4043 Kein Sensorium
8:03 a.m. Ich habe genau aufgepasst: ich wache aus den Träumen auf und erst im Moment, wo mir bewußt wird, schon in dieser Welt hier zu sein, schießen Angst und Entsetzen ein. Dabei waren die Träume keine schönen, wenn auch keine richtigen Albträume, aber voller Fremdheit und Herumirren in einer unverstandenen Welt. Also nicht angenehm. Die Angst beim Aufwachen scheint also nicht aus den Träumen zu kommen. Dann scheint es wohl diese unsere Alltagswelt zu sein, die mir Angst einjagt. Ich behaupte nicht, diese Vorgänge richtig zu erfassen und zu verstehen, nur dass sie mir bei redlicher Bemühung um nüchterne Beobachtung und Beschreibung so erscheinen.
Ein bißchen hocke ich jetzt im Bett wie bestellt und nicht abgeholt (war das mein Schock beim Eintreten in diese Welt? Ich meine bei meiner Geburt?). Meine linke Hand hält schon wieder ganz verkrampft das Notizbuch. Ich lockere die Hand und achte darauf, dass sie nicht wieder in ihre Gewohnheit zurückfällt, aber erfahrungsgemäß werde ich das bald aus meiner Aufmerksamkeit verloren haben und irgendwann wieder feststellen: meine linke Hand hält wieder verkrampft das Notizbuch.
Der morgendliche Hubschrauber lärmt durch die Gegend, aber wie er weg ist, ist es mein Surren in den Ohren, das so laut ist. Mein Bewußtsein verbröselt sich neuerlich Richtung Schlaf, aber ich lasse es nicht zu. Dann fällt mir erst auf, dass ich mein Zimmer mit geschlossenen Augen betrachte. „Hast du Anteile am Pyjama?“ fragt mich jetzt eine undeutliche, ältere weibliche Stimme. Kaum habe ich das aufgeschrieben, kann ich die Augen wieder nicht offen halten. Die Walrosse, die massenweise von hohen Felsen stürzen, fallen mir ein (ich habe vor kurzem ein Video darüber gesehen). Weil sie einerseits kein Sensorium für große Höhen und Tiefen haben, aber andererseits es wegen der menschengemachten Erderwärmung zu wenige Eisschollen gibt, die sie als Rastplätze zu nutzen gewohnt sind, klettern sie zum Rasten auf zu hohe Uferfelsen und verstehen nicht, dass sie beim Versuch, wieder ins Meer zu springen, aus viel zu großer Höhe in Tod und Verwundung abstürzen. Und ich frage mich, welches Sensorium mir fehlt, um die Welt umfassend und angemessen wahrzunehmen und entsprechend reagieren zu können. Vielleicht fehlt es gar nicht, sondern ist bloß verkümmert.
Mein Bewußtsein driftet wieder ab und ich habe meine linke Hand auf meine Brust gelegt, auf dass sie sich nicht verkrampfe. Ich rede gerade auf ein Kleinkind ein – oder bin ich das Kleinkind? - als mich mein Magenknurren wieder aufweckt. „In neunzehn Jahren bin ich neunzig; also wird es sich schwer ausgehen, noch ein Kind zu zeugen und bis zur Matura zu begleiten“, rechnet mein eingeschlafenes Bewußtsein aus, bevor es wieder hierher driftet. Ich lege jetzt mein Schreibzeug weg und schaue, ob ich noch ein wenig richtig schlafen kann oder richtig aufstehen.
(5.5.2025)
Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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