12:34. Im Zwanzgerhaus, das jetzt
Belvedere 21 heißt in der
Lucy-Bar beim Cappuccino. Ja, so kann ich mir meinen Lebensabend vorstellen! Der Graben vorm Museum gefällt mir schon lange – ich hatte jetzt sogar den Gedanken, hier unten meine Aktion
Haut an Haut – auf dem Archiv der REM-Seite (www.rem.or.at) - das ich momentan nicht ordentlich aufrufen kann - fälschlicherweise – wenn ich mich richtig erinnere - als
Haut auf Haut angeführt, zu wiederholen und da unten zehn, von mir aus auch zwölf Tage zu leben (12: die Zahl der Vollständigkeit; das Zehnersystem ist erst später gekommen) (oder im ehrenden Andenken an REM, das über dem Eingang eine Uhr mit 14 Stunden unter anderem
zur Befreiung der 12 Apostel (c/o Andy Chicken) hängen hatte, meinetwegen auch 14 Tage).
Die Fahnen flattern im Wind, die Bäume rütteln und schütteln sich. Die Hochhäuser stehen sprachlos und starr (gottseidank, könnte man sagen, dass es hier keine gröberen Erdbeben gibt - bis jetzt - und bis jetzt keinen Krieg). Auch so ein ausgespanntes rot-weißes Abgrenzungsband, das offensichtlich ein Stück Rasen absperren soll, vibriert nervös in diversen Windböen. Wo ist eigentlich die schöne Skulptur der Dertnig aus dem Museumsgarten hin verschwunden? (du brauchst dich nicht an szenenprominenten KünstlerInnen anzuschmeißen probieren und dich mit ihnen zu schmücken versuchen. Du kannst froh sein, hier unbehelligt sitzen und dir den Kaffee leisten zu können. Das ist mehr, als du in deinem Leben zustande gebracht hast – der innere Spötter.) Die Fahnen flattern empört – mir kommt vor: in die andere Richtung (so genau habe ich es mir nicht gemerkt). Doch! Doch! Sie drehen sich. Wollen sie mir etwas sagen?
Ändere deine ins Depressive abrutschende Stimmung? Schau uns an! Es geht! Aber der Wind?
Man kann auch gegen den Wind segeln! Aber gegen den Wind brunzen ist nicht ratsam! Jetzt flattern sie ganz Richtung Osten, dann Süden, jetzt Süd-West (ich sitze Richtung 328° NW, habe das aber für N gehalten; also die Richtungsangaben beim Fahnengeflatter stimmen nicht exakt). Jetzt werden sie eindeutig Richtung „Westen“ geblasen.
Doch! Das Koffein hebt meine Stimmung. Ich finde alles irgendwie lustig. Vor allem amüsiert mich der Gedanke, dort unten im Graben 14 Tage eingesperrt zu „wohnen“. Ich sehe mich schon stundenlang hin und her laufen und herumhüpfen (wenn es mein Kreuz zuläßt). (Er weiß schon, dass das völlig unrealistisch ist: das
Belvedere 21 ist nicht REM, die Produzentengalerie, wo fast alles möglich war. Und außerdem fehlt ihm heute das Selbstvertrauen und das Selbstbewußtsein, die Kraft und die Energie, die Unbefangenheit, so etwas durchzusetzen und zu organisieren (Support von Nahrungslieferung bis Fäkalienentsorgung etc.) und das weiß er. Am ehesten traute ich ihm noch zu, dass er es aushält, da unten 14 Tage lang zu leben. Seine Hinnahmefähigkeit ist größer als seine Durchsetzungskraft – der innere Korrektor, die Stimme der Vernunft). (Stimmt! Er schreibt ja auch immer ganz schwächlich
Duchsetzungskraft, weil im die Kraft zum durrrchdrrringenden r fehlt – der Tipper.)
Nun bin ich glücklich in der Melancholie gelandet - dort kenne ich mich aus – und frage mich, ob ich mich im kindischen Versuch, der Welt und ihrer Vernunft eine lange Nase zu drehen, noch einen Cappuccino bestellen soll. (Er ist so verunsichert, dass er, weil ihm die Rechtschreibkorrektur
gelandet- rot unterwellt, nachschaut, wie die Konjugation von
landen geht. Dabei war es nur der angehängte Bindestrich – der innere Spötter.) (Wenn ich mich das frage, so ist die Entscheidung meistens schon getroffen und die Einwände sind nur das Rückzugsgeplänkel der inneren Oberaufsicht.) Den Ort hier mag ich, das Bauwerk mag ich, die Bar und ihre Ausgestaltung mag ich, die Lampenschirme mag ich besonders und der Bar-Jazz aus den Boxen passt. Ach was! Ich hau eins drauf!
Frau Kellnerin, bitte noch einen Cappuccino! (nur die Aufmerksamkeit der Kellnerin auf sich zu ziehen um bestellen zu können, da hat er Schwierigkeiten. Grundsätzlich ist es ihm eh lieber, wenn er in Ruhe gelassen und tendenziell übersehen wird, um sein Inkognito zu wahren, aber das ist hald (sic!) der Preis dafür – der innere Spötter.)
Wobei das Wohnen da unten im Graben im Freien - nur die Brücke böte Regenschutz und ich wäre viel stärker dem auch zufällig vorbeikommendem Straßenpublikum und Wind und Wetter ausgesetzt und ziemlich ungeschützt – schon etwas ganz anderes wäre als damals im Keller von REM; es wäre schon eine ordentliche Herausforderung.
Das Schlagzeug aus den Boxen klopft eindringlich und auffällig zum Pianogeklimper. Ach! Meine linke Hand! Klammert sich wieder verkrampft ans Notizbuch; fällt mir erst jetzt auf. Die Lampenschirme hier in der Lucy-Bar sind wirklich sehr schön! Ich kann es drehen und wenden, wie ich will, mir gut zureden, alles in Relation und Kontext betrachten, es hilft nichts: Ich habe es nicht geschafft. Ich werde hinausgeworfen werden,
wo Heulen und Zähneknischen herrscht.
Der Wind scheint sich etwas beruhigt zu haben. Eine Frau in einem
Yves-Klein-blauen Mantel geht drüben über dem Graben vorbei. Die Bar füllt sich, ich glaube, alle Tische sind besetzt. Rechts von mir repariert einer ein Gerät an der Bar (ich sitze nicht weit von der Budel). Jetzt geht einer rauchend unten im Graben herum – vermutlich einer vom hauseigenen Personal, das sich unten eine Raucherecke eingerichtet zu haben scheint – ja, der Graben ist tiefer, als man denkt, und „reduziert“ die Person da unten; das würde super für meine Aktion passen; auch dieser schräge Blick von oben auf den etwas kleiner gewordenen Aktionisten.
Nachdem sich nun alles hier inklusive meiner Stimmung zu profanisieren scheint, werde ich bald aufbrechen.
Am Rückweg komme ich nur aus Orientierungsfehlern und Verwirrung am
Zahnwehherrgott am Stephansdom vorbei, und als ich seine klaffende Brustwunde, die schon ziemlich nach unten gerutscht erscheint, sehe, fallen mir die Diashows der
Maria Hahnenkamp, die ich gerade im
Belvedere 21 gesehen habe, ein – allein schon die Retrotechnik und ihr Geklacke beim Weitertransport der einzelnen Dias im Diaprojektor macht einen künstlerischen Eindruck – wo sie auch Photos von Jesusbildern mit den Wundmalen und vom ungläubigen Thomas, der seine Finger in die heruntergerutschte Brustwunde legen darf, mit Vaginabildern in eine Reihung gebracht hat. Dort hat es mir nicht so imponiert, aber jetzt ist mir aufgefallen: der
Vagina- und Uterusneid der Männer ist viel glaubhafter als der angebliche
Penisneid der Frauen, denn wie meine Referenzzauberer sagen: die Frauen haben in ihrem Uterus zu allen anderen ein zusätzliches Energiezentrum, das die Männer nicht haben, und das die Frauen, wenn sie es zu nutzen wüßten, leicht und direkt mit dem „Transzendenten“ – oder wie ihr das nennen wollt – verbindet, ohne diese blöden Um- und Irrwege der Männer über Religionssysteme, Askesetheater und Ähnliches zu brauchen. So schaut’s aus!
(6.5.2025)
Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com