4054 Da Capo
10:37 a.m. Ach! Die Menschen, die da in der Sonne wandeln – ich sitze in der Aida in der Wollzeile und gaffe saumüde – um sieben Uhr früh ein Rauchfangkehrerintermin – auf die kleine, belebte Kreuzung hinaus. Ich habe ein bestelltes Buch beim Herder abgeholt und beim Morawa einen Falter gekauft (deine Produktplatzierungen helfen dir nichts, wenn du kein Geld verlangst. Aber dafür bist du zu deppert – der innere Spötter). Naja, der innere Spötter leidet manchmal an Größenwahn, oder gibt es einen Schriftsteller, eine Schriftstellerin – die müßten dann natürlich bekannt und gefragt sein – der/die für die Erwähnung von Produkten und Dienstleistungen in seinen Texten Geld bekommt? Ich habe wirklich keine Ahnung von der Welt, und die Ahnungen, die ich habe, liegen meistens falsch – nehme ich an.
Zurück zum Blick aus den Fenstern: Der Rückspiegel des dort drüben geparkten Motorrollers blendet mich mit seiner an sich sehr schönen Sonnenstrahlenreflexion, lichtintensiv wie ein Sternspritzer oder der Lichtbogen einer Schweißung. Vielleicht kann ich dieses durchgebrannte Loch im Vorhang der optischen Täuschungen der Alltagswelt nutzen, um in andere Dimensionen des Universums zu reisen (ha! ha! Träum schön! - der innere Spötter). Bekomme ich Augenschäden, wenn ich da hinstarre?
Vielleicht sollte ich ein wenig in meiner heute erworbenen Lektüre blättern; so macht man das doch als Schriftsteller im Kaffeehaus. (Ich muß noch eine Menge lernen!)
Ich habe im Buch Ich war Kapo von Stefan Krukowski (Mauthausen-Erinnerungen 9; new academic press) geblättert und gelesen und glaube, ich kann es schon jetzt sehr sehr empfehlen, obwohl ich über die Vorworte noch nicht hinausgekommen bin. Es gibt Einblicke in die Hölle von Mauthausen, die selbst mir, der ich schon mein ganzes Leben lang von diesem Thema nicht loskomme und vieles, vieles darüber gelesen und Dokumentationen geschaut habe, neu sind. Vor allem, weil aus der Perspektive eines polnischen Kapos berichtet wird.
Aber jetzt blicke ich - räumlich von drinnen nach draußen, soziologisch von draußen ins Leben – Cafés sind doch Wartesäle des Lebens – wieder auf die Wollzeile – halb im Schatten, halb im Licht. Wie ein Voyeur schaue ich (jetzt weiß er wieder nicht, wie man Voyeur schreibt! - der innere Spötter), mit diesem suchenden, manchmal zugreifenden Blick (was sucht er? Was will er ergreifen? Rechtfertigung für seine Existenz als Sohn von Nazieltern? - der innere Spötter).
Ich versuche mich zu beruhigen (Kaffeekonsum! - der innere Spötter), denn meine Aufregung und mein Aufgewühlt-Sein kann hier im Café nur ein Sturm im Wasserglas sein (vielleicht könnte das die stärkste und nachhaltigste Folge für die – zumindest sensibleren - Nachkommen der Täter und Mitläufer – oder sagen wir es ungeschminkt: für die, die gezeugt und geboren wurden, um die Schuld der Vorfahren, die sich weigern, die Verantwortung für ihre Taten und Unterlassungen zu übernehmen, auszubaden - könnte also das die nachhaltigste Folge sein: ein grundlegendes, tiefes, starkes und berechtigtes Misstrauen gegen die eigenen Impulse; die zu Recht unausrottbare Angst vor dem, was da aus der eigenen verdammten und verdorbenen Seele hervorbrechen kann).
Nachdem ich im Falter gelesen und geblättert und mich dabei gefreut habe, die mit meinem Geld erworbenen Seiten mit von meiner Spucke befeuchteten Fingern auseinander ziehen gedurft zu haben, blicke ich wieder zu den Fenstern hinaus auf die gehenden, stehenden, fahrenden Leute (was auch nicht ganz korrekt ist, denn – nachdem er einen Blick hinaus geworfen hat, beugt er zum Schreiben seinen Kopf über das Notizbuch – der innere Spötter). Es kommt mir da draußen alles so normal vor, fast elegisch, fast heiter-melancholisch (ja, Papier ist geduldig! - der innere Spötter), aber kann ich dem trauen?
(14.5.2025)
Peter Alois Rumpf Mai 2025 peteraloisrumpf@gmail.com

0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Abonnieren Kommentare zum Post [Atom]
<< Startseite