Donnerstag, 15. Mai 2025

4055 Mi Capitán

 



10:42 a.m.  Während ich einen Einstieg suche, geht mir alles Mögliche im Kopf herum, im Kopf, den ich gesenkt halte und so starre ich meine alten Hände an. Immer wieder bin ich überrascht, wenn ich die Spuren des Alters an meinem Körper sehe, anscheinend übersehe ich sie gerne und klammere mich an die Vorstellung, jünger zu sein. Kein Wunder, mein Lebenswerk habe ich noch nicht vollbracht, wahrscheinlich noch gar nicht recht begonnen. Und es fällt mir schwer, mir einzugestehen, dass ich mit leeren Händen meine letzte Reise werde antreten müssen; das bißchen ängstliches Leben wird als Gabe nicht ausreichen. Ich werde das Steuer nicht mehr herumreißen können (Man könnte ja auch das Ergebnis seiner Lebensreise akzeptieren und stillschweigend am Abstellgleis ausharren. Warum mußt du dauernd davon reden?! Das ist erbärmlich! - der innere Spötter).

Und nun? Mi Capitán! Nehmen wir einen dritten Cappuccino! Alle Leute hier im Lokal sind so taff (das Wort kommt nicht vom Englischen tough, sondern aus dem Jiddischen – der Korrektor). Wind ist aufgekommen; ich sehe es durchs Fenster. Nervösität legt sich über die Natur. Aus den Boxen kommt fröhliches Chicha, dass die Trauer intensiver und schöner macht (genaugenommen gleitet deren Fröhlichkeit schon über deren eigenen, großen Trauer). Ich sitze nun allein im vorderen Raum mit den Fenstern zur Straße. Diese Leere, die ich mag, greift mir ans Herz (ja, ja, ich weiß schon: vöhllig losgehelöst … - der innere Spötter). Jetzt kommen wieder neue Gäste herein, ja, es wird fast voll. Hier sprechen fast alle Englisch. Ich entdecke ganz oben auf der Abdeckleiste der Barbeleuchtung sieben Flaschen mit grüner Flüssigkeit und schwarzen Schraubverschlüssen - keine Ahnung, was das für ein Saft ist – sie stehen alleine, aufrecht, mit absolut geradem Rückgrat in einer Reihe, wie zu einem Appell angetreten.

Das alle hier so gut und tüchtig Englisch reden, beschämt mich – einerseits. Andrerseits gefällt es mir im Abseits, im freundlichen Abseits – will ich hinzufügen. Wundern tut mich das alles nicht, im Großen und Ganzen verstehe ich es. Jetzt wird – international – über Wein geredet und verkostet. Wieder etwas, das ich nicht auf meiner Liste habe. Es ist schon so, dass nur die mit einer gewissen Brutalität überleben können (siehe: Ich war Kapo, von Stefan Krukowski). Jetzt habe ich ein jugendliches und schnell gesprochenes Bundesdeutsch für Englisch gehalten – ich werde schwerhörig. Macht nichts. Chicha aus den Boxen höre ich. Oder ist es doch Englisch? Allmählich beschleicht mich das Gefühl, dass es obszön ist, wenn ich länger sitzen bleibe. Dabei habe ich hier brav gefrühstückt und mein dritter Cappuccino ist noch nicht ganz ausgetrunken. Was wird das jetzt? Wenn ich aus den Fenstern blicke, winken die Zweige der Platane. Mensch, es ist Zeit! Der Sommer wird sehr groß!


(15.5.2025)


Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

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