Mittwoch, 14. Mai 2025

4051 Strudlhofstiege

 



7:45 a.m.  Ich kann vor Aufregung und Unruhe nicht mehr schlafen, obwohl es gestern bis nach zwei, halb drei gedauert hat. Mein Herz klopft wie wild und ich bin noch sehr müde. Das ist jetzt die Existenzangst. Zum Beispiel die nicht ganz, aber doch irrationale Angst, obdachlos zu werden. Ich muß mich mit lesen zu beruhigen versuchen.


12:53.  Nun, ich sitze auf der Strudlhofstiege, weil ich mir gedacht hatte, das wäre eine gute Idee (Mein Gott! Jetzt will er sich von der Strudlhofstiege inspirieren lassen und an den Doderer ranschmeißen! Freundchen! Der würde dich wie eine Laus zertreten! - der innere Spötter). (Vielleicht. Ich weiß ja auch nicht, wie lange die drüben brauchen, um einem das Wilde abgeräumt zu haben). So schlecht war die Idee nicht: ich sitze unter einem Roßkastanienbaum, der mit seinen windbewegten Blätterschatten ein lustiges Lichtspiel auf meinem Notizbuch betreibt. Und ich höre die Brunnen plätschern – in seiner variantenreichen Monotonie ein wirklich schönes Geräusch. Es gehen erstaunlich viele Leute hier rauf und runter und passen sich dabei mehr oder weniger freiwillig – ich bilde mir ein, das sieht man – den schönen, ausschwingenden Bewegungen der Stiege an. Meine Beine spüren schon die Hitze in der Sonne, mein Haupt ist geschützt im Schatten. Rechts vor mir habe ich eine unglaublich hohe, grüne Wand aus Bäumen und Sträuchern auf mehreren Etagen. Das hier ist wirklich ein angenehmes Bauwerk, da hat der Doderer schon recht! (da wird er sich aber freuen! - der innere Spötter.) Hier ist Wien wirklich anders. Eine Kastanienblüte hat sich unter das Blatt im Notizbuch geschummelt – ich habe es beim Schreiben sogleich bemerkt (Whow! - der innere Spötter). Der große Himmel ist strahlend blau, nur einzelne, kleine, weiße, schöne Wolken ziehen majestätisch im Zustand gekonnter Auflösung langsam und feierlich über das Firmament, das nicht mehr fest und bergend ist. Laut ist es hier schon, aber das fließende Wasser hegt den Lärm gut ein. Noch eine vertrocknende Kastanienblüte landet auf meinem Notizbuch; will sie literarisch verewigt werden? Gut: (verewigen! Hoffentlich verspricht er nicht zu viel – der innere Spötter). Gut: eine schöne Struktur und besonders der Schatten verspricht Intensität. Aber ich habe nicht mehr stundenlang Zeit, sie zu betrachten (das ist eine Ausrede: er hat nicht die Geduld - der innere Spötter). Von den schönen, weißen Wolken sind nur mehr ein paar weiße Flecken hinter den Bäumen zu sehen, die durch die Lücken im Laub durchschimmern.

Unglaublich tief der feine Schatten der Kastanienblüte: so klar, so scharf, so entschieden. Ich habe Hemmungen, sie wegzuwerfen.

Ein kurzer Nachschlag in Hof 2, dann werde ich zur Psychotherapiestunde gehen.


(12.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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