4047 Der Kontrollgang
8:25 a.m. Eine Tür kracht zu unten im Lichtschacht und beendet die Phase meiner Äquidistanz zu allen Geräuschen und Sinneseindrücken, die es mir unmöglich gemacht hat, irgendetwas zu beschreiben. Aber meine Aufmerksamkeit verliert sich wieder und ich verstumme wiederum auch schriftlich. Ich höre überhaupt so viel heraus, dass es sich gegenseitig aufhebt: Schritte, als wären sie ganz nahe zum Beispiel, ein Knacksen, fast unheimlich, nicht zu vergessen das Surren in den Ohren, begleitet von etwas, das wie akustische Wallungen auftritt. Oder geht doch jemand durch die Wohnung? Das kann nicht sein, zur Zeit bin ich alleine hier (normalerweise würde ich jetzt aus dem Bett springen und nachschauen, aber – und das ist ein Beweis, dass es eine Berufung ist – ich bin so viel Schriftsteller, dass mir das Weiterschreiben und Vollenden der Sätze wichtiger ist und ich den Schreibflow nicht unterbrechen kann). Wieder Funkstille (jetzt stehe ich auf und gehe nachschauen).
Ich bin von meinem Kontrollgang durch die Wohnung zurück im Bett und es scheint alles in Ordnung zu sein: niemand zu sehen und die Eingangstüre ist nicht aufgebrochen. Allerdings kamen mir das Knacken und Knistern bei jedem Schritt etwas stärker als sonst und eigenartig vor. Und auch jetzt höre ich Geräusche ganz nahe, die ich nicht zuordnen kann. Sind Geister in der Wohnung? (jetzt will er sich als Halbschamane, der nicht-organische Lebewesen und ihre Scouts (fast) wahrnehmen kann, interessant machen und aufplustern – der innere Spötter). Aber es knackst hinter mir und hinter mir ist die Wand, die wird doch als Gemäuer eher nicht knacksen. Irgendetwas arbeitet da. Im Dachboden? Ist der nicht weiter drüben? Ich kenne ja die architektonischen Verhältnisse des Hauses nicht (einfach gesagt: er hat die Pläne das Hauses noch nie gesehen und kann sich an diesen Dachboden nicht mehr richtig erinnern, weil er den Dachboden schon seit Jahrzehnten nicht mehr betreten kann. Für die Mieter gesperrt. Früher haben wir dort noch die Wäsche aufgehängt – der innere Spötter). Kommen die Geräusche vom Nachbarhaus? Schallwellen können durch Mauern unerwartete Wege nehmen. Ein Tier irgendwo im Gebälk? Ich weiß es nicht. Mir kommt vor, die Geräusche kommen aus verschiedenen Richtungen, von oben und von unten. Es hört sich wie Schritte an und dass Dinge bewegt und hingestellt werden. Angst habe ich übrigens keine.
Im Kopf spielt sich ständig eine Passage von Père Ubus „The Long Goodbye“ (Liveversion) ab. Die Geräusche rundherum klingen phasenweise ab und dann übernimmt das Ohrensurren sozusagen das Kommando, das Ohrensurren, das sich mehr wie ein gigantischer monotoner polyphoner Strom anhört. Das Geräusch jetzt könnte aus der Nachbarwohnung kommen, und das jetzt war schlichtweg das Gedüdel meines Handys. Ja, meine Töchter haben mir auf eine Frage geantwortet. Gut, ich bleibe noch im Bett und werde lesen (Fontane).
(7.5.2025)
Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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