen sich dabei mehr oder weniger freiwillig – ich bilde mir ein, das sieht man – den schönen, ausschwingenden Bewegungen der Stiege an. Meine Beine spüren schon die Hitze in der Sonne, mein Haupt ist geschützt im Schatten. Rechts vor mir habe ich eine unglaublich hohe, grüne Wand aus Bäumen und Sträuchern auf mehreren Etagen. Das hier ist wirklich ein angenehmes Bauwerk, da hat der Doderer schon recht! (da wird er sich aber freuen! - der innere Spötter.) Hier ist Wien wirklich anders. Eine Kastanienblüte hat sich unter das Blatt im Notizbuch geschummelt – ich habe es beim Schreiben sogleich bemerkt (Whow! - der innere Spötter). Der große Himmel ist strahlend blau, nur einzelne, kleine, weiße, schöne Wolken ziehen majestätisch im Zustand gekonnter Auflösung langsam und feierlich über das Firmament, das nicht mehr fest und bergend ist. Laut ist es hier schon, aber das fließende Wasser hegt den Lärm gut ein. Noch eine vertrocknende Kastanienblüte landet auf meinem Notizbuch; will sie literarisch verewigt werden? Gut: (verewigen! Hoffentlich verspricht er nicht zu viel – der innere Spötter). Gut: eine schöne Struktur und besonders der Schatten verspricht Intensität. Aber ich habe nicht mehr stundenlang Zeit, sie zu betrachten (das ist eine Ausrede: er hat nicht die Geduld - der innere Spötter). Von den schönen, weißen Wolken sind nur mehr ein paar weiße Flecken hinter den Bäumen zu sehen, die durch die Lücken im Laub durchschimmern.

Unglaublich tief der feine Schatten der Kastanienblüte: so klar, so scharf, so entschieden. Ich habe Hemmungen, sie wegzuwerfen.

Ein kurzer Nachschlag in Hof 2, dann werde ich zur Psychotherapiestunde gehen.


(12.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4050 Frotzelei

 



1:42 a.m.  Mein spätes Essen liegt mir schwer im Magen und einiges Anderes auch. Jetzt habe ich, nachdem der Geschirrspüler sein Programm beendet hat, nochmals die Vorspülung eingeschaltet, weil das Geschirr noch nicht ganz sauber war; ich hoffe, dass genügt. Dieses Vorspülprogramm dauert nur fünfzehn Minuten und diese Zeit werde ich noch versuchen, einen Text zu schreiben, dann lege ich mich schlafen. Nur damit ihr vorgewarnt seid. Ich höre bis in mein Zimmer herauf die Rotation des Sprüharms – und das ist gut so, denn er bleibt leicht stecken. Mein Gehirn funktioniert nicht mehr gut: beim kontrollierenden Nachlesen des Geschriebenen und um im Text Anschluß fürs Weiterschreiben zu finden, habe ich statt Rotation - Rotarmisten gelesen. Ich ahne es warum, aber will es nicht verraten (liebe LeserInnen: fühlt ihr euch gefrotzelt? - der innere Spötter – ich bin auf eurer Seite!). (Die Frotzelei ist nach hinten losgegangen – er weiß selber nicht mehr, was er damit gemeint hat – der Tipper.) Der Geschirrspüler dürfte fertig sein; ich geh nochmals runter und schaue mir das an.

Leider! Der untere Sprüharm spinnt. Ich verschiebe alles auf morgen.


7:04 a.m. Vom Schlaf erwacht und jetzt mit klopfendem Herzen. Mein Geist weicht auf Randprobleme aus. Trotz innerer Unruhe versuche ich noch ein wenig zu schlafen.


(9.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Donnerstag, 8. Mai 2025

4049 Major Tom, völlig ...

 



10:24 a.m.  Ach bin ich glücklich, wenn ich in meine Lieblingscafé einmarschiere! (mit viel Schwung freudig vom 49iger heruntergeeilt), auch wenn heute im vorderen Raum kein Platz frei war. Der Kellner bringt mir schon den Cappuccino, bevor ich ihn bestellen konnte: sie wissen schon, wonach mich verlangt (das hat er davon: jetzt weiß er nicht mir oder mich, ob 3. oder 4. Fall – der innere Spötter). Ich schaue auf die drei hoch hängenden Hohl …, nein, Hohlspiegel sind die nicht, sondern ganz normale. Einer der Spiegel ist rund mit Sonnenstrahlenrahmen, zwei sind rechteckig, ebenfalls mit prächtiger Umrandung. Mich kann ich Sitzender in keinem sehen, und das ist gut so. Wunderschöne E-Gitarrenmusik!

Mittelgrau gestrichene Ziegelwand gegenüber, dort wo die egofeindlichen Spiegel sind. Im Inneren der schönen Spiegelsonne schimmert die weiß gestrichene Holzdecke. Die Nische mit dem Fenster zum Hof. Die Elegie der leer stehenden Sessel (bei melancholischer E-Gitarrenmusik). Übrigens: ein wirklicher Glücksritter ist auch in der Schwermut glücklich. Ein Schluck vom köstlichen Kaffee. Eine Trompete überhöht jetzt die Gitarrenmusik. Oder ist es eine Posaune? Oder war es vorhin eine Trompete und ist es jetzt eine Posaune? Oder ein anderes Blasinstrument? Ich horche nur sporadisch mit voller Aufmerksamkeit hin. Das jetzt Harfe? Oder ein harfiniertes Piano? (die Boxen befinden sich im vorderen Raum.) Egal!

Zufällig fällt mein Blick auf den Feuerlöscher in der Ecke. Daneben ein Plakat einer lesenden Frau. Die liest ja gar nicht, sondern sitzt am Klo! (Passend neben der Tür mit der Aufschrift D – handgeschrieben.) Ich stehe auf und schaue mir das Poster näher an. Achso: es ist die Queen – Gott hab sie selig – und sie sitzt dort mit heruntergelassenem Höschen und liest in einer Zeitschrift. Ein Bettler kommt ganz schüchtern – gespielt oder ernst - an meinen Tisch und knöpft mir, der ich hochkoffeiniert in euphoristischem Größenwahn bin, fünf Euro ab. Zuerst glaube ich, er will mir einen Augustin verkaufen und die zwei Euro wären Draufgabe gewesen, aber dann bemerke ich erst, dass er nur ein einziges verwutzeltes Exemplar – vielleicht als Staffage – mit hat, das ich ihm lasse. Egal! Gott segne dich! (Er hat mich ja auch gesegnet.)

Aber was wichtiger ist: am Weg zum Queenposter – gemeint ist die Ex von England – komme ich an einem der drei Spiegel vorbei und endlich kann ich mich und mein schönes Gesicht sehen. Na gut, sooo wichtig ist das auch wieder nicht. Aber was ist wichtig? Was ist wirklich wichtig?

Immer noch wunderbare Gitarrenmusik. Das Hinterzimmer hat sich geleert und es sitzen nur mehr meine Wenigkeit herinnen und eine hochschwangere Frau beim Holzofen, der jetzt im Mai natürlich nicht mehr angeheizt ist. Diese Leere im Umraum, die mir die Illusion, in einem abstrakten, unpersönlichen Universum schwebend zu reisen, (sagen wir lieber: Major Tom, völlig losgelöst … Peter Schilling – der innere Spötter) läßt, hindert mich daran, nach Hause aufzubrechen. Apropos Peter und Schilling: dafür, dass ich wenig Einkommen habe, lebe ich wie Gott in Frankreich (oder sagen wir lieber: wie die Made im Speck (englisches Frühstück!) - der innere Spötter)!

Warum liebe ich die E-Gitarrenmusik so? Hat das etwas mit angezupften, aber nicht durchgeschnittenen Nabelschnüren zu tun, deren Wehlaute (oder die des Babys) akustisch verstärkt endlich hörbar werden? Wollen wir es nicht übertreiben. Aufbruch!


(8.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4048 Bereit?

 



8:56 a.m.  Heute habe ich viel vor. Naja, sooo viel ist es auch wieder nicht. Ich könnte sofort losstarten, aber bleibe noch im Bett und lausche auf die Geräusche, die aus der leeren Wohnung (keine Frau, keine Tageskinder) zu kommen scheinen. Eines klingt wie saugende Schritte. Also ich meine: als würde jemand durch einen Sumpf schreiten und bei jedem Schritt die eingesunkenen Füße begleitet von einem schmatzenden Laut wieder herausziehen müssen. Jetzt ist irgendwo etwas umgefallen. Jetzt hüstelt wer. Jetzt düdelt mein Handy. Ich schaue das Photo meiner verreisten Frau an. Dann horch ich wieder in die Stille. Ich seufze. Von irgendwo kommt kaum hörbare Musik her, unidentifizierbar; dennoch tippe ich auf Endorphinmusik. Na, Freundchen! Bist du jetzt bereit, hinaus zu gehen? Ja, sofort. Ein wenig warte ich noch!


(8.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Mittwoch, 7. Mai 2025

4047 Der Kontrollgang

 



8:25 a.m.  Eine Tür kracht zu unten im Lichtschacht und beendet die Phase meiner Äquidistanz zu allen Geräuschen und Sinneseindrücken, die es mir unmöglich gemacht hat, irgendetwas zu beschreiben. Aber meine Aufmerksamkeit verliert sich wieder und ich verstumme wiederum auch schriftlich. Ich höre überhaupt so viel heraus, dass es sich gegenseitig aufhebt: Schritte, als wären sie ganz nahe zum Beispiel, ein Knacksen, fast unheimlich, nicht zu vergessen das Surren in den Ohren, begleitet von etwas, das wie akustische Wallungen auftritt. Oder geht doch jemand durch die Wohnung? Das kann nicht sein, zur Zeit bin ich alleine hier (normalerweise würde ich jetzt aus dem Bett springen und nachschauen, aber – und das ist ein Beweis, dass es eine Berufung ist – ich bin so viel Schriftsteller, dass mir das Weiterschreiben und Vollenden der Sätze wichtiger ist und ich den Schreibflow nicht unterbrechen kann). Wieder Funkstille (jetzt stehe ich auf und gehe nachschauen).

Ich bin von meinem Kontrollgang durch die Wohnung zurück im Bett und es scheint alles in Ordnung zu sein: niemand zu sehen und die Eingangstüre ist nicht aufgebrochen. Allerdings kamen mir das Knacken und Knistern bei jedem Schritt etwas stärker als sonst und eigenartig vor. Und auch jetzt höre ich Geräusche ganz nahe, die ich nicht zuordnen kann. Sind Geister in der Wohnung? (jetzt will er sich als Halbschamane, der nicht-organische Lebewesen und ihre Scouts (fast) wahrnehmen kann, interessant machen und aufplustern – der innere Spötter). Aber es knackst hinter mir und hinter mir ist die Wand, die wird doch als Gemäuer eher nicht knacksen. Irgendetwas arbeitet da. Im Dachboden? Ist der nicht weiter drüben? Ich kenne ja die architektonischen Verhältnisse des Hauses nicht (einfach gesagt: er hat die Pläne das Hauses noch nie gesehen und kann sich an diesen Dachboden nicht mehr richtig erinnern, weil er den Dachboden schon seit Jahrzehnten nicht mehr betreten kann. Für die Mieter gesperrt. Früher haben wir dort noch die Wäsche aufgehängt – der innere Spötter). Kommen die Geräusche vom Nachbarhaus? Schallwellen können durch Mauern unerwartete Wege nehmen. Ein Tier irgendwo im Gebälk? Ich weiß es nicht. Mir kommt vor, die Geräusche kommen aus verschiedenen Richtungen, von oben und von unten. Es hört sich wie Schritte an und dass Dinge bewegt und hingestellt werden. Angst habe ich übrigens keine.

Im Kopf spielt sich ständig eine Passage von Père Ubus „The Long Goodbye“ (Liveversion) ab. Die Geräusche rundherum klingen phasenweise ab und dann übernimmt das Ohrensurren sozusagen das Kommando, das Ohrensurren, das sich mehr wie ein gigantischer monotoner polyphoner Strom anhört. Das Geräusch jetzt könnte aus der Nachbarwohnung kommen, und das jetzt war schlichtweg das Gedüdel meines Handys. Ja, meine Töchter haben mir auf eine Frage geantwortet. Gut, ich bleibe noch im Bett und werde lesen (Fontane).


(7.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4046 Mein Zimmerchen

 



1:36 a.m.  Ach, meine kleine Kammer, mein liebes Zimmerchen, meine bescheidene Kemenate, mein schöner Rückzugs- und Erholungsort, wie bist du so still! Du bist so still und ruhig, dass ich fast weinen könnte vor Glück (oder sei’s auch Wehmut). Um diese Uhrzeit bist du das Zentrum der Welt.

Und ich hocke darin an das Bettgestell gelehnt und betrachte – mehr oder weniger aufmerksam, mehr oder weniger ausdauernd – meinen Reichtum (im Licht bloß der Leselampe ist die Sicht natürlich etwas eingeschränkt). Meine rechte große Zehe juckt und ich bewege sie auf und ab, bis sich der Juckreiz aufgelöst hat. Meine linke Hand hält nicht verkrampft das Notizbuch, sondern hat sich – zu einer lockeren Faust geballt – auf dieses gelegt. Ein paar Gedanken über den heutigen Bücherkauf und die Bestellungen wandern noch durch mein Gehirn, ansonsten kreist und mäandert meine Aufmerksamkeit nur lose herum. Fast idyllisch das Ganze. Der Fensterrabe an seinen Nylonschnüren schwebt in sachter Bewegung selbstständig und frei vorm Fenster und mein Geist ist vor Müdigkeit kaum in der Lage, diesem hingeschriebenen Unfug zu widersprechen. Nein, er will wirklich nicht. Dann lassen wir es für heute gut sein.


(7.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Dienstag, 6. Mai 2025

4045 Duchsetzungskraft

 



12:34.  Im Zwanzgerhaus, das jetzt Belvedere 21 heißt in der Lucy-Bar beim Cappuccino. Ja, so kann ich mir meinen Lebensabend vorstellen! Der Graben vorm Museum gefällt mir schon lange – ich hatte jetzt sogar den Gedanken, hier unten meine Aktion Haut an Haut – auf dem Archiv der REM-Seite (www.rem.or.at) - das ich momentan nicht ordentlich aufrufen kann - fälschlicherweise – wenn ich mich richtig erinnere - als Haut auf Haut angeführt, zu wiederholen und da unten zehn, von mir aus auch zwölf Tage zu leben (12: die Zahl der Vollständigkeit; das Zehnersystem ist erst später gekommen) (oder im ehrenden Andenken an REM, das über dem Eingang eine Uhr mit 14 Stunden unter anderem zur Befreiung der 12 Apostel (c/o Andy Chicken) hängen hatte, meinetwegen auch 14 Tage).

Die Fahnen flattern im Wind, die Bäume rütteln und schütteln sich. Die Hochhäuser stehen sprachlos und starr (gottseidank, könnte man sagen, dass es hier keine gröberen Erdbeben gibt - bis jetzt - und bis jetzt keinen Krieg). Auch so ein ausgespanntes rot-weißes Abgrenzungsband, das offensichtlich ein Stück Rasen absperren soll, vibriert nervös in diversen Windböen. Wo ist eigentlich die schöne Skulptur der Dertnig aus dem Museumsgarten hin verschwunden? (du brauchst dich nicht an szenenprominenten KünstlerInnen anzuschmeißen probieren und dich mit ihnen zu schmücken versuchen. Du kannst froh sein, hier unbehelligt sitzen und dir den Kaffee leisten zu können. Das ist mehr, als du in deinem Leben zustande gebracht hast – der innere Spötter.) Die Fahnen flattern empört – mir kommt vor: in die andere Richtung (so genau habe ich es mir nicht gemerkt). Doch! Doch! Sie drehen sich. Wollen sie mir etwas sagen? Ändere deine ins Depressive abrutschende Stimmung? Schau uns an! Es geht! Aber der Wind? Man kann auch gegen den Wind segeln! Aber gegen den Wind brunzen ist nicht ratsam! Jetzt flattern sie ganz Richtung Osten, dann Süden, jetzt Süd-West (ich sitze Richtung 328° NW, habe das aber für N gehalten; also die Richtungsangaben beim Fahnengeflatter stimmen nicht exakt). Jetzt werden sie eindeutig Richtung „Westen“ geblasen.

Doch! Das Koffein hebt meine Stimmung. Ich finde alles irgendwie lustig. Vor allem amüsiert mich der Gedanke, dort unten im Graben 14 Tage eingesperrt zu „wohnen“. Ich sehe mich schon stundenlang hin und her laufen und herumhüpfen (wenn es mein Kreuz zuläßt). (Er weiß schon, dass das völlig unrealistisch ist: das Belvedere 21 ist nicht REM, die Produzentengalerie, wo fast alles möglich war. Und außerdem fehlt ihm heute das Selbstvertrauen und das Selbstbewußtsein, die Kraft und die Energie, die Unbefangenheit, so etwas durchzusetzen und zu organisieren (Support von Nahrungslieferung bis Fäkalienentsorgung etc.) und das weiß er. Am ehesten traute ich ihm noch zu, dass er es aushält, da unten 14 Tage lang zu leben. Seine Hinnahmefähigkeit ist größer als seine Durchsetzungskraft – der innere Korrektor, die Stimme der Vernunft). (Stimmt! Er schreibt ja auch immer ganz schwächlich Duchsetzungskraft, weil im die Kraft zum durrrchdrrringenden r fehlt – der Tipper.)

Nun bin ich glücklich in der Melancholie gelandet - dort kenne ich mich aus – und frage mich, ob ich mich im kindischen Versuch, der Welt und ihrer Vernunft eine lange Nase zu drehen, noch einen Cappuccino bestellen soll. (Er ist so verunsichert, dass er, weil ihm die Rechtschreibkorrektur gelandet- rot unterwellt, nachschaut, wie die Konjugation von landen geht. Dabei war es nur der angehängte Bindestrich – der innere Spötter.) (Wenn ich mich das frage, so ist die Entscheidung meistens schon getroffen und die Einwände sind nur das Rückzugsgeplänkel der inneren Oberaufsicht.) Den Ort hier mag ich, das Bauwerk mag ich, die Bar und ihre Ausgestaltung mag ich, die Lampenschirme mag ich besonders und der Bar-Jazz aus den Boxen passt. Ach was! Ich hau eins drauf! Frau Kellnerin, bitte noch einen Cappuccino! (nur die Aufmerksamkeit der Kellnerin auf sich zu ziehen um bestellen zu können, da hat er Schwierigkeiten. Grundsätzlich ist es ihm eh lieber, wenn er in Ruhe gelassen und tendenziell übersehen wird, um sein Inkognito zu wahren, aber das ist hald (sic!) der Preis dafür – der innere Spötter.)

Wobei das Wohnen da unten im Graben im Freien - nur die Brücke böte Regenschutz und ich wäre viel stärker dem auch zufällig vorbeikommendem Straßenpublikum und Wind und Wetter ausgesetzt und ziemlich ungeschützt – schon etwas ganz anderes wäre als damals im Keller von REM; es wäre schon eine ordentliche Herausforderung.

Das Schlagzeug aus den Boxen klopft eindringlich und auffällig zum Pianogeklimper. Ach! Meine linke Hand! Klammert sich wieder verkrampft ans Notizbuch; fällt mir erst jetzt auf. Die Lampenschirme hier in der Lucy-Bar sind wirklich sehr schön! Ich kann es drehen und wenden, wie ich will, mir gut zureden, alles in Relation und Kontext betrachten, es hilft nichts: Ich habe es nicht geschafft. Ich werde hinausgeworfen werden, wo Heulen und Zähneknischen herrscht.

Der Wind scheint sich etwas beruhigt zu haben. Eine Frau in einem Yves-Klein-blauen Mantel geht drüben über dem Graben vorbei. Die Bar füllt sich, ich glaube, alle Tische sind besetzt. Rechts von mir repariert einer ein Gerät an der Bar (ich sitze nicht weit von der Budel). Jetzt geht einer rauchend unten im Graben herum – vermutlich einer vom hauseigenen Personal, das sich unten eine Raucherecke eingerichtet zu haben scheint – ja, der Graben ist tiefer, als man denkt, und „reduziert“ die Person da unten; das würde super für meine Aktion passen; auch dieser schräge Blick von oben auf den etwas kleiner gewordenen Aktionisten.

Nachdem sich nun alles hier inklusive meiner Stimmung zu profanisieren scheint, werde ich bald aufbrechen.

Am Rückweg komme ich nur aus Orientierungsfehlern und Verwirrung am Zahnwehherrgott am Stephansdom vorbei, und als ich seine klaffende Brustwunde, die schon ziemlich nach unten gerutscht erscheint, sehe, fallen mir die Diashows der Maria Hahnenkamp, die ich gerade im Belvedere 21 gesehen habe, ein – allein schon die Retrotechnik und ihr Geklacke beim Weitertransport der einzelnen Dias im Diaprojektor macht einen künstlerischen Eindruck – wo sie auch Photos von Jesusbildern mit den Wundmalen und vom ungläubigen Thomas, der seine Finger in die heruntergerutschte Brustwunde legen darf, mit Vaginabildern in eine Reihung gebracht hat. Dort hat es mir nicht so imponiert, aber jetzt ist mir aufgefallen: der Vagina- und Uterusneid der Männer ist viel glaubhafter als der angebliche Penisneid der Frauen, denn wie meine Referenzzauberer sagen: die Frauen haben in ihrem Uterus zu allen anderen ein zusätzliches Energiezentrum, das die Männer nicht haben, und das die Frauen, wenn sie es zu nutzen wüßten, leicht und direkt mit dem „Transzendenten“ – oder wie ihr das nennen wollt – verbindet, ohne diese blöden Um- und Irrwege der Männer über Religionssysteme, Askesetheater und Ähnliches zu brauchen. So schaut’s aus!


(6.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4044 Schon bezahlt

 



1:33 a.m.  Das Fenster ist zu und das Rollo heruntergelassen. In meiner Kammer ist es still. Ein wenig unschlüssig hocke ich da im Bett und blicke mich um, ob es etwas zu erfahren oder zu erkennen gibt. Oder ob irgendetwas in der Lage ist, irgendetwas auszulösen. Einige Staubteilchen schweben noch hastig durch den Lichtkegel der Leselampe – das Auf- und Zuschlagen der Bettdecke ist schon einige Minuten her – und mein Geist – obwohl schon müde – will unbedingt noch etwas ergreifen und begreifen. Aber da ist nichts; die Staubteilchen habe ich schon zu oft erwähnt und das Interieur schon tausendmal aus unterschiedlichen Perspektiven und unter verschiedenen Aspekten beschrieben. Mein Herz ist etwas schwer, aber nicht so sehr, dass es richtig weh tut, aber auch nicht so leicht, das es mich nicht lustlos machen kann. Ach ja! Meine linke Hand, die ich wieder dabei ertappe, wie sie sich schon seit längerer Zeit ans Notizbuch klammert. Will ich der Welt noch irgendetwas mitteilen? Das Leben ist schwer oder etwas in der Art? Ah! Dieser Gedanke macht mir jetzt ein amüsiertes Lächeln ins Gesicht. Mein „Kratzelbild“ schiebt sich jetzt vom Rand meines Gesichtsfeldes an den Rand meines Brillenglases herein, fängt meinen suchenden Blick ein und erscheint wie etwas ganz Besonderes. Manchmal will sich noch die Munch’sche Nackte dazu schieben, aber meine reagierenden Augenmuskeln bereiten dem ein schnelles Ende. Ein kleine Mücke landet auf meiner aufgeschlagenen Notizbuchseite und krabbelt zum Beginn dieses Textes hinauf, dann fliegt sie taumelnd davon (ich werde das Licht bald abdrehen). Ich drehe meinen Kopf ganz in Blickrichtung Kratzelbild und betrachte es lange. Wie fast erwartet beginnt es leicht zu pulsieren, aber als mir die Augen zufallen, gebe ich auf.


8:51 a.m.  Heute habe ich schon Rechnungen bezahlt (weil ich im Aufwachen erschrocken bin, dass ich die bisher vergessen hatte, bin ich sofort aus dem Bett gesprungen, aber nun wieder zurückgekehrt, denn ich will noch lesen).


(6.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

Montag, 5. Mai 2025

4043 Kein Sensorium

 



8:03 a.m.  Ich habe genau aufgepasst: ich wache aus den Träumen auf und erst im Moment, wo mir bewußt wird, schon in dieser Welt hier zu sein, schießen Angst und Entsetzen ein. Dabei waren die Träume keine schönen, wenn auch keine richtigen Albträume, aber voller Fremdheit und Herumirren in einer unverstandenen Welt. Also nicht angenehm. Die Angst beim Aufwachen scheint also nicht aus den Träumen zu kommen. Dann scheint es wohl diese unsere Alltagswelt zu sein, die mir Angst einjagt. Ich behaupte nicht, diese Vorgänge richtig zu erfassen und zu verstehen, nur dass sie mir bei redlicher Bemühung um nüchterne Beobachtung und Beschreibung so erscheinen.

Ein bißchen hocke ich jetzt im Bett wie bestellt und nicht abgeholt (war das mein Schock beim Eintreten in diese Welt? Ich meine bei meiner Geburt?). Meine linke Hand hält schon wieder ganz verkrampft das Notizbuch. Ich lockere die Hand und achte darauf, dass sie nicht wieder in ihre Gewohnheit zurückfällt, aber erfahrungsgemäß werde ich das bald aus meiner Aufmerksamkeit verloren haben und irgendwann wieder feststellen: meine linke Hand hält wieder verkrampft das Notizbuch.

Der morgendliche Hubschrauber lärmt durch die Gegend, aber wie er weg ist, ist es mein Surren in den Ohren, das so laut ist. Mein Bewußtsein verbröselt sich neuerlich Richtung Schlaf, aber ich lasse es nicht zu. Dann fällt mir erst auf, dass ich mein Zimmer mit geschlossenen Augen betrachte. „Hast du Anteile am Pyjama?“ fragt mich jetzt eine undeutliche, ältere weibliche Stimme. Kaum habe ich das aufgeschrieben, kann ich die Augen wieder nicht offen halten. Die Walrosse, die massenweise von hohen Felsen stürzen, fallen mir ein (ich habe vor kurzem ein Video darüber gesehen). Weil sie einerseits kein Sensorium für große Höhen und Tiefen haben, aber andererseits es wegen der menschengemachten Erderwärmung zu wenige Eisschollen gibt, die sie als Rastplätze zu nutzen gewohnt sind, klettern sie zum Rasten auf zu hohe Uferfelsen und verstehen nicht, dass sie beim Versuch, wieder ins Meer zu springen, aus viel zu großer Höhe in Tod und Verwundung abstürzen. Und ich frage mich, welches Sensorium mir fehlt, um die Welt umfassend und angemessen wahrzunehmen und entsprechend reagieren zu können. Vielleicht fehlt es gar nicht, sondern ist bloß verkümmert.

Mein Bewußtsein driftet wieder ab und ich habe meine linke Hand auf meine Brust gelegt, auf dass sie sich nicht verkrampfe. Ich rede gerade auf ein Kleinkind ein – oder bin ich das Kleinkind? - als mich mein Magenknurren wieder aufweckt. „In neunzehn Jahren bin ich neunzig; also wird es sich schwer ausgehen, noch ein Kind zu zeugen und bis zur Matura zu begleiten“, rechnet mein eingeschlafenes Bewußtsein aus, bevor es wieder hierher driftet. Ich lege jetzt mein Schreibzeug weg und schaue, ob ich noch ein wenig richtig schlafen kann oder richtig aufstehen.


(5.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

4042 Nein

 



6:44 a.m.  Nein, jetzt stehe ich noch nicht auf; gestern ist es nach zwei Uhr früh geworden. Ich schlafe im Hocken. Kehrgeräusche aus dem Lichtschacht wecken mich kurz auf.


(2.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com